Cimpress: Coopetition-API mit „Cimpress Open“ – Erster Eindruck

18. Oktober 2016, 8:43 Uhr | Hintergrund, Neues

Der Onlineprint-Riese Cimpress hat sich den weiteren Ausbau des Prinzips „Coopetition“ auf die Fahne geschrieben. Mit „Cimpress Open“ bietet Cimpress Partnern künftig direkten Zugang zum Vertriebskanal. Doch was bedeutet das für die Branche?

Cimpress ermöglicht mit Open Cimpress neue Markteintrittschancen

Cimpress ermöglicht mit Cimpress Open neue Markteintrittschancen

Cimpress ist mit Cimpress Open bereits seit einiger Zeit in einer Beta-Version auf dem Markt. Obwohl sich das System, oder besser noch die API, noch in einer frühen Beta-Phase befindet, sind die Ziele, die mit der Öffnung erreicht werden sollen, enorm. Das Projekt basiert auf den zwei Säulen „Merchants“ und „Fulfiller“. Zum einen sollen Händler die Möglichkeit haben, Cimpress-Produkte über ihre eigene Website und über Apps zu vertreiben –  auf der anderen Seite soll aber auch die Option bestehen, eigene Produkte über das Netzwerk von Cimpress anbieten. Cimpress hat für Europa klar das Umsatzziel 1 Milliarde Euro ausgerufen – ist Cimpress Open das richtige Konzept hierfür? Auch andere Anbieter – wie z.B. Unitedprint bieten Partnershops oder APIs an. Ist dies der richtige Weg für Cimpress und ein rasches Wachstum?

Fulfillment durch Cimpress? – der gesamte Ablauf auf API-Basis; Quelle: open.cimpress.io

Fulfillment durch Cimpress? – der gesamte Ablauf auf API-Basis; Quelle: open.cimpress.io

Auch andere Bigplayer wie beispielsweise Flyeralarm bieten bereits seit mehreren Jahren Wiederverkäufern die Möglichkeit, sich via API-Schnittstelle ans System anzudocken. Das Merchants-Programm von Cimpress kann als Resellerschnittstelle gesehen werden. Drucker können damit Cimpress-Produkte via API an ihre eigenen Onlineshops koppeln und somit ihr Sortiment ergänzen. Sobald sich der Endkunde für solch ein Resellerprodukt entscheidet, wird die Bestellung automatisch ins Cimpress-Netzwerk übertragen, dort produziert und ‘ungebrandet‘ an den Endkunden versendet. Zum aktuellen Zeitpunkt stehen den ersten Partnern von Cimpress Tassen, T-Shirts, Umhängetaschen, Visitenkarten und Handyhüllen zur Einbindung in den eigenen Shop zur Verfügung.

Ganz unbekannt oder neu ist diese Wiederverkäuferstrategie natürlich nicht. Denn einige Marken von Cimpress wie Wir-machen-Druck oder auch Exagroup arbeiten bereits mit einem Netzwerk aus Drittanbietern.

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„Bestehende Plattformen und Netzwerke zu nutzen, kann durchaus zu einer gelungenen Markteintritts- oder Erweiterungsstrategie für Offline- und Onlinedrucker gehören. Cimpress wirtschaftet mit dem zum Coopetition-Konzept passenden Cimpress Open nicht nur in die eigene Tasche, sondern wird voraussichtlich einigen Marktteilnehmern Chancen eröffnen. Das dabei eine gewisse Abhängigkeit entsteht, muss ein Partner aber immer im Hinterkopf haben.“ – Bernd Zipper

Spannend wird es im Bereich „Fulfiller“. Hier kann der Begriff „open.cimpress“ wörtlich genommen werden, denn Druckern bzw. Produzenten von Nischenprodukten will Cimpress zukünftig die Option bieten, den Abverkauf ihrer Produkte zu erhöhen und eigene Printwaren zusätzlich über das Cimpress-Netzwerk zu vertreiben. Damit gewinnt nicht nur das Produktportfolio der Cimpress-Marken Produkte hinzu, sondern z. B. Nischenanbieter, die mit der Gestaltung eines eigenen erfolgreichen Shops und der Akquise neuer Kunden überfordert sind, wird eine Tür zur Absatzerweiterung eröffnet.

Für viele Drucker eine sinnvolle Möglichkeit zur Erweiterung; Quelle: open.cimpress.io

Für viele Drucker eine sinnvolle Möglichkeit zur Erweiterung; Quelle: open.cimpress.io

Dass es Resellerprogramme am Markt gibt, ist ja bekanntlich nichts Neues. Vorreiter dürfte hier vor allem Amazon sein – und auch Kollin bietet mit dem Marktplatz Print4Reseller ähnliches an. Doch wie sieht es mit der „Fulfiller“-Thematik aus? Natürlich, der Markt der sich für die Nischenhändler bietet ist verlockend – doch ist das ein echter Vorteil für unsere Spezialprodukt-Anbieter? Die eigenen Produkte unter dem ‘Decknamen‘ Cimpress oder beispielsweise Vistaprint zu vermarkten, bietet Kleindruckern zumindest die Option auf höhere Auslastung. Ob und was Cimpress in diesem Fall, zusätzlich zum eigenen Image- bzw. Sortimentspush, dem Drucker als Provision abverlangt, ist (noch) nicht bekannt.

My Take: Es bleibt abzuwarten, wann die Beta-Testphase genau beendet ist und Robert Keane mit Cimpress Open tatsächlich für alle Interessenten die Türen zur riesigen Produktwelt und neuen Umsätzen öffnet. Eine ordentliche Basis bietet die Coopetition mit Europas größtem Onlinedrucker aber dennoch für alle diejenigen, die ihre Vertriebswege erweitern oder ihr Produktportfolio verbessern wollen. Wohlgemerkt: Eine Anbindung an das riesige Netzwerk von Cimpress – ob zur Produktion oder aus Vertriebsgründen – ersetzt nicht eine übergeordnete Strategie, um seine Position am Markt mit „mass customized“ Produkten auszubauen. Und, auch das sollte allen Playern bewusst sein, wenn ein großer Player seinen Vertriebskanal öffnet will er was verdienen – und es entsteht eine Abhängigkeit sobald erste Umsätze fließen. Gewöhnt man sich zu schnell an das „schnelle Geld“ wird fix aus einem Nischenplayer der online gehen möchte, ein Erfüllungsgehilfe – eine verlängerte Werkband. Das muss man mögen.

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

1 Kommentar

  1. Antworten

    Marc

    18. Oktober 2016

    parallel ähnliche Diskussion gab/gibt es ja immer wieder auch in anderen Branchen, ua. wie o.e. bspw. amazon/ebay (als Bridge).
    Manche Händler setzen voll auf amazon - siehe bspw. http://www.kassenzone.de/2015/06/09/kavaj-amazon-seo/ und werden sich voraussichtlich im Laufe der Jahre einfach den Gegebenheiten anpassen, da eine langfristige Planung heute nicht mehr zeitgemäß ist.
    Auch im Bereich Hotel (HRS/Expedia usw.) ist dies nicht anders, die Hotels brauchen diese Kanäle, als einer von "vielen" - jedoch nicht als einzigster!

    Der wichtigste Punkt ist jedoch, wie Sie auch angeführt haben, eine eigene Strategie (Rahmenbedingungen) zu verfolgen und als "Partner" selbst zum Rosinenpicker zu werden.
    Es nur zu ignorieren, ist in jedem Fall der falsche Weg.


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