Heiße Luft und kalter Entzug: Das Geeiere der VG Media beim Leistungsschutzrecht

23. Oktober 2014, 14:50 Uhr | Hintergrund, Hot/Flop, Meinung, Neues

Heute hat die VG Media klein bei gegeben, die Umsetzung des Leistungsschutzrechtes wird bei Google bis auf Weiteres nicht erfolgen. Der Suchmaschinenriese wird weiterhin mehr anzeigen als nur Überschriften. Scheinbar großzügig erteilt die VG Media Google dafür eine widerrufliche „Gratiseinwilligung“ zur Nutzung von kurzen Werbetexten für die Artikel der von ihr vertretenen Verlage. Der entschlossene Schlingerkurs der beteiligten Verleger bringt Bernd Zipper dennoch auf die Palme. Dem Thema angemessen, gibt Zipper dazu ein Selbstinterview.

(Abb.: wikicommons, cc)

beyond-print, bp (Zipper-Alias): Herr Zipper, warum so übellaunig an einem so schönen Herbsttag? Ok, der Himmel ist grau, aber es regnet doch nicht.

Zipper: Ich musste heute an ein kleines Mädchen denken, das sich in einem Satz darüber beklagte, ihre Suppe sei zu heiß und zu kalt.

bp: Aha. Ich bin nicht wirklich schlauer.

Zipper: Die Suppe haben sich die VG Media und ihre Verlage eingebrockt. Mit ihrem (holt Luft) Leistungsschutzrecht für Presseverleger. In ein Gesetz gegossen durch Lobbyarbeit vom Feinsten.

bp: Ach das. Ist doch eigentlich gut und schützt die Presseleistung vor unentgeltlicher Nutzung im Internet. Sonst kriegen die Autoren doch bald gar nichts mehr.

Zipper: Wer redet denn von den Autoren?! (1)

bp: Was ist denn nun Sache?

Zipper: Also, das Leistungsschutzrecht, das ist eigentlich ein Google-Gesetz oder Suchmaschinen-Gesetz für Verleger. Die haben gerne Geschäftsmodelle, bei denen die Verlegerfamiliendynastien sich wie gewohnt nicht um ihre Geldquellen kümmern müssen und sich in aller Ruhe ihren Erbstreitigkeiten widmen können. Beim Google-Gesetz sollte das so funktionieren: Liebes Google, Du darfst, nein, Du sollst auf die durch mich verlegten Artikel hinweisen, damit sie im Internet auch gefunden werden. Dafür verlangen wir eine Gebühr von xx Euro von Dir. Umsonst darfst Du in Suchergebnissen nur einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte nutzen.

bp: Wow! Das funktioniert? Und Du, Zipper, bist jetzt so sauer, weil Dir das nicht selber eingefallen ist?

Zipper: Mir eingefallen? Mein Ruf wäre ruiniert.

bp: Es funktioniert also nicht?

Zipper: Nein. Und seit heute gibt es Waffenstillstand, wie es die Verleger bezeichnen. (2) Erst haben die VG-Media-Verlage gesagt: „Wer nutzen will, muss fragen.“ Gemeint haben sie: Wer nutzen will, muss zahlen. Und dann ins Spiel gebracht, dass Google; Bing und Co. die kostenpflichtigen Kurzhinweise nutzen müssen, weil ja sonst zumindest Google seine Marktmacht missbrauchen würde. Kurz: Google muss nutzen und zahlen. Womit zahlen wir unseren Praktikanten, die die Snippets, diese 156-Zeichen-Werbetexte für unsere Artikel schreiben, sonst denn die Fahrkarte?

bp: Das nennt man doch Erpr...

Zipper: (fällt ins Wort) Halt, Halt. Das Wort, das Du aussprechen wolltest, darf nur die VG Media anführen, gegen Google. (3) Die VG-Media-Schlagkraft zeigte Wirkung, die Verlage haben die Durchsetzung ihres Leistungsschutzrechts erkämpft. Erst stellten kleinere Suchmaschinen wie bei Web.de das Auflisten von VG-Media-Artikeln in ihren Suchergebnissen komplett ein und dann kündigte Anfang Oktober auch Google an, keine Snippets und keine Thumbnails mehr in den Suchergebnissen anzuzeigen (4). Also nur noch die Headline. Immerhin gelistet, aber die VG-Media-Verlage dürfen dafür leider nicht zur Kasse bitten. Der Schuss ging nach hinten los.


Hoch gepokert und verloren: Diese Umsetzung ihres Leistungsschutzgesetzes wollten die Verleger der VG Media dann doch nicht sehen.
– Bernd Zipper

bp: Aber das Gesetz…

Zipper: …ist von Google konsequent umgesetzt worden. Eine Totalauslistung bei Google wäre eine kartellrechtlich relevante Diskriminierung der VG-Media-Verlage. Die Beschränkung auf die Überschriften in den Suchergebnissen hat damit aber nichts zu tun. Und drittens lässt sich aus dem Kartellrecht keine Verpflichtung ableiten, Textausschnitte entgeltlich erwerben zu müssen. Sagt das Kartellamt. (5) Jetzt steht die VG Media da und jammert, so haben wir das nicht gewollt. Da kommt Google also nicht an und fragt und lässt sich brav zur Kasse bitten. Und hält sich dabei an das von der VG Media lancierte Leistungsschutzrecht. Woraufhin die VG-Media-Verleger sich plötzlich – durch die Umsetzung ihres eigenen Leistungsschutzgesetzes – „einem erheblichen wirtschaftlichen Druck“ ausgesetzt sehen. Geht´s noch?

bp: Die Suppe ist jetzt gleichzeitig heiß und kalt.

Zipper: Das Geeiere der VG Media lässt sich damit gleichsetzen. Jetzt darf Google Snippets und Thumbnails erst einmal unentgeltlich weiter einsetzen. Der eigentlich für heute anstehende kalte Entzug findet nicht statt und das Leistungsschutzrecht entpuppt sich als heiße Luft, weil die VG-Media-Verleger sich an ihrer Umsetzung nicht die Finger verbrennen wollen.

bp: Na denn. Der Zwischenstand heißt nun „Viel Lärm um Nichts.“

Zipper: Es reicht, Stand heute, noch nicht einmal zu einem Pyrrhussieg – zum Glück für die gesamte deutsche Internetwirtschaft und speziell die Medienbranche. Der globale Imageschaden für deutsche Verlage ist aber nicht mehr zu beheben, und das macht mich sauer, weil dieses Image sich auch auf andere im deutschen E-Business auswirkt. Da hat jemand versucht, denjenigen abzukassieren, der ihnen die meisten Online-Leser ankarrt. Crazy Germans.

  • (1) Eine Novellierung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger wurde bei der Billigung selbigen durch den Bundesrat angemahnt. Die Novellierung soll die Interessen der Urheber besser wahren.
  • (2) Pressemitteilung der VG Media vom 23.10.2014, PDF-Link
  • (3) „Google erpresst Rechteinhaber“, Titel der Pressemitteilung der VG Media vom 01.10.2014
  • (4) Ankündigung im Google Produkt-Blog vom 01.10.2014
  • (5) Reuters-Meldung vom 02.10.2014

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