Neues Bewusstsein der Print-Media-Industrie

4. März 2013, 8:31 Uhr | Archiv

Rückblickend hat die Druckindustrie im Jahr 2011 weltweit mehr als 640 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht. Die Online Print Industrie in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat im vergangenen Jahr, nach Erhebungen der zipcon consulting, mehr als 1,7 Milliarden Euro Umsatz generiert. 2012 war das Jahr mit den meisten Druckaufträgen weltweit. Nicht nur wegen der durchweg positiven Zahlen kann Bernd Zipper das Jammern und Kränkeln der Druckindustrie nicht mehr hören.

Bernd Zipper

Seinem Expertenwissen nach gab es noch nie so viele Möglichkeiten für Print-Media-Unternehmen, Produkte zu vertreiben und neue Märkte zu eröffnen. Voraussetzung dafür sind Fantasie und Kreativität sowie ein gewisser Mut, neue Wege zu beschreiten.

Betrachtet man die aktuelle Situation, wird man schnell feststellen, dass sich Wertschöpfung und Margen massiv reduziert haben, einfach zu lebende Geschäftsmodelle gibt es nicht mehr. Dieses gilt nicht nur für Drucker sondern auch für Maschinenhersteller und Zulieferer. Doch welche Möglichkeiten bleiben für den Unternehmer? Die Zeit des Internets einfach aussitzen und auf andere Zeiten warten? Oder aber in neue Maschinen investieren, um den Anforderungen auf dem Markt gerecht zu werden? Oder resignieren und nichts tun? „Wohl kaum,“ so Bernd Zipper, CEO von zipcon consulting und E-Business Print Experte.

Bernd Zipper stellt den Unternehmen die Frage, ob sie wissen, was mit der Gesellschaft passiert und welche Anforderungen bestehen. Die meisten Unternehmer beantworten die Frage mit unterschiedlichen Antworten – sinngemäß gehen sie alle in die gleiche Richtung. Der Wunsch nach kostenfreiem Drucken, der mangelnde Wert von Drucksachen oder aber sie schieben die Schuld an der aktuellen Situation den Internetdruckern zu.

Das Internet als Ursache für die Veränderungen

Das Internet, eine populäre und einfach zugängliche Informationsplattform, ist Ursache für die Veränderungen in unserer Gesellschaft. Das Internet ermöglicht jedoch nicht nur neue und schnelle Kommunikationsmöglichkeiten, sondern es entstehen auch neue Regeln und Werte bzgl. Kommunikation, Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen. Doch damit nicht genug, denn der Einfluss der großen Online-Plattformen wie Amazon, Zalando & Co. mit ihrem umfangreichen Serviceangebot ist so groß, dass sich die Regeln auch für angrenzende Branchen ändern.

Bernd Zipper nennt die neuen Werte des Internets: „24-Stunden-Service, weitgehende Umtausch- und Wandlungsregeln, einfache Bezahlverfahren, schnelle Bestellung, Stand-by-Hotline mit E-Mail und Chat, umfangreiche Services (in Bezug auf Web-to-Print, Online-Shop, etc.), einfach zugängliches Expertenwissen und vor allem Transparenz der Prozesse“.

Laut seinen Erfahrungen nehmen potenzielle Käufer einen Shop nur dann ernst, wenn alle Regeln befolgt werden, dazu gehören neben dem Design, vollständige Warenangebote, gute Preise und Kontaktmöglichkeiten. „Wie im echten Leben, sind die ersten zwei Sekunden entscheidend für Sympathie und Antipathie“, so Bernd Zipper weiter.

Weiterhin spielt der Preis eine wichtige Rolle. Produkte werden zum Kampfpreis angeboten und gar nicht selten vom Onlineanbieter subventioniert. Dieses aber nur, weil das Stichwort „Upselling“ ins Spiel kommt, denn hat ein Anwender Daten erfolgreich hochgeladen, ist er für weiterführende Angebote empfänglich. Die Chance mehr zu kaufen ist enorm. Stimmt das Gesamtbild, wird sich der Anwender zu einem loyalen Kunden entwickeln. Wer einmal zufrieden ist, kommt meist wieder und bestellt erneut – sicher gibt es auch Kunden, die Preis-Hopping betreiben und immer auf der Jagd nach Schnäppchen sind.

12 hilfreiche Tipps von Bernd Zipper

Erfolgreiche Online-Shops haben dieses für sich entdeckt und bereits in die Tat umgesetzt. Bernd Zipper gibt 12 hilfreiche Tipps zur Einhaltung der neuen Regeln:

1. Fördern Sie!

Oft sind Ihre Mitarbeiter schon längst online unterwegs und haben Erfahrungen, die Sie nutzen könnten. Fördern Sie insbesondere Ihre Auszubildenden – Sie werden sehen, da kommen oft gute Ideen in Sachen Internet.

2. Kommunizieren Sie!

Klar via Facebook verkaufen Sie keine Visitenkarte mehr – aber Facebook und Co. sind der Marktplatz der Informationen. Wer dort nicht präsent ist, findet >>digital nicht statt<<. Wäre doch schade, wenn nur über Ihre Wettbewerber gesprochen werden würde, oder?

3. Schaffen Sie Transparenz!

Beschweren Sie sich nicht darüber dass über Ihr Unternehmen schlecht auf Facebook oder in anderen Blogs diskutiert wird – machen Sie das Beste draus und kommunizieren Sie mit. Nur wenn Sie Kritik annehmen, Prozesse transparent machen, den Kunden in die Produktion mit einbeziehen und offen informieren, werden Sie Teil der Online-Community. Alles andere ist >>old fashion<< und landet irgendwann auf dem Trödel.

4. Automatisieren Sie!

Wenn Sie irgendwann mal online gehen möchten, müssen Sie oft erst mal Hausaufgaben erledigen. Also raus mit dem Turnschuhnetzwerk und her mit MIS und Produktionsautomatisierung wie Workflows und automatisches Ausschießen.

5. Lassen Sie sich beraten!

Klar, Berater sind teuer (und glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede) – aber meistens bringt der Berater einen wichtigen Blick >>von außen<< mit. Scheuklappen und Betriebsblindheit sind die größten Innovationshemmer. Sorgen Sie dafür, dass Sie einen neutralen Berater an Ihrer Seite haben – dann können Sie Ihre Ideen mit einem externen Sparringspartner kontrovers diskutieren. Sicherlich geht das auch mit Mitarbeitern – aber denken Sie immer dran… würden Sie Ihren Chef kritisieren, wenn’s letztlich um Ihren Job geht?

6. Kooperieren Sie!

Schließen Sie sich mit anderen – ergänzenden – Druckdienstleistern zusammen und setzen Sie gemeinsam einen Onlineshop auf. Kooperationen helfen in puncto Kosten und können Produktionslücken prima schließen.

7. Erfinden Sie!

Kaum eine Branche kann so viele unterschiedliche Produkte herstellen, wie die Druckindustrie. Wir sind Weltmeister im Bereich Maschinen-Patente – aber neue Produkte? Fehlanzeige. Erfinden Sie den Kalender der >>next Generation<< oder intelligente Visitenkarten – der Markt wird es Ihnen danken.

8. Schaffen Sie Nähe!

Renovieren Sie Ihre Unternehmenswebsite und verstehen Sie Internet als Marketing und vor allem als Vertriebsplattform. Das heißt im Klartext: Informieren Sie schickt designt und mit aktuellen News über Ihre Aktivitäten und Leistungen.

9. Lernen Sie Design!

Im Internet zählt, was Aufsehen erregt – machen Sie mit. Investieren Sie ein paar Euro in ein schickes Design und Ihr Kunde wird es Ihnen danken.

10. Denken Sie Marketing!

Mit dem Kundenblättchen im Jahr und der Flasche Wein ist es nicht mehr getan. Nutzen Sie Ihre Website, Facebook und Xing um Ihren Kunden stetig (!) Informationen über Sie und Ihr Unternehmen zu übermitteln. Diskutieren Sie mit Ihren Kunden, machen Sie Ihre Website zur Austauschplattform oder zum Einstiegsmedium für Ihre persönlichen Crossmedia-Kampagnen.

11. Öffnen Sie sich!

Auch wenn präpotente Berater aus Deutschland vielleicht nicht diejenigen sind, denen Sie nicht zutrauen Ihre Zukunft zu gestalten: Manchmal haben die Damen und Herren Berater doch Recht (sonst wären die längst weg vom Fenster). Lernen Sie neue Ideen anzunehmen und ernsthaft >>durchzuspielen<<. Ad acta legen können Sie verworfene Ideen immer noch.

12. Vergessen Sie…

… den Spruch: >>Mein Kunde braucht das nicht.<< Dieser Satz aus den 80er Jahren hat seine Gültigkeit verloren. Glauben Sie immer noch, dass Ihr Kunde zu Ihnen kommt, wenn er moderne Wege zur Kommunikation sucht? Wenn Sie Ihrem Kunden stetig neue Produkte zeigen und neue Dienstleistungen oder gar Online-Services anbieten, steigt nicht nur die Kompetenzvermutung Ihres Kunden Ihnen gegenüber, sondern auch die Loyalität.

Diese zwölf Tipps gehören zu einer weitaus längeren Liste, um ein neues Selbstbewusstsein der Print Media  Industrie zu schaffen. Daher sollte jeder einzelne nicht vergessen, wo seine Wurzeln liegen. Denn die „Fähigkeiten eines ‚Jüngers der schwarzen Kunst‘, die Umgangsweise mit Papier, Typo und den Werten der Druckindustrie sollten uns stets in Erinnerung sein, damit wir dieses Wissen weitergeben können“, so Bernd Zipper. Wird dieser Ursprung vergessen und es spricht keiner mehr drüber, verblasst das Wissen und folgende Generationen können dann nur noch über das Thema „Drucken“ lesen – im Internet.

(Quelle: print and publishing, Januar/Februar 2013, Folge 200)

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