German Angst? Wenn Verleger über Google debattieren

24. Juni 2014, 12:44 Uhr | Meinung, Neues

Eigentlich könnte man einen eigenen News-Dienst für all diese Aktivitäten von Google einrichten. Der Internet-Riese ist an so vielen Fronten aktiv, dass es immer schwieriger wird, die Entwicklungen richtig einzuordnen und die Auswirkungen auf einen selber abzuschätzen. Hierzulande steht in der Medienbranche aber momentan mehr der Verlegerstreit mit Google im Vordergrund. Nachdem der Axel-Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner seine „German Angst“ vor Google bekundet hatte, gab es gestern den Aufrüstungsvorschlag für Verleger von Handelsblattgruppe-Chef Gabor Steingart, betitelt mit „Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf“. Das klingt hehr. Aber: Unausgesprochener Unterton ist bei beiden das Anmahnen eines digitalen Erlösmodells (aus Google-Töpfen) für die Inhalte der Verlage, die angeblich Google erst groß gemacht haben. Das ist ein wenig zu viel Nabelschau und Überhöhung der eigenen Bedeutung.
GoogleSearchScream

Denn die Inhalte kommen nicht nur von den Verlagen (genauer den Autorinnen und Autoren), sondern auch aus vielen anderen Quellen. Was die Nachfrage angeht: Versuchen Sie einmal anhand der beliebtesten deutschen Suchbegriffe 2013 herauszufinden, welche traditionellen Verlage, die laut Steingart Google durch die Bereitstellung ihrer Inhalte erst seine Macht verliehen haben, etwas Relevantes dazu beitragen:

  • Wahlomat
  • Immobilien Scout
  • Paul Walker
  • iPhone 5s
  • Dschungelcamp 2013
  • iOS 7
  • Bundestagswahl 2013
  • Promi Big Brother
  • Samsung Galaxy S4
  • AfD

Bundestagswahlen, verblichene und C-Promis sowie Smartphones. Halt, auf Platz 2 haben wir viel Relevanz: Immobilien Scout (24) ist bekanntlich ein Unternehmen der Scout24-Gruppe, die mehrheitlich einem Privat-Equity-Investor gehört. Und Axel Springer macht mit Digital Classified (was waren das in Print damals noch Dukatenesel) mit Immonet und Stellenbörsen hier Scout24 Konkurrenz. Dass die Verlage über die Bundestagswahlen berichten, ist selbstverständlich. Dass kostenpflichtige Inhalte der Verlage – jenseits der Bezahlschranken – via Google gefunden werden können, ist nicht ganz so selbstverständlich. Aber genau das fordert Steingart ein. Die Suchmaschine findet den Artikel, dessen Vorspann liefert die Artikelbeschreibung, und dann wird bezahlt. Anschließend wird sich mit der Film- und Musikindustrie verglichen, in Verkennung dessen, dass hier Plattformen von Internet-Größen wie Apple, Netflix oder eben Google/Youtube den Netzwelt-Ton angeben.

In seiner eigenen Risikobewertung führt Google als Risiko für sein zutiefst materialistisches Geschäftsmodell den Datenschutz in verschiedenen Nationen an. In Ermangelung der Erwähnung des Wörtchens „Urheberrecht“ in Googles Risikobewertung muss dann eben der Datenschutz für Steingarts Argumentation herhalten. Mit Verlaub, das erinnert mich an den Ausspruch „Was kümmert es die Eiche, wenn sich das Borstenvieh dran wetzt.“ Die Verleger sollten die Macht des Faktischen doch bitte mal ein wenig mehr zur Kenntnis nehmen: Unter den 100 Websites mit den meisten Besuchern landen erst auf Platz 60 und 61 zwei klassische Medienunternehmen westlichen Zuschnitts – und beide (BBC und CNN) sind keine Print-Verlage. Für mich steht fest: Es gibt keine Abbildung der heutigen Offline-Geschäftsmodelle von Print-Verlagen in das Internet.

Und in dieser Google-Debatte unausgesprochen bleibt auch, was die Verlage meiner Meinung nach noch mehr stört als die Internet-Preisgabe ihrer Inhalte: Sie haben nicht viel Anteil am Online-Werbemarkt. Im Internet gibt Google tatsächlich den Ton an, kontrolliert dort nach Schätzungen des Magazins Werben & Verkaufen (W&V) bereits 65 Prozent des Kuchens und wird nächstes Jahr mit Sicherheit einen noch größeren Anteil halten. Das ist Googles Dukatenesel. Gäbe es eine wirksamere internationale Kartellaufsicht, wäre dies so nicht möglich. In Deutschland dürfte Google das Medienunternehmen mit dem größten Umsatz sein. W&V schätzt den mit 2,65 Milliarden Euro auf 13 Prozent im Gesamtwerbemarkt. Zum Vergleich: Der komplette Print-Werbeumsatz liegt bei etwa 40 Prozent des Gesamtwerbemarkts.

Zipperkopf_Abschätzend
Google rückt uns sprichwörtlich weiter auf die Pelle. Das hat viel mehr Relevanz als diese Inhalte-Debatte.
– Bernd Zipper

Derweil macht Google weiter sein Ding. Aktuell geht es da beispielsweise um Unterseekabel, in die Google erneut investieren will. Der private Ausbau der Internet-Infrastruktur wird zunehmen, auch weil die Geschäftsmodelle der Big Player mehr Traffic erzeugen. Das Google in alle Lebensbereiche der vernetzen Konsumenten vordringen will, machte ja bereits der Zukauf von Nest Labs deutlich. Nun stellt sich heraus, was ja zu erwarten war: Daten aus dem Connected Home werden über die Nest-Sensoren nun doch an Google weitergegeben, wenn die Thermostat-Sensoren, Rauchmelder und zukünftig auch Dinge wie Garagenöffner ihre Informationen über den Status des Besitzers vermelden. Vor wenigen Tagen erst hat Google-Tochter Nest Labs nun auch den Überwachungskamera-Anbieter Dropcam gekauft – bis auch solche Daten von Google erfasst werden, ist nur eine Frage der Zeit. Im Bereich der Wearables ist Google mit Glass bereits länger im Gespräch, jetzt kommt die Datenbrille auch nach Europa. Das nächste Ding bei den Wearables ist der Gesundheitsbereich, bei dem auch Google mit Software mitmischen will.

Ab morgen findet die nächste Google I/O statt, die jährliche Entwicklermesse, auf der Google höchstwahrscheinlich seine Smartwatch samt Am-Körper-Betriebssystem Android Wear vorstellen wird. Google rückt uns sprichwörtlich weiter auf die Pelle. Die gesellschaftliche Relevanz all dieser Aktivitäten ist viel umfassender als Werbekuchenanteile und schlecht funktionierendes Online-Publikationsgeschäft. Das sollten die Verlage viel mehr debattieren – am besten in Print.

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