Kommentar: Was bedeutet die Übernahme von Wir-machen-Druck durch Cimpress für den Onlineprint-Markt in D/A/CH?

11. Januar 2016, 11:08 Uhr | Meinung, Neues

Kurz vor Weihnachten knisterte es noch einmal so richtig im Online Print Markt. Mit der Ankündigung der Übernahme von Wir-machen-Druck.de hat Cimpress für einen knackigen Jahresabschluss gesorgt. Was aber bedeutet diese Übernahme für die Branche? Ein Kommentar.

Alle Brands von Cimpress

Alle Brands unter dem Dach von Cimpress

Ich gebe es zu und werde mir nun den Unmut vieler Online- und Offline Drucker zuziehen, denn allen Unkenrufen zum Trotz ist die Übernahme von Wir-machen-Druck.de durch Cimpress ein kluger Schachzug für den Online-Print Giganten. Keine Frage, Wir-machen-Druck.de ist nicht unumstritten im Lande und ein paar Netzwerkpartner waren mit der Zusammenarbeit vielleicht nicht immer ganz glücklich, aber unter dem Strich: Wir-machen-Druck.de ist hochprofitabel. Nun höre ich schon den einen oder anderen wieder jammern nach dem Motto „Och – Warum sind wir denn nicht gekauft worden?“ – aber mal ehrlich: Wenn man auf die Zahlen schaut, dann gibt es nur wenig Gründe für ein Unternehmen wie Cimpress Wir-machen-Druck.de zu verschmähen. Aber ich glaube, dass hier nicht nur die Zahlen gesprochen haben – vielmehr wird das Wir-machen-Druck-System für Cimpress von Interesse sein. Wenn die Übernahme abgeschlossen ist, hat Cimpress mit einem Schlag ein funktionierendes Print-Netzwerk im hochumkämpften deutschen Markt. Dies hat Vorteile: Das WmD-Prinzip basiert im Kern auf einem Netzwerk von Produktionspartnern – d.h. Investitionen, wie sie zum Beispiel bei anderen Zukäufen durch Cimpress in 2015 getätigt wurden, sind weitgehend unnötig.

Nun mag man gern über die Ungerechtigkeiten des Marktes klagen, aber die beiden Gründer von WmD, Samuel und Johannes Voetter, haben auf die richtige Karte gesetzt und werden nun Teil des weltweiten Cimpress-Netzwerkes. Nebenbei verdienen die beiden Gründer, die bis dato nur selten in der Öffentlichkeit erschienen sind, noch eine Menge Geld. Das Rezept ist eigentlich simpel: Konzentration auf Vertrieb – Produktion extern. Erst in den letzten beiden Jahren hat WmD damit angefangen in Druckkapazitäten aktiv zu investieren und sich an einigen Unternehmen zu beteiligen. Auch die Probleme die eine Netzwerkproduktion mit sich bringt, dürften den beiden WmD-Gründern bestens bekannt sein – auf dieses Know-How kann nun Cimpress weiter aufsetzen.

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„Cimpress ist, wenn auch aus starkem Eigeninteresse, ein wichtiger Marktteilnehmer für das Image der gesamten Druckindustrie.“ – Bernd Zipper

Eine weitere Sache muss ich zugeben: Schon seit Mitte 2015 haben es die Spatzen von den Dächern gepfiffen – da passiert was zwischen Cimpress und WmD. Man kann fast schon von einem massiven Spatzenschwarm sprechen, der da unterwegs war. So hat diese Ankündigung der Übernahme eigentlich keinen Insider überrascht. Wohl aber die Kaufsumme. Und man mag sich schnell die Frage stellen: Ist eine solche Summe gerechtfertigt – schließlich geht es um ein Unternehmen, das kaum eigene Produktionskapazitäten hat. So zeigt sich nun die bittere Wahrheit für viele Drucker die jahrelang brav investiert haben und am Modell „meine Maschine“ beharrlich festhalten: Nicht die Maschinen sind der eigentliche Wert neuzeitlicher Investitionsstrategien, sondern der Kundenzugang und die „Business Intelligence“ dahinter.

Ein weiterer Grund warum Cimpress WmD übernehmen möchte, ist aber wohl auch unternehmens-historisch zu sehen. Anfang 2015 hat Robert Keane, mit dem ich mich über das Thema jüngst ausführlich austauschen konnte, die Politik seines Unternehmens umgestellt. Nicht mehr der kurzfristige Quartalserfolg steht nun fortan im Mittelpunkt seiner Investitions- und Produktionspolitik, sondern vielmehr der Aufbau eines globalen Produktionsnetzwerkes unter der Flagge Cimpress. Keane weiß genau: Nicht der traditionelle Druck steht im Mittelpunkt der künftigen Drucknachfrage, sondern die Personalisierung und Individualisierung von Drucksachen – vom T-Shirt, über Akzidenzen bis hin zur Tasse oder einem Buch, sind die Zukunft und die Renditegaranten der Zukunft. Hierfür braucht Cimpress IT-Architekturen.

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Die Umstellung der Investitionspolitik bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Ein Anleger der vor fünf Jahren 10.000 Euro in Cimpress investiert hätte, könnte heute den Betrag 16.664,54 Euro auf seinem Portfolioauszug sehen. Hätte er im letzten Jahr 10.000 Euro investiert, wären es hingegen nur 10.637,95 Euro. D.h. die Performance über die letzten fünf Jahre liegt bei 66,65% – die des letzten Jahres eher nur bei mageren 6,38%. Das passt kurzfristig denkenden Investoren natürlich nur bedingt. Grund für das „Tief“ ist die Umstellung und das massive Investment das Cimpress tätigen muss, um eine passende Mass Customization Plattform aufzubauen und um international marktgerecht anbieten zu können.

Daher ist Keanes Schritt Wir-machen-Druck zu übernehmen für Cimpress mehr als positiv. Zum einen werden sich Anleger über die sofort steigende Rendite freuen – zum anderen ist er im wichtigsten Online Print Markt des Globus auf einmal die Nr.2, direkt nach Localhero Flyeralarm. Cewe, mit mehr als einer halben Milliarde Umsatz vorwiegend im Fotogeschäft, mal ausgeklammert.

Aber was bedeutet nun die Übernahme von WmD für die Online Print Industrie in D/A/CH? Die Antwort ist simpel: Nichts. Also zunächst einmal. Aber Cimpress wäre nicht der weltgrößte Onlinedrucker, wenn das Unternehmen nicht verstanden hätte, beständig Marktanteile zu erobern. Sicher ist, dass Cimpress, bzw. die „lokale Marke“ Wir-machen-Druck, weiter wachsen wird. Interessant wird sein, ob sich jedoch auf lange Sicht die Strategie des günstigsten Preises am Markt halten lässt. D.h. auch Wir-machen-Druck muss sich neue Konzepte in Sachen Produkt- und Servicepolitik überlegen. Auch weitere Zukäufe in einem anderen Preissegment sind für mich durchaus denkbar.

Für den Markt in D/A/CH ist Cimpress nun ein wichtiger Player: Nur wenige Druckunternehmen schalten landesweit TV-Werbung, nur wenige Unternehmen promoten „Druck“ so clever wie Cimpress und nur wenige Unternehmen arbeiten mit so vielen externen Produktionspartnern. Daher ist Cimpress, wenn auch aus starkem Eigeninteresse, ein wichtiger Marktteilnehmer für das Image der gesamten Druckindustrie. Wer hätte das vor 10 Jahren gedacht.

Während meiner Recherchen habe ich auch mit Bernhard Heiligtag, dem Cimpress-Mastermind hinter dem WmD-Deal gesprochen. Er bringt die aktuelle Situation knackig auf den Punkt: „Wie bereits am OPS 2015 angekündigt, hat Cimpress nun mit dem Kauf von WMD in Deutschland die Zeit der Coopetition eingeleitet. Dieses offene Netzwerk, dass dazu einlädt eigene Produktionskapazitäten zur Verfügung zu stellen und/oder auch sein Produktportfolio zu erweitern, dies kann für den Markt, unsere Partner und den Kunden nur positiv sein.“ Ein klares Signal an den Markt, aber auch an die Wettbewerber. Das wird noch spannend lieber Leser …

Unter dem Strich kann der Kauf von Wir-machen-Druck für Cimpress als kluger und wichtiger Schritt in den deutschen Onlineprint-Markt gewertet werden. Mit dem netten Nebeneffekt, dass die Erträge von WmD Cimpress eine deutlich bessere Gesamtperformance bescheren werden und dass mehr Druckunternehmen aus Deutschland vom Marktzugang des Onlineriesen profitieren. Druck-Unternehmen die nicht direkt als Auftragnehmer profitieren, werden bald merken das Online-Print durch den direkten Eintritt von Cimpress in den deutschen Markt mit zur „Renaissance des Druckens“ beiträgt und das wird noch mehr Wettbewerb und mittelfristig bessere Erträge liefern. Sofern man nun seine Hausaufgaben macht.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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