Kein Coding, keine Templates: The Grid baut mit lernfähigen Formeln automatisch Websites

26. November 2014, 15:02 Uhr | Hot/Flop

Die erste „künstliche Intelligenz“ für automatisches Website-Design nimmt Formen an. Das sollte nicht nur Web-Designer aufhorchen lassen, denn hinter dem, was The Grid da so alles nächstes Jahr veröffentlichen will, steht eine möglicherweise umfassende technologische Neuerung, die die Komplexität der Erstellung von Websites deutlich vereinfacht, ja sogar die Design-Arbeit aus Menschenhand überflüssig machen will. Wem das nicht ausreicht: Die Websites gestalten sich je nach Screen und Inhalten neu und lassen sich an den Bedürfnissen der Website-Besucher ausrichten.

Hinter The Grid steht ein seit 2010 laufendes Startup aus San Francisco, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Webinhalte mit einem automatischen System sich in Echtzeit auf die Randbedingungen des jeweiligen Endgerätes anzupassen, dabei eine Flow-basierte Programmiersprache („Datenstromorientierte Programmierung“) verwendet und auch noch lernfähig ist. Das Startup redet bei seiner Technik gerne von AI (Artifical Intelligence, Künstliche Intelligenz), was ich aber zur Hälfte der Vermarktung zurechne. Jedoch ist The Grid etwas anderes als noch so ein Website-Baukasten und könnte mittelfristig sogar Auswirkungen auf die Gestaltung physikalischer, individualisierter Produkte haben.

Das obige Video erklärt rein visuell schon ganz gut, wie sich die Inhalte anpassen und gegenseitig beeinflussen, doch ich muss noch etwas ausholen, damit man das Konzept besser versteht. In den Anfängen des Webdesigns gab es das fixe Layout, bei dem grafische Elemente in festen Pixelgrößen definiert wurden. Mit der Diversifizierung der Bildschirmgrößen von Smartphone bis zum 4K-TV-Gerät ergaben sich neue Anforderungen, um Webinhalte jeweils angepasst auf das Endgerät optimal anzuzeigen. Erst hielten Mobilgeräte-Varianten von Websites Einzug, dann kam das Responsive Web Design auf. Bei letzterem werden die Inhalte in größenanpassbare Templates gefüllt.

GridBeispiellayouts

Beispiel-Layouts von The Grid

Das Grundproblem der vielen Endgeräte-Screens bleibt dennoch bestehen. Momentan kommen auch noch Smart Watches hinzu, deren Formfaktor auch noch die bestehende Varianz bei Breiten/Höhen-Verhältnissen verdeutlicht. Es muss also nicht nur auf die Pixelmenge angepasst werden, und das erfordert viel Arbeit. Die Plattform The Grid hat dagegen einen Ansatz, der auch Templates/Vorlagen überflüssig macht. Beispiel Bilder: Statt verschiedener Versionen für unterschiedliche screens behandelt The Grid ein Bild nach bestimmten Regeln und beschneidet sie, wo notwendig, unter Berücksichtigung der Bildinhalte. Algorithmen erkennen dabei menschliche (und tierische) Köpfe, damit sie nicht beschnitten werden. Die Aufgabe des Designers: An den Stellschrauben drehen, der Cloud-Anwendung per machine learning beibringen, wie die Regeln für Bilder in seiner Designvorstellung sind. Noch ein steuerbarer Aspekt bei Bildern: Die Farbanmutung passt sich der Umgebung an, und umgekehrt.

Wer WordPress-Themes kennt: Bei The Grid sind die „Layout Filter“ so etwas Ähnliches, aber nur entfernt. Die Stellschrauben für die Behandlung von Bildern sind solche Filter, genauso auch die für die Inhalte. Beispielsweise regelt ein Layout Filter, auf welche Weise Text grafische Elemente überlagern darf, ein anderer, wie das Verhältnis kreisförmiger zu rechteckigen Formen sein soll. Der Ansatz ist jedoch ein wenig anders: Die Layout Filter sind auf den Zweck der Website und die Zielgruppe angepasst. Das kann beispielsweise eine Video-zentrierte Website sein oder eine, die auf Crowdfunding aus ist. Anstatt wie bei WordPress und anderen Content Management Systemen arbeitsaufwändig das Thema zu wechseln, wenn man die Ausrichtung seiner Website ändern will, passt man bei The Grid einfach die Layout Filter an. Außerdem sollen fortlaufende A/B-Tests von Variationen die Website weiter optimieren. Noch eine Besonderheit ist, wie adaptiv The Grid auf neue Inhalte, auch solche, die automatisiert via einem Browser-Plugin aus Internet-Quellen kommen, seine Websites anpasst. Ab Ende 2015 will das Startup auch Layout Filter für Onlineshops und andere kommerzielle Anwendungen anbieten, wie die allerdings genauer beschaffen sein sollen, ist noch vollkommen nebulös.

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Der Ansatz von The Grid ist spannend und das Grundkonzept könnte sich mittelfristig auch im Mass Customization physikalischer Produkte per Online-Editor wiederfinden.
– Bernd Zipper

Ich sehe die Zielgruppen von The Grid vorwiegend in kleinen Unternehmen und Privatpersonen, die mit dieser Lösung einfach nur Inhalte hochladen, ohne Designkenntnisse einige Einstellungen vornehmen und den Rest der Designarbeit dem Programm überlassen. The Grid soll Ende des Frühjahrs 2015 gelauncht werden und dann 25 US-Dollar je Monat kosten – wer sich schon davor einen Eindruck verschaffen will, muss zahlendes Gründungsmitglied für 8 US-Dollar je Monat werden. (Weiteres in den F&A von The Grid).

The Grid wird nicht das Ende von Design und Coding von Websites aus Menschenhand einläuten, und wer professionelle Websites beispielsweise für den E-Commerce aufsetzen will, dürfte in absehbarer Zeit wohl kaum auf diese Lösung bauen wollen. Am unteren Ende des Bedarfs (das wie bei einer Pyramide die breite Basis bildet) dürfte The Grid aber große Chancen haben. Die meisten von uns sind nun mal keine Designer und/oder Programmierer. Was ich aber noch spannend finde: Wenn man darüber nachdenkt, dieses Autolayout-Konzept auf die Gestaltung physikalischer Produkte in Editoren von Online(print)shops anzuwenden, ergeben sich doch ganz interessante und neue Ansätze…

 

Technisches:
Basis von The Grid ist NoFlo, welches ein Open Framework für Flow-basiertes Programmieren ist. In diesem Zusammenhang entwickelten die Programmierer auch die Programmierumgebung FlowHub. Das Image Processing findet mit der Grafik-Engine GEGL vom Veteranen GIMP statt. Ein anderer bemerkenswerter Bestandteil ist selbstredend die Layout-Engine Grid Stylesheets, die auf dem Cassowary constraint solver beruht. Apple verwendet diese Technik ebenfalls, und zwar in seinem Cocoa Autolayout für Mac OS X und iOS.

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