DPK: Thema Barrierefreiheit

21. März 2012, 8:40 Uhr | Archiv

Das Thema Barrierefreiheit hat in den vergangenen Jahren zunehmend seinen Weg in das Bewusstsein der Publisher gefunden, auch wenn an vielen die Thematik bis dato noch vorbeigegangen ist. Nicht zuletzt neue gesetzliche Regelungen , haben hierfür den Ausschlag gegeben und eine Auseinandersetzung mit der Materie erforderlich gemacht. Die Grundintention des Gesetzgebers war und ist die Gleichstellung aller Bürger beim Zugang zu digitalen Medien.

Quelle: www.dynamicbooks.com

Und was steckt eigentlich hinter Barrierefreiheit?
Die bei vielen vorherrschende Begriffsunsicherheit ist in meinen Augen auf die etwas unglückliche Übersetzung vom englischen Begriff Accessibility herzuleiten – in meinen Augen wäre Zugänglichkeit der treffendere Ausdruck. Letztendlich verbirgt sich hinter Barrierefreiheit nichts anderes, als allen Nutzern einen gleichberechtigten, uneingeschränkten Zugang zu Inhalten zu ermöglichen.

Für Rollstuhlfahrer baut man Aufzüge als Alternative für Treppen. Ähnlich funktioniert es auch bei digitalen Dokumenten, nur das hier die Zugangserleichterung über digitale Hilfsmittel erfolgt – beispielsweise die semantisch korrekte Auszeichnung von Navigationpunkten und Hyperlinks, sowie das Schaffen einer alternativen, simplen Fließtextansicht als Ersatz für komplexe Layouts.

Eine sehr gute in den Alltag übertragene Erklärung stammt von Olaf Drümmer, Geschäftsführer der axaio software GmbH: „Stellen Sie sich einfach vor Sie müssen Ihr komplettes Dokument am Telefon erklären – hier kommt eine Überschrift, dann ein Text, gefolgt von einem Bild mit einem spielenden Kind,… .“ Das Layout ist dabei völlig irrelevant. Es ist auch völlig irrelevant, ob Buchstaben auf dem Kopf stehen. Es muss eine logische sequenzielle Inhaltsabfolge vorhanden sein.

Für die meisten Webprogrammierer, mindestens für die öffentliche Hand oder große Unternehmen, ist eine barrierefreie Umsetzung von Projekten schon seit geraumer Zeit Gang und Gäbe. Denn sofern es keine für alle zugängliche digitale Alternative zum analogen Vorbild gibt, muss weiterhin ein Mitarbeiter inklusive Büroarbeitsplatz zur Verfügung stehen, um das Anliegen bearbeiten zu können. Von daher ist der Druck hier entsprechend groß, das Optimierungspotential zu nutzen, zumal gerade bei Behördengängen für den Dienstleistungsnutzer selbiger Gang entfallen kann.

Im Kreise der Publisher ist man für dieses Thema teilweise noch sehr wenig sensibilisiert. Momentan ist vielerorts noch das Denken verbreitet: ein Blinder liest meine Zeitung oder Zeitschrift nicht, er gehört somit nicht zu meiner Zielgruppe und kann daher nicht zu Umsatzsteigerungen beitragen. Allen die inzwischen auch in die digitale Vermarktung eingestiegen sind – sei es über PDF-Abos oder Tablet-Editionen Ihrer Werke – werden diesem Denkansatz hoffentlich widersprechen.

Aus drei Gründen würde das vollständig barrierefreie Arbeiten neue Möglichkeiten für digitale, aber eben auch nicht digitale Publisher erschließen:
1.) Digitale, barrierefreie Publikationen vergrößern Ihre Zielgruppe. Nicht nur Blinde und Sehbehinderte können via Screenreader Ihre Publikationen konsumieren, auch Analphabeten und viele andere körperlich oder geistig eingeschränkte Personen können die Inhalte durch barrierefreie Publikationen konsumieren.

Wenn Sie erkennen, dass Sie bei einer nicht barrierefreien Umsetzung Ihrer digitalen Publikationen mehr als 5% der deutschen Bevölkerung und damit ein Millionenpublikum ignorieren, dann sollte dies für Sie Grund genug sein, einmal intensiv über Ihre Wachstumschancen nachzudenken.

2.) Digitale, barrierefreie Publikationen erschließen neue Zielmärkte. Eine PDF-Edition einer Zeitung ist auf einem Tablet nicht ohne Weiteres barrierefrei konsumierbar – permanentes Scrollen und Zoomen mindern das Konsumerlebnis erheblich. Barrierefreiheit ist nicht nur auf Personen bezogen, auch auf Geräte!

Im Gegensatz zum Papier sind die digitalen Endgeräte jedoch inhomogen. Amazons Kindle beherrscht nur eine Schwarz-Weiß-Darstellung, ein iPhone hat eine andere Bildschirmgröße als ein GalaxyTab, welches eine andere Auflösung hat als ein iPad 3. Für jedes Endgerät eine separate Publikation anzufertigen, ist ein nicht zu bewältigender Arbeitsaufwand. Die Publikation auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners aller Endgräte – wenig Auflösung, Schwarz/Weiß – würde von den meisten Kunden nicht toleriert werden.

Der wohl für die meisten einfachste Weg führt über den bewährten de facto-Standard PDF. Der Vorteil des PDF-Formates, absolute layouttreue auf allen Endgeräten, scheint dieses Dateiformat für die Verbreitung auszuschließen, obwohl die günstigen Produktionskosten und bewährte, stabile Workflows einen enormen Vorteil böten. PDFs lassen sich jedoch durch Tagging barrierearm umsetzen und je nach Displaygröße kann der Inhalt dynamisch angepasst oder zumindest in korrekter Reihenfolge vorgelesen werden.

3.) Barrierefreie Publikationen steigern die Effektivität und Effizienz Ihrer Produktion.
Kommen wir also nun zum eigentlichen Kern dieses Textes, der These: Effizienter und effektiver Publizieren dank Barrierefreiheit.

Der ein oder andere mag sich verwundert seine Augen bei dieser provokanten Aussage gerieben haben. Dem Thema Barrierefreiheit haftet eher der Nimbus von komplizierten Arbeitsabläufen und hohen Mehrkosten an, die wenigsten dürften dabei an Effizienz denken. Wie also passt das nun zusammen?

Dazu zunächst ein kleiner Exkurs in die „Geheimnisse“ der barrierefreien Aufbereitung von Dokumenten:
Ein barrierefreies Dokument (aus Publishingsicht nehmen wir das PDF-Format als Referenz) unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht unbedingt von einem nichtbarrierefreien Dokument – der Unterschied liegt meist unter der Oberfläche. Die Grundlage der Barrierefreiheit ist eine im Dokument sinnvoll ausgezeichnete hinterlegte Struktur.

Einzelnen Layoutelementen wird im Satz ein Platz in der Lesereihenfolge und zusätzlich eine Bedeutung via Tag zugewiesen. So erhält die Hauptüberschrift den Tag H1, dies steht für Überschrift 1. Ordnung. Unter- oder Zwischenüberschriften bekämen Tags H2-H6, je nach Hierarchie. Ein normaler Absatz bekommt den Tag P – allen, die bereits Webseiten erstellt haben, ist dieses Prinzip geläufig. Das was der „normale“ Leser wahrnimmt (Stichwort Regenbogenpresse) – also Schriftgrößen, -farben oder -stile – geschieht hier nun über fest hinterlegte Auszeichnungen.

Außer H(x) und P gibt noch erheblich mehr dieser vordefiniertes Tags: für Tabellen, Listen, Hyperlinks und vieles mehr. Eine Übersicht über alle PDF-Tags inkl. Erläuterung finden Sie beispielsweise in der Adobe Acrobat Hilfe.

Bilder und Grafiken müssen besonders gehandhabt werden, denn das bloße Versehen eines Bildes mit dem entsprechenden Tag gibt noch keinen Aufschluss auf seinen Inhalt. Analog zur Webseitenerstellung wird für Bilder ein Alternativtext hinterlegt, welcher den Bildinhalt wiedergeben soll. Eine mögliche Bildbeschreibung könnte lauten: „Zwei spielende Kinder vor einem Haus“.

Der nächste Punkt und mein absolutes Lieblingsthema sind Abstände und Trennungen. Für eine saubere barrierefreie Umsetzung von Dokumenten muss sauber gesetzt werden.

Abstände zwischen Absätzen, im optischen Sinne eine Inhaltstrennung, erfolgen nicht indem man zweimal Enter drückt oder indem man einem Zeichen in der ersten Absatzzeile einen größeren Zeilenabstand gibt. In allen gängigen Programmen steht eine Option für Abstände vor und nach dem Absatz zur Verfügung, welche alleinig hierfür genutzt werden sollten.

Beim Trennen von Wörtern sind der Kreativität von Redakteuren kaum Grenzen zu setzen. Der „Klassiker“ um ein Wort an einer gewünschten Stelle zu trennen, ist die Nutzung von Minuszeichen (-) gefolgt von einem Zeilenumbruch (Enter). In einem Druckprodukt fällt keinem diese Arbeitsweise auf, das eigentliche Wort existiert digital aber nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, es wurde „ge-trennt“. Nutzt man hingegen eine Bedingte Trennung, so wird nur dann an der gewünschten Stelle getrennt, wenn es erforderlich ist; Das Wort an sich bleibt im digitalen Sinne intakt.

Betrachtet man nun das Thema Barrierefreiheit aus einem anderen Blickwinkel, nämlich als Mittel der Qualitätskontrolle, so erreicht man interessante Nebeneffekte.

Die stringente Anwendung von Absatz- und Zeichenformaten wird, oder zumindest sollte, allen Auszubildenden beigebracht werden. Nachträgliche Anpassungen lassen sich damit mit wenigen Klicks erledigen. Oft habe ich es schon erlebt, dass gerade bei kleineren Projekten schnell gesetzt wurde und gegebenenfalls später ein paar Formate für das Gewissen angelegt werden. Folgen dann die üblichen Kaskaden nicht enden wollender Korrekturzyklen, rächt sich diese Halbherzigkeit im Umgang mit Formaten schnell.

Das konsequente Arbeiten mit Formaten würde auch bei der Produktion der meisten nichtbarrierefreien Publikationen zu erheblichen Vereinfachungen führen, da zeitaufwändige händische Nacharbeit vollständig entfallen kann. Das simple taggen der Inhalte, Überschrift1 = H1 usw., gibt es kostenlos dazu.
Sauberes Trennen und das korrekte Definieren von Abständen sind für all jene, die bereits jetzt oder zukünftig digital produzieren, unerlässlich. Beispielsweise kennen verschiedene Ebook-Validatoren keine Gnade bei doppelten Returns (ne). Inkorrekt getrennte Wörter taugen nicht für die Indizierung von Suchmaschinen, nicht einmal die Desktopsuche funktioniert hier. Bei crossmedialer Verwendung der Inhalte gibt es keine festen Zeilenenden, manuelle Umbrüche führen dadurch zu unansehnlichen Ergebnissen und nebenbei sinkt auch der SEO-Wert.

Bleibt das Versehen von Bildern mit Alternativtext. Das macht doch nun wirklich keinen Sinn, oder?
Ein Szenario: Jeder der seine private Bildersammlung seit ein paar Jahren digital sammelt, sieht sich irgendwann mit dem Problem konfrontiert, den Bestand sinnvoll sortieren zu müssen, einfach um den Überblick zu behalten. Selbst eine ordnerbasierte Sortierung nach Jahreszahlen hilft aber ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiter. Hierfür bieten so gut wie alle Fotobearbeitungs- und Sortierungsprogramme die Möglichkeit Bilder mit Schlagworten zu versehen, welche optimaler Weise möglichst detailierte Rückschlüsse auf den Inhalt zulassen. Dadurch kann der komplette Bestand nach diesen hinterlegten Metadaten durchsucht werden und die Daten eignen sich auch für SEO-Kampagnen. In größeren Bildbeständen sind Bilddaten ohne korrekte Auszeichnung nahezu wertlos, da sie schlichtweg kaum auffindbar sind.

Sofern Sie auch noch mit Bildunterschriften arbeiten, können Sie auch diese in den Metadaten hinterlegen und im Satzprogramm automatisch als Textelement weiterverwerten. Auf diese Art bekommen Sie den Alternativtext für barrierefreie Bilder gratis frei Haus.

Fazit
Wie man sieht, ist die barrierefreie Aufbereitung von Daten mit einem auf den ersten Blick nicht unerheblichem Aufwand verbunden.

Betrachtet man jedoch den Gewinn der zu Grunde liegenden Techniken und Arbeitsweisen für den eigenen Workflow und nutzt das Thema Barrierefreiheit als Gradmesser der eigenen Datenqualität, so stellt sich die Situation anders dar.

Sauberes und daraus resultierendes effizientes Arbeiten führt in logischer Konsequenz zur optimalen Grundlage für barrierefreie Publikationen. Dabei führt dies entgegen der landläufigen Meinung nicht zwangsläufig zu höheren Kosten, sondern bietet gar die Chance Ressourcen zu schonen und Arbeitsabläufe optimieren.

Mehr zum Thema Barrierefreiheit und viele weitere spannende Themen können Sie auf der Deutschen Publishing Konferenz 2012 am 27./28. April in München erleben. Weiterführende Informationen finden Sie hier. Ein Screencast zum Thema Barrierefreiheit aus der Reihe DPK-Miniworkshop finden Sie hier.

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(Daniel Mittendorf | Quelle: publishing-konferenz.de)

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1 Kommentar

  1. Antworten

    markus handl

    11. April 2012

    Lieber Schreiber,
    es handelt sich hier um ein wichtiges Thema und inhaltlich ist auch vieles richtig, aber am Ende des Textes zwei mal HIER zu verlinken ist echt nicht passend!

    link > weiterführende informationen … und nicht hier
    link > Screencast zum Thema Barrierefreiheit … und nicht hier

    fast schon unproffessionell so etwas ins Netz zu stellen.
    Liebe Grüße


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