Digitale Demenz auf dem Vormarsch

3. August 2012, 8:20 Uhr | Archiv

Unternehmen, die ohne digitale Medien auskommen – diese Vorstellung ist heute nahezu undenkbar. PC, Smartphone, Tablet & Co. sind feste Bestandteile der Arbeitswelt. Diese Entwicklung fördert zwar vermeintlich die Leistungsfähigkeit der Betriebe, kann aber langfristig die geistige Gesundheit der Mitarbeiter gefährden, ist Prof. Dr. Manfred Spitzer überzeugt.

(© vege – Fotolia.com)

Der bekannte Psychiater erklärt am Mittwoch, 26. September, auf der Messe Zukunft Personal in Köln, warum ständiger Gebrauch von moderner IT „digitale Demenz“ hervorruft und was Personalverantwortliche dagegen tun können. „Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die belegen, dass digitale Medien unser Gedächtnis beeinträchtigen können“, sagt Prof. Dr. Manfred Spitzer. Der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Universität Ulm spricht dabei auch von „digitaler Demenz“. Den Begriff verwenden koreanische Ärzte seit 2007, um ein Syndrom zu beschreiben, das sie bei Menschen ab einem Alter von etwa 20 Jahren beobachtet haben, die sehr viel Zeit mit Computer und Internet verbringen: Störungen von Merkfähigkeit und Konzentration, Schwierigkeiten beim Lesen eines Textes, Abgeschlagenheit, Mattigkeit und Motivationslosigkeit.

„Wer Informationen googelt, speichert die Erkenntnisse mit geringer Wahrscheinlichkeit im Gehirn ab“, führt der Psychiater Spitzer ein Beispiel an. Wer sich im Chat austausche, statt Face to Face mit einem Gegenüber darüber zu sprechen, merke sich Inhalte nicht so gut. „Im Internet wird zudem mehr gelogen und betrogen als in der realen Welt“, so Prof. Spitzer. Das führe dazu, dass unser Gehirn nicht in der gleichen Weise präzise arbeite. Hemme dieser Vorgang die Gehirn-Bildung langfristig, könnten verfrüht Symptome einer Demenz eintreten. Nach einem aktuellen Bericht der Bundessuchtbeauftragten gebe es in Deutschland 500.000 Internet- und Computersüchtige sowie weitere 500.000 Gefährdete. „Deshalb liegt es nahe, dass das Problem der digitalen Demenz in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen wird.“

In welchem Alter die Symptome einer Demenz aufträten, hänge nicht zuletzt davon ab, wie gut ausgebildet das Gehirn eines Menschen sei. Der Ulmer Psychiater macht dies mit einem Vergleich deutlich: „Wer vom Mount Everest absteigt, befindet sich trotz Abstieg lange Zeit in großer Höhe. Wer von einer Sanddüne auf Meereshöhe absteigt, ist sehr rasch unten.“

Degenerative Veränderungen, die bei Demenz häufig vorlägen, hätten zwar ganz selbstverständlich etwas mit dem Alter zu tun. Doch diese Veränderungen führten bei gut trainierten Gehirnen nicht zwangsläufig zu einer nachlassenden Gedächtnisleistung. Es seien Fälle dokumentiert, bei denen die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen bis ins hohe Alter vollkommen erhalten bleibe, auch wenn nach ihrem Tod im Gehirn auffällige Veränderungen wie bei Alzheimerscher Demenz nachgewiesen werden konnten. „Wir kennen auch Fälle von Menschen, bei denen mehr als das halbe Gehirn nicht mehr vorhanden ist und die dennoch klinisch völlig unauffällig sind“, so Prof. Spitzer.

Die geistige Gesundheit der Beschäftigten steht demnach bei mangelndem Training auf dem Spiel. Zudem könne aus täglichen Überlastungen und Multitasking-Versuchen ein massiver Schaden für die Wirtschaft entstehen. „Ich halte es deshalb für sehr wichtig, dass wir uns einen anderen Umgang mit den Medien angewöhnen“, betont der Professor. Nicht jede E-Mail müsse innerhalb von drei Minuten beantwortet werden. Besonders wertvoll sei die Zeit, die Beschäftigte „offline“ zum Nachdenken und zur konzentrierten Arbeit hätten. Jede Unterbrechung hingegen könne nur schaden.

Ebenso unsinnig wie Multitasking sei der Ansatz, über E-Learning Personal zu qualifizieren. Implizit gebe dies sogar die E-Learning-Branche zu, indem sie zunehmend von „Blended Learning“ spreche. Demnach müsse der Lehrer dem Lernprozess „beigemischt“ werden. Doch eine solch „entpersonalisierte“ Art zu denken helfe beim Lernen nicht weiter. „Lernen funktioniert vor allem dann, wenn eine gute Beziehung zwischen Lernendem und Lehrendem vorhanden ist, ein Vertrauensverhältnis und eine gegenseitige Wertschätzung“, konstatiert Prof. Spitzer. Es komme darauf an, dass der Lehrende im Lernenden ein Feuer entfache und Begeisterung wecke. „Zeit, die wir vor einer Mattscheibe verdösen, ist keine Lernzeit.“

(Quelle: Pressemitteilung zukunft-personal.de)

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Marco Schürmann

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