Wakeup-Call: Druckindustrie verpennt die Disruption der Industriegesellschaft

19. Juni 2015, 12:54 Uhr | Meinung, Neues

Hocheffektiv, Teil der nächsten industriellen Revolution – so sieht sich der Druckunternehmer gern. Wahrscheinlich weil der Hersteller seiner neusten Maschine ihn mit solchen Einsichten ausgestattet hat… Die Realität sieht jedoch anders aus: Viele Drucker halten „Industrie 4.0“ noch für ein System von Milch bestellenden Kühlschränken, „Online-Druck“ für eine Erfindung der bösen Amerikaner und das „Internet“ für eine vorübergehende Erscheinung. Zeit für einen Wakeup-Call.

Dieser Tage hatte ich wieder einen dieser von mir so geliebten Anrufe. Ein Druckunternehmer wollte „mal schnell einen Tipp“ zum Thema Online-Druck. In dem Moment in dem ich schon bereute überhaupt an den Hörer gegangen zu sein, formulierte er auch schon seine Fragestellung: Ob er denn „in diesen Bereich noch einsteigen solle“ und „ob es sich überhaupt noch lohnt, weil der Markt ja mit den großen Onlineprintern schon besetzt ist“. Da ich gelernt habe, dass nun zynische Worte (meine übliche Gegenfrage in solchen Fälle ist meist: „Meinen Sie, dass sich das mit diesem Internet wirklich durchsetzen wird?“) meinerseits in einer solchen Situation eher als hochnäsig angesehen werden, versuchte ich ihm in knappen 20 Minuten zu erklären was grade passiert. Seine Zwischenfragen zeigten mir aber dass ihn meine Äußerungen gar nicht interessieren – Disruption? Analog-Digital Transformation? Beraterquatsch – so ließ er mich wissen. Mit dem Versprechen, dass wir uns sicher auf der einen oder anderen Veranstaltung sehen – beendeten wir das Gespräch.

Analog-Digital Transformation: Alles Neu!

Analog-Digital Transformation: Alles Neu!

Und irgendwie kann ich ihn auch verstehen. In den Medien wird nur allzu gern über „Industrie 4.0“, über die schöne, neue Welt des Digitalen fabuliert – ein Thema welches die meisten mittelständischen Druckunternehmer für sich noch nicht erschlossen haben. Grund: Der Drucker hält sich entweder noch für einen Manufakteur – oder für eine Art Künstler der Papier veredelt. Dass er und seine Leidensgenossen der Branche schon seit Jahren das Monopol auf „Kommunikationsdistribution“ verloren haben, realisiert er nicht. Warum auch? Aufträge kommen doch noch – wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Grund: Nicht das unsere Gesellschaft sich verändert? Nicht, das sich das Kaufverhalten von Unternehmen und Menschen ändert? Nein: Grund für den Preiskampf sind die „bösen“ Online-Drucker.

Nun mag er ja zum Teil recht haben – denn viele Online-Drucker können ob der Masse der Jobs einfach günstiger produzieren und geben diesen Preisvorteil natürlich an den Kunden weiter um weitere Kunden zu gewinnen (…was aber wiederum auch eine Offline-Drucker dazu bewegt „unliebsame“ Jobs extern und online produzieren zu lassen). Zum anderen Teil hat er aber nicht verstanden was da seit Jahren vor sich geht: Unsere Gesellschaft ändert sich. Und das nicht nur ein bisschen. Es wird so ziemlich alles umgekrempelt – und das muss der Herr Druckunternehmer verstehen und dann bitte auch als Unternehmer handeln!
Berater-Bullshit? Wohl kaum. Wohin man schaut – es ändert sich alles: Banken, Versicherungen, Personentransport, Fernsehen, Zeitungen – alles.

Normalerweise vermeide ich es über die Studien von Beratungsgrößen wie McKinsey in der Öffentlichkeit zu sprechen, denn allzu oft müssen die Jeschkes, Apenberg oder ich nach großen Beratungsprojekten von McKinsey und Co. die „Realitätsnähe“ in dem einen oder anderen Unternehmen wieder herstellen, aber das Buch „No Ordinary Disruption: The Four Global Forces Breaking All the Trends“ des Autorentrios Manyika, Dobbs und Woetzel bringt es auf den Punkt: Noch nie war eine disruptive Bewegung innerhalb der Industriegesellschaft so brutal – noch nie so außergewöhnlich. Die Autoren hauen dem geneigten Leser die Realität und ihre Prognose der nahen Zukunft so um die Ohren, dass man nach der Lektüre ein wenig das Gefühl hat ein paar Jahre verschlafen zu haben. Kostprobe? Um 50.000.000 Menschen zu erreichen brauchte das Medium Radio im letzten Jahrtausend knapp 38 Jahre (!), das Fernsehen ca. 13 Jahre und Online-Kanäle wie Facebook nur noch knapp ein Jahr.

Es wird eine technologische Beschleunigung unfassbaren Ausmaßes beschrieben, die letztlich darin mündet, dass im Jahr 2025 über das Internet der Dinge mehr als 3 Billionen US-Dollar umgesetzt werden. Für Wissensarbeit (Beispiel: Google), natürlich automatisiert via KI, werden 5 Billionen Dollar und für das Mobile Internet 4-11 Billionen Dollar prognostiziert. Pro Jahr und weltweit versteht sich. Die Grundlage hierfür ist das „Internet der Dinge“ – das deutlich zu mehr in der Lage ist als einen vereinsamten Kühlschrank mit Milchprodukten zu bestücken. Die Autoren sehen im Jahr 2025 ca. eine Billionen Geräte miteinander vernetzt. Zur Erinnerung, eine Billion sieht in Zahlen so aus: 1,000,000,000,000.

Das bedeutet nicht nur unsere Umwelt wird sich ändern, sondern auch die Art und Weise wie wir Wertschöpfung generieren. Spätestens seit iTunes die CD verdrängt hat – oder YouTube mächtiger ist als so manche TV-Station – kann man sich vorstellen was da kommt.

Und die Druckindustrie? Macht sich Gedanken über Lackwerke. Oder ob nun Digitaldruck oder nicht. Oder ob man „einen Crack“ fürs Internet einstellt. Hallo? Noch jemand zu Hause? Selbst größte Druckunternehmen – die bisher einen gesunden Umsatz hatten – machen sich heute noch Gedanken ob sie das Internet als Infrastruktur nutzen sollten. Man muss sich das mal vorstellen: Für viele Drucker bedeutet die Nutzung des Internets noch immer, dass sie mit einem Online-Print Shop gegen Flyeralarm antreten müssen. Von Beschaffungsportalen oder B2B-Portalen zur Kundenbindung haben die meisten Drucker noch nie was gehört.

Zipperkopf_Zufrieden

„Ich halte es da mit Schiller: Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ – Bernd Zipper

Und das Leiden ist groß, denn jetzt auf „einmal“ mangelt es dann auch noch an Fachkräften! Und natürlich nur weil die „jungen Menschen den Beruf des Druckers nicht zu schätzen wissen“. Die bösen jungen Menschen! Komisch: Die großen Online-Drucker haben diese Probleme nur bedingt – ob es ggf. auch an der Attraktivität des Berufsbildes oder des Arbeitsplatzes liegen kann? Das kommt dem Druck-Unternehmer nicht in den Sinn.

Was gilt es also zu tun, Herr „Neunmal-Klug-Zipper“?

Die Antwort ist eigentlich simpel: Einfach mal mitmachen, statt das Rad neu zu erfinden. Bauen sie ihre Manufaktur (und sei sie noch so groß) endlich um zu einem modernen IT-gesteuerten Unternehmen. Fangen sie noch heute damit an dafür zu sorgen, dass Ihre Mitarbeiter gerne bei Ihnen arbeiten. Starten Sie eine Strategiediskussion wie sie das Internet gescheit als Infrastruktur für die Kundenkommunikation (und gerne auch im Team) nutzen können. Kooperieren sie mit anderen Druckern, die oft das gleiche Problem haben, und entwickeln sie gemeinsam neue Geschäftsideen. Die Druckunternehmer in D/A/CH die dies verstanden haben, so zeigen unsere Zahlen aus dem Jahr 2014, haben im Schnitt 8% MEHR Umsatz gemacht, als ihre Kollegen die als Drucker am Ende der Nahrungskette ihr Dasein fristen.

Und bitte: HÖREN SIE AUF IMMER NUR ÜBER MASCHINEN NACHZUDENKEN. Ja, die sind wichtig – aber noch wichtiger sind fitte Mitarbeiter die Online nicht nur als TV-Plattform verstehen und vor allem der Einsatz der richtigen Software. Drucker müssen verstehen, dass nicht die nächste Maschine ihr Seelenheil ausmachen wird, sondern definitiv das IT-Betriebssystem ihres Unternehmens. Es geht also um Online-Portale oder Shops, gescheite MIS- und CRM-Mechanismen und nicht um die nächste 8-Farben plus Lack! Und gesättigt ist der Online-Printmarkt noch lange nicht – es gibt hier viele Möglichkeiten und Chancen zu ergreifen. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Dank Internet und Online-Vertrieb haben wir so viele Chancen wie noch nie Print zu verkaufen. …man muss nur mal damit anfangen! Wann? Jetzt gleich, bitte – denn das Internet wird nicht auf ein paar grübelnde Drucker warten. Auch nicht, wenn die ganz, ganz toll drucken können.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

3 Kommentare

  1. Antworten

    Marcus Stamer

    10. Juli 2015

    Brilliante Zusammenfassung, besser kann man es nicht formulieren.

    Wie die Branche tickt kann man auch sehr schön auf solchen Events wie der CO-Reach beobachten. Da fühlen sich Unternehmen innovativ wenn Sie statt links herum rechtsherum falzen können und das Ganze natürlich mit Lack :-) oder auch schön 500.000 Briefe können innerhalb von 24 Stunden versendet werden.

    Viel wichtiger ist es sich Gedanken zu machen, wie man z. B. klassische Druckprodukte mit dem Web vernetzt oder gemeinsam mit Partnern aus Produkten Lösungen formt.

    Man muss sich aber auch selbst die Freiheit nehmen oder seinen Mitarbeitern die Freiheit geben Dinge auszusprobieren und berücksichtigen, dass nicht jede Idee auch echtes Geschäftsmodell wird.

    Zumindest wurden und werden bei uns im Unternehmen so die meisten Ideen entwickelt, auch wenn man für manches zunächst belächelt wird. Kann man vielles auch dazu benutzen, um sich für potentielle neue Kunden interessant zu machen. Unsere "NFCar" Parkscheibe oder auch unser "NFC-to-Speech" Anwendung sind schöne Beispiele hierfür.

  2. Antworten

    Frank Berrenbaum

    29. Juni 2015

    Ich bin auch der Meinung, dass in der Druck- und Medienbranche das Thema Industrie 4.0 zu wenig Beachtung findet. Wir haben die Herausforderung "Auflage 1" täglich bei unseren Musterverpackungen, die genau wie eine Grossauflage aussehen soll. Es ist häufig jedoch sehr schwierig, dem Kunden den Preis einer Kleinauflage zu erklären, weil er meint, es wären nur ein paar Mausclicks. Leider gibt es bisher keine durchgängigen Softwarelösungen, die den Prozess so abbilden dass eine automatisierte Fertgung möglich ist. Auch ist die Kompetenz auf Kundenseite nicht vorhanden, Aufträge eindeutig zu erteilen, damit keine Rückfragen nötig sind.
    Wenn ich von 1Billion vernetzter Geräte lese, zweifel ich auch an den Studien, die zu diesem Ergebis führen, weil dies bedeuten würde das bei einer Bevölkerung von acht Millarden pro Kopf 125 Geräte aktiv wären. Dann müsste sich in den nächsten zehn Jahren eine sehr unwahrscheinliche Umverteilung des Besitzes ereignen, damit sich im Durchschnitt jeder soviele Geräte leisten kann und jeder die Zeit hat, sie zu benutzen.

    • Antworten

      Thomas Tritremmel

      7. Juli 2015

      Danke für den eindrucksvollen Artikel und die treffenden Alltagsbeschreibungen. Allein den Begriff "eCommerce" setzt die Mehrheit mit "Online-Shop" gleich -gerade im B2B ist eCommerce ja vielmehr Schnittstellen- und System-Integrationsthema. Vorsichtig sollten alle Unternehmen sein, "Industrie 4.0" mit "Automatisierung" gleichzusetzen - dem ist nicht zwingend so.
      @ F.Berrenbaum: Auch Fahrzeuge, Flugzeuge, Maschinen, Anlagen, etc. sind heutzutage ans Internet angebunden. Die Zahl wäre demnach nicht auf "persönliche" Geräte umzulegen. Industrie und Logistik sind bereits extrem dicht mit Sensorik und drahtloser Internetanbindung ausgestattet.
      Mit freundlichen Gruß


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