Serif: Gefährden Affinity Produkte die Vormachtstellung von Platzhirsch Adobe im Druckgewerbe?

7. November 2016, 13:38 Uhr | Hintergrund, Neues

Affinity Designer und Photo sind kostengünstige Tools für die Bildbearbeitung in Print + Publishing und eine Alternative zu Adobe.

53103858 - graphic designer creativity editor ideas designer conceptWas genau können die noch recht frischen Tools und wo liegen ihre Stärken?

Ob am heimischen Rechner, in der Berufsschule und Hochschule, oder im Betrieb – was Grafikdesign- und Bildbearbeitungsprogramme angeht, gibt es für viele Anwender nur ein, vielleicht zwei oder drei Tools. Im Becken der DTP Softwareanbieter tummeln sich seit jeher viele große Player und einige, eher unbekannte oder in Zeiten der Dominanz von Adobe vernachlässigte Anwendungen. Ähnlich sieht es bei der professionellen und semiprofessionellen Bildbearbeitung aus, wo es ebenso die altbekannten Platzhirsche gibt. In unserer Zeit der Cloudservices und Abonnements treten Software-Kaufversionen zum Teil in den Hintergrund. Grund genug also, hier mal ein – in Fachkreisen seit 2014 nicht ganz unbekannten – Anbieter mit zwei wirklich niedrigpreisigen Programmen vorzustellen.

Serif wurde 1987 gegründet und hat sich seitdem immer um Alternativen zu den bestehenden Design- und Publishing-Programmen bemüht. Deren Ziel war dabei, kostengünstige Produkte bei gleichzeitig großem Funktionsumfang und professionellem Anspruch auf dem Markt abzubilden. Für das Jahr 2015 hat der Affinity Designer aus dem Hause Serif mit Hauptsitz in Nottingham (GB) sogar den Apple Designpreis und Affinity Photo den Preis als beste Mac App erhalten. Laut eigenen Angaben des Unternehmens arbeiten aktuell weltweit mehr als 6 Millionen Nutzer mit mindestens einem der angebotenen Software-Produkte, die als Teil eines Pakets für Bildbearbeitung, Grafik und Publishing frischen Wind ins graphische Gewerbe bringen. In Relation zu anderen Anbietern hört sich das natürlich nicht sonderlich viel an. Aber: Da der Release der beiden Boliden Affinity Designer und Photo für Windows-basierte Systeme noch aussteht, ist das trotzdem eine ansehnliche Menge, die viel Zunahmepotenzial hat. Und was qualifiziert die Affinity-Produkte jetzt für den Onlinedruck bzw. worin besteht der konkrete Nutzen für Drucker?

Angenommen, man stattet sich mit dem Affinity Designer und zusätzlich mit Affinity Photo aus – dann stehen gerade mal rund 100€ zu Buche. Die Creative Suite bietet natürlich einen größeren Funktionsumfang, aber wie lange kommt man mit 100€ bei der Mietversion aus? Nicht sonderlich lange… Zumindest konnte Adobe anbieten, die lästig teuren Arbeitsplatzlizenzen ohne Updates durch die Update-fähigen CC-Version ersetzen zu können, was einigen Unternehmen gerade recht kam. Aber die Langzeitbindung findet nicht jeder toll – also zurück zu den Kaufversionen, von denen solche, selbst alte Versionen z. B. aus dem Hause Adobe ein Mehrfaches der Affinity-Produkte kosten.

Ein gemeinsames Dateiformat ermöglicht zusätzliche Konsistenz bei der Arbeit mit Affinity-Tools; Quelle: affinity.serif.com

Ein gemeinsames Dateiformat ermöglicht zusätzliche Konsistenz bei der Arbeit mit Affinity-Tools; Quelle: affinity.serif.com

Dass Serif mit Affinity nicht nur Privatanwender adressiert, sollte wohl klar sein. Über den Mac App Store sind nämlich neben den einfachen auch Volumenlizenzen für Unternehmen und Bildungseinrichtungen erwerbbar. Klar, die bisherige Beschränkung auf die Apple-Welt hemmt die Verbreitung noch etwas. In der graphischen Industrie nutzt aber sowieso ein nicht unerheblicher Teil Rechner aus dem Hause Apple; zudem gibt es seit Mitte 2016 eine kostenfreie Beta-Version des Designers für das Windows-System. Nicht zu vergessen ist auch die Ankündigung von Affinity Photo für Windows und eines weiteren Layoutprogramms namens Affinity Publisher für 2017 – damit steht also der Verbreitung der Programme im graphischen Gewerbe nichts mehr im Wege.

Übersicht der Vorteile von Affinity für Unternehmen; Quelle: affinity.serif.com

Übersicht der Vorteile von Affinity für Unternehmen; Quelle: affinity.serif.com

Der Affinity Designer deckt einen wichtigen Teil der Funktionen von Adobes Grafikprogrammen ab, während Affinity Photo dem Bildbearbeitungs-Platzhirsch Photoshop in Sachen Funktionsumfang Konkurrenz macht. Wo man online auch nachliest, zumeist sind es gute bis sehr gute Erfahrungen, von denen die Affinity-Nutzer berichten. Darunter sind zumeist Nutzer, denen entweder der regelmäßige Bezahlmodus von Adobe nicht passt oder solche, die gerne neuer Software eine Chance geben und im Vergleich zu den bestehenden Angeboten nun das bzw. die Tools aus dem Hause Serif präferieren. Neben dem Preisargument kommt noch die – laut Benutzerangaben – einfache und mit Adobe-Produkten vergleichbare Bedienbarkeit dazu.

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„Serif hat mit der Einführung seiner Affinity-Produkte schon viel Anklang gefunden. Einer weiteren Ausbreitung auch im Druckgewerbe steht meines Erachtens nichts im Wege – Platzhirsche also aufgepasst!“ – Bernd Zipper

Ich will mich hier nicht in den technischen Details oder der Auflistung jeder einzelnen Funktion verlieren. Es geht um das Gesamtpaket und wesentliche Kernpunkte, die die Funktionalität des Designers, auch zur Integration in bereits vorhandene Workflows, zeigen. Die optische Nähe zur Oberfläche von Adobes Programmen lässt sich nicht verleugnen. Der Designer bietet eine umfangreiche Funktionspalette, die sich für die meisten Arbeiten mit Vektor- und Pixelgrafiken eignet. Mit der vollständigen Unterstützung für SVG-, EPS-, PDF-, PDF/X- und FH-Dateien und einer einwandfreien Importfunktion für PSD-Dateien werden alle für die Branche relevanten Formate abgedeckt. Auch an Farbräumen mangelt es nicht: Graustufen, RGB, RGB Hex, CIE Lab und am wichtigsten natürlich CMYK sorgen für allgemeine Workflow-Kompatibilität, ebenso bei der Arbeit mit ICC-Profilen. Echtzeit-Anpassungen auch bei Pixelgrafiken qualifizieren den Designer darüber hinaus für weiter Anforderungen.

Die Oberfläche des Affinity Designers erinnert an bekannte Vertreter; Quelle: chip.de

Die Oberfläche des Affinity Designers erinnert an bekannte Vertreter; Quelle: chip.de

Ebenso leistungsstark und vergleichbar mit Photoshop zu bedienen ist Affinity Photo. Auf Basis einer recht intuitiven Bedienoberfläche ermöglicht das Programm die Optimierung, Korrektur und Retusche von digitalen Fotos. Intuitiv ist die Bedienung nicht nur wegen der einfachen Gestaltung, sondern auch, weil der geneigte Bildbearbeiter viele der Tools so oder so ähnlich schon von den bewährten Programmen anderer Hersteller kennt.

Eine große Umstellung bedeutet der Wechsel von Photoshop und Konsorten zu Affinity Photo laut vielen Nutzerangaben nicht; Quelle: discovery-affinity-designer.com

Eine große Umstellung bedeutet der Wechsel von Photoshop und Konsorten zu Affinity Photo laut vielen Nutzerangaben nicht; Quelle: discovery-affinity-designer.com

Als RAW-fähige Bildbearbeitungssoftware mit riesigem Funktionsumfang ist Affinity Photo neben Druckvorstufen auch für professionelle und Hobbyfotografen geeignet. Wie beim Designer wird auch hier ein vollständiger Workflow in RGB, CMYK, CIE LAB oder Graustufen mit ICC-Farbverwaltung und die Verarbeitung aller gängigen Dateiformate ermöglicht. Zudem ist das Arbeiten mit 16 Bit pro Kanal möglich, was manch andere Bildbearbeitungsprogramme bei der Arbeit mit Einstellungsebenen nicht mehr unterstützen. Vielleicht wird sich der ein oder andere Abonnent von Photoshop und Lightroom in Zukunft Richtung Affinity Photo orientieren, um die laufenden Kosten zu senken.

My Take: Wenn sich Serif mit seinen Affinity-Produkten dauerhaft bewähren kann, dann gibt es nichts, was gegen die Etablierung im Druckgewerbe und damit auch im Onlinedruck steht. Nicht nur das Sparpotenzial gegenüber Konkurrenzangeboten ist riesig, sondern Affinity kann auch durch Funktionsbreite und -tiefe sowie regelmäßige kostenfreie Updates überzeugen. Ich bin mal gespannt, wie sich der für 2017 angekündigte Affinity Publisher schlagen wird. Sobald Serif in Zukunft alle Tools auch für Windows aktiv anbietet, sollten sich die Etablierten etwas einfallen lassen…

Über den Autor

Bernd Zipper
Gründer und CEO von zipcon consulting GmbH, einem der führenden Beratungsunternehmen für die Druck- und Medienindustrie in Mitteleuropa. In den unterschiedlichsten Kundenprojekten begleiten der Technologie- und Strategieberater und sein Team aktiv die praktische Umsetzung. Er entwickelt Visionen, Konzepte und Strategien für die im Printerstellungsprozess beteiligten Akteure der unterschiedlichsten Branchen. Bernd Zipper ist Initiator der E-Business Print Online Studie (EPOS) und neben seiner Beratertätigkeit auch Autor, Dozent sowie gefragter Referent, Redner und Moderator. Seine visionären Vorträge gelten weltweit als richtungsweisende Managementempfehlungen. (Profile auch bei Xing, LinkedIn und GooglePlus).

4 Kommentare

  1. Antworten

    Micha

    8. November 2016

    Ich bin mit den Affinity Produkten bisher mehr als zufrieden. Meine Anwendungsbereiche decken sie vollständig ab. Nur auf den Publisher warte ich schon ein bisschen zu lange... Der würde das Paket für mich komplett abrunden.
    Also: nix zu meckern bisher!

  2. Antworten

    M.Neiber

    7. November 2016

    Klasse Produkte. Die meisten Arbeiten fertigen wir seit einem Jahr mit diesen Produkten. Wir konnten die Kosten ohne Qualitätsverlust erheblich senken.

  3. Antworten

    Thomas Wanka

    7. November 2016

    Wie sieht es mit Pfaden für Freistellern aus?

    • Antworten

      Bernd Zipper

      7. November 2016

      Hi Tom,

      Ja. Jein. Zum Beispiel mit dem Lasso kann man aber, wie bei Photoshop Punkt für Pfade setzen und mit deren Hilfe am Bild freistellen. Dazu muss die Umschalt-Taste gedrückt gehalten werden und mit der linken Maustaste werden die Punkte zum Pfad gesetzt. Auch nett.

      Gruß Bernd


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