„Zukunft des Drucks gestalten“ – PARC-CEO Stephan Hover im Interview

2. Dezember 2015, 8:34 Uhr | Hintergrund, Neues

„Jedes große Unternehmen wird zum Opfer seines eigenen Erfolgs“, meint Stephen Hoover, CEO des legendären Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox und stand Knud Wassermann für beyond-print Rede und Antwort. Er führt im Interview auf, wie es gelungen ist, Xerox trotz aller Veränderungen auf dem Markt weiter zu entwickeln.

beyond-print: Das Xerox Palo Alto Research Center (PARC) steht für eine Vielzahl an Innovationen. Was war aus Ihrer Sicht die revolutionärste Innovation, die vom PARC kam?

SteveHoover_27_color_conferenceStephen Hoover: Ich glaube es ist eine Verknüpfung an Innovationen rund um die Entwicklung des Personal Computers und dessen Integration in die Arbeitswelt. Wir haben uns schon damals darauf konzentriert, die Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern. Wir haben in den 1970er Jahren die Basis gelegt, um den Computer allen Menschen zugänglich zu machen. Dazu haben wir die Hürden zur Bedienung eines Computers mit einer grafischen Benutzeroberfläche überwunden und so mittels der WYSIWYG-Darstellung eine intuitive Bedienung ermöglicht.
Das zweite zentrale Element war der Laserdrucker, der auch aus dem PARC kam. Bis heute ist die Elektrofotografie eine der Schlüssel-Technologien in der grafischen Industrie und der Inkjetdruck ist der Newcomer. Es ist fast ironisch, dass es den PC brauchte, um zu erkennen, dass es Laser-drucker benötigt. In dem Moment, in dem die Menschen die Informationen am Monitor sahen, wollten sie sie mit anderen auch auf Papier teilen. Und das, obwohl wir die PCs mittels Ethernet so verbunden hatten, dass sie Informationen direkt austauschen konnten.

beyond-print: Welche Rolle spielt das PARC heute innerhalb der Xerox?

Stephen Hoover: Das PARC ist eines von vier globalen Forschungszentren. Die Zentren sind in der Xerox Innovation Group angesiedelt, über die alle Forschungs- und Entwicklungs(F & E)-Aktivitäten gesteuert werden. Jede Geschäftseinheit wird durch ein eigenes Produktentwicklungs-Team unterstützt. Wir arbeiten übergreifend für alle Geschäftszweige der Xerox und das sowohl im Bereich Technik als auch Services. Für die Art und Weise, wie wir unsere F&E-Aktivitäten ausgerichtet haben, sprechen mehrere Gründe. Man braucht einfach einen Ort, an dem sich Forscher über die bestehende Produktpalette und die zurzeit bearbeiteten Märkte hinaus beschäftigen können. Die Xerox hat in den letzten 50 Jahren enorme Veränderungen durchgemacht, ist aber immer noch einer der Technologieführer. Dabei darf man nicht vergessen, dass einst führende Unternehmen mittlerweile komplett vom Markt verschwunden sind. Deshalb braucht es jemanden, der ganz gezielt über das aktuelle Tagesgeschäft hinausschaut. Xerox hat sich immer wieder neu erfunden – ausgehend vom einfachen Kopierer, über den Laserdrucker bis zu den Managed-Print-Services und der Diversifikation in Richtung Prozess-Services. Unsere Aufgabe ist es, einerseits die bestehenden Geschäftsfelder weiter zu entwickeln und andererseits darüber hinaus zu blicken, um die Zukunft des Unternehmens zu gestalten.

beyond-print: Eine Vision des PARCs ist Open Innovation – was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Stephen Hoover: Open Innovation hört sich wie ein Widerspruch in sich selbst an. Normalerweise wird Innovation als etwas betrachtet, das man kontrollieren und geheim halten muss, um so einen unmittelbaren Nutzen daraus zu ziehen. Hinter Open Innovation verbirgt sich eine einfache Idee. Obwohl wir über ein breites Know-how innerhalb des Konzerns verfügen, müssen wir Innovationen auch von außen in das Unternehmen hineintragen. Durch unseren vorausblickenden Ansatz entstehen aber auch Innovationen, die nicht unbedingt zu unserem Kerngeschäft passen. Wenn wir die Technologie nicht alleine bis zur Marktreife entwickeln wollen, dann suchen wir uns entsprechende Partner. Wir arbeiten heute mit einer Vielzahl von Partner zusammen, darunter befinden sich Namen wie BASF, Motorola, Samsung, Sony und viele mehr. Unsere Entwicklungen rund um den Personal Computer sind ein sehr gutes Beispiel für Open Innovation. Wir haben damals die Benutzeroberfläche an Apple lizensiert und dafür ein Aktienpaket erhalten. Das war sicherlich auch besser, da Apple einfach näher am Consumer-Markt war.

Der Xerox Alto wurde 1973 am Forschungszentrum Xerox PARC entwickelt und war der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche.

Der Xerox Alto war der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche und für Jedermann zugänglich. (Quelle: Palo Alto Research Center (PARC)von Xerox)

beyond-print: Kann das PARC frei entscheiden, in welche Richtung die Forschung geht?

Stephen Hoover: Die Xerox Innovation Group arbeitet bei 60 Prozent der Projekte sehr eng mit den einzelnen Geschäftsbereichen zusammen. Über 40 Prozent unserer Ressourcen können wir vollkommen frei verwenden und selbst entscheiden, mit welchen Themen wir uns beschäftigen. Dadurch können wir ausloten, mit welchen Technologien und Services wir in Zukunft unser Geld verdienen werden. Es ist sicherlich eine gewisse Herausforderung, sich auf der einen Seite mit aktuellen Fragestellung des Unternehmens zu beschäftigen und sich auf der anderen Seite komplett davon freizuspielen und die aufkommenden Technologien richtig einzuschätzen und die Mittel entsprechend zu investieren.

beyond-print: Ist in der grafischen Industrie noch Platz für Innovation?

Stephen Hoover: Absolut. Gerade die Digitalisierung eröffnet hier ein riesiges Potenzial für Innovationen. Heute werden schätzungsweise 53 Billionen Seiten gedruckt, aber nur 2 Billionen davon werden digital gedruckt. Es gibt keinen Grund dafür, warum nicht das gesamte Volumen digital produziert werden sollte. Die Voraussetzung ist, dass die Digitaldrucktechnologien die wirtschaftlichen und auch die anwendungsspezifischen Anforderungen erfüllen. Hier gibt es eine Reihe von Ansätzen, um die Kosten zu reduzieren und das Anwendungsspektrum hinsichtlich Farben und Bedruckstoffen deutlich zu erweitern.

beyond-print: Und das über den Inkjetdruck hinaus?

Stephen Hoover: Die Technologien werden mit dem Inkjetdruck, so wie wir ihn heute kennen, nicht mehr viel zu tun haben. Sodass man sie durchaus als neue Technologien bezeichnen könnte. Aber jetzt muss ich vorsichtig sein, dass ich nicht zu viel erzähle. Injket ist eine unglaublich leistungsfähige Technologie. Zurzeit sehen wir eine Koexistenz zwischen der Elektrofotografie und dem Inkjetdruck. Die aktuellen Farben und Bedruckstoffe limitieren den Inkjetdruck jedoch noch, um die Umschichtung von konventionellen hin zu digitalen Druckverfahren zu beschleunigen. Deshalb arbeiten wir an neuen Wegen, wie wir die Tinte aufs Papier bringen und wie diese beiden Komponenten miteinander reagieren.

beyond-print: Ist das Thema Inkjet nicht ein Schwachpunkt der Xerox?

Stephen Hoover: Ich bin davon überzeugt, dass Xerox leistungsfähige Inkjet-Systeme in seinem Portfolio hat. Eines ist sicher. Die Leistungsfähigkeit der heutigen Systeme ist mit jenen, die vor fünf Jahren auf dem Markt waren, nicht vergleichbar.

beyond-print: Wenn man sich aber die Marktanteile ansieht, ist Xerox im Inkjetdruck ein relativ kleiner Player.

Stephen Hoover: Das mag stimmen, da wir relativ spät in dieses Segment eingestiegen sind. Nichtsdestotrotz können unsere Lösungen  mit denen anderer Hersteller technologisch absolut mithalten. Und wir bringen mit Rialto eine Inkjet-Lösung für den Bogendruck auf den Markt. In den nächsten fünf Jahren werden wir wesentlich bessere Tinten sehen, die sich wie konventionelle Druckfarben auf dem Bedruckstoff verhalten, und das ist das, was die Kunden wollen. Die Vision, an der wir arbeiten, ist eine digitale Drucktechnik mit der Effizienz und Anwendungsbreite analoger Verfahren zu entwickeln. Das ist aber ein langfristiges Projekt, das wir als Investment in unsere Zukunft sehen und auch als Commitment zur grafischen Industrie betrachten.

Mit Printed Memory wurde ein Produkt vorgestellt, für den Bereich intelligente Etiketten und Verpackungen. (Quelle: Palo Alto Research Center (PARC))

Mit Printed Memory wurde ein Produkt für den Bereich intelligente Etiketten und Verpackungen vorgestellt. (Quelle: Palo Alto Research Center (PARC)von Xerox)

beyond-print: Printed Electronics, Funktional Printing und 3D-Druck geistern als Schlagwörter in der Branche herum. Haben diese Technologien neben dem Wort Druck irgendetwas mit der Druckbranche zu tun?

Stephen Hoover: Ich denke schon, denn der 3D-Druck ist wiederum eine Chance, ein Unternehmen neu auszurichten und in einen Wachstumsmarkt einzusteigen. Solche Chancen sollte man sich nicht entgehen lassen.
Viele Unternehmen aus der grafischen Branche haben sich beispielsweise in Richtung Marketing umorientiert und sind heute Marketing-Service-Provider. Somit haben sie sich in einem schweren Marktumfeld wieder eine Wachstumsperspektive erschlossen. Gerade die grafische Branche durchläuft seit Jahren enorme Veränderungsprozesse. Diese neuen Technologien bieten Unternehmen die Chance zu überdenken, ob es wirklich das Kerngeschäft ist Farbe aufs Papier zu bringen oder ob es darum geht, die Anforderungen der Kunden zu erkennen, zu verstehen und dafür die richtigen Technologien bereitzuhalten. Die Menschen mögen 3D-Druck, da sich damit wirklich alles personalisieren lässt. Unternehmen, die im Digitaldruck tätig sind, verstehen in der Regel auch etwas von Personalisierung und sind dem 3D-Druck näher, als sie denken. Und mit großer Wahrscheinlichkeit betreut man bereits Kunden, für die Anwendungen aus dem 3D-Druck interessant sein könnten.

beyond-print: Werden wir einen 3D-Drucker von Xerox sehen?

Stephen Hoover: Wir verfügen über zahlreiche Patente in diesem Bereich und verkaufen auch Technologie an Hersteller von 3D-Druckern. Darauf beschränken wir uns zurzeit und beliefern verschiedene Unternehmen mit Inkjet-Druckköpfen und anderen Komponenten. Ob sich das in Zukunft ändern wird, kann ich nicht sagen.

beyond-print: Was wird die nächste disruptive Technologie sein, die in den kommenden Jahren auf die grafische Industrie zukommen wird?

Stephen Hoover: Ich denke, das lässt sich nicht auf eine Technologie reduzieren. Eine davon ist aber sicherlich der Inkjetdruck oder andere Ansätze, die punkto Leistung und Wirtschaftlichkeit an konventionelle Druckverfahren heranreichen. Ein weiteres Thema ist Printed Electronics. Wir haben gerade mit Printed Memory ein Produkt vorgestellt, mit dem wir den Bereich intelligente Etiketten und Verpackungen adressieren wollen. Wir sollten uns auch darüber bewusst sein, dass wir erst am Anfang der Entwicklung stehen, was Computer über uns wissen. Kontextsensitive Analyse- und Empfehlungssysteme werden die Art und Weise, wie wir kommunizieren, nachhaltig verändern. Die nächste Revolution wird uns sicherlich die künstliche Intelligenz bescheren.

beyond-print: Und wie werden Druckprodukte in Zukunft aussehen?

Stephen Hoover: Junge Menschen informieren sich nicht mehr über Print, aber man kann über Print ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Die Herausforderung wird es sein, in dem Wirrwarr von Kanälen die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Print spielt hier auch in Zukunft eine wichtige Rolle. Print wird in Zukunft aber auch wesentlich interaktiver sein, um Print und Digital miteinander zu verbinden.

Herr Hoover, vielen Dank für das offene Gespräch!

Dieses Interview ist in Kooperation mit der Graphischen Revue entstanden. Das vollständige Interview lesen Sie in der Ausgabe 6/2015 der Graphischen Revue.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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