Mass customization aus anderen Branchen: Blaupause für Onlinedrucker?

16. Oktober 2014, 16:10 Uhr | Hot/Flop, Meinung, Neues

Druckdienstleister in den deutschsprachigen Ländern wagen sich beim Thema E-Business Print viel zu wenig an das Thema Mass Customization. Die meisten Onlineprintshops bleiben beim guten alten Datenuploader, nicht ganz so viele haben einen Online-Editor zu bieten. In beiden Fällen ist das bei potentiellen Anwendungen für Konsumenten weit weg von ideal. Im B2C wollen die Kunden Produkte einfach, ohne Lernaufwand und mit sofortigem visuellen Feedback konfigurieren können.

Ansicht eines selbst konfigurierten Bikes auf dem Groß-Display bei Rose Biketown München. (Abb.: Rose)

Ansicht eines selbst konfigurierten Bikes auf dem Groß-Display bei Rose Biketown München. (Abb.: Rose)

Selbst die großen Onlinedruckereien lassen so manche Chancen durch Mass Customization liegen. Teilweise sind da andere Branchen schon weiter. So bietet der Fahrradversand Rose in seinem vor wenigen Tagen eröffneten Konzept-Store namens „Biketown München“ die Konfigurierung individueller Fahrräder an rund 20 Tablet-PCs an. Kunden können so ihr eigenes Bike „gestalten“, anstatt eines von der Stange zu kaufen. Das nach den eigenen Vorstellungen konfigurierte Bike wird anschließend im Rose-Werk konfektioniert und versandt. Zur Not steht für Fachauskünfte auch ein Berater im Store zur Seite. Am POS dürften Kunden dabei weniger unsicher sein als bei einer Individualisierung mit dem Online Konfigurator im Online-Shop von Rose. So etwas halte ich auch für bestimmte Druckprodukte, beispielsweise im Bereich Souvenirs und Fotogeschenke, denkbar – meinetwegen auch für Visitenkarten, wenn Ihnen das als erstes einfallen sollte. Einige Onlinedruckereien haben ja schon selber Stores eröffnet.

Mein zweites aktuelles Beispiel kommt aus der Textilbranche und dem Textildruck. Es dürfte möglicherweise dem einen oder anderen bekannt sein, denn Spreadshirt ist eine bekannte Größe im E-Commerce. Aktuell bemüht sich der T-Shirt-Bedrucker aus Leipzig wieder darum, den Reseller-Vertrieb weiter anzukurbeln. Neben dem direkten Endgeschäft im eigenen Onlineshop ist Spreadshirt nämlich vor allem durch sein B2B-Wiederverkäufer-Konzept mit eigenen Reseller-Shops groß geworden. Etliche tausend Shops existieren bereits, davon dürften meiner Ansicht nach jedoch eine große Zahl schon wieder brach liegen, vor allem solche von Privatpersonen. Erst letzten Monat hatte der On-Demand-Drucker, der auch Merchandising-Artikel anbietet, dazu im TV Werbespots geschaltet. An Spreadshirts finde ich vor allem beachtlich, wie einfach die Reseller-Shops in bestehende Websites einzubinden sind. Mit ein wenig mehr Aufwand ließe sich ein Reseller-Bereich auch in andere Onlineshops einbinden. Für kleinere Onlinedruckshops wäre das eine Möglichkeit, ihr Sortiment zu erweitern – ohne Lagerkosten und ohne Investitionen. Dass Spreadshirt nicht schon längst selber auf diese Idee gekommen ist, wundert mich ein wenig. Aber, so zeigen meine jüngsten Erfahrungen mit Umtausch und „Service“, der Erfolg macht den T-Shirt-Primus aus Leipzig wohl etwas spröde und träge.

Vertikaler Markt für Druckprodukte: WC-Sitz (Abb.: dosenfrisch Kreativvertrieb UG)

Vertikaler Markt für Druckprodukte: WC-Sitz (Abb.: dosenfrisch Kreativvertrieb UG)

Womit ich abschließend zu einem wahren Mass Customization Druckprodukt komme, das es in jedem Haushalt gibt. Es handelt sich – jetzt bitte ernst bleiben – um den Klodeckel. Der hat sich bereits zu einer eigenen Kategorie des Mass Customization entwickelt, gleich mehrere Anbieter sind hier mit Shops online. Ein Beispiel hierfür ist wc-gestalten.de; bei diesem Shop kann man eigene Bildmotive hochladen, Klodeckelsprüche erfinden oder auch aus vorgegebenen Motiven wählen. Bei letzterem ist übrigens der Microstock-Bilderdienst Fotolia via API eingebunden. Im Auftragsfall erfolgen der Foliendruck, das Aufziehen auf den WC-Deckel und der Versand. Ich führe dieses Beispiel vor allem deswegen an, weil es so exemplarisch zeigt, dass vertikale Märkte für Druckprodukte vorhanden sind, die die meisten Druckdienstleister gar nicht wahrnehmen. Selbst wenn sie täglich, vielleicht sogar erfolgreich, darauf sitzen.

Über den Autor

3 Kommentare

  1. Antworten

    Ulrich Smets

    5. November 2014

    Lieber Herr Zipper,
    waren nicht das trationelle Druckhandwerk, insbesondere die klassischen Akzidenzdruckereien, ein Vorreiter für das "Analoge Mass Customization", weit bevor es Internet gab? Eine Druckerei hat, wenn sie es konnte, genau die Produkte so gedruckt, wie es der Kunde wollte, nur halt nicht mittels einer Internet-App generiert sondern mit enem Verkäufer oder Sachbearbeiter aus Fleisch und Blut geplant. Von diesen Betrieben gibt es (noch) ein paar am Markt. Und da können doch alle Kunden hingehen, die Mass Customization bei den Onlinedruckereien vermissen, oder? ;-)
    Beste Grüße aus der Gutenberg-Heimatstadt
    U. Smets

    • Antworten

      Bernd Zipper

      5. November 2014

      Lieber Herr Smets,
      Kundenindividuell („customization“) und in Vervielfältigung („mass“) haben die Druckereien selbstverständlich schon lange gearbeitet. Das hat der Tischler, der vier baugleiche Stühle nach Kundenwunsch schreinerte, auch. Nur ist Mass Customization heutzutage eng mit dem Internet – als Vertriebsweg und Plattform des Selbst-Individualisierens – verknüpft. Es hilft leider nicht, sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, man habe das „offline“ schon immer so gemacht und dann als Offline-Druckerei zu klagen, anstatt neue Modelle – wie 24h-Stunden-Service, Portfolio-übergreifende Kombinationen aus Druck und Handel oder einfach einen Webshop oder irgendeine andere digitale Vertriebsplattform anzubieten. Diejenigen, die jetzt schon damit im Netz unterwegs sind (weil da eben auch viele Kunden sind), nehmen dieses Modell zunehmend an. Es wäre schön, wenn klassische Druckereien sich auch über dieses Modell mit digitalem Vertriebsweg Gedanken machen würden. Dafür schreibe ich das hier ja :-)

      • Antworten

        Ulrich Smets

        5. November 2014

        Hallo Herr Zipper,
        vielen Dank für die promte Antwort. Bitte entschuldigen Sie, dass ich die Ironie in meinem Kommentar wohl doch zu sehr versteckt habe. Natürlich haben Sie vollkommen recht mit Ihrer Meinung. Natürlich ist das Mass Costumization über das Internet nicht mit dem vergleichbar, wie Druckereien vor dem Internet gearbeitet haben. Und natürlich sollten sich die Geschäftsführungen klassicher Druckereien darüber intensiv Gedanken machen.

        Nur einige Druckereien haben in den letzten Jahren mühsam gelernt, möglichst standardisiert und automatisiert zu arbeiten. Und sie habe gelernt, dass die Kunden die seit Jahrzehnten angebotene Individualität eigentlich gar nicht bezahlen wollen. Sie sind so ins Internet gegangen, haben Prozesse optimiert - nur um nun zu lesen, das alles "wieder zurück" geht und doch wieder individualisiert werden soll. Und dieser Umstand alleine birgt schon von sich aus sehr viel Ironie! Oder?
        Beste Grüße
        U. Smets


Was meinen Sie zu diesem Thema?

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Schreibe einen Kommentar

* Pflichtangaben; Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
 

Copyright

Copyright 2015 Bernd Zipper, zipcon consulting GmbH

Archiv