Glasfaser: Deutschland hinkt hinterher

20. Januar 2012, 10:59 Uhr | Archiv

Das FTTH-Council hat am Mittwoch neue Ergebnisse zum Stand des Glasfaserausbaus in Deutschland präsentiert. Jörg Ochs, Telekommunikations-Chef der Stadtwerke München, stellte dabei die Fortschritte und Pläne der bayrischen Landeshauptstadt im Bereich des Glasfasernetzausbaus vor.

(Quelle: helukabel.de)

Hartwig Tauber, Generaldirektor des FTTH Council, sprach über die Entwicklung im Bundesgebiet und kritisierte die Deutsche Telekom. Diese hat ihre ursprünglichen Ausbaupläne für 2012 nämlich drastisch reduziert. „Es müssen heute die Entscheidungen gefällt werden, wenn Glasfaser möglichst schnell die Haushalte erreichen soll“, so Tauber. Das FTTH-Council ist eine der Industrie enstpringende Organisation, die über Gespräche, Information und Werbung die Infrastrukturwende von Kupfer zur Glasfaser vorantreibt. Man sieht Datenanbindungen via Fibre-to-the-Home (FTTH) und Fibre-to-the-Building (FTTB) als eine der wichtigsten, technologischen Innovationen des 21. Jahrhunderts.

Der Verband wendet sich jedoch nicht nur an Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, sondern wirbt auch in der breiten Öffentlichkeit für die neue Technologie. Von 14. bis 16. Februar findet in München die vom Council ausgerichtete FTTH Conference 2012 statt, die heuer unter der Schirmherrschaft der Bitkom steht.

Während Südkorea mit einer Versorgung von über 55 Prozent aller Haushalte vor Japan und dem zu China gehörenden Hong Kong (jeweils über 40 Prozent) an der Glasfaser-Weltspitze stehen, sind die europäischen Spitzenreiter im Ausbau Skandinavien und die baltischen Staaten. Die Schweiz, Österreich und Deutschland liegen mit einer Penetration von unter einem Prozent nicht einmal in den kontinentalen Top-20.

Der langsame Fortschritt in Deutschland ist auch auf die zögernde Haltung der Deutschen Telekom zurückzuführen. Diese wollte 2012 ursprünglich vier Mio. Haushalte ans Glasfasernetz anbinden, hat das Vorhaben aber nun auf wenige Hunderttausend reduziert. Auch von der eigens gegründeten und laut beworbenen FTTH GmbH ist kaum etwas zu vernehmen. Ein Umstand der vom FTTH-Council sarkastisch als „FTTPR“ (Fibre-to-the-Press-Release) betitelt wird.

Der Ex-Monopolist und Marktriese wagt sich zwar noch diese Woche mit der erstmaligen Mitnutzung der Infrastruktur eines Konkurrenten in Köln erstmals in neue Gefilde vor, die Hauptverantwortung für stattfindenden Fortschritt tragen jedoch alternative Internet- und Kabelprovider.

Dass gesellschaftliche und technologische Entwicklungen, wie etwa der Einzug von Smart-TVs und Teleworking in den Alltag, den Umstieg auf Glasfaser langfristig unumgänglich machen, hat man auch in München erkannt. Dort läuft der Ausbau seit 2009, so Ochs. Bis 2014 will man den Bereich innerhalb des mittleren Stadtrings erschlossen haben, was rund der Hälfte aller Wohneinheiten entspricht.

Die Verlegung der Glasfaser-Adern in den Keller der zahlreichen Mehrparteienhäuser (FTTB) ermöglicht den Anrainern Datentransfer mit Geschwindigkeiten von 100 bis 150 Megabit, je nach Alter und Qualität der in die Wohnung führenden Kupferkabel. Der Rest des Stadtgebiets soll danach erschlossen werden. Dies wird aller Voraussicht nach über ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Eine Umrüstung von FTTB auf FTTH ist möglich, kann wegen der dünnen Kabelrohre in den Gebäuden jedoch erst durchgeführt werden, sobald die Kupferlinfrastruktur komplett entfernt werden kann.

In ruralen Gebieten setzen immer mehr Gemeinden mangels Betreiberimpulsen auf Selbsthilfe und investieren selbständig in die Errichtung eines Glasfasernetzes, schildert Tauber. Der Abschied von der oft nur schlecht ausgebauten Kupferinfrastruktur bietet für ländliche Areale langfristige Vorteile in Sachen Lebensqualität und wirtschaftlicher Entwicklung, wie mehrere Studien, unter anderem von Ovum, belegen.

Tauber sieht in Sachen Ausbau und Förderungen die Politik in der Entscheidungspflicht: „Lässt man ländliche Gebiete sterben oder prosperieren?“ Während der Trend in vielen Ländern Europas in Richtung Absiedelung in die Städte geht, kann moderne Telekommunikations-Infrastruktur diese Entwicklung umkehren, wie das Fallbeispiel der schwedischen Stadt Hudiksvall zeigt.

Deutschlandweit hatten im Dezember 2011 knapp über eine Mio. Haushalte Zugang zu einem Internetanschluss via Glasfaser. Mit 166.400 tatsächlichen Nutzern liegt die Take Rate damit bei 16 Prozent, und damit neun Prozent unter dem Europa-Schnitt. Laut Tauber liegt die Ursache dafür in schlechtem Marketing und langen Bindefristen.

Nach vier bis fünf Jahren soll die Quote der tatsächlichen Nutzung gemäß den Erfahrungswerten auf 40 bis 50 Prozent steigen. Ein Indiz dafür bieten die Zahlen der Provider Schwerte und NetCologne. Beim Kölner Anbieter nutzten vergangenen Monat 68.000 von 250.000 angebundenen Haushalten die Fiber-Leitung bereits, bei Schwerte waren es gar 6.200 von 15.000.

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(Georg Pichler/Marco Schürmann | Quelle: pressetext.com)

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