„Go Paperless“ für den Umweltschutz?

1. Februar 2013, 13:32 Uhr | Archiv

Google will mit ihrer Kampagne „Go Paperless 2013“ Konsumenten und Unternehmen gleichermaßen von den Vorteilen einer papierlosen Kommunikation überzeugen und führt hier vor allem den Umweltschutz an. Die Kampagne ist aber wohl eher der plumpe Versuch von Google, ihre Dienstleistungen zu vermarkten. Die Auswirkungen ihrer eigenen Aktivitäten auf die Umwelt lässt Google dabei unter den Tisch fallen. – Ein Kommentar von Knud Wassermann.

Knud Wassermann, Herausgeber der Graphischen Revue

Knud Wassermann, Herausgeber der Graphischen Revue in Österreich

Die „Two Sides Initiative“ hat eine Reihe von Fakten zusammengetragen, um hier mehr Objektivität in die Diskussion zu bringen und aufzuzeigen, dass das Internet per se nicht umweltfreundlicher ist. Grundsätzlich ist es nicht ganz einfach, die Umweltauswirkungen der papiergestützten Kommunikation und des Internets miteinander zu vergleichen. Wenn man sich die Zahlen aus den USA etwas näher ansieht, zeigt sich, dass die über 2.000 Rechenzentren bereits 2010 mehr Strom verbrauchten als die gesamte Papierindustrie. 3 Prozent der 76 Milliarden Kilowattstunden gingen dabei übrigens auf das Konto von Google. Mit dem ständig wachsenden Datenvolumen steigt der Energieverbrauch der IT-Branche weiter an, und ein Ende ist hier nicht in Sicht. Zusätzlich hängen am Internet noch Millionen von Laptops, PCs und Tablets, die auch alle ganz gierig auf Strom sind. Außerdem wird der Großteil davon in China unter äußerst fragwürdigen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert.

 

Natürlich braucht es auch Energie, um Papier herzustellen, aber diese kommt vielfach aus erneuerbaren Quellen. So stammen in den USA 65 Prozent und in Europa 54 Prozent der Energie, die bei der Papier- und Zellstoffproduktion verbraucht wird, aus erneuerbaren Energiequellen. Google bringt es hier nach eigenen Angaben gerade einmal auf 30 Prozent. Klarerweise muss Papier auch bedruckt und auf den Weg zum Empfänger gebracht werden. Trotz alledem ist es nur schwer vorstellbar, dass dafür mehr Energie eingesetzt wird als für die Produktion und den Betrieb der Abermillionen von digitalen Gadgets, die einen heute so umgeben – zumal die Faustregel gilt, dass 80 Prozent des CO2-Fußabdrucks von Druckprodukten auf die Papierherstellung entfallen.

 

Papier- und Druckindustrie unter Rechtfertigungsdruck

Wobei hier keineswegs der Eindruck erweckt werden soll, dass in der globalen Papierindustrie alles eitel Wonne wäre. In den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern Asiens und Südamerikas gibt es nach wie vor schwarze Schafe unter den Papierherstellern, die Rohstoffe aus nicht zertifizierten Quellen verwenden. Vor Weihnachten etwa hat der WWF mit einer Studie aufhorchen lassen, die in Kinderbüchern deutscher Verlage Fasern nachweisen konnte, die aus Tropenholz stammen. Der Vollständigkeit halber muss noch darauf hingewiesen werden, dass in den letzten Jahren ein Großteil der Kinderbuchproduktion nach Asien verlagert wurde. Solche Beispiele werden dann immer dazu herangezogen, um den Eindruck zu vermitteln, dass für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher der Regenwald rücksichtslos abgeholzt würde. So gerät die gesamte Wertschöpfungskette der papiergestützten Kommunikation unter einen Rechtfertigungsdruck, und die seit Jahren laufenden Umweltschutzbemühungen verpuffen mit einem Schlag.

 

Bis zu 50 Millionen Tonnen digitaler Schrott

Was bei der gesamten Diskussion über die Umweltverträglichkeit der digitalen Kommunikation weitgehend ausgeblendet wird, ist der digitale Schrott. Laut Greenpeace ist elektronischer Abfall der am schnellsten wachsende Bestandteil des kommunalen Abfalls. In Europa wächst E-Abfall bereits um 3 bis 5 Prozent pro Jahr, fast dreimal schneller als die gesamte kommunale Menge. Die Anzahl an elektronischen Produkten, die weggeworfen werden, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und beträgt jedes Jahr 20 bis 50 Millionen Tonnen. Zwar gibt es zu mindestens in der EU eine Rücknahmeverordnung für Elektrogeräte, dennoch kann die IT-Branche von einer Recyclingquote von über 70 Prozent in Europa, welche die Papier- und Druckindustrie seit Jahren erzielt, nur träumen. Zurzeit wird schätzungsweise nur ein Drittel recycelt, und ein Teil des digitalen Schrotts wird als Sondermüll exportiert und landet auf Deponien in Entwicklungsländern. Papier hingegen durchläuft mehrere Recyclingzyklen und verrottet am Ende seiner Lebenszeit.

Mittlerweile sind auch Google und Co dazu übergegangen, ihre CO2-Emissionen durch den Kauf von Zertifikaten zu kompensieren. Google spricht sogar davon, dass das Unternehmen seit 2007 durch den Mix aus Effizienzsteigerung in den Rechenzentren, den Einsatz erneuerbarer Energiequellen und die Kompensation von CO2-Emissionen klimaneutral sei. Die Papier- und Druckindustrie geht hier jedoch schon einen Schritt weiter. So gibt es mittlerweile klimaneutrale Papiere und Druckmaschinen, und auch immer mehr Druckereien bieten ihren Kunden die Möglichkeit, die bei der Produktion entstandenen CO2-Emissionen durch einen geringen Obolus zu kompensieren. Von einem klimaneutral hergestellten iPad habe ich noch nichts gehört.

 

Schulterschluss der gesamten Wertschöpfungskette

Wie dem auch sei, sowohl die elektronische als auch die papierbasierte Kommunikation haben Auswirkungen auf die Umwelt. Dass eine papierlose Kommunikation per se umweltfreundlicher ist, ist trotz der massiven Grünfärberei von Google schlichtweg nicht haltbar. Umso unverständlicher ist es, dass es der Papier- und Druckindustrie seit Jahren nicht gelingt, auch außerhalb der Branche das ihr aus der Vergangenheit anhaftende Image als Umweltsünderin loszuwerden. Man würde meinen, dass die über 100 Milliarden Euro schwere europäische Papier- und Druckindustrie in der Lage sein sollte, hier ihre Interessen auf nationaler wie auch auf EU-Ebene zu vertreten. Ein Schulterschluss der gesamten Wertschöpfungskette für gedruckte Kommunikation ist hier dringend notwendig, um das Thema Umweltverträglichkeit ein für alle Mal ins rechte Licht zu rücken.

 

Über den Autor: Knud Wassermann (46) ist seit 1998 Chefredakteur der Graphischen Revue und hat die Fachzeitschrift in den letzten Jahren zu einem der führenden Titel für das Mediendesign und die Medienproduktion im deutschsprachigen Raum ausgebaut. Als Absolvent der Graphischen Bundes Lehr- und Versuchsanstalt, Wien, begleitet er die Branche aus unterschiedlichen Perspektiven seit über 20 Jahren. Aus dem täglichen intensiven Kontakt mit Herstellern und Anwendern kennt er die aktuellen Entwicklungen und bewertet, präsentiert und dokumentiert analytisch die aktuellen Trends, Fakten und Hintergründe der Druckindustrie.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

0 Kommentare


Was meinen Sie zu diesem Thema?

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Schreibe einen Kommentar

* Pflichtangaben; Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
 

Copyright

Copyright 2015 Bernd Zipper, zipcon consulting GmbH

Archiv