Kommentar: Print MIS reif fürs Museum?

12. Juli 2013, 10:53 Uhr | Archiv

Nach der Übernahme von Alphagraph und Hiflex durch globale Player und dem nun kürzlich eingestellten Vertrieb letztere Lösung hinterfragt der MIS-Berater Stephan A. Göbeler in seinem Blog den aktuellen Stand von Print-MIS-Lösungen.

Lesen Sie hier den persönlichen Kommentar von Stephan A. Göbeler (printexpert.de):

@Stephan A. Göbeler

Sommer, Sonne, eitel Sonnenschein. Zeit für eine gepflegt Ausfahrt mit dem wohlbehüteten und gepflegten Oldtimer. In technischer Nostalgie schwelgend, vielleicht auch alten Zeiten nachtrauernd. So oder so ähnlich mag es heutzutage auch manchem Druckerei-Inhaber gehen. Noch heute leuchten bei vielen die Augen beim Anblick des altehrwürdigen Tiegels und damit verbundener Erinnerungen. Auch der ein oder andere Anbieter von Druckerei-Branchensoftware mag sich noch freudig an Zeiten erinnern, in denen er mit Stolz behaupten konnte den Buchdruck oder Endlosformulare in seine Kalkulation integriert zu haben. Während ihm heute allerdings die modernen Anforderungen des Digitaldrucks, sowie Web-to-Print Tränen in die Augen treiben.

Oldtimer, Klassiker der automobiltechnischen Entwicklung. MIS Print, Klassiker der softwaretechnischen Entwicklung?

Die strukturelle Entwicklung klassischer Print MIS ging Jahrzehnte einher mit jener klassisch strukturierter Druckereien. Und genauso abhängig sind, besser waren, beide voneinander.

Spätestens seit kurz vor der Drupa 2012 haben sich die Zeiten auch für die MIS-Anbieter geändert. Grundlegend und unumkehrbar. Mit alphagraph und Hiflex wurden zwei klassische und Jahrzehnte etablierte deutsche Branchensoftwareanbieter von Global Playern übernommen. Einmal mehr wurde dabei jüngst das Portfolio eines MIS- und Web-to-Print – Anbieters auf Sicht in den Wartungsmodus versetzt. Ende offen oder Endstation Museum.

Der Strukturwandel ist bei den Branchensoftware-Anbietern angekommen. Vorbei. Vorbei die Zeiten in denen der Buchdruck zu den technischen Errungenschaften der Branche gehörte. Vorbei die Zeiten, in denen Web-To-Print oder eBusiness Print nur noch Optionen sind.
 Natürlich, viele technische Inhalte haben sich seitdem weiterentwickelt. Gut 20 Jahre funktionierte die Abhängigkeit zwischen Softwareanbieter und –anwender in nahezu perfekter und gewollter Symbiose; wenn auch zuweilen einer Köln-Düsseldorf-artigen Hassliebe gleich. Aber immerhin es funktionierte. Innovationen in der klassischen MIS-Entwicklung allerdings, sind und waren in der Regel, um beim Thema Automobil zu bleiben, Katalysatoren oder das Nachrüsten von Einparkhilfen oder Nebelscheinwerfern und auch mal ein Spoiler und neuer Lack für besseres Look-and-Feel. Funktionale Erweiterungen und Verbesserungen, ja. Änderung der eindimensionalen System-Infrastruktur in eine agile und skalierbare? Nein. Änderung der Einstellung zur Entwicklung des eigenen Produktes? Nein.
Wurde also letztlich nicht die Entwicklung von softwaretechnischer und den Markterfordernissen angepasster Infrastruktur fataler Weise vernachlässigt? Vielleicht reicht technische Innovation alleine nicht aus. Vielleicht bedarf es eher einer Revolution der Systeme, um den alten Verbrennungsmotor durch einen zukunftsfähigen Elektromotor zu ersetzen und neue Mobilitätskonzepte und -infrastruktur zu etablieren: Elektromobilität für MI-Systeme. Legte man nämlich die Erkenntnisse der EPOS-Studie von Zipcon Consulting als Maßstab zugrunde, stellte man fest, dass es bereits heute schon eBusiness Print – Systeme (aka „Web-to-Print“-Systeme) gibt, die klassische MIS-Funktionalitäten per se in skalierbare und onlinebasierte elektronische Businessplattformen integrieren.

Fazit


Sind proprietäre, nicht skalierbare und betriebssystemabhängige MI-Systeme in Ihrer Infrastruktur zukunftsfähig, was die Anforderungen an den Printmarkt angeht? Oder gehören diese heute schon zu den „(k)alten Eisen“, die zu schmieden nicht mehr lohnt? Das zu beantworten setzt eine selbstkritische Haltung voraus, die nicht davor zurückschrecken darf die eigene wirtschaftliche Existenz in Frage zu stellen. Denn für die Systeme und deren Anwender geht es um Relevanz, geht es um die zukünftige Bedeutung im Markt. Was sind also die zukünftigen Herausforderungen, denen sich klassische Branchensoftware-Entwickler und auch die Druckereien als Anwender stellen müssen? Um schlussendlich nicht als Klassiker, als Oldtimer zu Nostalgiezwecken immerhin, aber unproduktiv und geschützt vor widrigen Wetterbedingungen ins Museum abgestellt zu werden, während der gute alte Tiegel nach wie vor treu und zuverlässig seine Dienste verrichtet?

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

1 Kommentar

  1. Antworten

    SuG | GF

    19. März 2014

    Sehr interessanter Artikel, der die wahre Herausforderung der Druckbranche versteckt wiederspiegelt. Nachdem Lector nun auch "geschluckt" wurde, setzt sich der Schwund alteingesessener ERP-Anbieter fort.
    Ich selbst habe seit einigen Monaten Multi Press (TRN-Software/NL) auf dem deutschen Markt eingeführt. Die umfassende, modulbasierte Software für kleine und mittelständische Betriebe setzt im Gegensatz zur Konkurrenz auf Standardisierung, Prozessoptimierung und Automatisierung. An diesen Prämissen haben sich die meisten Mitbewerber durch "maßgeschneiderte" Systeme selbst und den einen oder anderen Anwender gleich mit, in den Ruin getrieben.
    Innovativ setzt Multi Press auf schlanke Prozesse und die Anpassung des Anwenders an diese. So bleibt Software bezahlbar und handlebar. Dies beweisen über 5.000 User täglich bereits in Belgien und den Niederlanden.

    Als einziger Anbieter auf dem Markt bietet Multi Press die Abbildung des gesamten Workflows incl. Datenmanagement und Impose an. Wir bieten jedem ernsthaften Interessenten gerne eine Live-Demo vor Ort.

    Harald Sauf (www.sug-solutions.de)


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