Individuelle Zeitung "niiu" eingestellt

11. Februar 2011, 8:14 Uhr | Archiv

Schon vor einigen Wochen wurde bekannt, dass die vor über einem Jahr im November 2009 gestartete individualisierte Zeitung, in der derzeitigen Form komplett eingestellt wird. Grund, wie wir vor mehreren Monaten nach einer investigativen Recherche herausgefunden haben: man konnte durch zu wenige zahlende Abonnenten nicht wirtschaftlich rentabel arbeiten.

(Quelle: niiu.de)

Was ist die niiu überhaupt? Bei dem Produkt handelt es sich um eine persönliche Tageszeitung, die bei RT Digitaldruck in Berlin auf einer Océ JetStream 2200 im InkJet von Rolle-zu-Rolle – direkt auf zeitungsähnlichem Papier – gedruckt wird. Bis 6 Uhr am Morgen sollen die Zeitungen dann bei den Lesern im Briefkasten landen. Die Auslieferung geschah über einen privaten Dienstleister Ohl-Logistik. Zusammenstellen lässt sich die Zeitung jeden Tag bis ca. 14 Uhr selbst. Dabei wählt man in seinem persönlichen Online-Portal nach dem Einloggen Tageszeitungs- und Onlineinhalte aus, priorisiert diese und legt das Layout für seine Zeitung fest. Der Preis beläuft sich auf ca. 1,20 Euro je Ausgabe oder bis zu 1,80 Euro bei Einzelbezug.

Was sich im Verlauf unserer Recherchen immer wieder herausgestellt hat, ist die Zahl „5000“. 5000 Leser haben sich die niiu-Macher als Ziel nach den ersten sechs Monaten gesetzt. Dabei wollte man nicht die Leser bis dahin zusammenzählen, sondern nach diesem Zeitraum im Schnitt täglich 5000 Leser haben. Dies wurde auch im Mai wieder bekräftigt. Doch auch nach diesem Zeitraum nannten die Geschäftsführer keine Zahlen – auch auf konkrete Nachfrage von Beyond-Print aus.

Screenshot aus 3sat niiu Bericht

Der Grund war schnell klar: niiu hatte schlichtweg nie auch nur annähernd die Leserzahlen erreicht, die die Gründer versprochen und öffentlich angegeben hatten. Angeblich habe man schon kurz nach dem Start eine vierstellige Zahl an Abonnenten beliefert, diese Zahlen wurden auch später erneut wiederholt.

Zuletzt haben wir sogar von einigen Quellen, die wir hier nicht namentlich nennen werden, gehört, dass die RT Digitaldruck sich aus Berlin zurückgezogen hat – der Partner für den Druck ging also verloren und man musste sich nach einem neuen Partner umsehen. Im vergangenen Juli sprachen wir direkt mit Geschäftsführer Wanja S. Oberhof. Damals erklärte er telefonisch, dass man die 5000 Leser zwar nicht erreicht habe, aber es „nicht viel weniger“ seien. Alles nur Lug und Trug? Ja, stellt sich nun heraus, denn man habe nur eine niedrige vierstellige Zahl an zahlenden Abonnenten.

Das große Problem war also von Anfang an nicht nur das Konzept, die Struktur, sondern auch mangelnde Ehrlichkeit und Kommunikation nach außen. Wir hätten da durchaus zahlreiche Vorschläge und Konzeptideen, die dem Projekt bei einer Überarbeitung helfen würden. Falls also jemand der Verantwortlichen diesen Artikel ließt, können Sie sich gerne bei uns melden, falls wir helfen können.

Wanja S. Oberhof (Quelle: niiu.de Webseite)

Konkret wurde die niiu am 18. Januar eingestellt. Grund: man konnte die nötigen 5000 zahlenden Leser nicht erreichen, die nötig gewesen wären, um das Produkt kostendeckend zu produzieren und zu vertreiben. Aber man will im Sommer 2011 mit einem neuen Konzept an den Start gehen: „Wir ändern das Geschäftsmodell, kümmern uns nur noch um das Produkt und die technische Umsetzung und überlassen unseren Partnern die Verantwortung für Druck, Vertrieb und Logistik“, so der Managing Director.

So könnte ein Verlag die niiu-Technik kaufen und unter eigenem Namen und auf eigene Rechnung seinen Lesern eine individualisierte Zeitung anbieten. Diese müsse allerdings nicht zwangsläufig gedruckt sein, da die niiu auch als E-Paper (PDF) und in Zukunft womöglich auch auf mobilen Endgeräten angeboten werden soll – alles aber nur als Bezahlinhalt. Zudem will man sich B2B-Geschäft konzentrieren und individuelle Zeitungen beispielsweise für Hotels oder in der Gastronomie anbieten.

„Es ist sehr aufwendig, zahlende Zeitungsleser zu generieren“, sagt Wanja S. Oberhof so kress.de. „Das haben wir am Anfang nicht so eingeschätzt.“ Problem ist nur, dass nun aufgrund dieser Fehleinschätzung auch Mitarbeiter entlassen werden mussten. Bisher haben rund 12 Personen am Projekt mitgearbeitet. Diese Zahl habe man „anpassen müssen“. Klar ist, weder die Webseite, noch der Blog, Facebook-Account oder Twitter werden derzeit aktualisiert. Das Projekt ist also definitiv gescheitert. Ob und wie es weitergeht, wird nun die Zukunft zeigen.

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(Daniel Schürmann | Quelle: print.de, kress.de)

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

3 Kommentare

  1. Antworten

    Daniel

    15. August 2011

    Hallo "michaela" wenn du Erfahrung im Bereich “Zeitungsdruck und Vertrieb” hast, eine coole Aufgabe, junges Startup mit erfahrenem, motiviertem, trotzdem down-to-earth Team suchst - meld dich einfach bei mir dh@pressmatrix.de
    gruss und bis denn
    Daniel Hoepfner

  2. Antworten

    michaela

    11. August 2011

    Ich hatte mich bei den beiden Jungs beworben,
    weil ich was von "Zeitungsdruck und Vertrieb" verstehe.
    Ich war denen wohl zu erfahren, deshalb wurde ich ziemlich arrogant abgespeist.

    Mit Papas Geld ein auf dicke Hosen machen,
    reicht leider nicht aus, um sich auf diesem Markt
    eine Position zu schaffen.

    Viel Glück

  3. Antworten

    achim gauger

    11. Februar 2011

    ich hab wanja oberhof bei einem kongress letztes jahr in wien erlebt, bei dem er dieses zeitungsprojekt vorgestellt hat. ich konnte die damals im raum liegende begeisterung nicht teilen, vor allem nicht was die druckqualität betraf. die idee der personalisierten zeitung in elektronischer form z.b. für´s ipad find ich nicht schlecht, das könnte funktionieren (wenn es das nicht sowieso schon gibt.


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