Was die Druckindustrie von Ikea lernen kann – oder wie war das mit der digitalen Disruption?

2. Mai 2016, 14:41 Uhr | Meinung, Neues

Ikea? Digital? Hm – nicht das der Zipper in der Schule nicht aufgepasst hat. Was kann ein Drucker von Ikea lernen? Schrauben weglassen, um zum erneuten Besuch zu animieren? Wohl eher wie man einen Markt erfolgreich, aus einer Nische heraus, aufbaut. Spannendes Thema.

Mitarbeiter haben Teil am Erfolg des Möbelunternehmens. IKEA Flaggen vor einem Einrichtungshaus. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/29291 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/IKEA Deutschland GmbH & Co. KG/Inter IKEA Systems B.V."

IKEA wächst offline als auch online stetig weiter. Quelle: „obs/IKEA Deutschland GmbH & Co. KG/Inter IKEA Systems B.V.“

Robert Keane hat mir mal gesagt, dass er Uber (ein privaten Taxidienst) deswegen so schätzt, weil Uber ein überkommenes, nicht mehr marktgerechtes Geschäftsmodell disruptiert und damit einen neuen Markt entwickelt hat. Im gleichen Moment musste ich seinerzeit an Ikea denken. Beim Start des heute größten Möbelhauses der Welt in den 60ern des letzten Jahrtausends konnte sich niemand vorstellen das Kunden ernsthaft ihre Möbel selbst aufbauen, nur um Geld zu sparen. Hier liegt nahe Vergleiche in Richtung Online Print zu ziehen – auch im Online Print wird ein, bisher erfolgreiches – aber überfälliges – Geschäftsmodell disruptiert. Spannend ist hier vor allem, dass Ikea von Grund auf eine eigene, neue Philosophie gesetzt hat und auch von Anfang an in Produkte vorab investiert hat. Kein Produkt von Ikea kommt einfach nur so auf den Markt, weil ein Zulieferer eine neue Säge hat 😉

Quelle: Ikea – 2016 Gesamteinnahmen 2004-2015 (Website)

Quelle: Ikea – 2016: Gesamteinnahmen 2004-2015 (Website)

Und man mag es glauben, oder nicht – Ikeas Grundphilosophie ist auch Grund für den Erfolg und letztlich eine simple Formel: „Wir fragen uns ständig: Wie können wir es noch besser machen? Auf diese Weise bleiben wir innovativ und unser Angebot einzigartig. Immer mit dem Ziel, den Menschen einen besseren Alltag zu schaffen. Und zwar so, dass es für viele erschwinglich ist, nicht nur für ein paar. Das ist der Grundgedanke unseres Handelns, das Ikea-Konzept. Es besteht in jedem Teil unseres Unternehmens: von Design, Beschaffung, Verpackung und Vertrieb bis hin zum Geschäftsmodell.“ Soweit der O-Ton des Unternehmens. Ja, und ich höre auch schon wieder die Grummler: „Mensch, Zipper bei Ikea ist auch nicht alles wunderbar – die haben ihr Billy-Regal immer in der DDR gekauft…“ Klar, wo Licht ist, ist auch Schatten – aber die geschäftliche Erfolgsformel bleibt hiervon unberührt.

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„Wenn man einen Markt weiterentwickeln oder auf den Kopf stellen möchte, bedarf es immer auch einer gehörigen Portion Mut.“ – Bernd Zipper

Aber was kann man denn nun von Ikea lernen? Nun – zum einen, dass es 1.000 und eine Möbelhausketten auf der Welt gibt, aber nur Ikea erzielt einen Umsatz von 32,7 Milliarden Euro. Damit steht Ikea an der Spitze und hat – über die Masse der Produkte – Einfluss auf das Leben von Milliarden von Menschen. Schon beeindruckend. Und trotzdem gibt es noch mehr Möbelhäuser und auch Möbelhersteller. Hm. Das erinnert mich irgendwie an meinen Beitrag von letzter Woche und ist ein hervorragendes Beispiel dafür dass ein Markt nie „schon besetzt“ ist. Es gibt immer eine Möglichkeit „besetzte“ Märkte zu verändern, zu beeinflussen oder gar zu disruptieren.

Und genau das hat Ikea getan. Während seinerzeit die Möbelhäuser auf Qualität, Verkaufs- und Aufbauservice, sowie ein umfassendes Warenangebot gesetzt haben – wollte Ikea anders sein. Von Anfang an wurde auf Innovation gesetzt. Das heißt nicht, dass Ikea das Regal erfunden hat – nein, Ikea hat es einfach optimiert. Das bedeutet nicht, dass Ikea den Service in der Möbelbranche „erfunden“ hat – nein, Ikea gibt einfach dem Kunden das Gefühl, dass er einen besseren Preis erzielen kann, wenn er mit anpackt. Selbst mit dem reservierten Standesdünkel der Herren Möbelverkäufer wurde aufgeräumt – bei Ikea sind alle per Du, selbst Chef und Lagerarbeiter. Und Ikea hat es geschickt verstanden das Marketing auf Print (Katalog) und Web zu fokussieren. Von Anfang an war der Katalog das zentrale „Handlungsorgan“ für den Kunden – und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich jährlich gegen Ende August den neuen Ikea-Katalog verschlungen habe. Nur um ein paar Ideen zu bekommen was man den in den eigenen vier Wänden verbessern könnte – denn, so die Ikea-Message, ich konnte es mir ja leisten (Auch wenn mein damaliger Banker und mein Dispo das immer anders gesehen haben).

Gleichzeitig, neben dem ganzen „Du bist unser Lieblingskunde – wir holen Dich ab, wo immer Du bist“-Marketing-Schubidu – hat Ikea ein Ökosystem aufgebaut. Und zwar ein gigantisches Netzwerk bestehend aus Vertriebsstellen (Möbelhäuser und Online), Produktion (Eigene Herstellung und Zulieferer), Produktentwicklung und Business-Intelligence, sowie Vermögensverwaltung. Um Distributionsstellen zu erschließen und um lokal möglichst schnell operativ werden zu können, hat Ikea auch zahlreiche Möbelhäuser via Franchisesystem angebunden. Selbst das Essen stellt Ikea selbst her – auch wenn man Köttbullar nicht zwingend mögen muss. Aber irgendwann haben wir uns selbst an die komische Sauce und Preiselbeeren zu Hackfleischbällchen gewöhnt. Und der Erfolg gibt Ikea wohl auch irgendwie Recht – die haben was richtig gemacht.

Quelle: Ikea – 2016: Der Ikea-Konzern (Website)

Quelle: Ikea – 2016: Der Ikea-Konzern (Website)

Für Drucker – oder angehende Onlinedrucker lassen sich zahlreiche Lehren aus der Analyse des Ikea-Geschäftsmodells ziehen…

a) Denk nach bevor Du ein Produkt rausbringst – denn wenn Du ein Produkt rausbringst, dann sorge dafür dass es einfach besser, günstiger oder cooler ist als das Deines Mitbewerbers. Selbst dann wenn es dieses Produkt schon gibt
b) Mache Dir die Lieferkette zu eigen, in einem eigenen Ökosystem
c) Sorge von Anfang an für gescheite Strukturen die skalierbar und „belastbar“ sind
d) Arbeite stetig an Deiner Marke, selbst wenn sie am Anfang noch klein sein sollte
e) Mach Deinen Kunden zum Komplizen – lass ihn gestalten, lass ihn kreativ sein und versorge ihn mit umfangreichen Informationen das er auch dazu in der Lage ist
f) Mummel Deinen Kunden ein in eine gescheite, auf ihn konzentrierte Marketing-Philosophie die er verstehen kann und die er „leben“ kann – er muss Dein „Fan“ sein
g) Verstehe jeden Handlungsschritt als Teil Deiner Strategie – egal ob es sich um scheinbar unwichtige Punkte wie Personal (Teamspirit), Verpflegung (Kunde/Mitarbeiter) oder den Umgang miteinander (DU-Mentalität) geht
h) Sei immer offen für neue Entwicklungen und zwinge Dich zur Innovation via eigener Forschung

… die Liste könnte noch beliebig weitergeführt werden.

Was will denn der Zipper mit so einem Blogeintrag erreichen, mag man sich nun als Leser fragen. Ist doch Sonnenklar, dass ein Produkt das jeder benötigt erfolgreich sein kann. Ja. Stimmt. Aber ist es mit Print anders? Braucht nicht jeder unserer Mitmenschen irgendwie gedruckte Produkte? Sollten wir nicht anfangen erfolgreiche Modelle in anderen Branchen genauer zu verstehen und diese zur Weiterentwicklung unserer eigenen Industrie adaptieren (nein, nicht kopieren)? Ich jedenfalls bin begeistert von der Anzahl der Analogien, die ich bei einigen erfolgreichen Unternehmen immer wieder entdecke, wenn ich diese mit der Druckindustrie vergleiche. Aber es wird mir auch immer bewusst, dass wenn man einen Markt weiterentwickeln oder auf den Kopf stellen möchte, bedarf es immer auch einer gehörigen Portion Mut. Selbst das kann man von Ikea lernen – Produkte oder Services die nicht erfolgreich sind, werden selbst dann geändert, wenn sie im aktuellen Katalog stehen. Erinnert mich irgendwie an die „Fail-Fast“-Strategie einiger Player im Onlinedruck-Sektor.

Und noch eines kann man letztlich von Ikea lernen: Kein Produkt, aber auch wirklich kein Produkt das Ikea auf den Markt bringt, ist abhängig von einer neuen Säge oder einer neuen Bohrmaschine. Sollte man mal drüber nachdenken…

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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