Markteintritt: US-Onlinedrucker Mimeo startet deutschen Cloud Printing Shop und deutsche Produktion

15. Oktober 2014, 16:08 Uhr | Archiv

Die US-Größe im E-Business Print Mimeo setzt sein Konzept nun auch in Good Old Europe um. Nach der Übernahme der Berliner Koebcke GmbH, die Ende 2013 als Teil der strauchelnden Service Point Solutions S.A. in Insolvenz gegangen war, ist das an erster Stelle eine gute Nachricht für die Mitarbeiter, denn alle 110 Arbeitsplätze bleiben erhalten. Der Berliner Standort wird die Druckproduktion für die Mimeo-Marke übernehmen, aber auch weiter für Bestandskunden arbeiten. Spannend finde ich jedoch die Frage, wie gut der Markt das Geschäftsmodell von Mimeo annimmt – denn es hat eine Besonderheit, die insbesondere für Geschäftskunden interessant ist.

(Abb.: Mimeo)

(Abb.: Mimeo)

Wie ich bereits Ende Juli hier berichtete, zeichnete sich dieser Schritt schon länger ab. Erst gestern firmierte die ehemalige Koebcke GmbH, dann Mimeo.com Europe GmbH, im Handelregister in den neuen Namen Mimeo GmbH um und nun ist auch der deutsche Onlineshop mimeo.de online. Der deutsche Mitbewerb dürfte nun aufhorchen und genau hinsehen, wie sich Mimeo hierzulande entwickeln wird. Mit über 100 Mitarbeitern in Berlin ist der Produktionsstandort von der Kapazität nicht zu verachten und verfügt bereits über eine eingespielte Logistik und viel Erfahrung im Print-on-demand und Web-Fulfillment. Als Geschäftsführer sind Jamie Wardley, der das Europa-Geschäft leitet, sowie der Mimeo-Vize für Finanzen und strategische Planung Oliver Doughtie eingesetzt.

Die Geschicke der Firma scheinen also vorwiegend aus Großbritannien mit Planungs-Backup aus den USA gelenkt zu werden, zumindest momentan. Nach meinen Erfahrungen ticken die europäischen nationalen Märkte alle etwas anders, was angloamerikanische Manager mitunter nicht so auf dem Radar haben. Der Shop jedenfalls weist starke Überschneidungen mit den US- und UK-Shops auf. Funktional sind im deutschen Shop die selben Bausteine wie im US- und UK-Shop, allerdings momentan nur als Teilmenge deren Funktionsumfangs.

Augenfällig ist zum einen die Kernaussage „Online gedruckt. Über Nacht geliefert.“ Und darunter sieht es erst einmal aus wie in einem normalen Onlinedruckshop für Geschäftsdrucksachen. Ganz so ist es jedoch nicht, denn die Firma hat ein Cloud Printing Konzept. Zunächst kann man (nur nach Registrierung) ähnlich wie bei anderen Angeboten einen PDF-Upload seiner Dokumente vornehmen – dazu muss man sich noch nicht auf ein Druckprodukt festlegen. Der PDF-Upload landet hingegen zuerst in einem Archiv in der Cloud, aus dem man das Dokument später einem Druckprodukt wie Broschüre, Ringheftung, Flyer zuordnen kann. Online blätterbar sind die Dokumente als Vorschau auch noch.

Was nun aber Mimeo von üblichen Onlinedruckshops unterscheidet, ist der Mimeo Marketplace. Hier können Kunden, Mitarbeiter oder externe Partner (wie etwa Franchise-Nehmer) des Mimeo-Anwenders nach Bedarf (on demand) Druckaufträge selber ordern. Das findet dann in einer vom Mimeo-Kunden gebrandeten, eigenen Web-Oberfläche samt Zahlungsfunktionen statt. Die Druckdokumente sind dabei auch noch individualisierbar, sofern variable Felder für Texte und Bilder vorgegeben wurden. Wer will, kann seinen Mimeo Marketplace Shop auch als Content Management System verwenden und seine Dokumente aktuell halten. Neben der Print-on-demand-Funktion sind auch noch andere Dokumentarten über den Marketplace ausspielbar, beispielsweise Videos oder Office-Dokumente.


Das Geschäftsmodell von Mimeo hat hierzulande in dieser Ausrichtung und Breite keinen ebenbürtigen Mitbewerber. – Bernd Zipper

Mimeo wendet sich erkennbar an die Geschäftswelt direkt, Grafiker und Agenturen werden mit dieser On-demand-Plattform kaum etwas anfangen können (außer etwa für ihre Geschäftskunden „offline“ das Design beisteuern). Da Mimeo international, zunächst in Deutschland, Großbritannien und den USA, das Fulfillment der Druckabwicklung übernimmt, können ortsunabhängig fast weltweit kurze Lieferzeiten eingehalten werden – in den drei genannten Ländern mit Next-Day-Delivery. Dafür sind die Produktarten aber auch stark standardisiert, um sie an den Produktionsstandorten in Memphis, Newark, Huntingdon/UK und Berlin gleichermaßen drucken zu können. Im Digitaldruckgeschäft ist Mimeo jedenfalls eine der großen Nummern weltweit. Nach meiner Zählung sind heute über 700 Mitarbeiter beschäftigt; der Umsatz lag 2013 bei etwa 105 Millionen Euro, und die jährlichen Wachstumsraten erreichten zuletzt um die 25 Prozent.

Nun soll der deutsche Produktionsstandort als Hub ausgebaut werden, um in Zukunft auch andere kontinentaleuropäische Länder zu bedienen. Es wird also weiter skaliert. Der technisch aus den USA gesteuerte deutsche Shop ist Stand heute „nur“ mit den Hauptfunktionen ausgestattet. Aber auch das lässt sich deutlich ausbauen, wenn man mal einen Blick auf die Funktionalitäten des US-Shops wirft. Da gibt es vom Druckertreiber für Office-Programme, die direkt in die Cloud „drucken“, bis hin zu Distributionspaketen mit Print-, Online-, Büromaterial und Merchandise-Produkten vieles, womit sich auch der Shop für deutsche Kunden ausbauen ließe.

Dieses Geschäftsmodell aus Cloud Printing, Print-on-demand, Web-to-print, indirekter Auftragsgenerierung und verteilter Logistik mit klarem Produkt- und Kundenfokus hat meiner Ansicht nach in Deutschland in dieser Breite keinen ebenbürtigen Mitbewerber. Dabei war schon länger absehbar, dass Mimeo auch nach Deutschland kommt, und zwar spätestens seitdem die Firma in Großbritannien im Mai 2011 die CLT Ltd übernahm. Aus den damals 65 britischen Mitarbeitern sind bis heute rund 200 Mitarbeiter geworden. Ich meine, das signalisiert gute Aussichten für das ehemalige Koebcke-Team nach den letzten schwierigen Jahren.

Und wenn die Mimeo-Entscheider jetzt nicht alles falsch machen – so etwas haben die Internationalisierer von US-amerikanischen Online-Verkaufsmodellen in der Vergangenheit immer wieder bewiesen – dann kann Mimeo.de richtig durchstarten. Schauen wir mal.

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