Grafiker: Jetzt bitte aufschreien. Drag-and-drop Design aus Downunder

10. Juli 2014, 16:39 Uhr | Hot/Flop, Meinung, Neues, Technik

Es ist eine richtige Herausforderung, grafisch nicht geschulten Anwendern das Gestalten von Web- und Print-Layouts mit einfach beherrschbaren Tools anzubieten. Wenn dann ein ganzes Geschäftsmodell darauf basiert, dass dabei die selbst entworfenen Designs den Anwendern auch noch gefallen, sollte man auf solche Tools einige Mühe verwenden. Ein australischer Startup namens Canva will so ein Versprechen mit Design Templates einlösen. Erst kürzlich stieg der frühere Apple-Chef-Evangelist Guy Kawasaki in gleicher Rolle bei Canva ein – als Aushängeschild und als Investor. Wenn schon Guy Kawasaki so überzeugt von der Geschäftsidee von Canva ist, denke ich mir, lohnt ein genauerer Blick auf diesen Online-Grafikservice „für Dummies“.

Editor-Oberfläche von Canva

Editor-Oberfläche von Canva

Canva kennt zwei Nutzerkreise: Auf der einen Seite sind die Anwender, die aus hunderttausenden von Grafikelementen und Fotografien per Drag-and-drop Elemente auswählen und auf vorgegebenen und eigenen Layouts „zusammenschieben“ und mit Texten versehen können. Auf der anderen Seite stehen die Inhaltelieferanten, Grafiker und Fotografen, die wie bei Micro Stock Agenturen bei Canva ihre Werke hochladen können und bei Verwendung ihres Materials an den Mikroverkäufen von Canva mit 35% je Verkauf partizipieren. Ein wichtiger Punkt dabei sind Designs, was beispielsweise Onlinedruckereien als „Templating“ kennen. Auch hier können Profi-Designer an von ihnen bereitgestellten Design Templates mitverdienen.

Man darf die Gestaltungsmöglichkeiten des Online-Editors von Canva nicht aus der Sicht eines Profi-Layouters betrachten. Eine einfache Beherrschbarkeit des Gestaltungsprozesses steht im Vordergrund; Finessen wie eine Schriftspationierung oder Umbruchfunktionen, Auflösungswarnung bei Pixelbilddateien, exaktes Objektpositionieren und so fort interessieren Laien erst einmal nicht. Auch bei der Ausgabe des fertigen Werks gibt es nur zwei Optionen: Web oder PDF. (Letzteres soll druckfähig sein, hat aber momentan häufig Schriftfehler und andere Aussetzer.)

Designs werden je nach gewünschter Publikationsform bereitgestellt.

Designs werden je nach gewünschter Publikationsform bereitgestellt.

Die Akzeptanz von Canva bei den Anwendern steht und fällt mit einer möglichst geringen Eintrittshürde und einer guten User Experience. Augenscheinlich hat Canva beides ausführlich getestet (zum Beispiel über Usertesting.com) und variiert. Ich möchte zunächst einmal betrachten, wie Canva seine potentiellen Anwender erreicht und an Bord hält:

Freemium-Angebot
Die Nutzung ist zwar registrierungspflichtig (über Social-Media-Accounts oder per E-Mail), aber man kann sofort loslegen und dabei kostenfrei angebotene Gestaltungselemente nutzen. Darüber hinaus kann man den Online-Service auch mit eigenem Material kostenfrei nutzen.

Leichter Einstieg
Erstbesucher erfahren in einem kurzen Video und in einem 5-Schritte-Miniworkshop die Funktionsweise des Drag-and-drop Designs von Canvas. Fortgeschrittene Funktionen wie Objekttransparenzen erschließen sich dem Anwender erst später. Zur Vertiefung gibt es etliche Design-Tutorials wie dieses zum Erstellen einer Blog-Grafik. Viele Tutorials finden sich auch auf dem Youtube-Kanal von Canva.

Social-Media-Integration
An mehreren Punkten lässt sich festmachen, dass Nutzer aus den sozialen Netzwerken abgeholt werden sollen. Da wäre der bereits erwähnte Login über Social-Media-accounts, die ausführliche Pflege der eigenen Social-Media-Kanäle und das optionale Teilen der eigenen Kreationen in sozialen Netzen direkt aus der Editoroberfläche (was andere potentielle Nutzer wiederum zu Canva führt). Viele der Publikationsformen des Online-Editors wenden sich an das Bedürfnis der Anwender, Elemente ihrer eigenen Social-Media-Präsenzen wie etwa ein Facebook-Titelbild selber zu gestalten. Lars Rasmussen (Facebook Director of Engineering, davor Mitentwickler Google Maps) hat der Firma bei der Professionalisierung der Entwicklung geholfen. Und schließlich Guy Kawasaki himself: Der Mann ist ein Social-Media-Megafon und hat alleine auf Twitter 1,4 Millionen Follower.

An der User Experience hat Canva bereits enorm geschraubt und ist weiter dabei, die Anwendererfahrung zu verbessern. Das umfasst einerseits die technischen Prozesse etwa bei Upload, Rendern und Ausliefern. Wichtiger ist allerdings, sich alle möglichen Interaktionen des Anwenders vorzunehmen und die entsprechenden Berührungspunkte ständig auf Intuitivität zu trimmen. Darauf verwenden die Entwickler von Canva sehr viel Zeit und das ist wohl auch ein Grund dafür, warum das Canva-Logo zehn Monate nach dem Launch immer noch mit „Beta“ gekennzeichnet ist.

Die Ausgabeoptionen von Canva sind sehr überschaubar.

Die Ausgabeoptionen von Canva sind sehr überschaubar.

Kommt es nun zum Einsatz kostenpflichtiger Inhalte, verlangt Canva beim Veröffentlichen des Materials einen US-Dollar je kostenpflichtigem Element, was laut Canva-Gründerin und CEO Melanie Perkins auch die Obergrenze bleiben soll. Vereinbart wird dabei eine One-time-use-Lizenz, bei der das kostenpflichtige Element nur einmalig in dem fixen Design, das man auf Canva erzeugt hat, verwendet werden kann. Sind Fehlerkorrekturen nötig, kann dies noch bis zu 24 Stunden nach Erwerb erfolgen. Etwas arg knapp sind meiner Ansicht nach die Zahlungsmöglichkeiten. Momentan gibt es als Zahlart nur die Kreditkarte.

Was eine Internationalisierung betrifft, bleibt das grundsätzliche Problem der landes- und sprachtypischen Visuals und Textvorgaben. Die auf Canva vorhandenen Stockfotos, Grafiken und Designs sprechen viele internationale Anwenderkreise nicht an. Das ist ein Problem auch bei anderen Geschäftsmodellen mit Templating wie beispielsweise von der irischen Firma Tweak oder Angeboten wie dem Druckvorlagen-Marktplatz 99designs.

Meine Einschätzung der weiteren Entwicklung von Canva beinhaltet, dass neben der jetzigen Konsumenten-Zielgruppe auch KMU-Geschäftskunden ins Visier genommen werden. Ein Hinweis darauf sind die bereits vorhandenen Publikationsvorlagen für Geschäftsausstattung und Präsentation. Außerdem plant Canva die Einführung von vier weiteren Lizenzmodellen, die für das B2B-Geschäft nötig sind. Zunächst aber wird Canva mit Vorrang daran arbeiten, seine Anwenderbasis zu vergrößern. Die jetzt bereits registrierten 500 000 Nutzer sind bei weitem nicht alle aktiv und noch weniger sind zahlende Kunden. Print-Ausgabe spielt meiner Ansicht nach bei Canva noch eine untergeordnete Rolle, es wird wohl noch auf längere Zeit beim einfachen Ausspielen der PDFs bleiben.

Über den Autor

3 Kommentare

  1. Antworten

    […] reported on the Australian start-up, Canva, just over a year ago. On this platform registered users, who […]

  2. Antworten

    […] Autor: Bernd Zipper, Artikel aus beyond-print.de […]

  3. Antworten

    Andreas Vorbau

    10. Juli 2014

    Unternehmer jetzt bitte Aufschreien!

    Canva ist in jeder Beziehung ein Vorbild für alle die Ihren Kunden grafische Editoren im B2C Bereich anbieten möchten:

    Man nehme:
    Moderne Bilder und Grafiken
    Perfekte UX,
    Objektbasierte statt templatebasierte Technologie.
    Crossmediale Ansätze
    Schöne Gründergeschichte
    Gutes Storytelling.

    Man nehme nicht:
    Affiliate
    AdWords

    Ergebnis:
    500000 Nutzer 45.000 Likes bei FB 15.000 Follower bei T
    Laut SimilarWeb 10,6 Millionen Visits im Juni (und damit 4 Millionen mehr als der größte Printproduktonlineeditor für KMU und Privatkunden.)

    Und dies alles seit Dezember 2012 mit noch nicht einmal 30 Leuten....
    Ich kennen eine Menge Leute die bei solchen Zahlen wirklich mal aufschreien sollten, dass sind aber samt und sonders keine Designer.

    Und ja ,die Typografie ist noch nicht perfekt. Aber ich kenne auch große Printproduktonlineeditoren bei denen sicherlich auch noch ein wenig Luft nach oben ist.......


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