Mobile Publishing: iOS oder Android?

30. März 2011, 8:31 Uhr | Archiv

Hätte man diese Frage Verlegern und Medienschaffenden vor rund einem Jahr gestellt, wäre nur eine Antwort erlaubt gewesen: für das iPad. Apple hat mit der Einführung des iPhones 2007 und des iPad 2010 die Branche vorangebracht – das muss man ganz offen zugeben. Doch es gibt Alternativen, die es in Zukunft zu bedenken gilt.

Xoom vs. iPad 2 (Bildquelle: PC Welt YouTube Video)

Erst durch Apples Bemühungen wurden Smartphones und Tablets massentauglich. Und außerdem stellt Apple weiterhin Produkte her, die eine sehr gute Hardware bieten und schlichtweg funktionieren wie sie es sollen. Allerdings fehlen Freiheiten. Genau an dieser Stelle springt die Konkurrenz ein – konkret Googles Android –, die nicht geschlafen hat. Das bringt für Verlage neue Möglichkeiten – auch um sich vom Machthunger Apples loszusagen. Welche Potentiale sich bieten und wie man damit umgehen soll, will ich Ihnen aufzeigen.

Als größten Konkurrenten auf dem Gebiet der mobilen Geräte muss man Google mit seinem Android-Betriebssystem sehen. Ein quelloffenes und auf vielen Geräten verfügbares Betriebssystem. Der größte Vorteil: der Peis. Es gibt günstige Low-End Tablets und Smartphones, aber auch teure High-End-Geräte die dem iPad und dem iPhone nicht nur gleichwertig sein können.

Apple spürt den heißen Atem von Google bereits im Nacken. Marktanteile auf dem Smartphone-Markt musste man bereits an Android abgeben und auch auf dem Tablet-Markt verkaufen sich Geräte mit Android immer besser. Auch Entwickler erkennen verstärkt die Vorteile von Android und erwirtschaften zum Teil bereits mehr Umsatz als mit iOS Anwendungen – Adobe und WoodWing haben bereits reagiert. Das liegt vor allem an Google, denn eines macht das Unternehmen richtig: Sie entwickeln ihr Android extrem schnell und sind innovativ. In kurzen Abständen kommen neue Funktionen heraus oder gleich neue Betriebssystemversionen wie „Honeycomb“ welches speziell zur Nutzung auf Tablets entwickelt wurde. Dabei ahmt man Apple schon seit einiger Zeit nicht mehr nach sondern setzt auf neue Technologien wie Near-Field-Communication (NFC) zum berührungslosen Bezahlen und als Ablösung der Kreditkarte. Apple verschläft diesen Trend derzeit noch.

Größtes Problem von Apple ist die eigene Geldgier
Der große Unterschied zwischen Google und Apple dürfte die Geldgier von Apple sein. Zwar verlangen beide Unternehmen 30 Prozent von den Verkaufserlösen einer App im App Store bzw. den Android Market – allerdings verpflichtet nur Apple neuerdings auch Entwickler und Inhalteanbieter wie Verlage zugleich, die In-App-Kauffunktion zu nutzen. Abos und neue Ausgaben einer Zeitschrift lassen sich also nicht mehr (nur) an Apple vorbei an den Kunden verkaufen – bis vor wenigen Wochen war das noch möglich. Und wo Verlage anfangs nur 30 Prozent der App-Kosten an Apple zahlen mussten, werden nun auch auf alle anderen Einkäufe innerhalb einer App 30 Prozent verlangt. Das hat bereits deutsche Verlage und die Wettbewerbshüter aufgeschreckt.

Die Gefahr ist groß. Verlage oder Unternehmen bauen eine eigene Infrastruktur auf, um die Inhalte mediengerecht auf das iPad oder andere Tablets auszuliefern. Als Basis dient die App, die auf die verlagseigenen Strukturen zugreift. Apple hat sozusagen überhaupt keine weiteren Kosten. Sie haben über ihren App Store nur die App zum Download angeboten – daher sollten einmalige 30 Prozent genug sein. Sobald man eine App auf einem iOS-Gerät über den App Store anbietet über den man auf seinen eigenen Marktplatz/digitalen Kiosk zugreifen möchte, muss diese App allerdings im App Store von Apple stehen. Und: Will ein Verlag dann über seine App Inhalte aus seinem eigene Bestand verkaufen, so will Apple dennoch 30 Prozent haben, obwohl Apple nur für das Anbieten der App im App Store gesorgt hat. Die Inhalte kommen aus der Infrastruktur des Anbieters und nicht von Apple und dennoch will Apple durch die In-App-Kauf-Pflicht 30 Prozent haben. Das dürfte Verlagen nicht gefallen.

Beispiel gefällig? Die Kindle App für iOS. Dahinter steht Amazon und alle Inhalte (Magazine, Zeitungen, Bücher) stehen digital auf den Amazon-Servern. Die Kindle App ist nur ein Weg, auf die Inhalte zuzugreifen. Dennoch will Apple sich dazwischenschalten und 30 Prozent am Umsatz haben. Das konkrete Problem: Amazon zahlt Verlagen 70 Prozent vom Umsatz aus und behält 30 Prozent. Wenn Amazon diese 30 Prozent nun an Apple zahlt, schenkt man Apple Geld obwohl das Unternehmen nur die App, aber nicht die Inhalte transferiert, gespeichert oder zur Verfügung gestellt haben. Und Amazon macht keinen Gewinn mehr.

Apple beschwichtig die Gefahr, da man Verlagen zwar weiterhin erlaube auch Inhalte außerhalb der App zu verkaufen. In diesem Fall würden 100 Prozent der Verkaufserlöse an den Verlag gehen. Allerdings muss jede App, die dies ermöglicht zwangsweise auch den In-App-Verkauf unterstützen zum gleichen Verkaufspreis! Der Verlag darf also nicht 30 Prozent aufschlagen. Und die Kunden werden aus Gewohnheit oder Faulheit aus der App heraus kaufen, da dies einfacher für sie ist – aber bei den Verlagen fehlen 30 Prozent der Erlöse.

Das Problem mit den Kundendaten
Ein weiteres Problem bei Apple dürften die Kundendaten sein. Verleger halten schlichtweg die Daten ihrer eigenen Abonnenten nicht mehr frei in den Händen. Einzig Name, E-Mail, Adresse und Postleitzahl können die Kunden auf Wunsch bei dem App-Kauf an die Verlage über Apple weitergeben lassen. Weiter Daten sollen von Apple auf Anfrage der Verlage herausgegeben werden – wie genau dies ablaufen soll und wieviel Bürokratie den Medienhäusern hier in den Weg gelegt wird, müssen erste Erfahrungsberichte noch zeigen. Personalisierte Werbung – technisch eigentlich möglich – ist in Apple iPad Magazinen bisher nur reines Wunschdenken.

Alternativen abwägen: Web-Apps und die Cloud oder Lernen vom Playboy
Man sollte Apples Modell kritisch hinterfragen und die Alternativen abwägen. Android Tablets sind dabei nicht das Ende der Fahnenstange. Auch HP mit WebOS und Research in Motion mit seinem PlayBook werden in diesem Jahr den Markt betreten. Microsoft soll Ende des Jahres oder Anfang 2012 ebenfalls endlich auf dem Tablet-Markt mitspielen – was allerdings schon zu spät sein dürfte.

Eine Alternative, die anscheinend wenige Verlage derzeit in Erwägung ziehen, ist das Internet zu nutzen. Es lassen sich auf ganz normalen Webtechnologien wie HTML5 und CSS3 App-ähnliche Anwendungen bauen über die der Verlag seine Inhalte über Micropayment selbst vertreiben kann.

Wie wäre es also, seine zukünftigen Magazine nicht speziell für ein Tablet in eine App zu packen, sondern eine Webseite aufzubauen, die die Inhalte Tablet-neutral, aber dennoch mit Multimediainhalten gespickt, zum Verkauf anbietet? Hugh Hefner plant mit seinem Playboy genau solch ein Vorgehen – vor allem aber weil Apple den „Jugendschützer“ spielt und keine anstößigen Inhalte auf seinen Geräten über offizielle Kanäle erlaubt. Der Playboy dürfte also als App-Magazin nie im App Store bereitstehen und mangels Alternative will man nun auf Standard-Webtechnologien und ein Payment-Modell setzen. Zugleich behält man seine Kundendaten komplett in der eigenen Hand und macht sich weder von Apple, Google oder einem anderen Anbieter abhängig.

Als Antwort auf die Frage in der Überschrift dürfte man also mit Blick auf die Zukunft folgendes sagen: Mobile Publishing ist etwas für alle Tablets. Am besten in Form von Webanwendungen – vielleicht sogar in der Cloud – unter Einbeziehung gegebener Webtechnologien wie HTML5. Hier liegt die Zukunft – nicht in einem Tablet eines einzelnen Herstellers. Verlage sollten das erkennen und zügig umsetzen. Auf der diesjährigen digi:media werden wir diese Entwicklung sehr wahrscheinlich noch nicht sehen – aber umso mehr freue ich mich schon auf 2012!

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(Daniel Schürmann | Quelle: blog.digimedia.com)

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Christian Cub

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