„Drucker gebt uns Eure Kunden“ – Was das neue PrintOS von HP wirklich bedeutet

1. März 2016, 11:40 Uhr | Hintergrund, Meinung, Neues

Niemand in unserer Branche kann behaupten, dass ihn die Krise kalt lässt. Auch Anbieter wie HP, im Digitaldruck ein Gigant, müssen sich Strategien überlegen, wie sich langfristig ein Markt absichern lässt. Neueste Idee: PrintOS. Was steckt dahinter?

HP_gefesseltVor ein paar Tagen hat HP ein interessantes Konzept vorgestellt: Künftig können Kunden des Digitaldruckanbieters auf ein PrintOS zurückgreifen und so ihre Endkunden in den Workflow einbinden. Mehr noch: PrintOS ist in erster Linie ein Produktionssystem aus der Cloud. Print OS soll eine offene Plattform abbilden mit der Digitaldruckdienstleister ihre Produktion verwalten können und so in den Genuss einiger Entwicklungen kommen, die bisher meist größeren Online-Printern vorbehalten waren. Ferner werden unter dem Begriff „PrintOS“ eine ganze Anzahl von web-basierten und mobilen Anwendungen unter einer einheitlichen Plattform präsentiert.

Diese Anwendungen sollen dem Drucker die Möglichkeit geben seinem Endkunden einzelne Funktionen wie z.B. das Uploaden von Druckdaten, Nutzung von Web-to-Print, Tracking usw. bereitzustellen. Ein Tool das bereits ab Ende Mai bereitgestellt wird ist „Box“ – hiermit soll die Erstellung von Druckaufträgen aus nichtautomatisierten Quellen (E-Mail, Dropbox etc.) vereinfacht werden. Ziel ist es den Zeit- und Arbeitsaufwand für den Drucker zu reduzieren. Mit „SiteFlow“ bietet HP eine Lösung an, die sowohl die automatische Auftragserteilung, die Vorstufe und das Drucksaal-Management unter einem Dach zusammenfasst. Adressierung sind hier vor allem B2B- und B2B2C-Modelle und das Handling von hunderten von individuellen Druckaufträgen. Im Hintergrund läuft jedoch ein „alter Bekannter“ – das Tool Oneflow von www.oneflowsystems.com – das bereits bei Digitaldruckdienstleistern seit einigen Jahren im Dienst steht.

Toll auch das die Apps zum Teil umsonst oder für knapp 3,00 Dollar bereitgestellt werden sollen. Ob dies nun per User oder per Use ist – wurde nicht klargestellt. Die Cloudbasis hinter dem System ist die AWS (Amazons Professional Cloud www.aws.amazon.com) – eine der performantesten Cloudplattformen dieses Planeten. Während der Vorstellung des Systems durch Simon Lewis, PrintOS Business Director bei HP, kam ich jedoch ins Grübeln… Warum sollte HP in Dreiteufelsnamen, ausgerechnet HP, irgendwas verschenken?

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„In einer Mischung aus kecker Arroganz und hervorragender Maschinenkonzepte- und Lösungen hat sich HP in den letzten Jahren eine Kundenbasis aufgebaut, von der manch andere Druckmaschinenanbieter (Analog wie Digital) nur träumen können.“ – Bernd Zipper

Eine ganze Reihe meiner Beratungskunden nutzen HP-Maschinen und über die Jahre ist mir das „System HP“ immer transparenter geworden. In einer Mischung aus kecker Arroganz und hervorragender Maschinenkonzepte- und Lösungen hat sich HP in den letzten Jahren eine Kundenbasis aufgebaut, von der manch andere Druckmaschinenanbieter (Analog wie Digital) nur träumen können. Konsequent hat sich HP dabei einen Kundenstamm „erzogen“ der fast alles mitmacht, nur um ggf. eine Maschine oder Technologie schneller oder günstiger zu bekommen. Während andere Verkäufer von Druckmaschinen gern mal als Bittsteller beim Drucker auftauchen, leistet sich HP ein Auftreten mit Standing. Ist der Kunde gut und zahlt gut, wird er in die Runde der „Fans“ aufgenommen und darf bei dscoop, der HP-Druckkunden-Organisation, mitmachen. Dort bekommt man dann als „Power-User“ die wichtigsten Infos über kommende Entwicklungen zuerst und darf sich auf neue Maschinen bewerben oder auch mal mit einem Vorstand zu Abend essen. Und die Abhängigkeit vom Digitaldruck-Anbieter ist groß. Während ein Offsetdrucker schnell mal die Farbe und die Platten wechseln kann, wenn ihn sein Anbieter ärgert – ist dies bei den meisten Digitaldruck-Verträgen nicht möglich. Ein perfektes Öko-System stets abgestimmt darauf, das der beste Klick- oder Maschinenpreis erzielt wird. Unter uns: Klasse gemacht – sofern man mitmachen darf. 😉 Und: Absolut legitim – wäre ich Maschinenbauer würde ich dieses System ebenso anstreben. Geht halt nichts über eine gepflegte Kundenbindung.

Das System hat nur einen Fehler: Was ist wenn dann doch mal ein Drucker pleitegeht? Die Rücknahme oder Veräußerung von HP-Maschinen ist zwar ein gutes Geschäft – aber auch immer mit Aufwand für den Hersteller verbunden? Wie stellt man als Hersteller sicher, dass die seinerzeit „optimal verhandelte“ Maschine auch wieder gescheit positioniert wird? Und noch mehr: Wie stellt man sicher, dass die Endkunden die bisher über diese Maschine bedient wurden, nicht zu einem anderen Drucker mit einem anderen digitalen Drucksystem abwandern? Der Verlust von Fans und Klickabnehmern passt nicht in das strategische Konzept des Anbieters.

Davon träumt so mancher Drucker: Via App alles im Griff in der Produktion. HP geht noch einen Schritt weiter …

Davon träumt so mancher Drucker: Via App alles im Griff in der Produktion. HP geht noch einen Schritt weiter …

So ist es nur logisch, dass sich HP Gedanken um die Kunden seiner Kunden macht. Und mit PrintOS kommt der Konzern dem Endkunden einen Schritt näher, denn die Anwender der Apps die da künftig angeboten werden, sind die Drucker UND deren Kunden. Scheidet der Drucker aus diesem System aus, wird der Endkunde noch immer den Service, der ihm via App angeboten wurde, schätzen. HP wiederum könnte den Endkunden dann – still und leise – auf einen anderen Druckdienstleister umleiten. Das System „wir-halten-den-Klick-im-Konzern“ würde aufgehen.

Keine Frage – die Idee ist wirklich prima und durchaus zeitgemäß. Aber, so habe ich Lewis verstanden, mit Start von PrintOS wird OneFlow im freien Markt nicht mehr verfügbar sein – nur HP-PrintOS-Kunden können dieses System künftig nutzen. Was aber wird dann aus den Bestandskunden von OneFlow? Alles schaut derzeit so aus, dass HP mit PrintOS den nächsten Schritt zur Kundenbindung anstrebt, den wichtigen Kanal direkt in Richtung Endkunden. In Verbindung mit der Cloud und einer genialen Umgebungs- und Lösungsplattform kann dies gelingen. Nun kündigt HP die Plattform als „offene, sichere und integrierte Plattform“ an – auf die Frage ob mit anderen Anbietern schon gesprochen wurde um ggf. auch Offset oder andere Digitaldruckmaschinen einzubinden, kam nur ein knappes „Not jet“. Ein Schelm wer übles dabei denkt.

Insgesamt mag ich aber an der Lösung gar nicht so granteln. Ich würde mir ein ähnliches System gerne auch bei anderen Anbietern wünschen. Heidelberg, Xerox und andere versuchen sich an ähnlichen Öko-Systemen zur Einbindung von Kunden. HP darf sich aber hier als Innovationsführer sehen – nur eben jetzt mit einem eigenen „OS“. In der IT ist ein OS übrigens ein Operating System wie z.B. Windows oder Mac-OS – ich glaube das HP anders definiert und „OS“ eher als „Ordering System“ versteht. Fragt sich nur für wen.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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