Letterpress: Ein Handwerk made by Gutenberg goes online

19. April 2016, 13:39 Uhr | Hintergrund, Neues

Letterpress online – geht das? Mit www.letterpresso.com ist jüngst nach langer Vorbereitungsphase die Firma Letterjazz online gegangen. Eine analoge Technik die online geht, aber nicht auf Massenproduktion und Discountpreis abzielt. Grund für ein Gespräch mit Letterjazz-Inhaber Sven Winterstein.

Bernd Zipper: Seit März seid Ihr mit www.letterpresso.com online und habt, wie du mir berichtet hast, Eure ersten Aufträge bekommen. Wie fühlt es sich an plötzlich ein Onlineprinter zu sein?

Sven_Winterstein_Letterjazz_TextSven Winterstein: In einem Wort: aufregend. Es macht nicht nur Freude, dass der Shop so schnell schon gut angenommen wird und dass das Kunden-Feedback dich einfach motiviert und ein bisschen belohnt. Du lernst auch viel über den Shop-Betrieb und die nötigen Prozesse und musst gleichzeitig allerhand kleine Kinderkrankheiten heilen, und zwar zügig, quasi am lebenden Patienten.

Bernd Zipper: Du hattest in deinem Vortrag auf dem OPS 2015 bereits angekündigt, dass der Shop in den nächsten Wochen online gehen wird. Nun hat es doch noch fast 1 Jahr gedauert, bis ihr tatsächlich live wart. Welche Hürden bzw. Herausforderungen, angefangen von der Idee bis hin zum Go-live des Shops, habt Ihr Euch stellen müssen?

Sven Winterstein: Da ist zum einen unser Betriebsumzug dazwischen gekommen, den wir nach längerer Suche nach einem geeigneten Objekt im Frühsommer 2015 recht kurzentschlossen realisiert haben. Zum anderen sind wir letztes Jahr um über 70 Prozent gewachsen, so dass Du mit dem Personal und der Infrastruktur die zuvor noch gelangt hat nicht mehr hinkommst. Anstrengend aber auch ein schöner Anlass für Veränderung. Wir hatten daher zunächst zwei Stellen geschaffen. Diesen Monat ist noch eine neue Kollegin hinzugekommen, die vor allem die technische Shop-Weiterentwicklung voranbringt. Die Shopentwicklung hat schlicht den ganzen Sommer lang stillgestanden und am Ende war vielleicht die Liebe zum Detail mehr Bremse als Gaspedal. Du kannst Dir vorstellen, wie froh ich war, den Shop jetzt endlich zu launchen.

Zipperkopf_GuteNachricht

Bernd Zipper: Euer Hauptgeschäft ist ja eigentlich das Individualgeschäft mit Letterpress, was bis dato über Letterjazz abgedeckt wurde. Individuell und einzigartig schön, das ist Euer Ansatz. Wie setzt Ihr das jetzt mit Eurem neuen Onlineshop um? Ist dies mehr als Ergänzung zu sehen, oder wollt Ihr zukünftig nur noch alles online vertreiben?

 

Sven Winterstein: Ich finde, es ergänzt sich fabelhaft. Viele typischerweise wiederkehrende Anfragen werden jetzt von Letterpresso.com abgedeckt, niemand muss mehr eine Mail formulieren, um den Preis für 300 Karten oder 500 Bierdeckel anzufordern. Das geht jetzt viel komfortabler im Shop. Unser Individualangebot bleibt unter dem Namen Letterjazz nicht bloß erhalten, sondern wird sich besser entwickeln können. Denn meine Leute fokussieren sich nun besser auf herausfordernde Kundenprojekte, wo wir neben Letterpress auch auf einige weitere Druckverfahren und Verarbeitungs-Specials zugreifen. Da geht es oft nur noch um die Frage der Umsetzbarkeit anspruchsvoller Print-Ideen, nach wie vor eine Aufgabe ganz nach meinem Geschmack.

Bernd Zipper: Welches Shopsystem kommt bei Euch zum Einsatz? Und warum ging der Entscheid zu diesem System?

Sven Winterstein: Nachdem ich die Recherche schon als eine recht zeitraubende Phase empfand, das war im Herbst 2014, sind wir nach einigen Umwegen auf printQ aufmerksam geworden – ein Magento-Plugin, gemacht für die Druckbranche, insbesondere Web-to-Print. Der leistungsfähige Editor hat letztlich ausschlaggebend überzeugt. Außerdem war uns das noch recht junge printQ-Team von Anfang an sehr sympathisch. Wir nutzen bereits die Web-to-Print Funktionalität im Shop, schöpfen aber z. B. die Preview-Möglichkeiten des Editors noch längst nicht voll aus.

Bernd Zipper: Nun reicht es ja nicht nur mit dem Shop online zu gehen, sondern jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Was sind die geplanten nächsten Schritte?

Sven Winterstein: (kichert) Ja, eine Verschnaufpause hat irgendjemand vergessen einzuplanen. Wir haben bereits letztes Jahr eine für kleinere Unternehmen recht üppige Maßnahmenliste aufgestellt, die im Kern mit der Pflichtübung SEO beginnt, wo wir im Letterpress-Marktumfeld bereits bestens dastehen, jedoch fängt es ja bei einem neuen Baby fast wieder von vorn an, so wie im echten Leben. Ich möchte nur so viel verraten, dass wir mit Bezahl-Advertising geizen und mit Content reizen wollen, jedoch hier nicht nur auf Eigenleistung setzen, sondern das bei der Schaltung gesparte Geld lieber in Profiarbeit investieren. Profis können z. B. rotzfreche Ideen mit viralen Zutaten wesentlich besser in Szene setzen, konkret im Bereich Bewegtbild-Content und natürlich auch PR.

Quelle: Letterjazz - Sven Winterstein stolz vor dem Heidelberger Tiegel

Quelle: Letterjazz – Sven Winterstein stolz vor dem Heidelberger Tiegel

Bernd Zipper: Abschließend kurz Frage zu Markt und dessen Entwicklung: Hast du das Gefühl, dass gerade im Letterpress der Wettbewerb härter geworden ist? Oder siehst du es eher als Chance, dass Letterpress so ein Trend ist und derzeit eine Renaissance, besonders im Bereich der Visitenkarte, erfährt?  (hierzu berichtet ich bereits in der vergangenen Woche)

Sven Winterstein: Mir wollten vor knapp zehn Jahren auch schon Leute, die sich in erhabener Weisheit wähnen, erzählen, dass du die Sache nach einem Strohfeuer-Trend von zwei bis drei  Jahren wieder vergessen kannst. Ich bin überzeugt, dass Letterpress eine recht überschaubare Nische bleibt, doch es reiht sich langsam neben anderen Druckverfahren fest ein und liefert eine zeitlose Ästhetik. Mich lässt es jedenfalls selbst nach vielen Jahren nicht kalt und unsere Kunden der frühen Stunde kommen auch nach Jahren immer wieder. Um auf Deine Frage zum Wettbewerb zu antworten: Es ist so ähnlich, wie bei guten Restaurants. Sobald Du anfängst mit billigen Zutaten zu arbeiten, kannst Du die anderen unterbieten, aber dann besuchen dich am Ende auch nur die Kunden, die den Preis entscheiden lassen und gehen dann beim nächsten Mal vielleicht doch lieber woanders essen. Die Arbeit lässt sich zum größten Teil nicht automatisieren, das bleibt auch garantiert so. Einen ruinösen Preiskampf halte ich auch daher für unwahrscheinlich. Um die typischen kleinen Letterpress-Studios, wo der Inhaber selbst an der Maschine steht, mache ich mir keine Sorgen. Die Bogendrucker, die auf dem fahrenden Letterpress-Trittbrett mitverdienen wollen, werden sich jedoch wundern, dass die Kundschaft ebenso anspruchsvoll ist, wie die Produktion. Das machst Du halt nicht mal nebenbei, jedenfalls nicht glaubwürdig und authentisch. Erfreulich finde ich, dass wir zu vielen Kollegen einen schönen Kontakt pflegen, man könnte fast von einer kleinen Community sprechen. Und da merkst Du auch, wer mit Leib und Seele dabei ist. Das vermittelt sich dann eben auch den Kunden.

Sven_Winterstein_Letterjazz_Intro

Quelle: Letterjazz – Sven Winterstein gehört mit letterpresso.com seit März zu den Onlineprintern

Bernd Zipper: Schaut man sich die reinen Letterpress-Anbieter an, also diejenigen, die keinen Offsetdruck und keine moderne Services anbieten, habt ihr euch in den letzten Jahren zum größten Letterpress-Studio entwickelt. Was sind deine Ziele für die mittelfristige Zukunft?

Sven Winterstein: Als wir vor knapp einem Jahr in unsere Industrieetage eingezogen sind, habe ich gesagt: das muss jetzt größenmäßig langen. Personell möchte ich auf jeden Fall aufpassen, dass unser „Familienfeeling“ unbedingt erhalten bleibt. Das kannst Du mit Wachstum um jeden Preis schnell verderben und das wäre fatal. Vermutlich wären 12 Leute eine gute Teamgröße für uns, davon sind wir ja nicht mehr so weit entfernt. Vor allem wollen wir bei den Abläufen und anderen betrieblichen Fragen besser werden, also qualitativ wachsen. Da wird man sich dann manche Prozesse und auch Software kritisch ansehen müssen.
Während der neue Shop jetzt laufen lernt, ist Packaging in Kombination mit Letterpress mein aktuelles Eisen, das ich schmiede. Da wird dann auch E-Business-Print ein Absatzweg werden, spätestens jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei. Außerdem lese ich bei dir ja immer von Mass Customization, was ja auch auf dem OPS wieder in aller Munde war, das ist zukünftig definitiv auf meinem Radar.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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