Die totale Fehleinschätzung: Die Potentiale des 3D-Drucks für die Druckindustrie

12. März 2015, 19:23 Uhr | Hintergrund, Meinung, Technik

Die traditionelle Druckindustrie ist nicht vom Aus bedroht, aber sie schrumpfte. Zumindest in den industrialisierten Ländern, und dort zumindest bis jetzt. Seit geraumer Zeit gibt es nun in der Branche einen regelrechten Aufmerksamkeits-Hype um ein möglicherweise neues Geschäftsgebiet, das mit Druck wenigstens den Namensbestandteil „Druck“ gemeinsam hat: Den 3D-Druck. Und ich kann es gar nicht fassen, was das so alles an Aktivitäten auslöst. Da werden grafische Fachhändler plötzlich zu 3D-Druck-Ausstattern, Fachmagazine führen eine 3D-Druck-Rubrik ein, und allerorten werden Seminare zum Thema 3D-Druck veranstaltet, die dem geneigten (oder auch manchmal fast verzweifelten) Druckfachleute-Publikum die schöne Welt der additiven Fertigung nahebringen – denn so sollte man den 3D-Druck zutreffender bezeichnen. Ich finde, es wird Zeit für einen Realitäts-Check.

So blumig wie diese 3D-Drucke ist das Potential der additiven Fertigung für die Druckbranche nicht (Abb.: designermetin, cc)

So blumig wie diese 3D-Drucke ist das Potential der additiven Fertigung für die Druckbranche nicht (Abb.: designermetin, cc)

Und den habe ich in folgende Abschnitte eingeteilt: Was ist die additive Fertigung überhaupt? Wo wird sie im Jahr 2020 stehen? Gibt es eigentlich eine Kompetenzüberschneidung zwischen der Druckindustrie und der additiven Fertigung? Nun, dann mache ich noch einige Feststellungen, die ich Thesen nenne, und schließlich meine Einschätzung, wie das Potential des 3D-Drucks für die Druckindustrie nach meiner Meinung wirklich einzuordnen ist. Nun, dann los.

Was ist die additive Fertigung überhaupt?

Die additive Fertigung, plakativ auch als 3D-Druck bezeichnet, baut dreidimensionale Objekte aus unterschiedlichsten Materialien schichtweise auf. Dabei wird im Prinzip punktweise (genauer Kubik-punktweise) gearbeitet, wobei schichtweise in einem X-Y-Koordinatensystem der jeweilige Punkt angesteuert wird. Die Ausgangsdateien liegen in verschiedenen CAD/CAM-Formaten und -Exportformaten wie STL vor und werden für die additive Fertigung noch weiter umgewandelt, etwa in das geläufige „Schicht“-Format G-Code.

Der Markt der additiven Fertigung besteht schon seit Mitte der 70er Jahre und erfährt gerade einen Entwicklungsschub. Heute gibt es hohe Aktivitäten in Forschung, Medizin, der Startup-Branche, und Beachtung an den Börsen und in den Medien bis hin zu Hobby-Anwendern, beispielsweise in der Maker-Bewegung. Aber es gibt keine Innovationen der additiven Fertigung, die aus der Druckbranche ausgehen. Der heutige Markt an Dienstleistern ist noch überschaubar, und nur sehr wenige Teilnehmer haben ihre Wurzeln in klassischen Druckdienstleistungen.

Wo wird die additive Fertigung (vulgo: 3D-Druck) im Jahr 2020 stehen?

Ich muss vorausschicken, dass ich jetzt sehr „wohlwollende“ Angaben zur Entwicklung der additiven Fertigung mache. Es soll ja nicht der Eindruck entstehen, ich möchte dieses Marktsegment niederreden.

Weltweit wird das Umsatzvolumen der additiven Fertigung sehr uneinheitlich eingeschätzt. Werden Zahlen der Hersteller von 3D-Additivfertigungstechnik und der „Service Provider“, der Dienstleister im 3D-Druck zusammengenommen (wohlgemerkt quer über alle Branchen), werden Gesamtumsätze weltweit von etwa 7,8 Milliarden Euro bis 11 Milliarden Euro im Jahr 2020 in den Prognosen genannt. Der Umsatz an Material für den 3D-Druck wird für 2020 auf etwa 700 Millionen Euro weltweit geschätzt, wovon fast die Hälfte auf den privaten Konsum entfallen soll. Zum Vergleich: 2014 hatte die deutsche Papierindustrie einen Umsatz von über 14 Milliarden Euro.

Zipperkopf_SkeptischNachdenklich
Toll: 2020 werden maximal 400 Leute aus der Druckbranche 3D-Objekte fertigen. Noch viel mehr werden im selben Jahr in der Onlinedruck-Sparte eingestellt werden. Wo ist der Hype?
– Bernd Zipper

Der deutsche Anteil am Markt der additiven Fertigung (mit seiner starken Präsenz von 3D-Druck-Maschinenherstellern) kann für das Jahr 2020 optimistisch mit etwa 500 bis 700 Millionen Euro angesetzt werden, wobei die Hersteller einen überproportional hohen Anteil haben. Setzt man nun einen verbleibenden Umsatz für deutsche Dienstleister einschließlich In-House quer über alle Branchen von vielleicht 400 Millionen Euro an, und den Anteil der Druckindustrie auf (hohe) 10 Prozent davon, verbleiben 40 Millionen Umsatz im Jahr 2020. Bei 100 Marktteilnehmern wäre dies ein Umsatz von 400.000 Euro/Betrieb. Insgesamt wären nach meiner optimistischen Auslegung der Marktprognosen im Jahr 2020 zwischen 250 bis 400 vollzeitbeschäftigte Mitarbeiter der Druckindustrie der additiven Fertigung zuzuordnen. Kann man das einen Hype nennen?

Gibt es eigentlich eine Kompetenzüberschneidung zwischen der Druckindustrie und der additiven Fertigung?

Haben Dienstleister aus der Druckindustrie geeignete Verfahren, bestehendes (und ausbaufähiges) Knowhow oder Übereinstimmungen in den Kundenkreisen, um mehr Vorteile bei einem Markteintritt als andere Dienstleister aus anderen Branchen zu erzielen? Dazu habe ich in wichtigen Kernbereichen die „Charakteristik“ der additiven Fertigung der der Druckindustrie gegenübergestellt:

Typische Dateiformate

  • 3D-Druck: STL, VRML, 3DS, OBJ, PLY, WRL, Produktionsformat: G-Code, STEP
  • Druckbranche: PDF, EPS, TIF, offene Design-Formate (idml),…

Druck- bzw. Bedruckmaterial

  • 3D-Druck: Die extreme Fülle an möglichen Materialien, die in der additiven Fertigung verwendet werden (von Plastik über Metall bis Lebensmittel) verweist alleine schon auf die extreme Vertikalisierung der 3D-Druck-Märkte
  • Druckbranche: Größtenteils Papier, dazu Textilien, Folien, etc. – Hauptcharakteristik bislang: plane Bedruckoberfläche. Das ändert sich in Zukunft (3D-Bedruck)

Farbstandards

  • 3D-Druck: keine
  • Druckbranche: Prozessfarben, definierte Sonderfarben

Farbreproduktion

  • 3D-Druck: Nein, es geht zwar farbig, aber nicht als Reproduktion
  • Druckbranche: Hochstandardisiert bei hoher Qualität

Hauptindustrien der Kunden (Wertschöpfung)

  • 3D-Druck: Maschinenbau, Automotive, Fertigungsindustrie, Luftfahrt, Medizin
  • Druckbranche: Werbewirtschaft/Publisher, Verpackungsindustrie, Gesamtwirtschaft (Geschäftsausstattung, Kommunikation)

Hauptanwendungen

  • 3D-Druck: Prototyping, Kleinserie, Konstruktion, Ersatzteile
  • Druckbranche: Akzidenzen, Periodika, Bücher, Geschäftsausstattung, Werbemittel

Produktions-Standardisierungen / Qualitätsstandards

  • 3D-Druck: Nicht vorhanden (VDI ist in einer Sondierungsphase)
  • Druckbranche: Vorhanden, z.B. ISO 12647, Papier-Normen

Professionelle Verfahren

  • 3D-Druck: Laser-Sintering, Stereolithographie, viele proprietäre Verfahren (u.a. mit Papier)
  • Druckbranche: Offset, Digitaldruckverfahren (Toner, Inkjet), Siebdruck, Tiefdruck – kaum proprietäre Verfahren auf dem Markt

Ich könnte das nun um einige weitere Charakteristika fortsetzen, aber mein Fazit ist: Es gibt da so wenig Gemeinsamkeiten wie zwischen einer Tankstelle und einer Bäckerei. Halt, werden Sie jetzt sagen, an der Tankstelle gibt es doch auch Brötchen. Ja, genau. Für die Druckindustrie insgesamt ist die additive Fertigung ein zusätzliches Brötchen-Geschäft, nicht der weiße Ritter.

Thesen

  • Die additive Fertigung hat heute hohe Wertschöpfungspotentiale in bestimmten Anwendungsgebieten wie Herstellung von Prothesen, Implantate, Spezialfertigung in Luft- und Raumfahrt.
  • Der klassische Bereich der additiven Fertigung, das Prototyping bzw. Rapid Prototyping bleibt umsatzstark, aber in seinem Marktpotential begrenzt. Gegeneffekte sind etwa das virtuelle Visualisieren (3D-Brillen u.ä.) und die erhöhten Grenzkosten bei zunehmender Mass Customization in der Konsumgüterfertigung.
  • Die technische Hauptüberschneidung zur Druckindustrie ist der Bereich Inkjet-Druckkopf.
  • Eine Kompetenzvermutung zugute der Druckindustrie seitens der Kunden ist heute nicht vorhanden.
  • Die additive Fertigung ist ein großes mediales Phänomen, seine wirtschaftliche Tragweite in den nächsten Jahren aber nicht so groß wie allgemein vermutet.
  • Die Druckindustrie hat kaum Kompetenz bei den Materialien (Plastik, Metall, Keramik, etc) und Objekt-Fertigungsverfahren (Laser-Sintering, 3D-Programme) und der vorhandenen Ausbildung der Mitarbeiter.
  • Kernkompetenzen der Druckindustrie wie Farbreproduktion, grafisches Knowhow oder Workflow-Automatisierung lassen sich nicht in eine Produktionsumgebung der additiven Fertigung abbilden.
  • Der Markt der additiven Fertigung wird künftig sehr fragmentiert werden – die Ausrichtung des Marktes wird eher vertikal sein und sich eher auf genaue Anforderungen von Branchen spezialisieren müssen (bereits heute ist die hochspezialisierte additive Fertigung von Zahnimplantaten ein Beispiel dafür)
  • Die Innovationszyklen in der professionellen additiven Fertigung sind sehr kurz. Entsprechend hoch ist das Investitionsrisiko in Maschinen (Preise ab ca. 200 000 Euro), da die Technik entsprechend schnell veraltet.

Das Potential der additiven Fertigung für die Druckbranche

Es gibt heute keine offensichtliche generische Erweiterung der Druckdienstleistungen um Dienstleistungen in der additiven Fertigung. Wohl mag es aber Geschäftsmodelle geben (oder werden solche kreiert), die eine Kombination sinnvoll erscheinen lassen, dies aber hauptsächlich als Vertriebsmodell. Die größten Potentiale liegen meiner Ansicht nach in der Oberflächenveredelung von Druckprodukten, nicht in der eigentlichen Erschaffung von Objekten durch die additive Fertigung.

Der Hype-Zyklus um die additive Fertigung neigt sich dem Ende zu, das hat selbst der CEO von Autocad, der ein ureigenes Interesse am Gedeihen des 3D-Markts hat, ausgesprochen. Ich hoffe, das kommt jetzt auch in der Zukunfts-Diskussion der Druckbranche an.

Insgesamt schätze ich die additive Fertigung als eine sehr komplementäre Erweiterung des Geschäfts eines Druckdienstleisters ein. Fertigungs- IT-, und materialspezifische Kenntnisse können in Firmen der Druckindustrie kaum vorhanden sein; Synergien aus vorhandenen Prozessen kaum erzielt werden. Die metallverarbeitende Industrie beispielsweise hat weit bessere Zugangsvoraussetzungen. Aber möglicherweise ist die verschlafener als die Druckindustrie…

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

5 Kommentare

  1. Antworten

    Alana Di Filippo

    15. Juni 2016

    Interessanter Thesen, die wir von 3yourmind auch in der Praxis jeden Tag zu spüren bekommen.. Viele, vor allem mittelständische Unternehmen, setzen bisher kaum auf 3D-Druck. Es wird auf jeden Fall eine riesige Aufgabe, additive Fertigung in die herkömmlichen Produktionsprozesse soweit zu integrieren, dass auch ein wirtschaftlicher Erfolg zu verzeichnen ist.

    • Antworten

      Bernd Zipper

      15. Juni 2016

      Hi Alana - danke für den Kommentar - leider muss ich Crosslinks immer entfernen, da wir werbefrei sind. Beste Grüße - Bernd

  2. Antworten

    Martin Feller

    22. März 2015

    Ich erinnere mich noch genau: Vor 20 Jahren führte Agfa zusammen mit Xeikon und Indigo den Farbdigitaldruck in der Druckindustrie ein. Zu Beginn waren die Maschinen noch störanfällig, und wir im Service & Support hatten unsere liebe Not, die Maschinen dahin zu bringen, was sie tun sollten: gut und zuverlässig drucken.

    Und dann las ich das Interview mit unserem weltweiten Marketingleiter, welcher sagte, die Maschine sei gar keine Druckmaschine, sondern ein Marketinginstrument. Was habe ich mich damals geärgert – macht die Maschine nicht was sie soll, dann bekommt sie einfach ein neues Label.

    Die Zeit verging, die Technik wurde zuverlässig und aus dem Digitaldruck wurden wirkliche Produktionsmaschinen. Ich übernahm die Verantwortung in Marketing und Vertrieb und mein Blickwinkel und Horizont erweiterte sich. Ich begriff, wie recht mein Kollege mit seiner frühen Aussage hatte.

    Ich begreife, wie sehr dieses Statement auch für den 3D Druck gilt. Und als Marketinginstrument mag er für Druckdienstleister eine wertvolle Ergänzung sein. Wo und für wen, das gilt es herauszufinden.

    Die Druckindustrie ist nicht tot. Aber sie schrumpft. Kontinuierlich und schon seit vielen Jahren. Um den Erhalt von jedem einzelnen Arbeitsplatz muss gekämpft werden. Wenn da der 3D Druck eine Rolle spielen kann, egal ob groß oder klein, dann ist er keine totale Fehleinschätzung.

  3. Antworten

    Michael Schelhorn

    16. März 2015

    Eine Anmerkung von mir zum letzten Kommentar: Die erwähnte Brancheninitiative 3Dion (3D-ion.de) ist eine Initiative des Rings Grafischer Fachhändler RGF.

  4. Antworten

    Dieter Kleeberg

    16. März 2015

    Sehr gute Charakterisierung dieses Hypes. Habe mich ebenfalls ausführlich damit befasst und bin im Wesentlichen zu den gleichen Schlussfolgerungen gelangt. Außer dem augenfälligen Inkjet als echte Gemeinsamkeit gibt es noch einige Parallelen/Analogien, aber der Knackpunkt ist ganz richtig die fehlende Materialienkompetenz.
    Mit Prognosen ist es immer so eine Sache, insofern ist die Bewertung eines künftigen Marktvolumens und des für unsere Branche vermeintlich interessantesten Konsumerbereichs (vor allem bunte Figürchen fürs Regal) nicht einfach. Die Anbieter additiver Technologien operieren ja selbst mit unterschiedlichsten Volumina, wie Sie sehr gut darlegen. Inwieweit da Zweckoptimismus und Investorenbegeisterung eine Rolle spielen, sei dahingestellt. Das Vertriebsmodell (eigene Datengewinnung und -bearbeitung, Einkauf der Druckdienstleistung) und die Bildung unternehmensübergreifender 3D-Druckzentren mit verschiedenen Technologien scheinen die sinnvollsten Geschäftsmodelle zu sein und die bereits Realität sind.
    "3D-Druck" wird auf der Drupa 2016 erstmals ein eigenständiges Thema sein. Die 3D-Druck-Systemanbieter hatten bereits die Drupa 2012 in Augenschein genommen, gewogen und für zu leicht befunden: Sie nehmen uns (noch) nicht ernst. Das bestätigte sich auch auf der EuroMold 2014. Das Stückzahlproblem, die Massenfertigung, ist neben den Materialien nach wie vor ein sehr trennendes Argument. Mit ungebrochenem Engagement informiert und animiert die Brancheninitiative 3Dion die Drucker und Mediendienstleister, und es wird sich zeigen, wie weit sich unsere Branche dem 3D-Druck zu öffnen bereit ist. Einige Vorzeige-Anwender wie Manhillen gibt es schon.


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