Gesichtserkennung: Werbung für Frauen

23. Februar 2012, 10:20 Uhr | Archiv

Eine Bushaltestelle in London wird ab heute, Mittwoch, für eine Kampagne der Non-Profit-Organisation Plan mit einer Video-Werbefläche ausgerüstet, die nur auf weibliche Zuseher reagiert. Mithilfe einer Kamera mit Gesichtserkennungs-Software errät der Bildschirm das Geschlecht von Personen, die sich vor der interaktiven Haltestellen-Wand positionieren. Weibliche Zuseher sehen einen Spot, der auf die weltweite Benachteiligung von Mädchen und Frauen hinweist, Männern wird lediglich die URL der Plan-Homepage präsentiert.

Frau: zu 90 Prozent als solche erkannt - (Foto: Benjamin Thorn)

Ziel der Kampagne ist es, männlichen Interessenten zu zeigen, wie es ist, grundsätzlicher Freiheiten beraubt zu werden. „Das Aufzeigen von Diskriminierung ist legitim. Frauen werden, auch bei uns, nach wie vor benachteiligt. Mit neuen Methoden einen Punkt zu machen, halte ich sogar für charmant. Wenn die Kampagne durch Medienberichterstattung für Aufmerksamkeit sorgt, kann ein hilfreicher gesellschaftlicher Diskurs entstehen“, sagt Michael Straberger, Präsident des österreichischen Werberats.

Die Hersteller des Gesichtserkennungssystems versprechen bei der Unterscheidung der Geschlechter eine Trefferquote von 90 Prozent. Falsch zugeordneten Personen könnten das als unangenehm empfinden. „Eine Trefferquote von neun zu eins ist, wenn sie wirklich erreicht wird, beachtlich. Bei der Kampagne in London werden die meisten Menschen wahrscheinlich nicht merken, wenn ihnen ein falsches Geschlecht zugeordnet wird. Natürlich muss bei der Ansprache von Personen eine gewisse Sensibilität gewahrt bleiben. Die Privatsphäre darf nicht negativ beeinflusst werden“, sagt Straberger.

Die Plan-Werbemaßnahme ist auch ein Durchführbarkeitsbeweis. Kommerzielle Unternehmen, die sich die 35.000 Euro für die zweiwöchige Platzierung einer geschlechtersensitiven Videowall leisten können, werden vermutlich irgendwann folgen. „Ich habe grundsätzlich kein Problem mit einer Adressierung nach Geschlecht durch gewinnorientierte Unternehmen, wenn die beworbenen Produkte nur für ein Geschlecht gemacht sind. Problematisch ist, wenn tradierte Rollenbilder bestärkt werden, etwa durch Waschmittelwerbung nur für Frauen. Davon gehen große Konzerne aber schon seit längerem ab“, erklärt Straberger.

In anglophonen Medien sorgt die Kampagne auch abseits des Gender-Aspekts bereits für einige Debatten. „Wenn statt dem Geschlecht die Kleidung oder körperliche Merkmale als Kriterium für die Auswahl der Zielgruppe dienen, müssen die Kreativgestalter extrem vorsichtig vorgehen“, so Straberger. Gut gemachte Werbung könnte aber gerade an Orten wie Bushaltestellen für willkommene Unterhaltung sorgen. „Noch handelt es sich bei solchen Kampagnen um Testläufe. Die Kosten und der technische Aufwand sind hoch, deshalb dauert es noch einige Zeit bis zu einem großflächigen Einsatz. Die Möglichkeiten sind so groß, dass solche Konzepte irgendwann zum Standard-Repertoire gehören werden“, glaubt Straberger.

Angst vor einer orwellschen Zukunft ist laut dem Experten nicht angebracht. „Es ist nicht im Interesse von kommerziellen Anwendern, dass die Privatsphäre der Kunden kompromittiert wird. In Europa wäre das gesetzlich auch überhaupt nicht gedeckt.

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(Markus Keßler/Marco Schürmann | Quelle: pressetext.com)

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