Konsequent global: Das Startup Printful nutzt den Long Tail für Druckprodukte

3. Dezember 2014, 14:44 Uhr | Hot/Flop

Seit der Wired-Journalist Chris Anderson 2004 den Begriff „Long Tail“ bekannt machte, sollte dieser eigentlich zum Allgemeinwortschatz eines jeden gehören, der sich im E-Commerce tummelt. Im E-Business Print sehe ich allerdings noch viel ungenutztes Potential, besonders wenn die Akteure selber vormals traditionelle Druckbetriebe gewesen sind. So mancher Startup ohne eigenen Druckprodukte-Background macht sich dagegen Geschäftsmodelle des Long Tail zu Eigen. Mein heutiges Beispiel dafür kommt aus Lettland. Und es ist keineswegs zu unterschätzen, was da vom Baltikum ausgeht.

Mass Customization bei Printful

Mass Customization bei Printful

Die lettische Draugiem Group ist so etwas wie ein Startup-Inkubator, ähnlich wie Rocket Internet in Berlin. Dort oben in Riga sind gerade an die 15 Startups am Laufen – aber auch ungefähr ein Dutzend bereits gescheitert. Unterm Strich macht das Draugiem wohl nichts aus. Der erste Erfolg kam mit dem sozialen Netzwerk draugiem.lv, das heute das einzige europäische Social Network ist, das Facebook und Co. die Stirn bieten kann (wenn auch nur auf regionaler Basis). Nach eigenen Angaben machte Draugiem 2013 fast 20 Millionen US-Dollar Umsatz bei annährend 10 Prozent Gewinnmarge. Was Draugiem dabei zum Druckgeschäft führt, sind Sprüche. Richtig, die Letten sind Sprücheklopfer und vermarkten das weltweit.

Slogans wie „Get Sh*t done“ oder „Innovate or die“ richten sich an die Brains und Nerds speziell anderer Startups sowie Menschen aus anderen mehr oder weniger coolen Internet-Firmen. Und diese Sprüche bringt Draugiem im eigenen, 2012 gegründeten Startup namens Startup Vitamine an den Mann, und zwar als Druckprodukte. Wie bei einem Merchandize-Shop gibt es hier Poster, gerahmte Leinwände, Tassen und mehr – bedruckt mit den mehr oder weniger beeindruckenden Sprüchen aus eigenem Haus oder zitiert von bekannten Namen wie Jeff Bezos von Amazon.

Sprüche drucken für Gründer: StartupVitamine

Sprüche drucken für Gründer: StartupVitamine (gedruckt wird bei Printful)

Doch damit nicht genug. Zwar bietet die Draugiem-Firma Idea Bits, die diesen „Motivations“-Shop betreibt, auch ein Affiliates-Programm an, hat die Sache mit den Druckprodukten aber in zwei anderen Startups weiter vorangetrieben. Da ist einmal Foto Druka, ein Shop für Fotodruckprodukte für den lokalen Markt in Lettland. Nichts großes, und in meinen Augen auch noch nichts Außergewöhnliches. Seit einem guten Jahr ist auch Printful auf dem Markt, und dieser Startup ist schon interessanter. Bei Printful gibt es noch mehr Druckprodukte, dieses Mal personalisert. Die Personalisierung findet jedoch auf der Ebene anderer Marktteilnehmer im E-Commerce statt und nicht bei Endkunden. Online Shops können hier also eigene Motive nach Bestellung durch den Endkunden bei Printful auf die physikalischen Produkte bei Printful on-demand drucken lassen. Der Name Printful steht also für „Print“ und „Fulfillment“ (Auftragsabwicklung).

Das Modell von Printful fällt einerseits in die Kategorie „Mass Customization“ und zum zweiten macht man sich das Long-Tail-Prinzip zunutze:

Die Grundannahme von Chris Anderson lautet, dass über eine globale Nachfrage die Kosten für den Vertrieb von Nischenprodukten so niedrig sind, dass sich im Gegensatz zu einer regionalen Nachfrage der Vertrieb lohnt. Und das Internet befördert den Long Tail (etwa: „langer Schwanz“); wenig nachgefragte Produkte können über die globale Internet-Reichweite zunehmend gewinnbringend verkauft werden. Bei Printful sind die Kunden Online Shops, die Druckprodukte mit eigenen Motiven anbieten wollen – und die dürfen überall auf der Welt beheimatet sein.

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Printful handelt konsequent: Wer die globalen Skalierungseffekte nutzen will, muss auch im globalen Maßstab handeln.
– Bernd Zipper

Bei vorgefertigten Produkten, beispielsweise schon gedruckten Büchern oder auch Digitalprodukten wie Musikdateien findet vielfach eine Angebotskonzentration auf gut laufende und vermarktete Produkte statt und der Long Tail bringt zwar den Vertriebsplattformen etwas, aber nicht den Produktanbietern. Zum Beispiel verkaufen sich viele Songs aus dem Apples iTunes Store nur einmal pro Jahr – weltweit. Bei Printful ist der Long Tail sozusagen umgedreht. Von tausend als Kunden gewonnenen Online Shops (aktuell sind dies bei Printful bereits 15 645 Shops) dürfte ebenfalls ein bestimmter Anteil zum „hinteren Ende“ des Long Tail gehören und nur in geringen Stückzahlen ordern. Das beeinträchtigt aber nicht die Auftragsabwicklung von Printful, da sie (ähnlich wie Cimpress/Vistaprint) auf Mikroaufträge eingestellt sind.

Das Herzstück dabei ist die API von Printful, die die Firma dem Onlinehandel bereitstellt. Außerdem gibt es Plugins für die verbreiteten E-Commerce-Plattformen wie Magento oder Shopify. Mit dem Plugin für WooCommerce steht das Print Fulfillment auch Blogbetreibern mit dem WordPress-CMS zur Verfügung. Produziert wird in Los Angeles, von wo aus auch weltweit versendet wird, letzteres optional mit Logo des Kunden auf der Versandverpackung. Das folgende Video gibt einen guten Einblick in die Produktionsstätte:

Mein Fazit: Ein kleiner Startup-Inkubator aus Lettland wagt sich mit seiner Druck-Fulfillment-Lösung gleich in die USA als wichtigsten E-Commerce-Markt weltweit. Und soweit man das nach einem guten Jahr beurteilen kann, laufen die Dinge nicht schlecht für die dahinter stehende Idea Bits / Draugiem Group. Schon bald könnte ein europäischer Standort für das Fulfillment entstehen. Ich finde die Umsetzung konsequent: Wer die globalen Skalierungseffekte nutzen will, muss auch im globalen Maßstab handeln. Wenn ich mir so ansehe, wie zögerlich so mancher Teilnehmer im E-Business Print hierzulande das Thema Internationalisierung angeht, kann ich nur den Hut vor dem Unternehmer-Mut des Draugiem-Gründers und CEO Lauris Liberts ziehen.

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