Press-sense: War Pleite vermeidbar?

25. März 2010, 10:36 Uhr | Archiv

Am 9. März hat Press-sense bekannt gegeben, dass zwei der Hauptgeldgeber des israelischen Unternehmens die Unterstützung eingestellt haben. Daraufhin hat der letzte verbleibende große Investor das israelische Gericht aufgerufen, einen Verwalter für das Unternehmen zu stellen. Wie konnte es überhaupt so weit kommen und was passiert nun mit Press-sense?

Web-to-Print Markt umkämpft

Screenshot: Press-sense iWay

Klar ist, dass der Web-to-Print Markt derzeit stark umkämpft ist. Seit Jahren drängen mehr und mehr Unternehmen mit ihren Produkten in den Markt – einige erfolgreich, andere weniger. Es findet dadurch ständig eine Reinigung des Marktes statt. Größere Unternehmen überleben, kleinere fallen weg oder werden aufgekauft. Wenn letztes eintreten sollte, wird das Produkt des aufgekauften Unternehmens meist vom Markt genommen und die Ressourcen (sprich: Know-How und Personal) zu großen Teilen in das eigene Produkt gesteckt.

Die Chancen mit einem neuen Produkt noch erfolgreich in den Markt gelangen zu können, sind schlecht. Einzig wenn man sich durch innovative Funktionen oder ein besonderes Vertriebskonzept von der Konkurrenz absetzt, bestehen Chance. Press-sense ist mit iWay zwar schon seit 2001 auf dem Markt, aber beide Faktoren waren hier nicht zu Gunsten des israelischen Unternehmens.

Die Probleme von iWay

Dabei kommt iWay, welches von That’s it Solutions in Deutschland vertrieben wird, sowohl in Offset- als auch in Digitaldruckereien zum Einsatz. Hauptsächlich im B2B-Bereich ist durch den Bestellprozess fertiger Templates im nationalen und internationalen Geschäft ein großer Kundenkreis von nur einem Druckereikunden zu erreichen. iWay ist auch einsetzbar für den Druck variabler Daten, die entweder vordefiniert sind oder bei einer Bestellung geladen werden können. Press-sense iWay wird in den verschiedensten Bereichen verwendet, von einfachen Drucksachen wie Flyer, Broschüren, Booklets über personalisierte Einladungen, Marketing Kampagnen bis hin zu Versicherungsformularen. iWay ist also wie man lesen kann, eine wenig auffällige Web-to-Print Lösung mit normalen Möglichkeiten. Ohne großen Schnick-Schnack.

Auch in der zipcon consulting Web-to-Print Studie 2009/2010 kam das Produkt nicht über eine Kategorisierung als Basis-Anwendung mit einer B-Klassifizierung hinaus: “Web-to-Print-System zur Erzeugung von einfachen bis komplexen Druckvorlagen auf Basis von Templates. Möglichkeit zum Austausch von Bildern und einzelnen Layoutelementen, eigenes Bild- und Layoutmanagement.”

Auch der Vetrieb von iWay ist bei weitem nicht besonders. Krass ausgedrückt muss man sogar sagen, dass die restriktive Preispolitik vermutlich der Grund dafür ist, dass iWay nicht in mehr Unternehmen eingesetzt wird. Denn iWay kommt nur in einer Basis-Ausstattung daher, mit der nur die nötigsten Erwartungen an ein Web-to-Print System abgedeckt werden. Module die mehr und neue Funktionen bringen oder sonstige Anpassungen des Produkts kosten zusätzlich. Um also ein voll ausgestattetes System zu erhalten, dass mehr als die Basis-Ansprüche erfüllt, muss man um einiges tiefer in die Tasche greifen als bei der Konkurrenz. Das soll nicht heißen, Unternehmen sollen ihre Preise so gering wie möglich halten – es muss aber ein ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis eingehalten werden.

Auch das Fazit der Web-to-Print Studie fiel nicht gerade positiv aus: “Leider konnte das umfangreiche Backend, welches viel von der Gesamtlösung ausmacht, nicht getestet werden. Der Frontendbereich stellt sich als gute Basisapplikation dar, benötigt aber eine Frischzellenkur, um das produktseitige Konzept in Zukunft flexibler zu gestalten.” Da ist auch klar, dass die zipcon-Empfehlung nur lauten konnte: “Einfacher Shop zur Bestellung vorgefertigter Druckvorlagen. Eigentliche Web-to-Print Funktionen nur in beschränktem Umfang möglich.”

Man konnte ahnen, was kommt

Screenshot #2 (Quelle: zipcon Web-to-Print Studie)

Letztlich lässt sich also sagen, dass es vorhersehbar war, das Press-sense auf Kurz oder Lang mit iWay Probleme bekommen wird – außer es würde sich etwas ändern. Doch getan hat sich anscheinend nichts. Daher war es keine große Überraschung, als Press-sense bekannt gab, dass zwei Großinvestoren (Vertex und Evergreen) das Unternehmen nicht weiter unterstützen werden. Daraufhin hat Plenus, ein Darlehnsfond der Press-sense vor zwei Jahren rund 5 Millionen US-Dollar lieh, das Israelische Gericht beauftragt, einen Verwalter zu benennen, der das Unternehmen weiterführen soll.

Vor 5 Jahren hatte Press-sense von Evergreen und Vertex 5 Millionen US-Dollar erhalten. Zudem zogen je ein Vertreter der beiden Geldgeber in den Aufsichtsrat des Unternehmens ein. Damals hieß es: “Wir haben erkannt, dass der Markt bereit für eine Lösung wie iWay ist.” Der Millionenbetrag sollte dazu eingesetzt werden, zu expandieren. Press-sense wollte Standorte in den USA, Europa und Japan eröffnen. Doch schon 2004 war das Unternehemen – trotz einiger Jahre auf den Markt – noch immer nicht in der Gewinnzone.

Im Februar 2010 wurde dann Amir Shaked zum neuen CEO von Press-sense ernannt, nachdem Shlomo Ben David nach 9 Jahren an der Spitze des Unternehmens seinen Hut zog. Shaked wollte das Unternehmen neu positionieren und auf die Kerngebiete ausrichten. Das Israelische Gericht hat nun Rechtsanwalt Paz Rimer als neuen Leiter des Unternehmens bestimmt, der wiederum ein Management-Team zusammen gestellt hat, angeführt vom aktuellen CEO Amir Shaked.

Und wie geht es weiter?

Vorerst sollen Geschäfte wie gehabt weiterlaufen. Unterdessen sucht Rimer zusammen mit dem Managment-Team und dem nun größten Geldgeber Plenus nach strategischen Alternativen, um seine Anwendungen weiterhin dem Markt anbieten zu können. Dazu zählen unter anderem das Management-System Press-sense Manager und das Web-to-Print System “iWay”. Erste Gespräche mit neuen Investoren und/oder Partnern sollen bereits laufen und man rechnet mit fühlbaren Ergebnissen in den nächsten Wochen.

In dieser Phase will das Unternehmensmanagement seine Ausgaben sowie die Mitarbeiterzahl anhand der künftigen Ressourcen neu planen. Dies bedeutet letztlich: Es wird Entlassungen geben. Kunden von Press-sense sollen vorerst keine Auswirkungen zu spüren bekommen – der Support, Verkauf sowie Forschung und Entwicklung werden weiter gehen.

Seit Press-sense am 9. März die Meldung bekannt gab, konnte man keine neuen Informationen erhalten. Zudem ist die Pressemeldung von der Press-sense Webseite wieder verschwunden. Womöglich, um potenzielle Kunden nicht abzuschrecken. (Daniel Schürmann)

Über den Autoren

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. Er ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus). ---- Founder and CEO of zipcon consulting GmbH, a leading consultancy for the printing and media industry in Central Europe. He initiated the E-Business Print Online Studie (EPOS) and acts - in addition to his consulting activity - as an author, lecturer, speaker and moderator. See his profiles on Xing, LinkedIn and GooglePlus.

1 Kommentar

  1. Antworten

    Marcel Liedermann

    25. März 2010

    Ich denke das Xerox oder HP die Fa. Press-Sense aufkaufen wird und es dann weiter geht !


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