Journalistische Online-Recherche auf dem Prüfstand

30. Juni 2008, 7:28 Uhr | Archiv

(30.06.2008 – jb) Das Internet fordert den wichtigsten Bereich journalistischer Arbeit heraus: Die Qualität der Recherche steht online wie offline auf dem Prüfstand; eine Steigerung der Qualität ist hier notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Mit der Untersuchung wird großflächig das Thema Online-Recherche in deutschen Zeitungs-, Fernseh-, Hörfunk- und Internetredaktionen unter die Lupe genommen.

 

Im Rahmen einer Tagung im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin forderten führende Journalisten aller Mediengattungen eine offensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Recherche im Internet gewinnt für Journalisten zunehmend an Bedeutung. Insbesondere die Schnelligkeit der Informationsbeschaffung und die Vielfalt der Informationen bieten erhebliche Vorteile. Doch aus veränderten Rahmenbedingungen in Redaktionen erwachsen auch Risiken und Qualitätsmängel. Eine Überprüfung von Online-Quellen findet nur selten statt. Und: Journalisten greifen bei ihrer Recherche im Netz vornehmlich auf andere journalistische Erzeugnisse zurück anstatt auf Primärquellen wie etwa Websites von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen.

Man schreibt also sprichwörtlich voneinander ab. Prof. Dr. Marcel Machill von der Universität Leipzig, der die Studie "Journalistische Recherche im Internet" im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) geleitet hat, beobachtet in diesem Zusammenhang eine gesteigerte Selbstreferentialität im Journalismus: "Computergestützte Recherche macht es den Medienschaffenden noch einfacher, schnell nachzuschauen, was die Kollegen zu einem aktuellen Thema erarbeitet haben."
Gemeinsam mit seinem Team vom Lehrstuhl für Journalistik II hat er insgesamt 34 Medienangebote (Tageszeitungen, öffentlich-rechtliche und private Hörfunk- und TV-Sender, redaktionelle Onlineangebote) untersucht. Über 600 Journalisten wurden bundesweit schriftlich befragt und 235 Journalisten bei ihrer Arbeit beobachtet. Am Montag, 23. Juni, wurden die Studienergebnisse bei der LfM-Tagung im Haus der Bundespressekonferenz erstmals öffentlich präsentiert.

Google hat auch bei Journalisten eine Vormachtstellung
Das Telefon ist nach wie vor das wichtigste Rechercheinstrument der Journalisten. Doch gerade bei der Ermittlung von Zusatzquellen – wenn Journalisten also das auf ihren Schreibtisch eingehende Material erweitern wollen – kommen die Suchmaschinen im Internet zum Einsatz. Und hier dominiert auch bei den Medienschaffenden eindeutig Google den Markt. Wer bei Google beispielsweise zu einem aktuellen journalistischen Thema als Experte unter den ersten zehn Treffern gelistet wird, hat größte Chancen, wiederum von Journalisten interviewt zu werden. Die Suchmaschine kanalisiert also auch bei den professionellen Kommunikatoren die Aufmerksamkeit. Die befragten Redakteure sehen indes die Dominanz des privaten Suchmaschinenanbieters Google überwiegend pragmatisch:
Sie sind sich möglicher Probleme bewusst, greifen aber weiterhin auf die marktführenden Angebote zurück, statt alternativ in Eigeninitiative unabhängige Quellen zu recherchieren. Dafür werden hauptsächlich strukturelle Gründe (personelle Engpässe und Zeitmangel im Redaktionsalltag) verantwortlich gemacht.
"Unsere Pilotstudie ‚Journalistische Recherche im Internet verweist auf einen prekären Sachverhalt", sagte LfM-Direktor Prof. Dr. Norbert Schneider. "Die Medienunternehmen müssen ein hohes Eigeninteresse daran haben, dass ihre Nachrichten sauber recherchiert sind – auch wenn sie auf Online-Recherche beruhen. Schließlich geht es hier um ein hohes Gut der Medien: nämlich ihre Glaubwürdigkeit, die man in der Regel nur einmal verlieren kann." Schneider betonte mit Blick auf Journalisten und ihre Arbeitsweisen, dass selbstverständlich klassische journalistische Standards weiterhin eingehalten werden müssen. Er forderte Unternehmen auf, die dafür unverzichtbaren Arbeitsbedingungen auch vorzuhalten.

Handlungsempfehlungen für die Praxis
Die LfM-Studie formuliert vor diesem Hintergrund spezielle Handlungsempfehlungen, z. B. das Berufsbild des Dokumentationsjournalisten zu fördern. Im anglo-amerikanischen Bereich sind die so genannten "fact-checkers" in vielen Redaktionen Standard. Bei der journalistischen Aus- und Fortbildung, so eine weitere Empfehlung der Studie, müsse Recherchekompetenz verstärkt in den Fokus gerückt werden. Auch die Überlegung einer genossenschaftlich finanzierten, verlässlichen und unparteiischen Suchmaschinentechnologie wurde auf der hochkarätig besetzten LfM-Medientagung in Berlin diskutiert.
Zu den Panelteilnehmern zählten Peter Kloeppel (Chefredakteur RTL), Jörg Sadrozinski (Redaktionsleiter tagesschau.de), Detlef Noormann (Geschäftsführer und Programmdirektor Berliner Rundfunk), Lorenz Maroldt (Chefredakteur "Der Tagesspiegel"), Thomas Leif (Vorsitzender Netzwerk Recherche), Volker Hummel (Initiative Qualität im Journalismus) u. a.

Bibliographische Angaben:
Marcel Machill, Markus Beiler, Martin Zenker:
Journalistische Recherche im Internet.

Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online
Berlin: Vistas 2008, Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 60, 406 Seiten.
ISBN 978-3-89158-480-4. 23,- Euro

Link:
www.lfm-nrw.de

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Florian Meier

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