Google: Vampiereffekt zieht Millionen Blicke ab

10. Juli 2012, 9:40 Uhr | Archiv

Jeder kennt die Suchmaschine von Google und viele nutzen sie täglich. Für Webmaster ist Google lebenswichtig geworden: Der Großteil Website-Besucher im Netz surft über den Suchgiganten (Marktanteil Deutschland 95,9 %*) zu ihnen. Der Online-Kartendienst hot-map.com wollte wissen, ob dabei alles fair zugeht, denn trotz vieler Google Platz 1 Positionen seiner Stadtpläne und Landkarten weltweit, und immer mehr Surfern im Internet, sanken unerklärlich die Besucherzahlen auf Hot Maps Seiten.

Seit Google nicht nur Suchmaschine, sondern auch Anbieter von eigenen Diensten ist (YouTube, Google Maps, Google News, Google Weather, Google Finance uvm.) beklagen sich Webmaster großer und kleiner Websites von dem US-Konzern verdrängt zu werden. Es fällt auf, dass oben auf Ergebnisseiten von Google, den eigenen Diensten und Infos (etwa Google Maps, Shopping, Reisebuchung) und Anzeigen viel Platz eingeräumt wird, zulasten anderer guter Internetseiten und Homepages, die unter dem Google-Seitenrand verschwinden aber die Nutzer auch interessieren könnten.

Google nennt das „Universal Search“, neuerdings ergänzt durch „Knowledge Graph“, und beruft sich darauf, Nutzern schnell und bequem die gesuchte Information zu zeigen. Wenn den Nutzern Google nicht gefiele, so Sprecher des Konzerns, wäre „der Wettbewerb nur einen Klick entfernt“. Nur, dass die Masse der Nutzer an den US-Konzern gewöhnt sind und nicht gerne wechseln, oder Google einfach voreingestellt ist, weshalb Webmaster auf Besucher angewiesen sind, die über die Suchmaschine des Internet-Riesen surfen.

Wirken die Bildchen Googles eigener Dienste besonders stark auf ihren eingeräumten Sonderplätzen, oder sind sie nur harmlose Dekoration? Um das herauszufinden, wurden in Köln am Institut für Kommunikations- und Medienforschung (IKM – Deutsche Sporthochschule Köln) Testpersonen an einen futuristischen Apparat – den „Eye-Tracker“ – gesetzt, der genau misst, wie die Blicke schweifen, was fixiert wird und wo man klickt. Nachdem einige ganz andere Fragen und Bilder zur Ablenkung und Auflockerung präsentiert wurden, baten die Wissenschaftler Ihre menschlichen Versuchskaninchen einen Stadtplan zu suchen, um etwas über ein Reiseziel zu erfahren. Bunte „Heatmaps“ verraten danach den Forschern Blicke und Klicks der Probanden.

Eyetracking-Heatmap zeigt, wo die Blicke hinwandern – (Bild: hot-map.com)

Schnell ließen die Probanden ihre Augen über die Google-Seite schweifen. Sie blieben zu 80 % an dem oben von Google eingefügten Maps-Bildchen hängen und klickten. Lediglich zwanzig Prozent klickten den unter dem Bild stehenden – eigentlich erstplatzierten – Stadtplan-Link von hot-map.com. Zum Vergleich wurde eine herkömmliche Suchergebnisseite – einfach mit einer Liste von zehn blauen Links und ohne Google-Sonderplatzierung – ebenfalls von Testpersonen erprobt. Der erstplatzierte Stadtplan erhielt 80 % der Klicks – diese Mehrheit an Besuchern hätte also normalerweise zu hot-map.com gefunden, statt der gerade einmal 20 %, die Google auf all seine Mitbewerber zusammen verteilt. Medienwissenschaftler und Werbeexperten nennen dies Vampireffekt, wenn ein Blickfang die Aufmerksamkeit fast gänzlich aufsaugt.

Außerdem bemerkten die Forscher, dass auf den bebilderten „Universal Search“-Seiten, anders als von Google behauptet, Menschen nicht schneller finden, was sie suchen. Die Testpersonen brauchten am einfachen Beispiel „Stadtplan Hannover“ doppelt so lange, um sich zurechtzufinden und zu einem Klick zu entscheiden: 12,47 Sekunden mit eingeblendetem Google Maps Bild, statt nur 6,72 Sekunden bei dem altbewährten Seitenstil mit nur zehn einfachen blauen Links untereinander. Die Google-Anzeigen, seitlich rechts, würdigten die Testpersonen kaum eines Blickes. Mehr beachtet und geklickt werden sie wahrscheinlich, wenn Google sie häufig oben mittig über den Suchergebnissen platziert.

„Wir waren überrascht, wie stark Googles Eigenwerbung, in Form der oben eingefügten Maps-Bildchen, die Blicke und fast alle Klicks anzieht. Unser Studien-Beispiel ist übertragbar auf jede Art von Websites, die alle hoffen gefunden zu werden: Was Google ganz nach oben setzt, wird geklickt – der Rest kaum noch beachtet. Sobald Google eigene Produkte an den besten Stellen anbringt, teilen sich alle anderen Websites nur noch kleine Reste. Das betrifft viele Branchen und das ganze Internet.“, erklärt hot-map.com-Chef Michael Weber.

„Google sagt, die eigenen Sonderdienste wären einfach Antworten auf Fragen der Suchenden. Tatsächlich verdrängen sie aber alle anderen beliebten Anbieter wie hot-map.com. Angebote von Google können einen hohen Preis für die Allgemeinheit haben: Vielfalt, Privatsphäre und im Fall benachteiligter Medienfirmen auch Arbeitsplätze sind in Gefahr.“, so Weber.

(Quelle: Pressemitteilung von hot-map.com)

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Marco Schürmann

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