Wenn die Farbe die Maschine beschädigt … Metallspäne alarmieren Online Printer

17. Februar 2016, 8:43 Uhr | Hintergrund, Neues

Im Online Print geht Performance über alles, was aber ist wenn auf einmal ein unerwarteter Störfaktor dazwischen kommt? Jüngster Fall: Metallspäne die vermutlich aus der Druckfarbe kommen. Ich hatte Gelegenheit darüber mit Dr.-Ing. Colin Sailer über einen aktuellen Fall zu telefonieren. Im Nachgang zum Telefon-Interview habe ich bei Herrn Dr. Carl Epple, Vorstand Innovation & Entwicklung bei der Epple Druckfarben AG nochmals genauer nachgefragt.

Bernd Zipper: Es gibt da einige Gerüchte in der Branche über Metallspäne in Druckfarben. Auch einige Onlineprinter waren davon betroffen. Was steckt dahinter?

Colin_Sailer

Dr.-Ing. Colin Sailer: Ja, es handelt sich dabei nicht nur um Gerüchte, sondern um belegbare Fakten. Als Sachverständiger bin ich seit Anfang des Jahres 20014 mit dieser Thematik befasst. Im Auftrag eines großen Maschinenherstellers und dem Haftpflichtversicherer der Firma EPPLE Druckfarben AG war ich von Anfang 2014 bis Mai 2015 in vier Fällen mit der Ursachenfindung, dem Schadensmechanismus und der Herkunft der Metallpartikel beauftragt. In diesem Zeitraum entstanden auch zahlreiche Gutachten zu dem Thema. Im Frühsommer 2015 hat mich die Online-Druckerei unitedprint.com SE in Radebeul beauftragt, die dortigen Bogendruckmaschinen hinsichtlich möglicher Beschädigungen durch Metallsplitter in Druckfarben der Firma Epple zu begutachten und ein Sachverständigengutachten zu erstellen.

Bernd Zipper: Das bedeutet, dass bei der Herstellung der Druckfarbe wohl offensichtlich ein Problem vorliegt. Können Sie mir in kurzen Worten erklären wie Druckfarbe herstellt wird und wo das ursächliche Problem liegt?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Umfangreiche Recherchen haben ergeben, dass die Metallteilchen in den Druckfarben von den Kugeln der Kugelmühlen stammen, die Druckfarbenhersteller wie die Firma Epple verwenden, um die Farben fein zu dispergieren. In den Kugelmühlen erzeugen aufeinander prallende Stahlkugeln einen Mahleffekt. Werden jedoch die Kugeln nicht von Zeit zu Zeit ausgetauscht bzw. ersetzt, treten durch zu langen Gebrauch mechanische Überbelastungen an den Kugeln auf. Es entstehen Dauerermüdungsbrüche, Risse an den gehärteten Kugeloberflächen treten auf und die nächste Folge sind abgeplatzte Metallpartikel. Diese scharfkantigen und harten Metallteilchen gelangen dann mit der Druckfarbe in die Druckfarbendosen.

Metallpartikel in Farbe

Metallpartikel in Farbe

Bernd Zipper: OK, also ein recht komplexes Verfahren. Wenn Sie Sachverständiger in diesem Fall sind und waren, dann liegen Ihnen ja klare Beweise vor. Wie sehen diese aus?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Ja, mir liegen in allen Fällen klare Beweise vor. Wir haben aus den Farbdosen viele Metallpartikel mit Hilfe eines Lösungsmittels herausgelöst und konnten diese Metallpartikel dann am Rasterelektronenmikroskop mit Hilfe der EDX-Analyse, die Energiedispersive Röntgenspektroskopie, charakterisieren. Es handelt sich um den Wälzlagerstahl 100Cr6 mit der Werkstoff-Nr.: 1.3505. Diese Metallpartikel haben eine Größenordnung zwischen 0,2 mm und 0,8 mm und können nicht von der Druckmaschine kommen, da die untersuchten Farbchargen noch nie in der Druckmaschine waren.

Bernd Zipper: Sie haben das Thema also umfangreich und aufwändig geprüft. Nun ist die Firma Epple ein sehr renommierter Hersteller von Druckfarben. Wie steht das Unternehmen dazu?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Sicherlich ist die Firma Epple ein sehr seriöses Unternehmen. Zu Beginn meiner Untersuchungen im Jahr 2014 war man auch noch sehr konstruktiv und zielorientiert. Bis Mai 2015 wurden Schäden im niedrigen siebenstelligen EURO-Bereich vom Haftpflichtversicherer der Firma Epple reguliert. Beim neuen Fall bei unitedprint.com SE hat der Haftpflichtversicherer von Epple versucht mir einen Maulkorb zu verabreichen, mich sozusagen mundtot zu machen. Leider sind mittlerweile die Fronten zwischen Epple, dem Haftpflichtversicherer von Epple, unitedprint.com SE und mir sehr verhärtet. Klagen am Landgericht München und am Landgericht Dresden sind bereits anhängig. Es geht um Schadenersatz und um Unterlassung.

Bernd Zipper: Ok, aber das bedeutet auch, dass dieses Thema schon lange bekannt ist. Wenn Sie nun aber in dem einen Verfahren schon Recht bekommen haben – wie kann dies bei gleicher Grundlage so verneint werden?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Dies ist eine sehr gute Frage, Herr Zipper, die ich mir auch schon des Öfteren in der jüngeren Vergangenheit gestellt habe. Ich kann mir das Verhalten der Firma Epple nur damit erklären, dass die Haftpflichtversicherung von Epple „gedeckelt“ ist und man in den letzten zwei bis drei Jahren seitens des Haftpflichtversicherers schon zu viel reguliert, sprich bezahlt hat. Firma Epple, hat möglicherweise von seinem Haftpflichtversicherer deshalb Redeverbot erteilt bekommen.

Bernd Zipper: Sie sind schon lange Zeit Sachverständiger und ein anerkannter Fachautor dazu – ist Ihnen ein ähnlicher Fall schon mal vorgekommen?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Nein, klares nein, ein solcher oder ähnlicher Fall mit diesem immensen Ausmaß an Schadensbildern ist mir noch nie begegnet, und ich bin schon sehr viele Jahre im Geschäft. Vor allen Dingen überrascht mich die plötzliche Ignoranz, die von der Fa. Epple an den Tag gelegt wird.

Metallpartikel auf Gummiwalze

Metallpartikel auf Gummiwalze

Bernd Zipper: Aber was sind denn nun typische Schäden, wenn Metallspäne in der Farbe sind und wie sehen die Schäden aus?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Typische Schäden sind verkratzte Druckplatten, in Gummiwalzen eingeschnittene Metallteilchen oder Metallsplitter und außerdem verkratzte Feuchtdosierwalzen, also verkratzte Oberflächen der mit Hartchrom beschichteten Walzen. Auch verkratzte Edelstahloberflächen von Feuchtdosierwalzen können die Folge sein. Die Schäden sind auf jeden Fall beachtlich.

Bernd Zipper: Stellt sich nun die Frage, welche Erwartungen Sie eigentlich an Epple hätten? Wenn das Unternehmen die Probleme zugibt wird dies ja keinen unwesentlichen Schaden verursachen…

Dr.-Ing. Colin Sailer: Man hat im jüngsten Fall bei unitedprint.com SE Stillschweigen angeboten, wenn die Schäden auch zügig und reibungslos reguliert werden. Dies wäre sicherlich für alle Beteiligten, vor allen Dingen jedoch für Firma Epple die eleganteste Art der Lösung gewesen. Beachten Sie, ich habe auftragsgemäß für den Haftpflichtversicherer im Jahr 2014 alternative Dispergiermöglichkeiten bei Firma Epple aufgezeigt. Ja, ich war sogar in der Schweiz beim Hersteller der Kugelmühlen, der Firma Bühler. Gemeinsam habe wir ein Lösungskonzept bearbeitet. Ob oder warum dieses bei der Firma Epple nicht umgesetzt wurde, weiß ich nicht.

Bernd Zipper: Ihr persönliches Fazit?

Dr.-Ing. Colin Sailer: Rechtsstreite können sehr, sehr lange dauern und kosten sehr viel Energie und Geld. Hätte man sich in diesem Fall mit unitedprint.com SE im vergangenen Jahr an einen runden Tisch gesetzt, könnte die Sache schon lange vergessen sein. So kann es noch viele Jahre dauern bis ein Schlussstrich unter den Schadensfällen ist.

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„Qualitätsprobleme im Druck und in den Materialien sind ein absoluter Performance-Killer im Online-Druck und durchaus ernst zu nehmen!“ – Bernd Zipper

 

Mein Zwischenfazit: In meinen Augen ist es sehr gefährlich über eine renommierte Firma wie Epple den Stab zu brechen, denn letztlich kann dies nicht nur Arbeitsplätze kosten, sondern auch eine Firma ins Verderben reiten. Unverständlich ist mir aber dann, wenn – so kann man die Aussagen des Sachverständigen verstehen – klare Beweise vorliegen, nicht mit Nachdruck daran gearbeitet wird diese Umstände abzustellen.

Nun wäre es unfair nur eine Seite zu beleuchten, daher habe ich der Epple Druckfarben AG die Gelegenheit gegeben, mir auf ein paar nachfassende Fragen zu antworten. Dr. Carl Epple antwortete umgehend dazu.

Bernd Zipper: Das Thema Metallspäne in Ihren Farben wird vom Sachverständigen Dr. Colin Sailer anhand einer Analyse, einer noch nicht verarbeiteten Farbe, nachgewiesen. Wie stehen Sie dazu?

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Dr. Carl Epple: Die Epple Druckfarben AG steht seit Generationen für die hohe Qualität ihrer Produkte, worauf wir stolz sind. Das bedeutet auch, dass wir Reklamationen unserer Kunden sehr ernst nehmen. Aus diesem Grunde wurden externe Experten mit einer Prüfung beauftragt. Diese Gutachten kommen zu dem Ergebnis, dass es keine ungewöhnlichen Fremdpartikel in unseren Produkten gibt und hierdurch auch keine Schäden an Druckmaschinen entstanden sind. Wir stehen für die Qualität unserer Produkte ein und scheuen eine gerichtliche Auseinandersetzung nicht.

Bernd Zipper: Für Sie als Farbenhersteller sind dies natürlich schwerwiegende Vorwürfe –wie reagieren Sie normalerweise darauf?

Dr. Carl Epple: Mit größtmöglicher Transparenz. Rückmeldungen oder Reklamationen unserer Kunden nehmen wir immer sehr ernst. Deshalb wurden externe Experten mit einer Prüfung beauftragt. Nach unserem heutigen Kenntnisstand handelt es sich nicht um ein technisches Problem, das in Verbindung mit unseren Farben steht.

Bernd Zipper: Warum stellen Sie die Umstände das Späne in der Farbe sind, nicht einfach ab?

Dr. Carl Epple: Die aktuellen Gutachten von unabhängigen Sachverständigen belegen, dass unsere Druckfarben keine ungewöhnlichen oder unerlaubten Partikel enthalten.

Bernd Zipper: Warum wurden dann zunächst Schäden reguliert und nun muss ein Anbieter klagen, um einen Ausgleich zu erlangen?

Dr. Carl Epple: Es gab lediglich zwei Einzelfälle in der Vergangenheit, welche mit den heutigen Kenntnissen auch nicht reguliert worden wären. Aufgrund von Zweifeln an den damaligen Gutachteraussagen wurden im aktuellen Reklamationsfall erneut Gutachten eingeholt. Nach heutigem Kenntnisstand kam das ursprüngliche Gutachten aus 2014 zu falschen Schlussfolgerungen.

Bernd Zipper: Wie kann es überhaupt zu Metallspänen in der Farbe kommen – oder bestreiten Sie dies gänzlich?

Dr. Carl Epple: Die Offset Druckfarben der Firma Epple Druckfarben AG enthalten keine unzulässigen oder ungewöhnlichen Metallpartikel. Soweit Metallpartikel in den Farben vorhanden sind, ist dies dem marktüblichen Produktionsprozess geschuldet. Im Übrigen befinden sich Metallpartikel vergleichbarer Größe und Menge auch in Farben von Wettbewerbern. Diese Metallpartikel sind nach heutigem Kenntnisstand weder schädlich noch ursächlich für Maschinenschäden verantwortlich.

Bernd Zipper: Offensichtlich haben Sie schon früher einmal einer Regulierung zugestimmt – warum im Fall von Unitedprint nicht?

Dr. Carl Epple: Die aktuelle Reklamation bei der Epple Druckfarben AG wurde zum Anlass genommen, die Epple Druckfarben bzw. die Frage der behaupteten Schäden durch die Druckfarben einer nochmaligen intensiven Überprüfung durch externe neutrale Experten zu unterziehen. Diese Überprüfungen haben ergeben, dass die Epple Druckfarben die gewohnt hohen Qualitätsstandards des Hauses Epple zu jeder Zeit erfüllten. Nach dem heutigen Kenntnisstand haben die Druckfarben weder damals noch heute irgendwelche Schäden an Druckmaschinen verursacht. Mit der heutigen Kenntnis wären auch die damaligen Schadensfälle nicht reguliert worden. Der in 2014 beauftragte Gutachter kam nach heutigem Kenntnisstand zu falschen Schlussfolgerungen. Auf dieser Basis wurden die vermeintlichen Schadensfälle vom Versicherer reguliert.

Mein Fazit: Das nennt man wohl ein Patt – und so wird sich in diesem Fall wohl eine gerichtliche Auseinandersetzung nicht vermeiden lassen. Verstehen kann ich beide Seiten – die einen, die den Schaden haben und die anderen die der Auffassung sind den Schaden nicht verursacht zu haben. Interessant dürfte das Urteil hierzu jedenfalls werden und ich bin gespannt wer denn am Ende Recht behalten wird.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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