Druckst du noch oder bedruckst du schon? Inkjet-Innovationen aus anderen Industrien

29. Mai 2015, 10:56 Uhr | Neues, Technik

Der Anteil an Inkjet-Druckverfahren am Gesamtmarkt der Druckindustrie ist immer noch nicht da, wo ihn viele gerne sehen würden. Dabei hat die Inkjet-Technologie ein unerreicht hohes Diversifizierungspotential, das längst viele andere Branchen erreicht hat. Zugleich verschwimmen heutzutage die Grenzen zwischen Branchen und Industriezweigen. Und so findet sich der Inkjetdruck in Anwendungsbereichen wieder, die von Solartechnik bis zur additiven Fertigung auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Ich sehe dabei ständig disruptive Geschäftsmodelle entstehen – oder wenigstens Potentiale dafür -, die die klassische Druck-auf-Papier-Branche zu wenig im Auge hat. Ein paar Beispiele aktueller Entwicklungen zeigen ziemlich umwälzende Entwicklungen, einschließlich Implikationen für das Druckgewerbe.

Mein erstes Beispiel führt uns nach Hamburg. Dort, in der Airbus-A320-Fertigung, erreicht gerade ein Inkjet-Verfahren die industrielle Einsatzreife. Airbus hat in Zusammenarbeit mit einem Zulieferer aus der Schweiz den Inkjet-Bedruck von Flugzeugteilen ermöglicht. Dieses kontaktlose Direct-Printing-Verfahren mit CMYK-Inkjet-Druckköpfen steuert auf einem Linearachsensystem zeilenweise das Flugzeugteil an und ermöglicht fotorealistische Bedrucke und Verläufe sowie scharfkantig gedrucktes Linework. Damit entfällt die vorher übliche aufwändige Arbeit der konventionellen Bebilderung mit Folienbeschichtung.

Airbus entwickelte im Hamburger Werk die Inkjet-Technologie zur Einsatzreife. (Abb.: Airbus Industries)

Airbus entwickelte im Hamburger Werk die Inkjet-Technologie zur Einsatzreife. (Abb.: Airbus Industries)

Multifunktionale Beschichtung

Bereits seit 2012 läuft dieses Projekt und hatte letztes Jahr schon den Status TRL 6 (Technical Readiness Level 6, aus einer Skala-Einteilung des Technologie-Reifegrads) erreicht. Jetzt ist die Inkjet-Bebilderung in der Fertigung im Prototypen-Einsatz (TRL 7) und wird als nächstes in die normale Endfertigung integriert.

Airbus hat aber nicht nur schöne Bilder auf den Flugzeugrümpfen im Blick, sondern will einen multifunktionalen Einsatz der Inkjet-Technologie verwirklichen. Dazu gehört auch die so genannte Haifischhaut, deren geringer Reibungswiderstand den Treibstoffverbrauch erheblich senken soll. Im Projekt FAMOS wird in Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Fraunhofer IFAM dabei eine UV-härtende Lackschicht in Haifischhaut-Struktur aufgebracht, die sich anschließend an den dafür vorgesehenen Flugzeugteilen mit dem Direct-Printing-Verfahren bedrucken lässt. Zusammen ergibt auch das kombinierte Materialgewicht bei den neuen Verfahren eine Ersparnis beim Kerosinverbrauch.

Selbstredend verrät Airbus nicht besonders viele technische Details zum Verfahren und den beteiligten Zulieferern. Der erwähnte Schweizer Zulieferer lässt sich jedoch leicht eingrenzen – er ist spezialisiert auf individuelle Produktentwicklungen mit Inkjet-Technologie. Die Anwendung bei Airbus jedenfalls zeigt, wie Industrieunternehmen Inkjet-Kerntechniken adaptieren und auf ihre eigenen Anforderungen weiter entwickeln. Der Druckkopf jedenfalls wurde nicht extra für Airbus entwickelt. Ein weiteres besonderes Merkmal sehe ich in der Multifunktionalität, die „beyond“ Erscheinungsbild weitere Produkteigenschaften appliziert. Vorstellbar und teilweise auch schon realisiert wird eine solche Funktionskombination beispielsweise bereits im Druck von Out-of-home-Dekor.

Disruptiv in der Kachelindustrie

Mein zweites Beispiel führt uns in die Kachel- und Fliesenindustrie. Hier wirkt Inkjet bereits seit Jahren disruptiv. Wer heute neu in Maschinen für Kacheldekor investiert, tut dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit der Anschaffung von Inkjet-Maschinen. Der Verlierer auf voller Linie heißt hier Siebdruck – das Druckverfahren, dass wohl am meisten von Inkjet angegriffen wird. Das brachte am besten der Druckmaschinenhersteller Cretaprint zum Ausdruck, der seine Maschinenentwicklung fast komplett von Siebdruck auf Inkjet umstellte. 2011/12 schlug Efi zu und übernahm Cretaprint (wen wundert es?). Auch andere in der klassischen Druckindustrie bekannte Namen von Zulieferern sind im ceramic tile printing engagiert, beispielsweise Durst oder der Druckkopf-Hersteller Xaar.

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„In der Keramikkachelindustrie hat sich das Inkjet-Bedruckverfahren durchgesetzt. Individualfertigung und Online Print Shops sind dort aber noch weitgehend Fehlanzeige.“
– Bernd Zipper

Seit bald 10 Jahren kann man den Inkjet-Bedruck von Keramikkacheln als industriell ausgereift betrachten, die Entwicklung ist aber weiter im vollen Gang. Nach der planen Bedruckung der Kacheln stehen nun Entwicklungen bei der Haptik, sprich strukturierte Oberflächen, mehr im Fokus. Was aber grundsätzlich möglich ist, ist die Individualfertigung, also so etwas wie Auflage 1, und das auch im Mosaikdruck, bei dem der Bedruck mehrerer Kacheln ein Gesamtbild ergibt.

Digitaler Boden: Fliesen- und Kacheldekor wird zunehmend digital im Inkjet-Verfahren gedruckt. (Abb.: Durst Phototechnik AG)

Digitaler Boden: Fliesen- und Kacheldekor wird zunehmend digital im Inkjet-Verfahren gedruckt.
(Abb.: Durst Phototechnik AG)

Der Markt jedoch findet sich schwerpunktmäßig in China (gefolgt von Indien), und dort wird vornehmlich old-school-mäßig in Massenproduktion bedruckt. In Europa sind Kachelbedrucker heute hauptsächlich in Italien und Spanien zu verorten; Nord- und Südamerika sind unterrepräsentiert. Das E-Business Print haben die existierenden Kachel-/Fliesenbedrucker noch nicht so richtig entdeckt. Und weltweit gibt es nur wenige Anbieter, die den Bedruck von Keramikkacheln in Onlineprintshops anbieten. Ceramic tile printing ist immer noch ein „stiller“ Wachstumsmarkt. In ein paar Jahren schon sollen mehr als ein Drittel der Keramikkacheln im Inkjet-Verfahren bebildert sein, womit dort Inkjet eine größere Durchdringung haben würde als in der klassischen Druckindustrie. Ähnlich dürfte es übrigens auch bei den Entwicklungen im Glasdekor verlaufen.

Textildruck und Dekor

Vergleichsweise lahm verhält sich dagegen die Textilindustrie bei der Adaption der Inkjet-Technologie. Bis die einen Anteil von 5 Prozent erreicht hat, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. Zwar gibt es eine fast schon unübersichtliche Vielfalt an geeigneten Inkjet-Textildruckmaschinen, jedoch investieren die Maschinenhersteller angesichts der mauen Nachfrage aus der Textilindustrie vergleichsweise wenig in die Entwicklung. Das führt zu oftmals unflexiblen Lösungen, oder sie sind für die Individualfertigung nicht kosteneffizient genug. Transferverfahren und Siebdruck werden die Textildruckindustrie also noch länger begleiten. Hier sehe ich eine Chance für Online Printer, in den Gefilden der Textilbedruckbranche zu wildern, wo doch selbst Online-Größen wie Spreadshirt immer noch sehr auf den arbeitsintensiven Einsatz von Transferverfahren setzen. Die Onlinedruckereien, die sich jetzt bereits schon im Full Service für Marketing- und Merchandize-Produkte engagieren, haben das ja schon zumindest ansatzweise umgesetzt.

Einer der wenigen Maschinenhersteller für den Inkjet-Textildruck, die halbwegs das E-Business im Auge haben, ist Kornit Digital aus Israel, hier abgebildet die Rolle-zu-Rolle-Maschine Allegro. (Abb.: Kornit Digital)

Einer der wenigen Maschinenhersteller für den Inkjet-Textildruck, die halbwegs das E-Business im Auge haben, ist Kornit Digital aus Israel, hier abgebildet die Rolle-zu-Rolle-Maschine Allegro.
(Abb.: Kornit Digital)

Ähnlich verhält es sich auch immer noch im Dekor-Druck für Interior und Out-of-Home. Bis jetzt ist das für Inkjet ein Nischenmarkt. Da mag ein großer Anbieter wie Hewlett-Packard das Feld noch so sehr beackern – die Marktzugänge scheinen schwieriger als bei Dekorkacheln und selbst Textilien. Gerade der Markt für individualisierte Tapeten im Inkjetdruck hätte noch reichlich Potential. Die heutigen Inkjet-Technologien kommen auch mit den strukturierten Oberflächen zurande und könnten der Wandbekleidung zu weiterer Funktionalität verhelfen, beispielsweise Klimaregulierung oder Integration von printed electronics. Onlinedrucker, die eine geeignete Inkjet-Technik für Großformat installiert haben, schielen da augenscheinlich lieber mehr auf den Werbemarkt. Ich meine aber ja, dass sich Drucker strategisch mehr aus der Abhängigkeit der Werbeindustrie lösen sollten.

Mein abschließender Rat: Drucker und insbesondere solche, die sich im E-Business Print engagieren, sollten mehr als bisher den Einsatz von Drucktechniken in anderen Industrien verfolgen. Auf dass viele für andere Branchen disruptive Geschäftsmodelle von Druckdienstleistern entstehen mögen – und nicht umgekehrt!

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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