Mehr Standards – weniger Funktionalität. Was bringt XJDF der Online Print Industrie?

6. Juli 2016, 9:49 Uhr | Hintergrund, Meinung, Neues

Ja ich gebe zu: Auch ich gehöre zu den JDF-Jüngern. Doch was soll denn nun dieses XJDF wieder? Wir lassen uns die Sache mal von einem der Verursacher erklären: Dr. Rainer Prosi im Gespräch zum Thema.

Gelegentlich hört man von einem neuen Jobticket-Standard oder Standardvorschlag: „XJDF“. Da nahezu die gesamte Online Print Industrie hilflos auf dem Rücken liegt, wenn es ohne Jobtickets oder XML um Produktionsautomatisierung geht – mag man sich schon fragen: Was soll das denn nun wieder? Schräge Sub-Standards verursacht von XML-Nerds – oder eine echte Weiterentwicklung. Seit Jahren kommuniziere ich zu diesem Thema mit einem der „Gründerväter“ von JDF, Dr. Rainer Prosi – CTO von CIP 4 und Chef der JDF-Entwicklung bei Heidelberg – und was liegt näher ihn einfach mal zu fragen?

Bernd Zipper: Rainer – seit Jahren bist Du eines der Masterminds hinter JDF. Nun kommt CIP4 auf einmal mit XJDF daher. Ist das Konzept der allgegenwärtigen Steuerung eines Druckproduktionsbetriebes via JDF damit gescheitert?
Dr_Rainer_ProsiDr. Rainer Prosi: Nein, XJDF passt sich lediglich an die neueren Entwicklungen in XML und der IT Branche an. Die Idee einer Komplettsteuerung des Druckereibetriebs steht auch hinter XJDF, aber statt einer allumfassenden Master JDF Datei, wird bei XJDF angenommen, dass nur einzelne Arbeitsschritte als XJDF Datei beschrieben werden müssen und der Gesamtkontext in der Datenbank eines MIS oder Produktionssteuerungssystems abgebildet wird. Damit wird XJDF zu einer viel einfacheren, reinen Schnittstelle.

Bernd Zipper Gut, wenn aber XJDF eher als „pure information interchange interface“ gilt – warum brauchen wir dann noch JMF – das Job Messaging Format innerhalb von JDF?
Dr. Rainer Prosi:  XJDF ist weiterhin die Auftragsbeschreibung, aber halt nur von einem einzelnen Arbeitsgang. Betriebsdatenerfassung und Statusmeldungen, die ja mit JMF beschrieben werden, sind weiterhin essentiell für eine transparente Überwachung des Maschinen und Prozesse im Drucksaal.

Bernd Zipper: Das bedeutet, dass Ihr nun mit XJDF eine „abgespeckte“ JDF-Version rausgebracht habt?
Dr. Rainer Prosi: Das trifft es recht gut, wobei wir möglichst wenige Einbußen in der Funktionalität anstreben.

Bernd Zipper: Kannst Du mir ein paar Anwendungsfälle für Onlineprinter aufzeigen in denen XJDF einen Vorteil bringt?
Dr. Rainer Prosi: XJDF, zusammen mit PrintTalk, einem Standard, der die wirtschaftlichen Aspekte eines Auftrags beschreibt, erlaubt es standardisiert Aufträge von Kunden anzunehmen. Bisher schreiben die meisten MIS lediglich JDF, lesen es aber kaum. Mit XJDF können MIS und Produktionssysteme von beliebigen Online Portalen Aufträge entgegen nehmen.
Als zweites können Online Printer, jetzt auch deutlich einfacher selber XJDF-fähige Maschinen direkt anbinden, da die Lernschwelle um XJDF anzuwenden deutlich geringer ist, als bei JDF.

Bernd Zipper: Nun ist ja die Welt der Anwendungen die im Onlineprint miteinander kommunizieren sehr groß. Viele Anwender haben, in Ermangelung eines passenden Standards, eigene XML-Strukturen entwickelt. Gibt es hier Vorteile wenn man umsteigen würde?
Dr. Rainer Prosi: Typischerweise sind Anbindungen mit selbstdefiniertem XML schneller als Prototyp realisiert, als mit Standards. Jetzt kommt das große “Aber”: Sobald mehr als eine Schnittstelle angebunden werden muss, oder bei jedem Wechsel eines Moduls, muss die gesamte Schnittstelle neu definiert und gebaut werden. Das kostet auf lange Sicht deutlich mehr, als einmal den Standard zu implementieren. Zudem sein bei XJDF aufgrund der jahrelangen Erfahrung mit JDF, die Begrifflichkeit sehr viel strukturierter definiert, so dass es nicht zu langen Diskussionen über die Bedeutung von einzelnen Attributen kommen muss. Zu guter Letzt ist die Idee hinter XJDF ja genau “It’s just XML”, so dass der Aufwand bei XJDF nicht größer als bei selbstdefiniertem XML.

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„Selbst wenn XJDF ein Substandard ist – es ist ein gelungenes Extrakt aus den wichtigsten JDF-Elementen. Überlebenswichtig für jeden Onlineprinter.“ – Bernd Zipper

Bernd Zipper: Was sind die nächsten Pläne in Bezug auf XJDF?
Dr. Rainer Prosi: Die Spezifikation ist zu 80% fertig. Jetzt werden noch die letzten Kleinigkeiten ausformuliert und dann gibt es eine patentrechtliche Überprüfung um sicherzustellen, dass die Nutzung von XJDF frei von Lizenzen bleibt. Das dauert ca. 9 Monate, so dass die Spezifikation 2017 final veröffentlicht werden sollte. CIP4 wird auch Software zur Übersetzung von JDF nach XJDF, sowie XJDF nach JDF als Open Source zur Verfügung stellen, so dass der Umstieg erleichtert wird. Des Weiteren werden noch viele Beispiele erstellt und zu guter Letzt noch die ICS (Interoperability Conformance Specifications) für XJDF geschrieben. ICS sind Dokumente, die die Nutzung von XJDF in bestimmten Anwendungsfällen, also z.B. mit Druckmaschinen oder in der Vorstufe, oder für Digitaldruckmaschinen näher beschreiben.

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XJDF wird voraussichtlich 2017 veröffentlicht, Quelle: Heidelberger Druck

Bernd Zipper: Interessant ist natürlich auch was in Zukunft mit JDF passiert – wie sieht hier die Roadmap aus?
Dr. Rainer Prosi: Als Adobe PDF einführte, verschwand Postscript auch nicht über Nacht. Dasselbe gilt natürlich auch für JDF bei der Einführung von XJDF. JDF wird weiterhin gepflegt und es wird zu jeder XJDF Version eine entsprechende JDF Version geben, also JDF 1.6 für XJDF 2.0, JDSF 1.7 für XJDF 2.1 etc. Das passiert sogar aus einer gemeinsamen “Master” Spezifikation heraus, in der die Details der einzelnen Prozesse gemeinsam gepflegt werden. Somit wird sichergestellt, dass Beschreibungen von neue Technologien in beide Spezifikationen einfließen.

Bernd Zipper: Wenn ein Anwender nun Fragen zu dem ganzen Bereich JDF hat – wer ist hier seine Anlaufstelle…?
Dr. Rainer Prosi: CIP4 hat eine neue technische Website: https://confluence.cip4.org, in der sich jeder – auch nicht-Mitglieder von CIP4 – anmelden kann, Fragen stellen, und allerlei Futter zum Thema JDF/XJDF für technisch interessierte finden kann. Hier gibt es auch die CIP4 Software, wie den JDF Editor, der auch XJDF erstellen kann und die APIs zum Download.
CIP4 Mitglieder und solche, die es werden wollen, sind auch herzlich eingeladen, an den zwei Mal jährlich stattfindenden InterOp Treffen teilzunehmen und dort mit Herstellern und anderen Interessierten über JDF und XJDF Anforderungen zu diskutieren. Das nächste Treffen findet vom 10. Oktober bis 14. Oktober in Strasbourg statt.

My Take: JDF ist schon eine echt komplexe Angelegenheit und viele Anwender, gerade im Online Print, scheuen sich davor JDF einzusetzen. Schnell wird auf eigene XML-Formate ausgewichen um die Automatisierung im eigenen Unternehmen zu realisieren. Und schnell entstehen dabei Insellösungen. Daher ist XJDF eine konsequente Entwicklung um die Standardisierung in einem wachsenden Markt voranzutreiben. Wenn 2017 das XJDF rausgebracht wird, ist es eine gelungene Erweiterung und eine echte Verbesserung sicher aus Sicht der Onlineprint-Industrie.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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