Apple kauft deutschen AR-Entwickler Metaio: Technik gekauft, Kunden ab zum Mond

1. Juni 2015, 16:07 Uhr | Meinung, Neues

Das passte eigentlich gar nicht zu dem Gebaren der Münchner Softwarefirma Metaio. Letzte Woche sah die Homepage des Augmented-Reality-Entwicklers plötzlich ziemlich abgemagert aus; lapidar wurde mitgeteilt, dass die Produkte nicht mehr verkauft werden. Über die Hintergründe kein Wort. Schnell ging dann aber durch die Presse: Der Gigant Apple hat mal wieder zugeschlagen und sich diese deutsche Tech-Firma einverleibt, die mit ihren Augmented-Reality-Anwendungen auch in der Print-Szene für Aufsehen gesorgt hatte. Die Art und Weise dieser Übernahme finde ich Apple-typisch bescheiden.

Über Metaio hatte ich auf beyond-print schon mehrfach berichtet, beispielsweise zuletzt im November 2014 anlässlich der InsideAR, der Hausmesse dieses deutschen Vorzeigeunternehmens. Damals kommentierte ich: „Es wird nicht mehr lange dauern, bis AR-Inhalte von den Konsumenten selbst erstellt und verknüpft werden“. Metaio wurde in Print- und Publisherkreisen schon fast als so etwas wie die bevorzugte Plattform für AR-Anreicherung von Print-Produkten gehandelt, bekanntestes Beispiel dafür dürften die AR-Anwendungen mit dem Ikea-Katalog sein. Autohersteller wie Audi oder Ferrari setzen ebenfalls auf Metaios AR-Plattform, und sie wurde auch für AR-Anreicherung bei etlichen Print-Magazinen eingesetzt.

Die wohl bekannteste Anwendung von Metaios AR-Technik ist die virtuelle Erweiterung des Ikae-Print-Katalogs zur Darstellung von Möbeln in der eigenen Wohnumgebung.

Die wohl bekannteste Anwendung von Metaios AR-Technik ist die virtuelle Erweiterung des Ikae-Print-Katalogs zur Darstellung von Möbeln in der eigenen Wohnumgebung.

Apple hat nun mit dem Aufkauf der Firma die existierende Software wie den Metaio Creator oder die AR-App Junanio de facto plattgemacht und die Metaio-Kunden zum Mond geschickt. Die Produkte werden wie gesagt nicht mehr verkauft und der Support endet spätestens am 15. Dezember diesen Jahres. E-Mails beantwortet die einverleibte Firma nur noch bis Ende diesen Monats, und Mitarbeiter haben offensichtlich einen Maulkorb verpasst bekommen. Das ist nichts Besonderes, sondern typisch für Apples Schweige-Kultur. Der iHersteller kauft Technologie, Programmierzeilen, Brain-Ware, aber nicht bestehende Produkte ein. Was er dann damit vorhat, geht niemanden an, bis vielleicht ein Produkt auf den Markt kommt. (Und dann hat es natürlich Apple „invented“.)

So ein Buy-out von Technologie und fallweise auch den Entwicklern sieht man sonst eher bei Start-ups, deren Gründer auch eine solche Exit-Strategie im Auge haben. Im Falle von Metaio, die schon etabliert sind und etliche Jahre am Markt operierten, ist das eher selten und auch schon ein Ausdruck von Apples Arroganz dabei, was bestehende Kundenverbindungen bei seinen Aufkäufen wert sind. Allerdings war Metaio gut zehn Jahre nach seinen Anfängen immer noch unter Beteiligung von Investoren wie etwa Atlantic Bridge Capital unterwegs. Die Gründer Thomas Alt und Peter Meier haben wohl nun zwar ausgesorgt, aber kaum Einfluss im Sinne ihrer Kunden gehabt.

Zipperkopf_SkeptischNachdenklich

„Es gibt weltweit nur wenige Unternehmen, die es sich leisten können, Bestandskunden ihrer Zukäufe einfach so vor die Tür zu stellen. Apple kann das, leider.“
– Bernd Zipper

Das momentan wieder wertvollste Unternehmen der Welt kann es sich sogar leisten, große Marken wie Ikea, Audi, Ferrari, SAP, Lego oder Otto, die bestehende Metaio-Anwender sind, einfach vor vollendete Tatsachen und vor die Tür zu stellen. Und wie es aussieht, werden sich all diese Firmenkunden von Metaio ab jetzt um eine andere AR-Technik bemühen müssen. Wenn Apple schon diese Kunden nicht berücksichtigt, dann sind Print-Akteure, die auf die Metaio-Lösungen setzten, weniger als Peanuts für das Unternehmen aus Cupertino. Weniger als Peanuts, das ist so ungefähr die halbe deutsche Medienelite, darunter die Süddeutsche mit ihren Magazin-Formaten, die RTL-Gruppe oder Gruner & Jahr mit dem Magazin Stern.

Was Apple mit der AR-Technik von Metaio vorhat, ist nicht bekannt. Von der Maps-Anwendung über die gerade entstehende iCar-Automobilabteilung bis hin zur schon seit Jahren erwarteten TV-Hardware oder Thermo-Erkennung von Produkten bei zukünftigen iPhones – Einsatzmöglichkeiten gäbe es reichlich. Da auch Google schwer engagiert ist, AR zu etablieren, musste Apple ohnehin reagieren. Gemäß meines Zitats oben wird Apple dazu sicherlich auch die Anwender einbinden, vergütungsfrei, versteht sich. Was wir von der Metaio-Übernahme an konkreten Produkten sehen werden, ist das, was als Business Case am meisten Geld in die Taschen von Apple spülen wird – unwahrscheinlich, dass Print-Anwendungen dabei sein werden. Print-Industrie und Apple: Diese Ehe ist schon lange Geschichte.

Das letzte Showreel von Metaio: Die hier gezeigten Verbindungen zu physikalischen Produkten betreffen Print. Das könnte nach der Übernahme von Metaio durch Apple wegfallen.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

2 Kommentare

  1. Antworten

    Sascha C. Djuderija

    5. Juni 2015

    Metaio ist tot, es lebe Metaio ...und Apple seih auf ewig verflucht! Wäre ich kein aktiver Mixed-Reality-Entwickler, der in den letzten zwei Jahren mit Metaio ein paar Softwareprojekte umgesetzt hat, hätte mich diese Meldung nicht so stark getroffen. Für den internationalen Entwicklersektor ist der Weggang von Metaio ein starker Verlust, da es konkurrenzmäßig keine vergleichbaren Alternativen gibt. Alleine die Trackingtechnologien CAD/Edge-based, SLAM/6VRAR und letzlich neuere Thermal Touch sind bei den anderen AR-SDK's nicht zu finden. Ich kenne einige Agenturen die mit Metaio-Produkten zu 100% arbeiten und nun quasi vor dem Nichts stehen. Auch ich hatte noch dieses Jahr vor mit einem öffentlichen Kunden, als auch meinem aktuellen Arbeitgeber diverse AR-Projekte mittels Metaio-Produkten zu realiseren, welche Endergebnisse längerfristig genutzt hätten werden sollen. Nochmals schade, schade, schade .....und Schande auf Apple. Wollen wir hoffen das Apple die Metaio SDK wenigstens wieder freigibt oder in ihre Xcode SDK integriert, damit wir Entwickler weiterarbeiten dürfen - selbst wenn es dann nur plattformabhängig möglich wäre.....

  2. Antworten

    Michael Fragstein

    3. Juni 2015

    Ich hoffe, die Arroganz von Apple wird sich eines Tages mal rächen. Die Jungs scheinen einfach vergessen zu haben, daß gerade die Nerds es waren, die die Marke nach vorne gebracht haben. Es ist völlig unverständlich, warum so ein tolle Anwendung einfach platt gemacht wird und einer sehr lebendigen Szene kommentarlos eine großartige Plattform geraubt wird. Das Verhältnis zu den Anwendern, die Apples Produkte professionell und wirklich kreativ nutzen wollen, sehe ich durch diese weitere "Ohrfeige" noch mehr belastet...


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