Flyeralarm stoppt 3D-Druck Projekt – Druckindustrie verliert Vorreitermodell

7. März 2016, 12:07 Uhr | Hintergrund, Meinung

3D-Druck wird von vielen als „die“ Marktchance für die Druckindustrie gefeiert. Nun hat der deutsche Online-Print Marktführer sein „My3D“-Projekt eingestellt. Verliert die Druckindustrie ein wichtiges Leuchtturm-Projekt?

Zipper´s 3D Eigenversuch

Zipper´s 3D-Eigenversuch

Ja, ich mag „additive Fertigung“, aber ich mag es eigentlich gar nicht, wenn jemand additive Fertigung „3D-Druck“ nennt. Grund ist hier, dass der Begriff „Print“ vielen Druckern offensichtlich die Hoffnung gibt, dass hier ein neues Geschäftsmodell aufgebaut werden kann, das den in den letzten Jahren verlorenen Umsatz kompensieren könnte. Dabei hat 3D-Druck so viel mit „drucken“ zu tun, wie z.B. eine Heißmangel (Presse) oder etwa der „Roadprinter“ (Danke an Markus Müller-Trabucchi für den Tipp!).

Und trotzdem habe ich mich gefreut, dass Frank Ruske, IT-Leiter von Flyeralarm, vor über einem Jahr das Projekt „My3D“ gestartet hat. In aller Kürze, da ich ja schon darüber berichtet habe: Bei Flyeralarm konnten sich Personen komplett scannen lassen und wurden anschließend als „Mini-Me“ in den Größen 20 – 50 cm reproduziert. Je nach Wunsch und Geldbeutel. Gut, an Beweglichkeit und vitalen Körperfunktionen mangelte es noch – aber ansonsten waren die Mini-Abbilder an und für sich eine ganz witzige Idee. Ich habe mich seinerzeit mutig dem Selbstversuch gestellt und war vom Resultat ganz angetan, da ich offensichtlich ein paar Pfunde verloren hatte. Quasi per virtueller Diät.

my3D hat sich zum 1. März verabschiedet.

my3D hat sich zum 1. März verabschiedet.

Nun hat Flyeralarm zum 01.März das Projekt eingestellt. Warum und Wieso ist auf der Website nicht zu erfahren. Aber wenn man Flyeralarm und deren Philosophie des „Try & Error“ kennt, dann ist dieses plötzliche Verscheiden des Geschäftsmodells 3D bei Flyeralarm nicht überraschend gekommen. In Ermangelung einer Erklärung bleibt mir nur die kurze und knappe Vermutung: Es hat sich wohl schlicht nicht gelohnt. Im Selbstversuch wurde mir schnell klar, dass Brillen, bestimmte Kleidung oder eine bestimmte Körperhaltung durchaus Probleme machen konnten. Denn, werden Elemente in der additiven Mini-Me-Fertigung zu filigran, können diese schlicht nicht gedruckt werden. Ferner sind die Körperscanner – wie auch Teilnehmer des letzten OPS in 2015 erfahren durften – durchaus fehleranfällig. Dort wurde fleißig gescannt und letztlich hat dann doch nichts so richtig geklappt. Letztlich denke ich, dass an fast jedem Scan lange manipuliert werden musste, bis dieser zu fertigen war. Kosten die Flyeralarm vermutlich nicht eingeplant hat.

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„Ich wünsche mir einfach mehr mutige Tests im Online-Druck – denn die additive Fertigung bietet natürlich auch der Druckindustrie einige Vorteile.“ – Bernd Zipper

Ich denke, dass Flyeralarm im neuen Flyeralarm FutureLab, das ich nur zu gern mal besuchen würde, das Thema 3D weiterverfolgt. Denn die additive Fertigung bietet natürlich auch der Druckindustrie einige Vorteile. Nur ist damit weniger das „drucken“ von Organen oder Mini-Me-Figuren gemeint, sondern vielmehr der Einsatz von „3D-Druck“-Technologien in der Fertigung. Ich denke hier zum Beispiel an das Digitalstanzen-Unternehmen Highcon. Intelligent wird hier der Polymeer-Druck zur Bestückung einer Rill- und Nutwalze genutzt. Hochflexibel und echt clever durchdacht.

Und letztlich ist der Schritt von Flyeralarm ein nicht funktionierendes Geschäftsmodell abzuschalten, durchaus sinnvoll. Dem Konzern geht es nicht ganz so gut. Während das klassische Druckgeschäft um die Jahreswende wohl schwächelte – können Umsatzzuwächse vor allem im Werbemittelbereich verbucht werden. Und noch immer stellt sich der Konzern nach der kurzen Ära des ehemaligen Vorstandes Schmedtmann neu auf. Ich kann mir schon vorstellen, dass das noch ein langer Weg ist. Und die Richtung die Flyeralarm einschlägt – mit der Fokussierung auf das Kerngeschäft – ist in meinen Augen goldrichtig.

Stellt sich aber die Frage, ob die Beerdigung des 3D-Modells von Flyeralarm auch das Ende eines möglichen Geschäftsmodells für die Druckindustrie ist, was ja einige in der Branche gerne implizieren möchten. Doch so einfach ist es nicht: My3D ist kein Modell für die Druckindustrie gewesen und wollte es auch nicht sein – hier ging es um die Erprobung eines Geschäftsmodells im „Ad-On“-Bereich, jenseits der Druckindustrie. Und es ging auch darum den Flyeralarm-Filialen vor Ort noch eine Attraktion mehr zu bescheren. Kurz: Es wurde einfach mal was ausprobiert. Und das finde ich klasse und mutig.

Was bedeutet aber das Einstampfen dieses Modells für die Druckindustrie oder gar für den Online-Print? Na ja. Nichts. Ist ja eigentlich kein Geschäftsmodell für die klassische Druckindustrie. Klasse fand ich das trotzdem und ich wünsche mir mehr mutige Tests – denn irgendwann wird da was zusammenwachsen …

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

3 Kommentare

  1. Antworten

    Dieter Kleeberg

    15. März 2016

    Sehr guter Artikel.

    Meine Meinung, warum es sich für Flyeralarm nicht nur wegen des unterschätzten Detailaufwands nicht gelohnt haben dürfte: Flyeralarm hat vielleicht übersehen, dass Figurendruck ein lokaler Markt ist. Das passt so gar nicht zum übrigen Geschäftsmodell. Denn niemand, der einen Online-Drucker im Web aufsucht, tut das wegen der Figürchen, weil er dann nämlich zwecks Körperscan eine Reise unternehmen muss, die er eigentlich vermeiden wollte. Und an nötiger lokaler Werbepräsenz in der Fußgängerzone hat es bei den Filialen höchstwahrscheinlich gemangelt. Darüber hinaus ist das 3D-Geschäftsfeld auch im Consumerbereich oder beim lokalen Handwerk wesentlich vielfältiger als nur Figuren. Hierfür hatte Flyeralarm null Angebote und Ideen. Erfolgreiche 3D-Anbieter vermeiden diese Fehler oder benutzen zumindest 3D als Köder fürs Kerngeschäft.

    Welche Geschäftsmodelle und Kundenakquisen in unserer Branche realistisch sind oder sinnvoll erscheinen, kann man hier nachlesen:
    http://www.bvdm-online.de/presse/pressemitteilungen/drucken-in-der-3-dimension/

    Beste Grüße
    Dieter Kleeberg

  2. Antworten

    Marc

    7. März 2016

    Dies wäre aber auf der anderen Seite auch eine Möglichkeit, den Bereich Kooperation auszubauen. Der Markt hat ja trotzdem 3D-Print-Unternehmen, die aber evtl. eine Anbindung an eine Plattform (Unternehmen) wünschen würden.
    somit könnt eine (win Flyeralarm win 3D-Drucker) Kunde entstehen

  3. Antworten

    Jörn-Henrik Stein

    7. März 2016

    Na, cool. Dann werden wir das mal aufgreifen ;-)
    http://www.schiner3drepro.at/du-in-3d/

    Liebe Grüße,
    Jörn-Henrik Stein.


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