Im Zeitalter digitaler Alternativen – gibt es eine Renaissance der Visitenkarte?

14. April 2016, 11:11 Uhr | Hintergrund, Meinung, Neues

Auch heute noch gehören Visitenkarten beim Knüpfen von Kontakten zum guten Ton und werden bei Geschäftsterminen fleißig ausgetauscht. Wie schafft man es da, mit seiner Visitenkarte aus der Masse hervorzustechen oder noch besser dafür zu sorgen, dass diese nicht in den Tiefen einer Schreibtischschublade oder noch schlimmer im Papierkorb landet. Wie hinterlässt man also mit einer „kleinen Karte“ einen bleibenden Eindruck? Ich habe mir mal angeschaut, was der Markt für alle die bereithält, die eine Alternative zur normalen („08/15“) Visitenkarte suchen.

Visitenkarten Letterpress Blind Konturstanzung

Visitenkarten Letterpress Blind Konturstanzung (Abb.: www.letterjazz.com)

Über die gängigen Suchmaschinen findet man als Anbieter von Visitenkarten zunächst die großen Player wie Vistaprint, flyeralarm und Onlineprinters. Große Mengen und vergleichsweise kleiner Preis – doch was ist mit dem bleibenden Eindruck? Die Veredelung macht den Unterschied und entscheidet neben dem eigentlichen Gespräch maßgeblich über den Kontakt – besonders im Rückblick. So ermöglichen die industriellen Anbieter verschiedene Papier- und Kartonqualitäten und zusätzliche (UV-) Lackierungen, Heißfolienprägungen und/oder Cellophanierungen – viele ordentliche Karten für kleines Geld.

Preislich liegen wir da bei etwa 0,05 bis 0,7 Euro pro Karte, je nach Abnahmemenge, Farbigkeit und Veredelungsgrad. Hohe Automatisierung und Express-Service sind die Devise. Wohlgemerkt halten laut einer Umfrage der CEWE-Gruppe mehr als 96 % der Befragten den Einsatz einer Visitenkarte als sinnvoll, ganz unabhängig von den Informationen auf der Karte und einer etwaigen Internetpräsenz. Nach dem Nutzen oder der Relevanz von Visitenkarten brauchen wir also nicht zu fragen.

Aber was ist mit der Wirkung bei Menschen, die oft lackierte oder kaschierte Produkte in der Hand halten?

Ehrlich gesagt, mich reizt eine glanzlackierte Visitenkarte nicht sonderlich. Das ist Standard und nicht unbedingt etwas für Anspruchsvolle! Moderne Drucker, die anspruchsvolle Business- und Endkunden ansprechen und zudem konkurrenzfähig sein wollen, müssen da mehr bieten. Es ist ja auch so, dass bei modernen Druckprodukten die haptischen Details ausschlaggebend sind – die Kombination aus visuellem und taktilem Erlebnis verstärkt den Eindruck.

Die Produktion von Visitenkarten war in früheren Zeiten der Druckbranche auch ein lukratives Geschäft für kleinere Druckereien. Heutzutage greifen viele Nachfrager eher auf Massenware vom Großanbieter zurück – preisliche Vorstellungen und Qualitätsansprüche lassen sich dabei in den Online-Bestelltools oftmals vereinen. Sie suchen aber jetzt das Besondere, und keine Ware von der Stange. Etwas, das definitiv in Erinnerung bleibt und Sie als interessanten Kontakt wirken lässt.

Visitenkarte mit Passepartout

Visitenkarte mit Passepartout (Abb.: www.letterjazz.com)

Das erneute Aufleben der Visitenkarte, diesmal aber im neuen Gewand: Anbieter von Letterpress-Visitenkarten ermöglichen es, verschiedene Veredelungstechniken auf einer kleinen Karte unterzubringen. Die Möglichkeiten reichen dabei von der einfarbigen Tiefprägung bis zum veredelnden Farbschnitt. Dafür müssen Sie aber tiefer in die Tasche greifen. Eine gewisse Abnahmemenge vorausgesetzt – meist 100 Exemplare –, bieten Druck-Manufakturen Visitenkarten an, die ab etwa einem bis drei Euro (!) je Visitenkarte zu bestellen sind. Der individuelle Charakter der Karte ist neben den visuellen und haptischen Effekten garantiert.

Nun kann man fragen, weshalb jemand so viel für eine „analoge“ Visitenkarte ausgeben sollte, wenn sie oder er die interaktive NFC-Variante von Moo für etwa 1,8 Euro pro Stück haben kann… Naja, was der Umgang mit NFC für die Netzwerkpflege noch bringt, das wird die nahe Zukunft zeigen.

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„Die Letterpress-Visitenkarte vereint optische und haptische Qualitätsmerkmale – das obere Preissegment wird damit qualitativ hochwertig besetzt.“ – Bernd Zipper

Letterpress-Visitenkarten können eine Erinnerungsmarke setzen und damit durchaus einen höheren Preis rechtfertigen. Gedruckt bzw. simultan gedruckt und geprägt wird im Letterpress meist mit altgedienten Tiegeln auf verschiedenen Kartonqualitäten, meist auf Grammaturen deutlich > 300 g/m2. Ungestrichene, höhervolumige Papiere vorausgesetzt, lässt sich der Prägedruck umsetzen und erzeugt eine ästhetische, optisch-taktil kombinierte Erscheinung, die ein bloß glanzlackiertes Produkt nicht vermittelt.

Print als handwerkliche Kunst

Anbieter dieser aufwändigen Visitenkarten nennen sich zumeist Manufakturen und treten als Einzelunternehmung oder GmbH auf. Um nur einige Beispiele zu nennen: Letterjazz Print-Studio, Hochdruckgebiet – Letterpress Manufaktur, Wolf-Manufaktur oder LetterArt Printing Studio. Die meisten dieser Webseiten vermitteln den Eindruck von Handarbeit und sprechen gezielt anspruchsvolle Business- und Endkunden an. Sie wirken nicht zu bunt und überladen; Effekthascherei? – hier nicht zu sehen. Print wird hier als handwerkliche Kunst mit persönlichem Zuschnitt angeboten. Leider verzichten einige der Letterpress Anbieter noch auf Konfigurationstools oder gar Möglichkeiten zum Online-Kundenkontakt. Die Lieferzeit wird meist mit bis zu fünf Tagen angegeben, gegen Aufpreis ist schnellerer – manche bieten sogar Overnight an –  Versand möglich. Die klassisch-persönliche Kommunikation face to face, via Telefon oder Email scheinen einige der Anbieter noch zu bevorzugen – für mich wäre denkbar, dass der Kunde bei Zeitnot und klarer Zielvorstellung eher auf den Anbieter mit der größeren Automatisierung im Bestellvorgang zurückgreift.

Quelle: Screenshot Letterpresso, der neue Onlineshop ist seit Mitte März erreichbar.

Quelle: Screenshot Letterpresso.com, der neue Onlineshop ist seit Mitte März im Einsatz.

Individualisierte Drucksachen sind die Zukunft

Wie tief ist ein Nachfrager bereit dafür in die Tasche zu greifen? Für mehr als 300 Euro bekommen Sie 100 Letterpress-Visitenkarten in einer – an den Veredelungsmöglichkeiten gemessen – eher einfachen Ausführung: ein- oder zweifarbig VS bedruckt und das Ganze mit Farb- oder Folienschnitt.

Alternativ kann man im polnischen Werk mit deutscher Internetpräsenz fertigen lassen (LetterArt Printing Studio). Eine eher einfach konfigurierte Letterpress-Visitenkarte – wieder Abnahme von 100 Stück – liegt dann preislich bei etwa 0,7 Euro brutto ohne Versand. Egal bei welchem Drucker Sie bestellen, Sie erhalten damit ein Netzwerk-Tool, das sich sicherlich in mehreren Eigenschaften von den Karten anderer unterscheidet. Denn durch die hohen Grammaturen vermitteln diese Visitenkarten eine wertige Vorstellung.

Der bleibende Eindruck

Einen bleibenden Eindruck kann nur derjenige vermitteln, der  auf eine optisch ansprechende Visitenkarte mit einer gewissen 3D-Wirkung zurückgreift. Hier bieten kleinauflagige Produkte aus dem Letterpress Segment eine gute Alternative, vor allem wenn man die Trends in anderen Branchen betrachtet, wo es wieder in  Richtung des höheren Qualitätsanspruchs geht. Für das gewisse Extra sind viele Endkunden bereit auch mehr zu bezahlen, als für das Produkt von der Stange. Nur eine Frage bleibt offen: Ob es der zehnfache Preis oder sogar noch mehr sein darf, muss jeder für sich entscheiden!

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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