Online-Print: Digitaler Graben bietet auch Chancen

29. März 2016, 9:59 Uhr | Meinung, Neues

„Warum soll ich in den Online-Druck? Da ist für mich doch kein Platz mehr… “…so höre ich es oft. Kurios: Ich habe noch nie von einem Drucker gehört, dass er sich keine Druckmaschine mehr kaufe, weil die anderen ja auch schon eine haben. Zeit für eine deftige Klarstellung.

Online-Druck ist nicht gleich Online-Druck, das sollte man als moderner Entscheider in der Druckmedien-Industrie einfach mal verstehen. Oberflächlich kann man den Bereich Online-Print zwischen E-Commerce-Print-Anbietern, also Unternehmen die rein Online verkaufen und selbst produzieren, Print-Tradern, Unternehmen die Drucksachen online vermakeln, und Online-Print-Anbietern – Drucker die auch online verkaufen – unterscheiden. Doch diese grobe Einteilung wird dem Thema Online-Print kaum gerecht – denn selbst diese Gruppen lassen sich noch in unterschiedliche Geschäftsmodelle und -systeme einteilen. Die einen setzen auf Filialen, die anderen auf spezielle Produkte, einige Anbieter wiederum setzen auf „Lokalität“. So vielfältig Print ist, so vielfältig sind logischerweise auch die Marktzugänge der verschiedenen Online-Player. Logisch. Ganz außen vor lasse ich jetzt mal die Zielgruppen – dem Thema B2C, B2B, B2B2C usw. widme ich mich einem anderen Blogbeitrag.

Garfik_Online-getriebene Umsätze_Text

So ist es kaum verwunderlich, dass sich zwar die Top-5-Anbieter (Cimpress, Flyeralarm, Cewe, Onlineprinters und Unitedprint) um fast die gleichen Zielgruppen balgen – über 200 andere, kleinere Onlineshops in D/A/CH aber dennoch ebenfalls Geld verdienen. Gut, nicht die Millionensummen, aber wenn man die Verhältnismäßigkeit in Betracht zieht, lässt es sich für einen Drucker mit ein paar Millionen Onlineprint-Umsatz auch ganz gut leben. Diesen Unterschied, zwischen den großen und den kleinen Anbietern nennt Dr. Christian Maaß von Flyeralarm den „digitalen Graben“. Unterhalb des Grabens befinden sich die kleineren und mittleren Anbieter – meist so bis an die 40-50 Millionen Onlineumsatz, oder eben auch weniger. Oberhalb des Grabens, die Top-5-Anbieter, mit deutlich mehr als 80 Millionen Euro Online-Umsatz.

Insgesamt gesehen macht Online-Print, so meine Prognose für 2016, mit insgesamt 6,7 Milliarden Euro in D/A/CH Umsatz – knapp 30% des gesamten Druckumsatzes aus. Darunter sind „nur“ 2,6 Milliarden via Open Shop generiert, der Rest entfällt auf sogenannte „Closed Shops“ – meist Portale von Druckern für ihre Businesskunden. Und nun kommt das Erstaunliche: Während die Top-5 in 2016 insgesamt um 22% im Open Shop Bereich wachsen werden – Grund ist hier vor allem das Thema Preis und die Erschließung von neuen Produkten – werden die kleineren Anbieter vor allem im Closed Shop Sektor wachsen. Ursache ist hier, dass – gestützt von entsprechend verfügbaren Softwarelösungen – viele Drucker (und vor allem deren Kunden) das Thema Online Print als „Procurement und Fulfillment-Lösung“ für sich entdeckt haben.

Zipperkopf_InteressantWichtig

„Der Markt ist lange nicht gesättigt – 70% der Druckindustrie warten darauf online erschlossen zu werden.“ – Bernd Zipper

Das Geschäftsmodell „Procurement und Fulfillment-Lösung“ ist der Druckindustrie schon lange bekannt, die Digitalisierung bzw. Bereitstellung dieser Services per Internet jedoch ist noch für viele, um es mit Kanzlerinnen-Wort zu formulieren: „Neuland“. Und hier liegt noch ein ungeahntes Potential. Denn während sich einige Kunden auf den günstigsten Preis einschießen, wollen andere Kunden nicht zwingend das „billigste“ Produkt, sondern ein Printprodukt das problemlos online er- und bestellt werden kann. Und damit verbunden einen Prozess der sich an den Kunden und dessen ERP-Systeme anpassen lässt. Das Kosteneinsparungspotential für den Businesskunden ist damit ungleich höher als die Einsparung von ein paar Euro im Einkauf. Grund: Auch Businesskunden sparen und automatisieren. Vor allem die großen Geschäftskunden haben schon lange erkannt, dass sich Personalkosten vor allem durch Automatisierung, sagen wir mal, „optimieren“ (also senken) lassen. Kluge Businesskunden wissen, dass sie dadurch langfristig kontrollierter und bedarfsgerechter Print einkaufen können.

(Abb. heidno.de)

(Abb. heidno.de)

Ein anderes Geschäftsmodell ist das Thema „Lokalität“ – besonders cool finde ich www.heidno.de – der Onlineshop der Druckerei Bayerlein aus Augsburg. Christian Bayerlein hat hier einen lokalen Onlineshop für Print aufgesetzt der den lokalen Kunden noch am gleichen Tag mit seinem Druckprodukt verwöhnt. Sicher, da muss noch einiges optimiert werden – aber nicht nur der Name ist cool („Heidno“ ist der Ausdruck in Mundart für „Heute noch“), sondern auch Christians Motivation den lokalen Bereich zu versorgen. Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen, aber für mich ist es nur eine Frage der Zeit wann größere Unternehmen den Vorteil des „Daily Delivery“ erkennen und Christian Bayerlein auch B2B-Portale anbieten wird. Andere Drucker, die auch online unterwegs sind, ich denke hier an Laserline aus Berlin (laser-line.de) oder auch Ortmaier-Druck aus Frontenhausen (flyerpara.de), setzen zum Teil auf den lokalen Kunden und das nicht unerfolgreich.

So, um nun endlich auf das eingangs erwähnte Thema zurückzukommen, die Antwort auf die Frage/Feststellung „Warum soll ich in den Online-Druck? Da ist für mich doch kein Platz mehr… “ des zweifelnden Druckers ist einfach: Quatsch. Unsinn.

Ja, es gibt Bäckereiketten und Massenbrotproduktion, aber auch den Bäcker, der ob seiner Qualität und der Bereitstellung von Spezialitäten, seinen Markt findet. Und ja, es gibt Friseur-Ketten, aber auch den Friseur um die Ecke, der noch immer sein Geschäft betreibt. Daher mein Tipp: Lassen Sie sich nicht von den Unkenrufen einiger Zweifler ins Bockshorn jagen. Wenn Sie das richtige Geschäftsmodell haben, die richtige Idee oder auch nur das Thema Digitaltransformation von Druckunternehmen gescheit ernst angehen, dann ist noch immer Platz für transformierende Drucker die künftig – auch – online ihre Druckprodukte anbieten.

Denn noch sind 70% der Druckindustrie in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch nicht online. Aber wer da mitspielen möchte, sollte so langsam in die Gänge kommen. Und vielleicht auch mal verstehen, dass die Digital-/Online-Transformation nicht ein Investment ist, das man mal eben aus dem Cashflow oder dem Ärmel schüttelt, sondern dass es um die Umgestaltung von Unternehmen und der gesamten Branche geht.

Wer Lust hat, kann sich mit diesem Thema auf meinem nächsten Managerseminar beim Verband Druck und Medien Bayern beschäftigen. Dieses Manager-Seminar arbeitet die o.g. Themen umfassend auf.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

0 Kommentare


Was meinen Sie zu diesem Thema?

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Schreibe einen Kommentar

* Pflichtangaben; Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
 

Copyright

Copyright 2015 Bernd Zipper, zipcon consulting GmbH

Archiv