Übernahme von Poster XXL durch die Photobox-Gruppe: Großformat als Marktzugang

12. August 2015, 10:12 Uhr | Meinung, Neues

Großer Fisch schluckt kleineren Fisch. Im Online-Fotoprint, der Paradedisziplin des E-Business Print im Konsumentengeschäft, haben wir das just schön mitverfolgen können. Die britische Photobox-Gruppe hat Ende Juli den Münchner Online-Fotoservice PosterXXL AG für einen ungenannten Preis übernommen. Damit wächst der Umsatz der Briten und seiner europäischen Tochterfirmen um etwa 14 Prozent auf um die 340 Millionen Euro. Und vor allem: Photobox wird jetzt auch im deutschsprachigen Markt ein Wörtchen mehr mitreden.

Was das Produkt-Portfolio betrifft, macht die Übernahme durchaus Sinn. Platzhirsch Cewe (machte 2014 übrigens einen Umsatz von 524 Millionen Euro) ist direkt in seinem Kerngeschäft bei Fotoprint-Produkten insbesondere auf dem deutschen Markt nicht so leicht angreifbar. Die umsatzträchtige Fotobuch-Produktion hat Cewe zudem durch Erweiterung des Geschäfts durch das „klassische“ Onlineprint-Geschäft mit den Töchtern viaprinto und Saxoprint strategisch ergänzt. PosterXXL ist da deutlich anders positioniert. Die Münchner Firma hat, wie der Name selber deutlich aussagt, seinen Fokus auf Großformat-Prints wie gerahmte Drucke, Leinwand- oder Posterdrucke (hat aber auch andere Produkte wie Kalender oder eben Fotobuch im Angebot). Die Photobox-Gruppe hat offensichtlich statt nach einem Übernahmekandidaten im Fotobuch-Bereich nach einem anders aufgestellten Unternehmen aus dem deutschsprachigen Markt Ausschau gehalten und wurde bei einem Großformat-Anbieter fündig.

Quelle Abbildung: PosterXXL AG

Quelle Abbildung: PosterXXL AG

OK, Großformat bieten auch normale Onlinedruckereien an, aber der Fokus brachte der Münchner AG zuletzt kräftige Umsatzsteigerungen ein, während dieses Segment bei den üblichen Onlinedruckereien ein Nebengeschäft ist und vor allem Geschäftskunden bedient. Davor aber hatte sich PosterXXL verzettelt und nach einem starken Wachstum im April 2013, ein Jahr nach Platzierung einer Mittelstandsanleihe, den Verlust von mehr als der Hälfte des Grundkapitals vermelden müssen. Dann folgte die Flucht nach vorne: 35 Mitarbeiter mussten gehen, Ende 2013 zog sich PosterXXL aus Italien und Großbritannien zurück, der Markenname wurde auf eine Tochtergesellschaft namens MCIP (Mass Customization Intellectual Properties) übertragen – was die Eigenkapitalquote deutlich aufwertete. Siehe da, binnen Jahresfrist stimmten wieder neben Umsatzwachstum auch die Zahlen in den Bilanzen. Die Braut hat sich schnell schön gemacht – und die Photobox-Gruppe schnell zugeschlagen.

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„Photobox suchte im deutschsprachigen Raum offensichtlich den richtigen Marktzugang – und hat ihn jenseits von Fotobuch gefunden.“ – Bernd Zipper

Während aber PosterXXL mit der vergleichsweise schnöden Mittelstandsanleihe auf Kapitalsammeln aus war und ist, hat die Photobox-Gruppe eine wahre Phalanx an Investoren aufzubieten. Die Webseite verzeichnet nicht weniger als sechs Venture-Investment-Firmen – hier zeigt sich, dass die Briten im E-Business Print ihr Wachstum nicht nur aus dem operativen Geschäft finanzieren und europaweite Marktkonsolidierung zum Geschäftsmodell gehört. Der bislang größte Aufkauf der Firma war 2011 die Übernahme von moonpig, einem Anbieter von personalisierten Grußkarten und Fotogeschenken, für 120 Millionen britische Pfund. moonpig ist bis heute ausschließlich in den englischsprachigen Märkten wie Großbritannien, Australien, USA und Kanada unterwegs. Daneben sammelte Photobox nach dem Zusammenschluss mit dem französischen Counterpart Photoways weitere Unternehmen durch Aufkäufe ein. Dazu gehörte erst letztes Jahr der spanische Marktführer im Online-Fotobuch-Geschäft Hofmann. Und der hatte ein Jahr zuvor eine Mehrheitsbeteiligung an Posterjack erworben, die ein durchaus ähnliches Geschäftsmodell haben wie PosterXXL. Und: Posterjack sitzt wie PosterXXL in München. Ich vermute mal stark, dass der neue Eigner auf Dauer keine zwei Produktionsstätten in München sehen will.

Durch die Finanzkraft seiner Investoren/Miteigner kauft sich die Photobox-Gruppe Marktanteile und erhält dabei die zugekauften Marken. Daneben finde ich aber beachtenswert, wie die Gruppe operativ agiert. So hat sich Photobox auf nur wenige Produktionsstätten konzentriert. In Europa sind es nun nach der PosterXXL-Übernahme vier Produktionsstätten und gefertigt wird bereits markenübergreifend. Photobox wird seine IT weiter integrieren und einen ähnlichen Mass-Customization-Ansatz verfolgen wie Branchenprimus Cimpress. Zudem hat die Gruppe in London eine Art Inkubator gegründet, der neue Marken und Produkte entwickelt. Und nicht zuletzt findet sich im Management Führungspersonal, das zuvor bei Internet-Größen wie AOL oder Ebay wirkte. Seine Gene hat das Management der Gruppe nicht im klassischen Druckgeschäft, sondern im Internet-Business und E-Commerce. Im deutschsprachigen Raum und international wird es für Branchengrößen wie Cewe oder Cimpress in Zukunft durch das forcierte Wachstum der Photobox-Gruppe kompetitiver.

Deutsche Mitbewerber, die PosterXXL ebenfalls übernehmen hätten können, haben dieses Mal nicht zugegriffen. Dabei war PosterXXL als Kaufkandidat schon einige Zeit im Gespräch. So hat nun eine UK-Firma zuschlagen können. Im wirtschaftlich stärksten Onlineprint-Markt Europas ist dies eine vertane Chance der hiesigen Akteure.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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