Nachruf auf einen Desktop-Koloss: Photoshop wird alt (25 Jahre) – und erfindet sich neu

19. Februar 2015, 13:47 Uhr | Hintergrund, Hot/Flop, Meinung

Der Name Photoshop dürfte einer der bekanntesten Marken in der grafischen Industrie sein – und inzwischen weit darüber hinaus. „To photoshop“ ist anerkannter angloamerikanischer Sprachgebrauch (der deutsche Duden sperrt sich allerdings noch gegen den Begriff „photoshoppen“, den auch Adobe nicht mag). Die Software ist, wie die Verb-alisierung zeigt, Synonym für die digitale Bildbearbeitung geworden und wird wegen misslungener Retuschen von Celebrities längst auch von der Allgemeinheit wahrgenommen. In der Zeitmessung der Software-Industrie hat das Programm mit heute, am 19. Februar 2015, genau 25 Jahren auf dem Buckel bereits ein Methusalem-Alter erreicht. Und ein „Photoshop-Killer“ ist immer noch nicht aufgetaucht.

(Abb.: Photoshop.com Blog)

(Abb.: Photoshop.com Blog)

Aus einem Nebenbei-Job entstand die bis heute unangefochtene Nr. 1 der digitalen Bildbearbeitung (und eines der Top-5-Programme unter den Raubkopien). Der damalige Doktorand Thomas Knoll programmierte 1987 ursprünglich eine Anwendung zur Graustufendarstellung namens Display, aus der – dann unter Mitwirkung seines Bruders John – der Vorläufer von Photoshop entstand. Die um erste, wesentliche Bildbearbeitungsfunktionen angereicherte Fortentwicklung fand zunächst keinen überzeugenden Namen (PhotoLab? ImagePro?) und auch keine Interessenten, die sich um den Vertrieb kümmern wollten.

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Schließlich gingen aus heutiger Sicht magere 200 Exemplare zusammen mit einem Scanner von Barneyscan unter dem Namen Photoshop und der Versionsnummer 0.87 in Anwenderhände. Dann kam 1988 ein Termin bei Adobe zustande. Ein gutes Jahr später, Anfang 1990, kam Adobe Photoshop in Version 1.0.7 nur für Mac auf den Markt. Ich selber habe meine ersten Erfahrungen mit Photoshop auf einem Mac Classic gesammelt. Abgesehen davon, dass ich auf dessen Monitor nur Graustufen sah, waren die ersten Schritte mit Photoshop eine herrliche Zeit. Die Ergebnisse waren jedoch nie so genau vorhersehbar. Photoshop wurde jedenfalls zu einem sofortigen Erfolg.

Die Early Adopters brauchten für gute Ergebnisse damals aber eine kostspielige Ausstattung: Scanner, Farbmonitore und Farbdrucker und nicht zuletzt ein Mac und genügend Arbeitsspeicher kosteten eine Stange Geld. So wurden vor allem Grafiker und Druckvorstufen-Profis die ersten und bis heute loyalsten Anwender von Photoshop. Das Bildbearbeitungsprogramm wurde in der Druck- und Medienindustrie erwachsen.

Die erste Nagelprobe für Adobe Photoshop in Deutschland

Adobe hatte 1989 Illustrator, die Type Library und die Seitenbeschreibungssprache Postscript. Letzteres sollte in der nächsten Version Level 2 auch die Bedürfnisse der grafischen Industrie besser bedienen – es waren die Anfänge des Eindringens von DTP in die Druckvorstufe. Ein großer Schwachpunkt von Postscript Level 1 damals war die für CMYK untaugliche Rasterung. In Deutschland saßen zwei Firmen, die sich mit den Adobe-Entwicklern darum kümmern und Abhilfe schaffen konnten: Hell in Kiel und Linotype aus Eschborn, die bereits seit 1987 Postscript-Schriften und auch Postscript-RIPs für ihre Satzbelichter entwickelten. Beide Firmen sollten ein Jahr später zu Linotype-Hell fusionieren, aber an einer besseren Rastertechnologie in Postscript arbeiteten zunächst nur Linotype und Adobe zusammen.

Man wollte seitenglatte Filme, auf dem Text und Bild (mit vernünftigen Rastern) integriert waren. Und so kam es 1989 zum ersten großen Einsatz von Photoshop in Deutschland. Unzählige Fotos wurden mit Photoshop (in verschiedenen Beta-Versionen bis zur Version 0.97) mit Sharp-Flachbettscannern eingescannt, bearbeitet und farbsepariert, denn das Programm verfügte bereits über eine Plugin-Schnittstelle und beherrschte in den Beta-Versionen den Moduswechsel von RGB zu CMYK. Dann wurden die Bilder via modifizierten RIP 40 Interpretern auf die (nun Satz- und Bild-) Linotronic-Belichter geschickt. Zwei meiner jetzigen Mitstreiter bei zipcon consulting waren damals als Diplomanden involviert und dürfen sich zu den ersten Photoshop-Anwendern in Deutschland zählen. Darunter: Florian Süßl, der damals für Adobe und Linotype den Rasterungs-Schwachpunkt von Postscript Level 1 erst richtig offenlegte.

Adobes Pläne, Photoshop und Co. für Mac einzustellen

Auch so eine Geschichte: Mit dem Mac wurde Photoshop ein unschlagbares Kombi in dieser Preisklasse und besiegelte das Ende so einiger wesentlich teurerer Bildbearbeitungsstationen. Erst Ende 1992 kam eine Windows-Version hinzu. Doch bekanntlich schwächelte Apple in den nächsten Jahren und hat insbesondere bei der Weiterentwicklung des Betriebssystems keinen Plan. Die bislang wie geölt funktionierende Kombi Photoshop/Macintosh schien ein Auslaufmodell zu werden. Dazu meinte Adobe-Mitgründer John Warnock in einer Presse-Fragesession (damals war ich auch Autor der Macwelt) auf der Cebit 1996, er sehe für die Adobe-Programme keine Zukunft mehr auf der Macintosh-Plattform, für die er natürlich auch keine Zukunft mehr sah, und man werde die Mac-Produktentwicklung wohl bald einstellen.

Für die damals deutlich Mac-affinere Grafikgemeinde wäre das ein Schlag ins Kontor gewesen – aber es kam ja nicht einmal ein Jahr später Steve Jobs zurück zu Apple und damit alles anders. Adobe entwickelt bis heute Photoshop und die anderen Grafikprogramme weiter für die Mac-Plattform, wenn auch zeitweise mit weniger Priorität: Die 64-Bit-Version von Photoshop kam erst lange nach der für Windows auf den Markt. Hätte Adobe aber damals die Mac-Entwicklung eingestellt, würde die grafische Industrie heute wohl etwas anders aussehen. Zur Erinnerung: Das waren Zeiten noch vor Windows 98 und „DTP“ wäre wieder ein Akronym für „Desktop Pfuschen“ geworden.

Photoshop-Killer, die nicht zünden

In seinen Anfängen war Photoshop nicht unbedingt besser als andere Programme auf dem Markt. Adobe selber liebäugelte mit dem Programm Color Studio (hatte schon vor Photoshop Freistellpfade), bevor die Firma bei den Knoll-Brüdern zugriff. Als dann Photoshop mit weiteren Funktionen klarer Marktführer wurde, kam unter „kostenbewußten“ Anwendern bald das Ausschau-Halten nach einem „Photoshop Killer“ auf. Unter den vielen Kandidaten, denen dieses Etikett verliehen wurde, waren unter anderem das von Kai Krause (wer kennt den noch?) promotete Live Picture oder Digital Darkroom.  Bis heute braucht sich Adobe jedoch nicht vor einem gleichwertigen Programm zu fürchten – bei dem mittlerweile kaum überblickbaren Funktionsumfang ist das auch kein Wunder. Andererseits: Für viele Alltagsaufgaben ist Photoshop überdimensioniert und saubere TIFFs, PNGs und JPEGs können auch andere Bildbearbeitungen wegspeichern. New kid on the block ist hier das (Mac-only) Affinity Photo, das gerade in einer kostenfreien Beta veröffentlicht wurde und, hört, hört, auch CMYK kann.

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Auf die nächsten 25 Jahre Photoshop, in welcher Form auch immer.
– Bernd Zipper

Viel größere Gefahr als von den vergeblich erwarteten Photoshop-Killer-Programmen als Desktop-Anwendung geht für Photoshop heute aber von der zunehmenden Mobilisierung des Internet und dem entsprechenden Anwenderverhalten aus. Cloud-Applikationen und Apps machen viele Bildbearbeitungsaufgaben für wenig bis gar kein Geld verfügbar. Bekanntlich hat Adobe selber am Trend mitgearbeitet und die Creative Cloud eingeführt. Einzelne Funktionen wurden in verschiedene mobile Apps mit Namen wie Mix, Shapes, Brush, Sketch eingebunden. Und seit einiger Zeit gibt es auch die CreativeSDK, mit der externe Apps anderer Anbieter sich mit der Creative Cloud verbinden und deren Funktionen nutzen können. Teil davon: Bildbearbeitungsfunktionen von Adobe (Photoshop). Was noch fehlt: Eine Photoshop-API für andere Cloud-Anwendungen. Beim UI-Design bewegt sich die Entwicklung von Photoshop übrigens bereits auf HTML5/CSS zu. (Wenn das kein Hinweis ist…)

Die klassische Anwenderschaft aus der grafischen Industrie und der Druckvorstufe ist schon lange nur peripher auf dem Radar von Adobe – deren Marketingstrategen haben das Webdesign fest im Blick und halten außerdem Ausschau nach Anwendern wie Mediziner, Wissenschaftler, 3D-Konstrukteure und seit einigen Jahren auch den Hobbydigitalfotografen, die mit speziellen Cloud-Abos speziell für Photoshop gelockt werden. Mal sehen, wie lange uns aus der Druck- und Medienindustrie das  Mehr-als-Bildbearbeitungsprogramm Photoshop noch als Desktop-Anwendung begleiten wird. Also: Auf die nächsten 25 Jahre Photoshop, in welcher Form auch immer.

Dream on:
(Adobes Videospot zum Photoshop-Jubiläum)

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Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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