Interview: Flyeralarm – Status Quo nach der Neuorganisation 2016

29. September 2016, 10:24 Uhr | Hintergrund, Neues

Nach dem Ausscheiden von Ex-CEO Markus Schmedtmann wurde Flyeralarm, die Nr. 1 im deutschen Online-Druck, umfassend re-organisiert. Hartmut Kappes, CFO, hat beyond-print.de die wichtigsten Punkte erläutert.

Mit über 300 Millionen Euro Umsatz ist Flyeralarm einer der Treiber des deutschen Online-Prints. In den letzten Jahren wurden einige Versuche unternommen, das Unternehmen noch weiter auf E-Commerce auszurichten und es, jenseits des tobenden Preiskampfes, weiterzuentwickeln. Nach dem Ausscheiden von Markus Schmedtmann im Jahr 2015, der seinerzeit die Unternehmensleitung übernahm und vor allem durch sehr „markante“ Aussagen den Markt in Aufregung versetzte, verordneten die Gründer Thorsten Fischer und Tanja Hammerl dem Unternehmen eine Neuorganisation. Dies führte vor allem zu zahlreichen Gerüchten in der Branche. Flyeralarm hält sich für gewöhnlich eher „gedeckt“ und kündigt eigentlich nur neue Services und Produkte per Pressemitteilung an. Ich wollte den Gerüchten mal auf den Grund gehen und habe die Gelegenheit gehabt Hartmut Kappes, dem CFO des Unternehmens, ein paar Fragen zu stellen. Hier das Interview.

Bernd Zipper: Nach dem Ausscheiden von Herrn Schmedtmann wurde die Geschäftsleitung von Flyeralarm umgestaltet. U.a. hat Dr. Christian Maaß das Unternehmen in Richtung Cimpress verlassen. Welche Änderungen gab es im Zuge der Umstrukturierung?
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Hartmut Kappes: Bei all den Überlegungen war es uns besonders wichtig, auch in personeller Hinsicht den Flyeralarm-Grundgedanken noch weiter zu vertiefen und auch künftig noch stärker zu wachsen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den eigenen Reihen für Führungsaufgaben zu rekrutieren, war immer Bestandteil unserer Unternehmenskultur, und sie haben dazu beigetragen, dass Flyeralarm zu der Erfolgsgeschichte geworden ist, wie wir sie alle aktuell kennen und der wir noch ganz viele Kapitel hinzufügen werden! Wir sind überzeugt davon, dass die jetzt so getroffenen strukturellen Maßnahmen absolut zukunftsfähig sind und so das weitere Wachstum bei Flyeralarm maßgeblich vorantreiben werden. Bisherige Strukturen wurden ganz bewusst aufgebrochen. Und wir bieten genau diesen Kolleginnen und Kollegen in der neuen Struktur die Möglichkeit, sich auch auf der nächsthöheren Ebene zu beweisen und ihre Kompetenzen einzubringen, um den Erfolgskurs von Flyeralarm weiter auszubauen. Wir sprechen nicht nur über Aufstiegsmöglichkeiten, wie das gerne in anderen Unternehmen getan wird, sondern wir handeln auch entsprechend.

Bernd Zipper: Nach der Umstrukturierung sah es zunächst so aus, als ob die beiden Gründer von Flyeralarm ja wieder gemeinsam die Zukunft des Unternehmens gestalten. Nun ist Tanja Hammerl vor ein paar Monaten aus dem aktiven Management ausgeschieden. Welche Rolle wird sie künftig einnehmen?

Hartmut Kappes: Letztlich bleibt alles beim Alten, Tanja Hammerl und Thorsten Fischer haben weiterhin alle Zügel fest in der Hand und sind selbstverständlich im operativen Geschäft tätig. Im Zuge unserer zu Jahresbeginn angestoßenen Neustrukturierung haben wir den nächsten Schritt in eine sichere Zukunft gemacht. Fortan wird Thorsten Fischer alleiniger Geschäftsführer der Flyeralarm GmbH sein, Tanja Hammerl verantwortet ab sofort die neu gegründete Holding KGaA, unter deren Dach die Flyeralarm GmbH beheimatet ist – damit haben wir eine klare und vor allem zeitgemäße Gliederung der Gesellschafterstruktur geschaffen. Tanja Hammerl wird dabei als Aufsichtsratsvorsitzende der Holding zuvorderst die Kontrollfunktion aller wirtschaftlichen/finanziellen Indikatoren wahrnehmen und sich auch weiterhin federführend um alle Belange in Sachen Produktion kümmern.

Bernd Zipper: Vor zwei Jahren wurde ein recht großer Hallenkomplex in Trennfeld erworben, der bis dato noch nicht genutzt wird – welche Pläne gibt es hier?

Hartmut Kappes: Das Areal in Trennfeld hat unsere Flexibilität deutlich erhöht. Auch wenn wir aktuell hier noch keine Produktion haben, so nutzen wir die Flächen dort vorwiegend als Lagerflächen. Auch hier sind wir merklich flexibler geworden, haben jetzt mehr Spielraum für die Expansion.

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„Flyeralarm zeigt Mut und probiert neue Geschäftsmodelle aus – dieser Mut würde auch anderen Anbietern im Onlinedruck gut zu Gesicht stehen“ – Bernd Zipper

Bernd Zipper: In den vergangenen 24 Monaten wurden zahlreiche Projekte von Flyeralarm gestartet. My3D wurde nach knapp einem Jahr wieder eingestellt. Nun wird eine Ausschreibungsplattform ins Leben gerufen. Welche Projekte wird Flyeralarm langfristig weiter vorantreiben?

Hartmut Kappes: Dass wir unser Kerngeschäft in Sachen Druck weiter ausbauen, erklärt sich von alleine. Wir arbeiten aber parallel daran, unseren Weg als Dienstleister rund um den Druck für unsere Kunden zu gehen. Neue Themen auszuprobieren, war schon immer einer der Treiber unseres Unternehmens und unserer Kultur. Wir sind jetzt beispielsweise erfolgreich mit der Produktion von Image- und Werbefilmen gestartet. Flyeralarm Moving Pictures hat den Markteintritt hinter sich, Mailings oder unsere Social-Media-Veranstaltungsplattform sind ebenfalls schon am Start. Wir werden weiterhin neue Sachen testen, haben eine Fülle von neuen Ideen, die wir auch entsprechend forcieren. Unser Ziel ist es, unseren Kunden in allen Bereichen noch mehr Dienstleistungen zu bieten, die sie noch erfolgreicher machen.

Bernd Zipper: Die Idee einer Ausschreibungsplattform ist ja nicht neu – was ist das Besondere an der Flyeralarm-Ausrichtung?

Hartmut Kappes: Uns geht es dabei zuvorderst darum, unseren Agentur-Kunden einen zusätzlichen, namhaften Vertriebskanal anzubieten, der sie in ihrer Arbeit unterstützt. Primärzielgruppe ist die professionelle Agentur, die wie wir für Qualität und eine perfekte Umsetzung steht.

Bernd Zipper: Ist es klug als 360-Grad-Anbieter im Bereich Druck und Medien eine Ausschreibungsplattform zu betreiben? Liegt da nicht nahe das der Wettbewerb nicht mitmacht, weil er befürchtet unfair behandelt zu werden?

Hartmut Kappes: Nein, denn wir haben ganz bewusst zusätzlich auch eine Kommunikationsplattform eingerichtet, auf der wir mit den Agenturen auf direktem Wege in Kontakt treten. Darüber hinaus gibt es so genannte „Premium-Agentur-User“. Hier tauschen wir uns ganz intensiv aus. Mit unserer Plattform wollen wir den immer wieder auftauchenden Problemen bei den Mitbewerbern in diesem Segment begegnen und über eine Qualitätssicherung erreichen, dass bei Flyeralarm Projects auch nur „echte“ Projekte gehandelt werden. Das ist bei dem, was aktuell am Markt ist, nicht durchgängig gegeben. Letztlich hat die Agentur einen Zusatznutzen, das ist unser Ziel. Der Start war verheißungsvoll.

Automatisierung, auch im Logistikbereich, ist für einen Onlineprinter wie Flyeralarm Voraussetzung für kommerziellen Erfolg, Bildquelle Flyeralarm

Automatisierung, auch im Logistikbereich, ist für einen Onlineprinter wie Flyeralarm Voraussetzung für kommerziellen Erfolg, Bildquelle Flyeralarm

Bernd Zipper: Das Thema Mobile wird immer wichtiger – die Onlineplattform von Flyeralarm ist aber noch weit davon entfernt optimiert dieses Thema zu bedienen. Gibt es Pläne in diese Richtung?

Hartmut Kappes: Es gibt nicht nur Pläne, sondern bereits konkrete Maßnahmenpakete, die wir sukzessive ausrollen werden. Unsere Onlineplattform richtet sich mit ca. 3 Mio. Einzelartikeln hauptsächlich an B2B-Kunden. Bei dieser Produktvielfalt ist es nicht trivial, auf Mobilgeräten eine angenehme „User Experience“ zu bieten. Die Produkte sind teilweise sehr komplex und müssen hinreichend erklärt werden. Im Ergebnis wäre der Kunde durch lange Scroll-Listen auf den kleinen Displays schnell irritiert. Nebenbei werden die Layouts für unsere Produkte für gewöhnlich an Desktop-Rechnern erstellt und von dort aus auch bestellt. Somit ist die Optimierung für Mobilgeräte für uns primär im Bereich Tracking der Bestellung und Preisabfragen von wachsender Bedeutung.

Bernd Zipper: Flyeralarm nutzt auch Tweak für die Gestaltung von Druckvorlagen – wie sind die Erfahrung mit diesem Service? Wo sehen Sie noch Entwicklungspotential.

Hartmut Kappes: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Tweak gemacht, das merken wir an der breiten Akzeptanz dieses Tools und an neu erschlossenen Absatzpotenzialen. Branchenfremde Kunden, speziell kleine Unternehmen, aber auch Privatkunden, profitieren davon, dass sie nun ohne besondere Vorkenntnisse ihre Druckprodukte gestalten können. Ziel ist es, dass auch kleine Einzelunternehmen bei uns bestellen können und am Ende ein professionelles Druckprodukt in Händen halten. Zusätzlich freuen sich unsere Kunden über Schnelligkeit und höhere Produktivität, da die üblichen Korrektur- und Prüfschleifen entfallen. Zukünftig wird es entscheidend sein, die Usability eines solchen Tools weiter zu optimieren.

Bernd Zipper: Vor einigen Jahren hat es Gespräche mit Bertelsmann bzgl. einer Zusammenarbeit bzw. einer ggf. möglichen Übernahme gegeben – nun mehren sich die Gerüchte, dass aktiv mit einem amerikanischen Investor gesprochen wird. Würden Sie dies kommentieren?

Hartmut Kappes: Dass wir für jedwede Investoren ein interessanter Gesprächspartner sind, ist nicht neu. Wir setzen aber auf unsere 100-prozentige Unabhängigkeit. Daran soll sich auch nichts ändern, denn dieser Vorteil, ein inhabergeführtes und -geprägtes Unternehmen zu sein, ist enorm und ein ganz wichtiger Baustein unseres Erfolges.

Bernd Zipper: Der Druck im Onlineprint-Markt, der Preiskampf, wird immer heftiger – welche Antworten hat Flyeralarm hierzu parat?

Hartmut Kappes: Der Markt ist aber auch noch längst nicht erschöpft, er wächst weiter. Alleine über den Preis lassen sich Anteile nur schwerlich erobern. Es ist nach wie vor das Gesamtpaket aus Preis, Angebotsvielfalt, Qualität, Service und Lieferzeit, das den Kunden überzeugen muss. Entsprechend agieren wir – und wir stellen uns Stück für Stück breiter auf. Wir bringen Monat für Monat rund 20 neue Produkte auf den Markt, hinzukommen völlig neuartige und innovative Dienstleistungen. Wir haben das Ohr dicht am Kunden und wissen so sehr gut, was er braucht und was er sich für seine erfolgreiche Zukunft wünscht. Entsprechend handeln wir.

My Take: Ich würde mir wünschen, dass Flyeralarm öfter mal offener kommuniziert und der interessierten Branche aktuelle Entwicklungen mitteilt. Grund: Alles andere gibt Gerüchte, denn überall da wo Menschen arbeiten – und bei Flyeralarm arbeiten eine Menge Menschen – können solche schnell entstehen. Das ist zwar gut für die PR und die Mystifizierung der Marke, aber schlecht für die Gesamtbranche Onlineprint. Ich bin gespannt was sich in Würzburg im Zuge der weiteren Umgestaltung noch so tun wird und bleibe dran…

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

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