Exklusivinterview mit Vistaprint-CEO Robert Keane: Onlinedruckriese wird Cimpress, startet mit weltgrößter Plattform für Mass Customization, Marke Vistaprint bleibt

17. November 2014, 13:05 Uhr | Hintergrund, Hot/Flop, Meinung, Neues, Technik

Cimpress, so lautet der neue Name des Unternehmens Vistaprint. Mitbewerber im Onlinedruck werden den Schritt aufmerksam registrieren, denn hinter einer Umbenennung eines so großen Tankers steht gewöhnlich mehr. So auch bei Vistaprint/Cimpress. Der als Onlinedrucker bekannte Konzern will seine Position als Mass Customization Keyplayer ausbauen. Die Drucksparte bleibt erhalten und soll wachsen. Doch grundsätzlich ist Cimpress keine Onlinedruckerei mehr. Im Exklusivinterview mit Bernd Zipper erläutert Robert Keane, Gründer und CEO von Vistaprint, jetzt Cimpress, die neue Unternehmensausrichtung.

 

Robert Keane, CEO von Cimpress N.V. (vormals Vistaprint N.V.), im Gespräch mit Bernd Zipper (links).

Robert Keane (rechts), CEO von Cimpress N.V. (vormals Vistaprint N.V.), im Gespräch mit Bernd Zipper (links).

Bernd Zipper: Nach 20 Jahren in der Online-Druckindustrie gibt es nun interessante Nachrichten von Vistaprint. Das Unternehmen benennt sich um in Cimpress. Was ist der Grund für den Namenswechsel und die Neuausrichtung?

Robert Keane: An erster Stelle stellt der Name Cimpress die nächsten 20 Jahre der Firmengeschichte dar. Seit 1989 hat mich alles, was mit Desktop Publishing und integrierten Grafikdesign zu tun hat, fasziniert. Und 1994 gründete ich das Unternehmen, das 1998 zu Vistaprint wurde. Kapitel Zwei waren die vierzehn Jahre, in denen wir unglaublich schnell gewachsen sind. Was uns zum weltgrößten Player bei Mass Customization machte. So stark die Schritte Eins und Zwei auch waren, denke ich, dass sie aus der Zukunft betrachtet wie das Warmlaufen für ein Fußballspiel aussehen werden. Und das richtige Spiel geht jetzt los. Wir haben uns entschieden, den Namen in Cimpress zu ändern, um jeden in unserer Organisation auf Kapitel Drei, unsere Zukunft, einzustellen. Der Namenswechsel zu Cimpress verdeutlicht die Unterscheidung zwischen einerseits der Firmeneinheit und ihrer Technologie für Mass Customization Plattform, und zum anderen dem wachsenden Portfolio an Marken, die sich an die Kunden wenden. Außerdem hatten wir den Eindruck, dass es wichtig ist, unsere so groß gewordene Organisation, die heute 5300 Mitarbeiter umfasst und 1,2 Milliarden Euro Umsatz macht, auszurichten.

Aber so stark die Marke Vistaprint auch ist, kann Cimpress die hinter Vistaprint stehende Mass Customization Technologie herausnehmen und auch auf eine ganze Palette anderer Anwendungen und Marken aufsetzen. Pixartprinting oder Albelli oder druckwerkdeal beispielsweise sind verschiedene Marken, operieren aber unter dem Dach von Cimpress. Heute haben wir für die einzelnen Marken sehr genau umschriebene Workflows. Für Developement haben wir dieses Jahr 178 Millionen US-Dollar ausgegeben. Und wir wollen jeden Aspekt unseres Geschäfts automatisieren. Wir haben aber unsere Position genau betrachtet und Vistaprints Geschäft ist gründlich durchautomatisiert, vom Upload des Kunden, durch den Produktionsprozess, in der Konsolidierung bis zum Versenden. Albelli zeichnet sich durch einen voll integrierten Fotobuch-Workflow aus. Pixartprinting und druckwerkdeal sind ebenfall hoch integriert. Was wir noch nicht haben, ist die Fähigkeit, zwischen diesen Marken zu verbinden.

cimpress_logo

 

Zipper: Die Automatisierung in der Druckindustrie ist schon allgegenwärtig – was ist die Idee hinter dem Automatisierungskonzept von Cimpress?

Keane: Unsere Vision ist es, Softwaresysteme, Produktionsmöglichkeiten und eine Supply Chain aufzubauen, die uns zum Volkswagen des Mass Customization macht. Ich denke da an die Volkswagen-Gruppe, die in einer komplett anderen Industrie beheimatet ist. Die haben ihre gemeinsame Plattform für verschiedene Marken wie Seat, Skoda oder Volkswagen. Alle Marken profitieren davon, eine gemeinsame Plattform für Komponenten und einen gemeinsamen Supply Chain zu haben. Cimpress steht für einen gleichartigen Ansatz. Wir werden in den nächsten fünf Jahren hunderte Millionen US-Dollar in den Aufbau einer gemeinsamen Plattform investieren. Der Namenswechsel zu Cimpress soll dabei alle Beteiligten auf diese Vision einschwören.

Zipper: Das heißt nun, Vistaprint gibt es weiter, aber als Marke, nicht als Firma. Und Cimpress ist so etwas wie eine Holding?

Keane: Vistaprint wird als starke und wachsende Marke weiter bestehen. Bei Cimpress gibt es zwei Aspekte. Wir sind ein niederländisches Unternehmen, eine N.V., mit Niederlassungen in 16 Ländern. Auf unserem Shareholder-Treffen letzte Woche haben wir uns in Cimpress N.V. umbenannt. Cimpress steht zudem für die darunterliegende Mass Customization Plattform.

Zipper: Für mich hört sich das ziemlich einzigartig an, dieses Plattformkonzept in die grafische Industrie zu übersetzen. Haben Sie schon Mitbewerber identifiziert, die ebenfalls in diese Richtung denken, Shutterfly beispielsweise?

Keane: Noch nicht. Ich denke, man muss in dieser Industrie auf sehr hohe Volumen kommen, um der Kostenführer zu werden, und noch größere, um so eine Software zu bauen, wie wir es jetzt machen. Wir respektieren wirklich die führenden Web-to-Print-Player, aber unsere Markentradition ist etwas anders als die deutsche Tradition im Web-to-Print. Die besten Web-to-Print-Marktteilnehmer in Deutschland stehen in einem starken Wettbewerb um kleine Aufträge, während wir uns traditionell um noch kleinere Mikro-Aufträge kümmern. Beispielsweise hatten wir im letzten Jahr 82 Millionen Job-Setups. Wir lieferten 30 Millionen Kundenbestellungen an 16,7 Millionen Kunden. Auf einen Kunden kommen ungefähr 1,8 Aufträge. Die „Auftragsschachtel“ beinhaltet typischerweise drei Produkte, beispielsweise 100 Visitenkarten, zwei bestickte Shirts und 50 Flyer. Um mit diesen 82 Millionen Job-Setups umgehen zu können, mussten wir jeden einzelnen Aspekt unseres Geschäfts bei Software und Fertigung automatisieren. Andererseits haben unsere kürzlichen Neuerwerbungen People & Print Group (druckwerkdeal) und Pixartprinting exzellente Interfaces und Workflows, müssen aber nicht jeden Aspekt so wie Vistaprint automatisieren. Aber wenn wir in die Skalierung, in Richtung hohe Volumen gehen, in Software dafür investieren, werden die Grenzkosten dafür gegen Null gehen. Wir sind da in einer einzigartigen Position, wenn man von 82 Millionen Job-Setups auf Aufträge geht, die ein wenig größer sind.
Ich bin sicher, diese Industrie wird mehrere Gewinner sehen, und ich hoffe, wir sind einer davon. Unsere Mass Customization Plattform wird dabei die Speerspitze bei unserem Bemühen um Wettbewerbsvorteile sein.

Zipper: Ich sehe eine strategische und produktionstechnische Lücke zwischen den Mikroaufträgen und der Produktion für Aufträge, die Sie wie im in Australien kürzlich gestarteten Reseller-Programm im Auge haben. Wie wollen Sie mit diesen unterschiedlichen Anforderungen umgehen?

Keane: Für uns spielen sich größere Aufträge bei Auflagen von 1000 oder 2000 Exemplaren ab. Unser Fokus lautet Mass Customization und bei Mass Customization geht es um hohe Volumen bei Mikro-Auftragsgrößen. Da wollen wir der Marktführer sein.

Zipper: Das bedeutet, dass Software und IT immer wichtiger werden?

Keane: Ganz genau, aber das ist für Cimpress ja nichts Neues. IT und Software waren schon immer wichtig. 2001, als wir jeden Monat um 100 Prozent wuchsen, hatten wir 35 Mitarbeiter und davon waren 25 Software-Ingenieure. Software stand immer schon im Zentrum dessen, was wir tun. Wir beschäftigen heute über 400 Ingenieure. Im letzten Jahrzehnt gaben wir 800 Millionen US-Dollar für die Software-Entwicklung aus. Und im nächsten Jahrzehnt geben wir noch mehr aus, wobei ein großer Teil in die Backend-Technologie gehen wird. Andere Komponenten wie das Frontend, das E-Commerce-System oder Visualisierung spielen auch eine Rolle. Aber der Hauptfokus von Cimpress ist die Mass Customization Plattform.

Zipper: Sie öffnen ihre Produktion mehr und mehr für Produkte jenseits vom Druck auf Papier, aber bei all dem habe ich kein Anzeichen gesehen, dass Cimpress mit dem 3D-Druck startet. Ist dieser Bereich nicht interessant für Sie?

Keane: Der 3D-Druck hat das Potential zu einer großartigen Mass Customization Anwendung. Wir haben diese Technologie ganz bestimmt unter Beobachtung. Eines Tages wird sie wohl auch bei uns einkehren. Wir interessieren uns jedoch für Märkte, bei denen die Kosten für das Setup normalerweise sehr hoch sind und unsere Software und Produktionstechniken diese auf fast Null bringen können. Wenn wir das machen können, kommen wir in Märkte, in denen die traditionellen Produktionsmethoden dagegen einfach nicht mehr uns gegenüber kosteneffektiv sind. Schauen wir auf den 3D-Druck: Diese Technologie eliminiert bereits heute die Differenz zwischen den Setup-Kosten und wir sehen da nicht, wie wir uns vom Mitbewerb differenzieren können.

Zipper: Cimpress will weiter wachsen. Welche Umsätze erwarten Sie für 2016?

Keane: Unsere internen Ansprüche sind nicht in Umsatzzahlen festgelegt, vielmehr wollen wir uns die Loyalität unserer Kunden erarbeiten. Demnach sind wir bestrebt, einen Net Promoter Score zwischen 9 und 10 von 30 Millionen Kunden ausgesprochen zu bekommen. Wir haben uns auf dieses Ziel neu ausgerichtet und sind jetzt bereits auf halbem Weg dahin. Finanziell erwarten für dieses Geschäftsjahr, das im Juni 2015 endet, einen Umsatz zwischen 1,430 Milliarden und 1,5 Milliarden US-Dollar. Wir erwarten, auf Basis unserer neueren Angaben (auf „constant currenyc basis“) ein weiteres Wachstum zwischen 15 bis 20 Prozent bis 2016. Einen weiteren Ausblick über diesen Zeitraum hinaus haben wir nicht gemacht, aber ich bin überzeugt, dass diese Industrie in zehn Jahren weit voran gekommen sein wird. Durch das Wachstum von anderen Marktteilnehmern und uns in dieser Industrie werden die Kosten je Produkt sinken, die Produktaufstellung wird breiter, und die Qualität wird verbessert.

Zipper: Wie entstand Ihr Interesse für dieses Geschäft – und verlagert es sich jetzt?

Keane: Nun, mein Vater war in einem Business mit Beteiligung an einem Druckunternehmen. Nach meinem Universitätsabschluss lebte ich in Boston und hatte ich eine Menge Freunde bei Firmen wie Lotus, aber noch wichtiger, bei Interleaf und Atex. Diese Firmen waren damals weltführend bei der Prepress-Automatisierung. Später, in Paris, gründete ich ein Unternehmen als Reseller für Microsoft Publisher, und das brachte DTP-Software und Druck zusammen. Zu der Zeit sah ich einen dramatischen Unterschied zwischen den damals verfügbaren Software-Technologien und dem, wie das Druckgeschäft besonders bei kleinvolumigen Aufträgen funktionierte – das war mehr Handwerk als Industrie. Dabei bestand jedoch ein deutlich vorhandener, aber nicht befriedigter Bedarf: kleine Aufträge. So, durch die Kombination von Drucken und Software, kam ich zum Drucken, um auch kleine Kunden mit Produkten und der Qualität zu beliefern, wie es größere Kunden im traditionellen Druckgeschäft erhielten. Heute bin nach wie vor leidenschaftlich dabei. Der Unterschied ist nun der, dass wir den Customer Value noch betonter an die erste Stelle setzen. Amazon ist da ein gutes Beispiel. Die haben für sich intern den Begriff „Customer Obsession“ geprägt. Und da bewegen wir uns auch hin.

Zipper: Sie haben auch Portale und Angebote für B2B-Kunden. In welche Richtung werden die sich zukünftig bewegen?

Keane: Vistaprint steht für DIY (Do It Yourself) Kunden, und der Unterschied dabei lautet: Diese Kunden sind eine Herausforderung für normale Drucker. Sie sind im Small Business oder Privatkunden und schätzen das Grafikdesign zum Selber-Anpassen. Bei unseren Reseller-Programmen und bei People & Print Group (druckwerkdeal) sowie Pixartprinting können wir unsere Skalierungsvorteile auch an unsere B2B-Kunden weitergeben. Für den Brand Vistaprint haben wir Marketingkosten von etwa 35 Prozent vom Umsatz und eine Menge unserer Kosten geht dahin, den Nicht-Profis bei der Online-Gestaltung zu helfen. In unserem B2B-Geschäft müssen wir nicht diese Größenordnung an Marketingkosten oder Kosten für Browser-basiertes Design aufwenden. So können wir diese Kosten aus den Reseller-Programmen herausnehmen und den Designern und anderen Profis der grafischen Industrie eine wettbewerbsfähige Preisstruktur bieten. Wenn wir den Volkswagen-Vergleich heranziehen, dann ist Vistaprint wie Volkswagen oder Skoda, und die Profis wollen einen Audi. Pixartprinting und People & Print Group wenden sich an dieses Segment. In dem übrigens werden lokale Druckereien mit ihrem direkten Kundenkontakt auch in 15 Jahren noch die Mehrheit stellen.

Zipper: Um Ihre ehrgeizige Zielvorgabe auf globaler Ebene zu erreichen, müssen Sie noch weitere Firmen wie Pixartprinting hinzukaufen…

Keane: …und/oder unsere eigenen Lösungen entwickeln. Natürlich ist es nicht auszuschließen, im Rahmen unserer Strategie Zukäufe zu machen. Es ist aber nicht unsere Strategie, durch Zukäufe zu wachsen. Unser Fokus liegt auf mehreren Marken, die die dahinter stehende Mass Customization Plattform nutzen, da wir nur über hohe Skalierung wettbewerbsfähig arbeiten können. Davon würden wir nur abweichen, wenn Mergers & Acquisations einen besseren Weg zu diesem Ziel aufzeigen als eigenes, organisches Wachstum. Und auch in dem Fall wären wir sehr wählerisch. Bei People & Print Group und bei Pixartprinting hat die Chemie gepasst. Sie sind genauso leidenschaftlich, ihre Kunden mittels Skalierung und Technologie zu bedienen, wie wir es sind.

Zipper: Vor gar nicht langer Zeit haben Sie die Digitalprodukt-Firma Webs für einen erheblichen Betrag gekauft. Wie passt das Digitalgeschäft mit Website-Baukästen und ähnlichem nun in Ihre Strategie für Mass Customization?

Keane: Wir haben Webs vor etwa drei Jahren gekauft, und ihre Produkte setzen wir nur in unserer Marke Vistaprint ein. Cimpress wird ihre Lösungen nicht in anderen Marken einsetzen. Der Firmenzukauf war Teil unserer Strategie der Markenerweiterung für Vistaprint, die dem Kleingeschäftskunden den „besten Platz für das Marketing deines Geschäfts“ bietet. Dazu gehört auch, dass Kleingeschäftskunden genauso eine einfache Website-Kreation haben wollen wie eine für unsere physikalischen Produkte.

Zipper: Eine andere Strategie wäre die Ausweitung Ihrer Globalisierungsaktivitäten. Sie sind da kürzlich in Brasilien tätig geworden.

Keane: Wir sind auf unsere Art, so wie wir in Europa, Nordamerika und Australien unterwegs sind, schon eine sehr internationale Firma. Heute sind wir in 16 Ländern präsent und bedienen mit 120 Landeswährungen noch sehr viel mehr. Kürzlich haben wir noch weiter expandiert und in die Firma Printi in Südamerika investiert. Wir sind ganz enthusiastisch über unser Joint Venture mit unserem japanischen Partner, der dort über 500 Retail Stores betreibt. In Japan ist der Service für Kunden unglaublich wichtig. Japan repräsentiert dieselbe Strategie fokussierter Front-ends, die sich eine gemeinsame Produktionsplattform mit Workflow-Software zunutze machen. Dasselbe gilt in Indien. Die Kunden dort schätzen es, Produkte auf einem internationalen Qualitätslevel zu erhalten, und Vistaprint wird als eine Firma für hochqualitative Produkte angesehen. China ist ein sehr herausfordernder und preissensibler Markt. Unsere Kosten für allgemeine Druckprodukte können nur bis zu einem bestimmten Punkt sinken und es gibt dort eine große Anzahl Wettbewerber über den Preis.

Zipper: Heute habe ich gelernt: Strategie, IT und die richtige Brainware sind die Schlüsselfaktoren für ihre Wachstumspläne. Maschinen kommen erst an zweiter Stelle.

Keane: Da liegen Sie vollkommen richtig. Das ist eine gute Zusammenfassung.

 

Bernd Zipper (links), Rober Keane (rechts)

Bernd Zipper (links), Robert Keane (rechts)

Zipper: Meine letzte Frage: Wenn ich ein junger Druckunternehmer in Deutschland wäre, dem sein Vater gerade das Geschäft übergibt – muss ich vor Cimpress Angst haben?

Keane: Nein. Cimpress will über ihre Marken Pixartprinting und druckwerkdeal wirklich Partner für die Profis in der grafischen Industrie sein. Diese Marken können den lokalen Druckern helfen, ihre Kunden auch mit Produkten zu bedienen, die „Allerweltsware“ sind und wo hohe Skalierung sowie Technologie und Kapitaleinsatz nötig sind, um im Kostenwettbewerb zu bestehen. Die Realität ist die: Die Druckindustrie bewegt sich gerade davon weg, wie sie in den letzten Jahren gearbeitet hat. Qualität zählt nach wie vor, aber diejenigen, die sich auf das konzentrieren, was sie am besten können, sind besser als die, die versuchen, alles zu machen. Und das Internet hat viele Teile dieser Welt radikal verändert. Man muss ein Geschäftsmodell aufbauen, das darauf basiert, was die Zukunft bereithält anstatt zu versuchen, sich davor abzuschirmen. Also findet einen Bereich, in dem ihr in den Augen eurer Kunden unglaublich gut seid. Sofern der Vater des Jungunternehmers ihm nicht bereits eine sehr automatisierte und industrialisierte Druckerei überlässt: Die heutige Welt ist sehr teuer, so bei Immobilien, Finanzierung, dem Aufbau einer Produktion. Fallweise ist es besser, mit Partnern zu kooperieren, die wie Cimpress und viele andere sich schon fokussiert haben.

Wir denken, das bei hoch kostensensiblen Produkten im Commodity-Bereich Produzenten wie wir den kleineren Marktteilnehmern besser zuliefern, als dass diese selber produzieren. Wir sehen da bereits einen Wechsel im deutschen Web-to-Print Markt, aber der ist noch sehr am Anfang. Größer zu sein bedeutet sicher niedrigere Kosten, aber auch ein breiteres Produktspektrum, schneller Lieferzeiten durch mehr Standorte der Fertigung und höhere Volumen.

Kleinere Druckunternehmen können in eine gute Zukunft sehen, wenn sie Spezialisten werden, ihre Kunden mit gutem Service bedienen und mit ihren Produktionsmethoden nahe am Kunden sind. Und sie sollten dabei besser auf einzigartige Produkte setzen, statt in einem Wald- und Wiesen-Wettbewerb beim Allgemeinbedarf zu stehen, in dem große Unternehmen wie Cimpress gegenüber den kleineren Unternehmen immer einen Kostenvorteil erzielen. Die kleineren Unternehmen können hier schlichtweg an größere Marktteilnehmer outsourcen.

Man muss sich ändern, um im Markt zu überleben. Apple würde heute nicht da stehen, wo sie sind, wenn sie noch alles selber machen würden. Apple hat eigene Produktionen betrieben, heute machen das Partner, und Apple konzentriert sich auf das, was sie am besten können. Es ist unmöglich, ein 20 Jahre altes Geschäftsmodell anzuwenden und dabei auch noch zu erwarten, das dies auch noch in 20 Jahren funktioniert. Die Welt ist nicht mehr die gleiche. Ich denke, die Leute sollten die Gelegenheiten ergreifen und sich nicht vor der Zukunft fürchten, denn dann können sie sich die Mühe auch sparen.

Kommentar Bernd Zipper: Neue Horizonte für den weltgrößten Onlinedrucker

Cimpress – warum ausgerechnet Cimpress – ein Name, der wenig aufregend klingt. Gebrieft und gut vorbereitet habe ich mich auf den Weg gemacht mit Robert Keane zu sprechen. Vor der offiziellen Veröffentlichung der Neuigkeiten des Druckgiganten Vistaprint bin ich zu einem exklusiven Gespräch und Interview mit Robert Keane, dem Gründer und CEO von Vistaprint eingeladen. Ich erwartete einen kühlen, routiniert-freundlichen Amerikaner zu treffen, einen Denker, einen Konzernlenker.

Den fand ich auch – aber ebenso einen Menschen, der nicht als Drucker die Druckindustrie verstanden hat – sondern als Stratege. Und ich fand jemanden der absolut die „Passion of Print“ lebt.

Neben dem Interview für beyond-print.de war ein längeres Kennenlernen geplant – Mission geglückt. Der Mann hat eine Geschichte, einen Plan, eine Idee und eine Vision. Diese Vision ist nicht: Wir übernehmen die Druckindustrie, so wie es ihm und seinem Konzern gerne nachgesagt wird, sondern wir werden neue Maßstäbe in der Erfüllung von Nachfrage erfüllen. Mass Customization, über den 70 x 100 Bogen hinaus, für viele Bereiche des Lebens, hoch automatisiert in hoher Qualität, das ist das Ziel. Im Zuge des Gespräches mit Keane verstehe ich nun auch den Namen Cimpress – computer integrated manufactoring – der neue Name für die Holding für alle Aktivitäten und der Dachmarke, das klingt nicht unklug. Die bisherigen Marken bleiben bestehen, auch Vistaprint, auch klug. Und so ist mir nach wenigen Minuten klar: Der Plan ist sinnvoll. Wie will ein Gigant wie Vistaprint pardon… Cimpress weiter wachsen? Ganz klar: Durch ein 360-Grad Produktportfolio. Von der Tasse bis zum Rucksack, vom T-Shirt bis zum bedrucken Sessel, vom Pop-Up bis zur Broschüre, in der Welt von Cimpress erhalte ich künftig mein personalisiertes Produkt – an jedem Ort der Welt, zu jeder Zeit und in jeder Auflage. Erinnert mich irgendwie an die gute, alte Adobe-Philosophie – anywhere, anytime, anything (oder so ähnlich), die vor 10 Jahren von Bruce Chizen ausgegeben wurde.

Zipperkopf_GuteNachricht
Von Vistaprint zu Cimpress – für mich ein Big Bang der Druckindustrie.
– Bernd Zipper

Aber der Plan ist klug gewählt – mit dem neuen Namen kann das Geamtunternehmen wachsen, durch eigene Kraft, durch Synergien, die natürlich IT-gestützt mit einem intelligenten Produktionssystem nicht nur die Produktionskapazitäten der einzelnen Werke miteinander verknüpften, sondern auch die Zeitzonen weltweit nutzen werden. Gut. Das neue IT-System ist noch nicht fertig und eigentlich auch nur eine logische Konsequenz der Unternehmensgröße, denn nur durch eine intelligente Verzahnung der Prozesse weltweit, das haben wir von der Automobilindustrie und Ikea gelernt, kann man wirklich in neue Dimensionen wachsen. Aber wichtig ist, dass sich jemand traut, ein solches System zu entwickeln – und wer, wenn nicht Vistaprint – pardon Cimpress. Wer sonst hätte die Mittel dafür in solchen Dimensionen zu denken.

Auch mein Team arbeitet als Systemarchitekt für einen anderen Anbieter an einem solchen Datenspyder – und ich weiss welche Herausforderungen auf Cimpress nun zukommen. Aber der Schritt ist mutig und sinnvoll. Und so könnte man nun die neue Cimpress-Erfolgformel so formulieren: Stärke die lokale Marke, nutze weltweite Synergien, löse Dich vom Papier und personalisiere unsere Welt = Erfolg. Klingt gut – und wenn es Keane gelingt, noch ein wenig mehr Kapital einzusammeln, um diesen Plan umzusetzen, dann wird dies ein echter Big Bang. Die Chancen stehen mehr als gut, da sich alle anderen Anbieter auf dem Print-Sektor in Einzelprodukten und technischen Diskussionen verstricken. Keane interessiert dies nicht. Für ihn sind Maschinenprobleme lösbar, mit Geld und mit der eigenen Forschung. Er hat sein Unternehmen schon längst unabhängig gemacht von der Unflexibilität mancher Maschinenhersteller – und das ist Teil seines Erfolges.

Schwärme ich hier grad für Vistaprint – pardon – Cimpress? Ja. Denn Robert Keane und sein Team bemüht sich, nicht nur um mich im Gespräch, sondern auch um Partnerschaften in der Industrie (was unter anderem jüngst durch den Beitritt in die Initiative Online Print verdeutlicht wurde). Er weiss dass er so wie andere nicht alles selbst produzieren und liefern kann, und er weiss, dass er nur mit lokalen Lieferanten weiter wachsen kann. Ein bemerkenswertes Gespräch, in dem (jenseits des Tonbandes) auch so manche kritische Nachfrage nicht unbeantwortet blieb. Und so trennen sich nach dem Gespräch und dem anschließenden Interview die Wege zwischen Robert Keane und Bernd Zipper nach über zwei Stunden wieder – wir beide sind ein wenig schlauer geworden. Und wir freuen uns jetzt schon auf das nächste Treffen im März.

Von Vistaprint zu Cimpress – für mich ein Big Bang für die ganze Branche.

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4 Kommentare

  1. Antworten

    Jan Lukat

    17. November 2014

    Meine Lieblings-Aussagen ;-)

    "Strategie, IT und die richtige Brainware sind die Schlüsselfaktoren für ihre Wachstumspläne. Maschinen kommen erst an zweiter Stelle."

    "Qualität zählt nach wie vor, aber diejenigen, die sich auf das konzentrieren, was sie am besten können, sind besser als die, die versuchen, alles zu machen."

  2. Antworten

    Michael B. Schelhorn

    17. November 2014

    Das Mass Customization Modell von Cimpress berührt ganze Fertigungszweige, nicht nur die Druckindustrie. Und außerdem lese ich daraus, dass man als ein Unternehmen normaler Größe sich nicht mehr dem "Kostenführer"-Wettbewerb ausliefern sollte, es sei denn, alle anderen Mitbewerber haben maximal dieselbe Kragenweite wie einer selber.

    • Antworten

      Jan Lukat

      17. November 2014

      @ Michael

      Das liest du richtig! Deswegen hatte ich ja extra für mich die beiden wichtigen Sätze betont. Der "kleine" Mann muss sich eben neu Aufstellen bzw. sich auf seine Kernkompetenz konzentrieren!

  3. Antworten

    Stephan A. Göbeler

    18. November 2014

    @Jan Lukat: Wir sind wieder einmal derselben Meinung : )
    @Michael B. Schelhorn: Kostenführerschaft ist in einer "normalen" Größe auch nur schwer zu erreichen. Es gilt Preisführer dort zu werden, wo man gut und unverwechselbar ist. Preis und die unverwechselbare Leistung bedingen sich dabei gegenseitig.

    Last but not least @Bernd Zipper: Danke für Ihren Einsatz die Druck- und Medienindustrie, u.a. mit solchen Interviews, zum Nutzen aller transpartent zu machen.


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