Kommentar: niiu und die Leserzahlen

21. Juli 2010, 7:58 Uhr | Archiv

Wie in unserem Bericht zur niiu zu lesen war, hat die individuelle Zeitung aus Berlin ihre selbst gesetzten Ziele verfehlt. Als Beobachter in den letzten Wochen und Monaten war dies schon ersichtlich. Doch welche Auswirkungen hat dies nun für das ohne Frage interessante und ehrgeizige Projekt?

Screenshot aus 3sat niiu Bericht

Bei den Kunden hat man derzeit einige Probleme: Auf Facebook gibt es Berichte über fehlende Inhalte (meist auf Software-Probleme oder mangelnde Datenlieferung der Inhalteanbieter), unter anderem auch über mehrfache Ausfälle der Druckmaschine, zuletzt im Juni. Da war vermutlich ein Blitzeinschlag in der Nähe Grund für den Ausfall. Verständlicherweise ist das höhere Gewalt, doch gerade ein junges, aufstrebendes Projekt mit großen Zielen verkraftet solche Vorfälle nur schwer. Denn neue Kunden lassen sich sehr schnell vergraulen. Eventuell sollte man ein Backup-System für die niiu anschaffen, um solche Probleme in Zukunft vermindern zu können.

Im Rahmen unserer Recherche haben wir unter anderem auch bei Océ in Berlin angerufen, wo uns ein Mitarbeiter des Unternehmens (der auch die Océ-Maschine betreut, auf der die niiu gedruckt werden) erklärte, dass man mit der niiu mehr als zufrieden sei und eine Expansion plane. Auch die niiu-Gründer und Geschäftsführer haben ähnliche Pläne, wie sie in verschiedensten Interviews immer wieder beteuert hat. Zugleich sagte man uns, dass man die Zahl der täglich Lesern vorliegen habe, aber aufgrund einer Vereinbarung mit den niiu-Verantwortlichen dies leider nicht tun dürfte. Als wir konkret fragten, ob man mehr oder weniger als 5000 Leser im Schnitt habe, bekamen wir leider erwartungsgemäß nur ein „Kein Kommentar“. Wie real aber sind Expansionspläne, wenn man die eigenen Leserzahlen und Auflage nicht nach außen kommuniziert?

Gegenüber Beyond-Print erklärte Wanja S. Oberhof, Gründer und Geschäftsführer der niiu auf die Frage „Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg der niiu ein und was werden die kommenden Monate bringen?“: „Wir sind sehr zufrieden mit den ersten Monaten! Wir haben in der Anfangszeit einige Startherausforderungen, insbesondere in Software und Logistik gehabt, diese gut gelöst und insbesondere durch das enorme Feedback unser Kunden niiu signifikant weiter entwickelt. Für die nächsten Monate erwarten wir eine weitere Stärkung auf dem Berliner Markt und planen die eine oder andere Skalierung…“

Kommen wir nochmal zu Facebook und Twitter zurück. Zählt man die Fans und Follower zusammen, kommt man wohl noch nicht mal auf 2000 bezahlte Ausgaben am Tag. Im Schnitt werden es jedoch weniger sein. Mag sein, dass man mehrere tausend Zeitungen pro Tag druckt, dann aber sind das keine (individualisierten und) bezahlten Ausgaben, sondern kostenlose Probeexemplare, die zum Beispiel an Berlins Universitäten, in den Fußgängerzonen der Stadt verteilt werden oder in Cafés ausliegen.

Wanja S. Oberhof (Quelle: niiu.de Webseite)

Natürlich wollten wir nicht aufgeben was die Zahlen angeht und haben weiter bei Wanja S. Oberhof und niiu danach gefragt – telefonisch und per E-Mail. Mitte Juni erklärte uns die Assistenz der Geschäftsführung „Herr Oberhof würde Ihnen sehr gerne Anfang Juli zu Ihrem angefragten Thema Auskunft geben.“ Als wir Anfang Juli nachhakten, wollte man uns statt konkrete Zahlen ein Telefon-Interview anbieten – wir jedoch wollten uns nur mit konkreten Zahlen zufrieden geben. Daher telefonierten wir am 15. Juli erneut mit niiu, um konkrete, zitierbare Zahlen schwarz auf weiß vorgelegt zu bekommen. Wir legten unser Anliegen vor und baten um Rückruf. Und dieser Rückruf kam am Nachmittag des letzten Freitag (16. Juli). Das Ergebnis können Sie dem Artikel entnehmen, der alle Fakten zusammenfasst.

Das lange nicht-nennen der Leserzahlen jedoch spricht für sich: Wenn man 5000 tägliche Leser nach sechs (mittlerweile acht) Monaten hätte, würde man das Erreichen dieses Meilensteins und Ziels doch öffentlich kommunizieren. Warum man bisher nichts von offizieller Seite hörte ist mittlerweile klar: Man hat das Ziel einfach nicht erreicht. Daher kommunizierte man nicht nach Außen.

Was nun aus der niiu passiert? Wir wissen es nicht. Wir warten nun ebenfalls auf die konkreten Zahlen in der Kalenderwoche 30. Zu diesem Zeitpunkt will ein Print-Magazin in einem exklusiven Bericht diese Zahlen veröffentlichen. Natürlich drücken wir dem kompletten Team die Daumen, dass man eine große Zukunft hat und auch im Ruhrgebiet die niiu schon bald anbieten kann. Schon seit einiger Zeit wird immer wieder berichtet, dass man in weiteren deutschen Regionen starten will – Offenheit und konkrete Zahlen dürften dabei auf Medienvertretern, Partner und Investoren positive Auswirkungen haben.

Natürlich wollten wir zuletzt von Herr Oberhof noch wissen, was er Kritikern antwortet, die sagen, dass die niiu nur ein „kurzzeitiges Projekt“ sei, welches keine Zukunft habe und aktuell mit dem Rücken zur Wand stehe, da der erhoffte Erfolg bisher ausgeblieben sei?
Herr Oberhof: „Das gesamte niiu Team hat extrem lange für den Marktstart der ersten individualisierten Tageszeitung gekämpft. Jetzt zeigt der Markt glücklicherweise, dass wir mit niiu einen Nerv treffen und darüber hinaus haben wir mit Hendrik Tiedemann einen Gründer und Investor mit extrem langem Atem. Von daher stellt sich diese Frage überhaupt nicht!“

(Daniel Schürmann)

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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