Online-Textildruck per Crowdfunding: Seedshirt setzt auf Social Media

9. November 2015, 14:16 Uhr | Neues, Technik

Druckprodukte finanziert per Crowdfunding habe ich im Web bisher hauptsächlich als Inselprojekte („wer finanziert den Druck meines Buchs“) gesehen. Seit einiger Zeit nutzen aber einige Online-Textildruck-Anbieter das Crowdfunding-Modell für ihre Geschäfte – und zwar auftragsbezogen. Man druckt ab einer Mindestauflage – und das Crowdfunding wird den Kunden überlassen. Und das soll für potentielle Kunden auch noch risikofrei sein – produziert wird nur, sobald der T-Shirt-Designer auch etwas verdient. Nach Vorbildern aus den USA, Großbritannien und Frankreich startete dieses Jahr auch ein deutsches Unternehmen so ein Geschäftsmodell.

Der Online-Editor von Seedshirt.

Der Online-Editor von Seedshirt.

Als ich mir das Konzept von Seedshirt angesehen habe, dachte ich zuerst, noch so einer, der zu den zig Millionen T-Shirt-Designs im Web noch ein paar hinzufügen wird. Aber einen deutlichen Unterschied gibt es doch: Während die vielen Shops von Spreadshirt & Co. beziehungsweise deren Affiliates ab Auflage 1 verkaufen, gibt Seedshirt erst einmal seinen Kunden eine Mindestauflage vor. Beziehungsweise: Wer bei Seedshirt eine Crowdfunding-Kampagne startet, muss eine eigene Mindestauflage vorgeben, verdient werden kann aber schon vorher. Jeder aus der Printmedienbranche weiß: Bei höheren Auflagen sinken die Fixkosten pro Exemplar. Folglich kostet ein bedrucktes T-Shirt bei 50 Druckexemplaren weniger als ein Einzelexemplar.

Gedruckt wird im Erfolgsfall

Das Prinzip von Seedshirts sieht so aus:

  • Interessenten gestalten erst einmal das T-Shirt-Design. Dazu gibt es einen Editor, auch Datei-Uploads sind möglich. Außerdem legt man fest, welches Produkt (Hoodies, Shirts, Biotextilien,..) bedruckt werden soll und trifft die Auswahl der angebotenen Farbvarianten.
  • Dann muss sich der potentielle Seedshirt-Kunde auf eine Auflage von mindestens 10 bis maximal 500 Exemplare und einen Preis festlegen. Die Preisuntergrenze (je nach Auflage/Exemplare) setzt selbstredend Seedshirt. Und Seedshirt produziert dann, sobald der Kunde auch nur einen Cent im profitablen Bereich liegt.
  • Nun kann der (immer noch potentielle) Kunde seine Kampagne starten. Er legt einen Kampagnen-Zeitraum fest, beschreibt sein Projekt und bekommt von Seedshirt so etwas wie eine Landing Page für seine T-Shirt-Kampagne (hier ein Link zur Landing Page einer bis 10. November laufenden Kampagne).
  • Jetzt heißt es dann, die Kampagne ordentlich in Sozialen Medien bekannt zu machen, um Bestellungen einzuheimsen. Vornehmlich hat Seedshirt dazu das Streuen bei Facebook im Auge und gibt auf seiner Website dazu auch eine ausführliche Anleitung.
  • Ist die Kampagne erfolgreich, wird produziert. Falls nicht, entstehen dem Kampagnenstarter keine Kosten – und den Bestellern sowieso nicht, wie das bei Crowdfunding eben üblich ist.

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„Crowdfunding für Druckprodukte ist ein B2C-Geschäft – nicht gerade die Paradedisziplin normaler Druckdienstleister.“ – Bernd Zipper

Das klingt erst einmal nach einer ziemlich guten Geschäftsidee. Seedshirt reduziert den Exemplarpreis entsprechend der Auflagenhöhe. Durch die zeitliche Befristung auf maximal drei Wochen verschwindet die Landing Page der Kampagne auch mal wieder aus dem Netz, womit sich Seedshirt schnell von erfolglosen Landing Pages befreit. Und Seedshirt hat bei erfolgreichen Kampagnen einfach nur noch die Fulfillment-Rolle (Druck, Versand, Zahlungsabwicklung), zu selbst festgelegten Preisen. Kampagnenstarter gehen jedenfalls kein Risiko ein, da Kosten nur im Erfolgsfall entstehen und dann auf die Besteller verteilt werden.
Das Nadelöhr für den Erfolg von Seedshirt ist jedoch das Engagement der Kampagnen-Starter, die ihr T-Shirt-Design im Netz hinreichend bekannt machen müssen. Dafür gibt es von Seedshirt auch eine ausführliche Anleitung, wie man denn die Kampagne unters Volk bringt, wie gesagt mit Schwerpunkt auf Facebook. Und das zweite Nadelöhr ist, dass jede Kampagne sich auf ein einzelnes T-Shirt-Design bezieht. Einen kompletten Shop mit mehreren Designs zur Wahl zu betreiben, wie es bei vielen anderen Online-Textildruckern möglich ist, scheidet hier aus. Jedoch sind verschiedene Bedruckprodukte in Farbvarianten und vom Endkunden gewählte Größen wählbar.

Preisbestimmung bei Seedshirt.

Preisbestimmung bei Seedshirt.

Gehyptes Geschäftsmodell

Hinter Seedshirt steht das Startup Shirtigo aus Köln, das bereits seit 2013 einen Online-Textildruckshop betreibt. Produziert wird im Siebdruck und im digitalen Direktdruck mit Maschinen von Kornit. Die Idee zum Crowdfunding-Textildruck hatten aber auch schon andere. In den USA ist beispielsweise Teespring schon länger mit der Crowdfunding-Idee unterwegs – die dortige Presse nahm begierig die Nachricht von T-Shirt-Campaneros auf, die es angeblich so zu Millionenumsätzen brachten. Wenig später bediente das französische Startup Teezily mit diesem Konzept den europäischen Markt. Gerade erst haben die Franzosen Teezily Plus als B2B-Angebot mit Anbindung an Shopify gestartet. Anfang 2015 übernahm Teespring den englischen Anbieter Fabrily, einem stark wachsenden Copycat des Crowdfunding-Erlösmodells. Selbst in Albanien setzt eine Firma namens Teerana auf diese Geschäftsidee. Amazon, in Sachen Mass Customization bereits auf verschiedenen Baustellen unterwegs, hat im Oktober 2015 ebenfalls diese Idee aufgegriffen und testet das mit Merch by Amazon zunächst einmal im US-Markt. Für Seedshirt kann das nur heißen, schnell internationalisieren zu müssen und weitere Ländershops zu eröffnen.

Auch Amazon geht mit Merch by Anmazon den Crowdfunding-Weg.

Auch Amazon geht mit Merch by Amazon den Crowdfunding-Weg.

Alles in allem scheint das Crowdfunding-Drucken zumindest für die Anbieter ein lohnendes Geschäftsmodell zu sein. Schwierig wird es allerdings für die Anbieter, die sehr heterogenen Zielgruppen wie Vereine, Spendensammler, Designer, Veranstalter, Youtube-Stars etc. marketingtechnisch zu erreichen. Als Kampagnenstarter (also Kunde dieser Firmen) sollte man schon über eine eigene Web-Präsenz und ein richtiges und gepflegtes Arsenal an Social-Media-Kanälen verfügen. Mein Eindruck ist auch, dass es ohne Onlinewerbung seitens der Kampagnenstarter eher selten zum Verkaufserfolg reicht. Damit verdienen a) die Crowdfunding-Druckanbieter, b) die Social-Media-Werbeplattformen und dann erst c) die Kampagnenstarter.

Ausblick

Auftragsbezogenes Print-Crowdfunding via Kundenengagement wird sich in Zukunft deutlich auf weitere Druckprodukte wie etwa bedruckte Handyhüllen ausweiten. T-Shirts sind hier erst einmal die treibende Kraft und Marktöffner, ähnlich wie das früher Bücher für Amazon waren. Dass letztgenannte Firma sich auch schon in diesem Markt bewegt, zeigt für mich nur das Potential, dass dieses Segment bietet. Klar ist auch, dass Crowdfunding für Druckprodukte sich fast ausschließlich im B2C-Markt abspielt und dort, wie das so schön heißt, „emotional aufgeladen“ werden muss.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

1 Kommentar

  1. Antworten

    Jan Lukat

    10. November 2015

    Schöne Idee ;-) Extrem ausbaufähig – vielleicht nicht nur auf T-Shirts!


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