Web-to-Print für Müsli? Ein erster Schritt in Richtung Food Mass Customization

9. Dezember 2015, 17:12 Uhr | Hintergrund, Neues

Müsli? Individuell? Ja, das kennt man – aber das nun die Verpackung direkt am POS personalisiert werden kann, das ist neu und ein Ergebnis der Zusammenarbeit von mymuesli, Heidelberger Druckmaschinen und zipcon consulting.

Als Max Wittrock zusammen mit zwei Freunden 2005 beschloss, biologisches, ohne Aroma- oder Farbstoffe und mit wenig Zucker versetztes, Müsli herzustellen, das zudem auch noch individuell zusammenstellbar sein sollte, hielten das viele möglicherweise für eine „Schnapsidee“. Als Heidelberg am 2. April 2014 die Jetmaster für den 4D-Druck vorstellte, hielten das viele für einen verspäteten Aprilscherz. Doch im Dezember 2015 ist aus der Schapsidee und dem Aprilscherz ein neues Geschäftsmodell entstanden. Seit nunmehr acht Jahren steht das Passauer Start-up-Unternehmen mymuesli für individuelle und gesunde Bioprodukte rund um Flocken, Flakes und Früchte. Das mehrfach preisgekrönte Unternehmen hat den Müslimarkt revolutioniert und bietet auf seinen Websites heute unvorstellbare 566 Billiarden mögliche Müslimischungen an.

Fülle an individuellen Müsli-Varianten herstellen kann, müsste doch etwas anderes personalisiert werden können

Bei mymuesli kann man sich nicht nur sein individuelles Müsli zusammenstellen, sondern die eigene Müslidose personalisieren.

Dass das Konzept im Internet ankommt, kann man aus heutiger Sicht fast schon erwarten. Dass es aber auch bei Ladenlokalen funktioniert, hat selbst Max Wittrock und sein Team überrascht. Die Läden in attraktiven Innenstadtlagen (inzwischen gibt es weit über 35 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, dem Ursprungsland des Müslis) sind lichtdurchflutet, hell und freundlich. Hier kann aus weit über 50 fertigen Sorten ausgewählt werden. Und es überrascht geradezu, welche professionelle Vielfalt an Drucksachen in diesen Shops – vom einfachen Aufkleber über Kataloge und Broschüren bis hin zu aufwändigen und fertig konfektionierten Geschenkverpackungen – zu finden sind.

So könnte aber jeder beliebige Laden aussehen – Max Wittrock fehlte die Brücke zum Individuellen. Wenn man in den Läden schon nicht die ganze Fülle an individuellen Müsli-Varianten herstellen kann, müsste doch etwas anderes personalisiert werden können? Schon seit Jahren arbeitet mymuesli in der Fertigung mit Klebeetiketten um die individuellen Müsli-Mischungen der Kunden zu personalisieren. Das Ergebnis wurde von den Kunden gut angenommen – die Qualität der Personalisierung ist für das mymuesli-Team jedoch nicht befriedigend.

Die vom Kunden erstellten Daten werden via Cloud an den Longo-Server übertragen, dort für die Maschine aufbereitet und an den Drucker vor Ort, binnen Sekunden, zurückgesendet.

Die vom Kunden erstellten Daten werden via Cloud an den Longo-Server übertragen, dort für die Maschine aufbereitet und an den Drucker vor Ort, binnen Sekunden, zurückgesendet.

Mehr oder weniger per Zufall traf ich Max Wittrock und Andreas Freund, IT-Mastermind von mymuesli, die mir bei einem gemeinsamen Termin ihre Produktion vorstellten und ihre Philosophie der Personalisierung näherbrachten. Gemeinsam wurde die Idee geboren, die Müslidose als Verpackung im Direktdruck zu personalisieren. Also müsste die Verpackung im ersten Schritt im Laden bedruckt werden. Und hier schließt sich der Kreis. Da mir der Anwendungsfall Direktbedruckung von Fußbällen durch die Jetpress der Heidelberger Druckmaschinen bekannt war, ich berichtete an gleicher Stelle hierüber, brachte ich die beiden Unternehmen zusammen und wir entwickelten im Dreierteam die passende Lösung. Denn offene Fragen gab es genug. Eine Druckmaschine in einem Lebensmittelgeschäft? Was sagt das Gesundheitsamt zu diesem Ansinnen? Was ist mit den Tinten? In welchen Sprachen sollen und können die Dosen bedruckt werden?

 

Inzwischen sind diese Fragen geklärt. Seit Beginn des Weihnachtsgeschäfts können Müsli-Fans im mymuesli-Laden in Heidelberg zwischen vier beliebten und bereits abgefüllten Sorten wählen und deren Verpackung gegen Aufpreis am bereitstehenden Terminal individuell gestalten. Zur Auswahl stehen fünf Motive der Stadt Heidelberg und ausreichend Platz für einen persönlichen Text. Der Kunde kann den Druck live verfolgen und die bedruckte Dose gleich mitnehmen.

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„Das Müsli zuerst zu probieren und dann auch noch zusehen können, wie die Dose bedruckt wird, dürfte für viele ein unvergessliches Erlebnis sein.“
­– Bernd Zipper

Und selbst nachdem das Müsli verzehrt ist, wird diese Dose sicher nicht im Müll landen. Die Softwareplattform hierzu ist eine Web-to-Print-Anwendung der Firma Longo aus Augsburg. Longo nutzt für die Präsentation der Vorlagen die Software Printq von CloudLab. So personalisiert der Kunde auf einem Tablett im Laden – anschließend werden die Daten via Cloud an den Longo-Server übertragen, dort für die Maschine aufbereitet und an den Drucker vor Ort, binnen Sekunden, zurückgesendet.

„Unsere Kunden legen besonderen Wert auf Individualität und Qualität. Sie wollen nicht nur ein Müsli, sie wollen ihr Müsli. Noch nie war es leichter, Familie und Freunde so originell zu überraschen, wie mit der individuell bedruckten mymuesli-Dose. Das ist Echtzeitindividualisierung, die hervorragend zu unserer Philosophie passt und unser Geschäftsmodell bereichert“, sagte Max Wittrock beim Startschuss für die Jetmaster Dimension im mymuesli-Shop in Heidelbergs vielbesuchter Hauptstraße.

Möglich wird dies nun mit der Jetmaster Dimension, die Heidelberg für die Anforderungen von mymuesli angepasst und als erste Maschine dieser Art direkt in einem Verkaufsraum installiert hat. Die Maschine kann von allen zwölf Mitarbeitern des mymuesli Shops in Heidelberg bedient werden.

Die Müslidose als Verpackung im Direktdruck zu personalisieren - keine Zukunftsvision. Dank der Jetpress von Heidelberger Druckmaschinen können zukünftig Kunden direkt und live im Heidelberger mymuesli Shop ihre Müslidose personalisieren.

Die Müslidose als Verpackung im Direktdruck zu personalisieren – Dank der Jetpress von Heidelberger Druckmaschinen keine Zukunftsvision mehr.

Das sogenannte 4D-Druck-Verfahren, womit das individuelle digitale Bedrucken dreidimensionaler Objekte mittels Inkjet-Technologie und hochpräziser Robotik gemeint ist, hat Heidelberg vor über einem Jahr für den Schwarz-Weiß-Druck und Anfang November auf der InPrint als Vierfarb-Maschine vorgestellt. Die Maschine kann runde oder zylindrische Objekte mit einem Durchmesser von 10 mm bis 300 mm in einer Auflösung von 360 dpi vierfarbig sowie mit Deckweiß oder Schutzlack bedrucken. Damit können Massenprodukte wie Fuß- oder Golfbälle, Trinkflaschen und andere gekrümmte Oberflächen wie Dosen nahezu in Echtzeit personalisiert werden.

Nahezu, denn 20 Dosen in der Stunde sind wohl ausreichend im Müsli-Shop, bei einer wirklich industriellen Anwendung dürften Forderungen nach mehr Geschwindigkeit wohl sehr bald auf der Todo-Liste bei Heidelberg auftauchen. Und wenn das Personalisieren schon in den Läden bei den Kunden ankommt, ist es eine Frage der Zeit, wann man sich sein individuelles Müsli im Internet zusammenstellen und es mit einem eigenen Label bedrucken lassen will. Die nächste Herausforderung ist die Industrialisierung des Bedruckvorgangs – die Abfüllung von mymuesli erfordert höhere Geschwindigkeiten und eine absolut ausfallsichere Printproduktion – es ist also noch ein langer Weg zum Ziel.

Und nicht nur das. Heidelberg wird sich jetzt sputen müssen, eine Mannschaft aufzubauen, die das Potenzial der Maschine erkennt und gezielt nach Anwendungen jenseits der klassischen Kernmärkte sucht, um die Jetmaster Dimension zu vermarkten. Für Heidelberger Druckmaschinen noch ein langer Weg. Vor allem weil ein Kernelement des Gesamtprozesses dann doch von jemand anderem kam: Vom Druckdienstleister Longo, der einfach verstanden hat, dass Mass Customization vor allem auf einem Faktor basiert – der richtigen Software.

Mehr Hintergrundinformationen von Andreas Weber, Value Communication AG

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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