Bücher sollen an Leserwünsche angepasst werden

2. Juli 2012, 9:21 Uhr | Archiv

Durch die steigende Verbreitung von E-Readern steht Verlagen und Autoren ein ständig wachsender Berg an Daten über das Leseverhalten der Menschen zur Verfügung. Notizen, Lesegeschwindigkeit, unterstrichene Passagen und die Stellen, an denen die Leser aussteigen, werden von den großen Unternehmen in der E-Reader-Branche gesammelt und in anonymisierter Form an die Verlage weitergegeben. Das führt unter Umständen zu Anpassungen des Inhaltes an die Wünsche der Leser. Kritiker fürchten gar den Verlust der Bücher-Vielfalt. Auch der Datenschutz wirft Fragen auf.

E-Book: verrät viel über Leser – (Foto: Wikipedia, gemeinfrei)

„Wie bei jeder Form der Technologie gibt es bei der elektronischen Analyse des Leseverhaltens sowohl Potenziale als auch Gefahren. Die tatsächlichen Folgen muss man beobachten und daraus Konsequenzen ziehen“, sagt Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. In den USA haben erste Verlage bereits damit begonnen, die Daten produktiv einzusetzen, wie das Wall Street Journal berichtet. Barnes and Noble etwa hat festgestellt, dass Leser bei Sachbüchern öfter abbrechen als bei Romanen. Deshalb wurde eine spezielle Linie mit verkürzten Texten zu Sachbüchern eingeführt.

„Für die Optimierung von Sachbüchern sind die Daten sicher interessant, so kann die Verständlichkeit verbessert werden. Sinnentstellende Eingriffe in Klassiker halte ich für bedenklich. Für den Schulunterricht gibt es schon lange vereinfachte Ausgaben für Bildungsferne. Sie müssen immer mit pädagogischer Expertise angepasst werden“, so Ehmig. Dass Verlage nur noch dem Massengeschmack folgen, glaubt die Expertin nicht:

„Auch ohne diese Art von Daten über das Leseverhalten haben Marktmechanismen Einfluss auf Verlage. Viele Bücher werden für den Massengeschmack geschrieben, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Es ist eine Frage des Anspruchs von Autoren, nach welchen Kriterien sie arbeiten.“

Neben der kommerziellen Anwendung sind die Daten auch für die Wissenschaft interessant. „Für die Forschung sind die Daten der E-Reader nützlich. Sie bringen aber nur bedingt Neues, was die Leseforschung bisher nicht erfasst hätte. Neu ist vor allem die Breite und Geschwindigkeit der Erhebungen“, so Ehmig. Mit den Daten können Verlage auch völlig neue Wege beschreiten. Erste Ansätze mit Charakteren und Handlungssträngen, die sich nur nach dem Geschmack der Leser richten, sind bereits auf dem Markt.

Dass Leser gewisse Inhalte wie Erotika oder politisch brisante Texte meiden, weil sie wissen, dass ihnen über die Schulter geschaut werden könnten, ist bisher nicht zu beobachten. „Die Hemmschwelle ist durch die E-Book-Reader eher gesunken. Für das Buch als Gesprächsthema sind die Lesegeräte ebenfalls gut. Social Reading ist ein wachsender Trend“, sagt Johannes Neufeld vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Die Betreiber der E-Reader-Plattformen geben die Daten nicht in personalisierter Form weiter. Trotzdem kann der Datenschutz ein Problem darstellen. Verschaffen sich etwa Behörden Zugriff zu den Informationen, kann die Buchsammlung zur belastenden Information werden. „Das ist eher ein Randaspekt. Die technischen Voraussetzungen sind derzeit vor allem in den USA und Europa erfüllt, wo niemand wegen Gelesenem verfolgt wird. Möglich wäre es aber durchaus“, so Neufeld.

(via Markus Keßler | Quelle: pressetext.com)

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Marco Schürmann

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