Dropshipping: Neue Wege oder nur ein Trend?

28. August 2015, 10:15 Uhr | Hintergrund, Neues

In der letzten Zeit wurde ich häufig von meinen Kunden zum Begriff „Dropshipping“ gefragt, was sich dahinter verbirgt und wie man damit Geld verdienen kann. Deshalb habe ich mich mal mit dem Thema genauer befasst. Auf deutsch bedeutet der Begriff Dropshipping so viel wie „Streckenhandel“ und hat seinen Ursprung im englischsprachigen Raum. Bestellen Endkunden beim Anbieter Waren, werden diese nicht von diesem, sondern vom Lager eines Großhändlers oder gleich vom Produzenten versendet. Das geht selbstredend auch online und auch im Onlineprint-Geschäft.

Während in den USA die Methode des Dropshipping-Verkaufens schon seit längerem praktiziert wird, findet sie hier bei uns in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr Anhänger. Zum Beispiel hat sich diese Art von Streckengeschäft in der Autoindustrie schon bewährt, wo Ersatzteile für ein Fahrzeug zwar beim Fahrzeughersteller bestellt werden, der Versand aber vom Zulieferer oder dessen Großhändler erfolgt.

Und wie passt Dropshipping in die Druckindustrie?

Da man selbst als große Druckerei nicht alles selbst machen kann und muss, ist Dropshipping eine interessante Möglichkeit, das Geschäft auszuweiten, ohne selbst in Technik oder Know-How zu investieren. Diese Art von Handel sieht vor, dass ein Händler A – das könnte zum Beispiel ein Drucker sein – Waren von einem oder mehreren Lieferanten B erwirbt und sie an seine Kunden C weiterverkauft, ohne Kontakt mit der Ware zu haben. Die Lieferung der Ware erfolgt direkt vom Lieferanten B an den Kunden C. Die Rechnung geht vom Drucker an seinen  Kunden, Händler und Lieferant verrechnen das Geschäft intern. Das spart Lager- und Transportkosten sowie Kapitalbindung in einem eigenen Lager.

Dropshipping – Eine Möglichkeit die eigene Wertschöpfungskette auszuweiten (Abb: Drop-Shipping.de)

Dropshipping – Eine Möglichkeit die eigene Wertschöpfungskette auszuweiten (Abb: Drop-Shipping.de)

Kurzum eigentlich kann jeder über das Streckengeschäft Geld erwirtschaften, jedoch nicht als Affiliate mit Provisionen. Schließlich ist der Shop-Betreiber Vertragspartner des Endkunden. Zwar kauft dieser die Waren nicht vorab ein, leitet aber letzten Endes den Kundenwunsch nur um. Hierfür braucht es natürlich einiges an Vertrauen und die Sicherheit, dass die Qualität der Produkte gegenüber dem Kunden garantiert werden kann.

Übersetzt auf ein Online-Geschäft bedeutet das, dass der Kunde zwar im Internet-Shop bestellt, der Shop-Betreiber, der über keine entsprechende Produktion oder ein Lager verfügt, den Auftrag an seinen Lieferanten weitergibt, der die Ware herstellt und neutral oder in der CI des Internet-Shops verpackt direkt an den Besteller sendet. In beiden Fällen zahlt der Kunde an den Händler oder Shop-Betreiber, der wiederum mit dem Lieferant abrechnet.

Bei Wir-machen-Druck beispielsweise wird bereits dieses Geschäftsmodell praktiziert, mit dem sogenannten Reseller-Programm können Druckereien unter eigenen Namen und zu günstigen Preisen eine Vielzahl an Druckprodukten online anbieten, ohne sie selbst zu (be)drucken. Mit diesem Shop-System bietet Wir-machen-Druck Wiederverkäufern die Schnittstelle zwischen konventioneller Druckerei und Internet-Druckerei – das wäre zum Beispiel eine Möglichkeit sich als Druckerei mit Produkten und Drucksachen auch überregional zu positionieren um neue Zielgruppen anzusprechen und neue Märkte zu erschließen. Und auch andere Onlinedruckereien bieten Produktion und Logistik (Versand, Shopsystem/Schnittstelle,…) als Dropshipping-Service an.

Im üblichen E-Commerce (damit meine ich den Handel mit Fertigware) bieten viele Dropshipping-Lieferanten auch die Anbindung an übliche Shopsoftware an, um die Produkte in den eigenen Onlineshop integrieren zu können. Das geht hin bis zum Lagerbestandsabgleich. Personalisierungsoptionen sind dort allerdings noch die Ausnahme. Für Onlineshops aus dem Druckbereich böten sich hier hier etwa Großhändler für Produkte aus dem Büroartikel- oder Werbemittelmarkt an.

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„Gelegentlich muss man auch eingetretene Pfade verlassen und keine Scheu vor Produkten haben, die man selbst nicht herstellen kann.“ – Bernd Zipper

Allerdings ist erfolgreich im Streckengeschäft nur derjenige, welcher eine Marktnische besetzt. Im Idealfall mit Produkten von entsprechenden Lieferanten, welche ihre Ware noch nicht selbst an Endkunden vertreiben und deren Sortiment als einziger Händler übers Netz anbieten. Über Diversifizierungspotential vor allem durch Drucktechniken in anderen Einsatzbereichen berichtete ich bereits mehrfach auf beyond-print.

Durch das Dropshipping-Modell ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, die Wertschöpfungskette über das reine Drucken hinaus auszuweiten. Das gilt auch für kleine Online-Druckereien. Online-Print wird allerdings allzu oft als Modell für preiswerten Drucksacheneinkauf gesehen. Dabei kann Online-Print weit mehr.

Wer Dropshipping-Services nutzt, spart nicht nur Lagerfläche sondern durch Waren gebundenes Kapital. (Bildquelle: Dmitry Kalinovsky ©123rf.com)

Wer Dropshipping-Services nutzt, spart nicht nur Lagerfläche sondern durch Waren gebundenes Kapital. (Bildquelle: Dmitry Kalinovsky ©123rf.com)

Wenn Online-Print im Geschäft mit Firmenkunden dessen Absatzkanäle und Handelspartner mit einbezieht, wird dies die Geschäftsentwicklung des Kunden und der Druckerei positiv beeinflussen. Dazu muss man sich aber auch mit dem Geschäftsmodell der Kunden auseinandersetzen. Welche Drucksachen benötigt der Kunde selbst, welche benötigen seine Handelspartner und/oder Kunden?

Mehr Hintergrundinformationen für Dropshipping bieten beispielsweise die Online-Plattform DropShipping.de , der Online Guide von Shopify oder das von der Shopware AG betriebene Portal bepado.de.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

1 Kommentar

  1. Antworten

    Dieter Kleeberg

    1. September 2015

    Sehr guter Beitrag, der sicher viele Betriebe zum neuen Denken über ihr Geschäftsmodell veranlassen dürfte.

    Ich möchte gern ein Beispiel nachlegen: Der zurzeit in der Druckindustrie diskutierte 3D-Druck scheint sich ebenfalls auf dieses Gleis zu begeben. Um sich die Investition in die verschiedenen und teilweise sehr teuren additiven Fertigungsverfahren zu ersparen, die wegen der jeweiligen Werkstoffspezialisierung einen vielfältigen Gerätepark erforderten, aber jeweils nur eine geringe Auslastung versprächen, positionieren sich vor allem Vorstufendienstleister bzw. -abteilungen mit der neuen Kompetenz CAD-Datenaufbereitung. Über ihren Online-Shop akquirieren sie 3D-Aufträge und versenden die aufbereiteten Daten an einen der 3D-Druckpartner, der die erforderliche additive Technologie und Werkstoffbeherrschung bietet. Derartige Aufträge werden nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern mittlerweile bis nach China weiterverkauft. Der ausgewählte 3D-Druckdienstleister versendet das Endprodukt an den Endkunden, der Online-Shop-Betreiber stellt dem Endkunden die Gesamtrechnung und verdient an der Datenaufbereitung und der Marge aus dem Weiterverkauf, quasi eine Provision. Damit sichern sich die Vorstufendienstleister bzw. -abteilungen denjenigen Teil am 3D-Kuchen, der die geringsten Investitionen (CAD-Programme) und die geringeren Probleme (weitgehend automatische Datenoptimierung, kein Expertenwissen über Werkstoffe nötig, keine schwer kalkulierbare Produktnachbearbeitung) verursacht.


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