Amazon: Mass Customization – Ziel: Deutschland

Abzusehen war es bereits – jetzt läuft es tatsächlich an: Amazon beginnt mit dem Custom-Programm nun auch auf der deutschen Website.

Spekuliert darüber wurde bereits Mitte des Jahres, angekündigt wurde das Custom-Programm für die deutsche Plattform dann im September. Seit kurzer Zeit finden sich nun auch – sichtbar – gestaltbare Produkte im Amazon-Portfolio mancher Shops. Zeit für einen Überblick. Angefangen hat alles mit der Beta-Version von Amazon Custom im September 2015 für die US-Präsenz. Schnell waren es 400.000 Artikel, die direkt auf der Produktseite individualisiert werden konnten, mittlerweile sind es rund 1 Millionen Produkte, die laut unserem Mass-Customization-Verständnis wirklich dazugehören. Darunter finden sich unter anderem Visitenkarten, die für meine Begriffe ziemlich nah an denen von Vistaprint dran sind. Ob aber Vistaprint Amazon Custom wirklich als Kanal nutzt, das sei mal dahingestellt. Fakt ist, dass es mit Custom nun auch für deutsche Verkäufer, die Amazon als Absatzplattform für individualisierbare Produkte nutzen wollen, deutlich „einfacher“ werden kann. Neue Chancen oder sogar Positionierungsmöglichkeiten für deutsche Drucker stehen damit im Raum – oder? Dazu später mehr – erstmal gilt es die Grundlagen von Amazon Custom zu klären.

Voraussetzungen für das Offerieren von Custom-Produkten sind ein professioneller Account sowie die eigene Abwicklung des Versands. Es muss lediglich die Produktseite in regulärer Amazon-Manier erstellt und mittels Templates um die Individualisierungsoptionen erweitert werden. Von den drei Optionen, die laut Amazon Seller Central für Verkäufer zur Verfügung stehen – Auswahl von Material, Größe, Form; individuelle Textanpassung; individuelle Produktanpassung –, konnte ich bei der bislang noch überschaubaren Anzahl an aktiven gestaltbaren Angeboten nur die beiden letztgenannten Optionen wiederfinden. Hört sich nicht „bedrohlich“ an, will man meinen.

Die drei Möglichkeiten der Produktindividualisierung über die Plattform; Quelle: https://services.amazon.de/service/amazoncustom.html

Naja, wer 2016 alleine in Deutschland einen Bruttoumsatz von mehr als 14 Milliarden verbuchen konnte und deutlich stärker als die anderen Internetgiganten wächst, dem sind auch weitere Schritte im Ausbau von Mass Customization und Print zuzutrauen. Eine genaue Zahl für 2017 gibt es zwar noch nicht, aber auch dieses Jahr dürfte es gemäß der Umsatzzunahme wieder mindestens 43 Millionen – tendenziell mehr – regelmäßige Amazon-Nutzer alleine in Deutschland gegeben haben – genug potenzielle Besteller also für Custom-Produkte. Aber nicht nur der große Kundenstamm und die extreme Reichweite sind wichtig: Ein weiterer Aspekt, der für die D/A/CH-Onlinedruck-Industrie durchaus relevant ist, ist der Aufstieg von Amazon zur Produkt- und Preissuchmaschine Nummer 1. Selbst wenn die keine Werbung dafür machen – die meisten Endkunden informieren sich über die Webpräsenz des E-Commerce-Giganten aus Seattle.

„Kundenstamm, Bekanntheit und die Suchmaschinen-Thematik – Amazon breitet sich in vielen Geschäftsfeldern aus. Der europäische Onlinedruck wird davon sicherlich nicht verschont bleiben.“ – Bernd Zipper

Und wie sieht es mit den mobilen Einkaufsmöglichkeiten für die doch recht simplen mass customized Produkte aus? App/Browser geöffnet, Produkt gewählt, „Jetzt anpassen“ – und siehe da: „…Dieser Artikel kann nicht über Mobilgeräte angepasst werden…“. Es funktioniert weder auf Smartphones noch auf Tablets. Das dürfte viele Drucker freuen, zumal Amazon einen nicht unerheblichen Anteil des Gesamtumsatzes via mobiler Endgeräte generiert und einige Drucker im Gegenzug einen Teil ihres Angebots auch mobil abbilden, manche sogar mit mobilfähigen Editierumgebungen.

Mobil lässt sich mit Amazon Custom (bislang) nichts anfangen; Quelle: amazon.de

Für kleine Drucker und Mass-Customization-Einsteiger bedeutet das Programm: Wer das Anbieten und Produzieren von individualisierbaren Printprodukten ohne einen „richtigen“ eigenen Shop versuchen will, für den ist das mit Custom auch möglich. Und es ist ja auch nicht gesagt, dass sich Amazon zeitnah zum Mass-Customization- und Print-Flaggschiff in Europa entwickelt. Aber Chance und Bedrohung liegen für einige Anbieter – natürlich abhängig vom Blickwinkel – durch die letzten Entwicklungen sehr nah beieinander. Und dass Amazon E-Commerce in jeder Hinsicht kann, darauf brauche ich nicht weiter einzugehen.

Die Anpassungsmöglichkeiten für Printprodukte über Amazon sind überschaubar – aber auch nicht unbedingt kleiner als in manchem Onlineprint-Shop; Quelle: amazon.de

Worauf aber insbesondere die Online-Fotodrucker schauen ist, wie sich der Amazon-eigene Fotodruck-Service entwickelt. Bilder auf Canvas, Aluminiumdrucke, Fotobücher, Fotogeschenke und allerlei Karten und Kalender – in Sachen online bestellbarer Printprodukte hat Amazon mit Prints in den USA in kurzer Zeit einige weitere Artikel aufgenommen. Das scheint sich also angesichts der Menge an Prime-Kunden, die die Onlinespeicher- und Liefervorteile gerne mitnehmen, zu lohnen. Selbst, wenn die Printprodukte nicht günstiger sind als bei anderen großen Playern. Und wenn Amazon es mit Prints zeitlich genauso hält wie mit Custom, dann müsste der Fotodruck des E-Commerce-Riesen 2018 den europäischen Markt erreichen. Von der Zusammenarbeit mit bestimmten Druckereien ist mir bislang zwar noch nichts bekannt. Heißt aber nicht, dass da im Hintergrund nicht schon dran gebastelt wird. Das ist nicht nur für mich spannend – sondern sicherlich auch für alle, die in dem Bereich agieren.

My Take: Im Moment muss man nach den Printprodukten mit dem Zusatz „Jetzt anpassen“ zwar noch suchen, in Zukunft werden da aber sicherlich sehr schnell sehr viele dazukommen. Dass das auch ohne separate Kategorienseite funktioniert, hat die US-Version gezeigt. Ob das Anbieten direkt individualisierbarer Printprodukte wirklich lukrativ ist, müssen sich die deutschen Plattform-Nutzer selbst ausrechnen. Die hohe Reichweite – und mögliche Auslastung – lässt sich Amazon zumindest gut bezahlen. Was den Onlinedruck allgemein angeht bleibt: Die gefährliche Kombination aus neuen Produkten, die so manchem wirklich Umsätze streitig machen können und dem Umstand, dass Amazon Vielen als (Preis-)Suchmaschine Nummer 1 dient, sollte die Alarmglocken läuten lassen. Für Printer mit „echten“ eigenen Shops gilt es einen Weg finden, um die Abhängigkeit vom Suchmaschinen-Ranking zu meistern und die Auffindbarkeit im Netz zu steigern. Wo ich gerade dabei bin – noch mal ein Rat von mir an alle Drucker: Guckt Euch an, ob Amazon Marketing Services (AMS) nicht etwas für Euch ist. Oder soll Amazon alle Kunden, die nach Personalisierbarem suchen, selbst behalten? Mit Custom und AMS könnte der Gigant das vielleicht sogar, und zwar ohne Umwege.

2017-11-10T13:45:29+00:00 10.11.2017|Markt|5 Comments

5 Kommentare

  1. Jan Lukat 14. November 2017 at 10:32 - Reply

    Danke für den Tipp! Gerade angemeldet und freue mich auf die ersten Custom Bestellungen 😉

  2. Osman Zöllner 13. November 2017 at 12:10 - Reply

    Hallo Bernd,
    mein Kommentar war auch eher für die konventionellen bzw. stationären Druckereien gemeint als für die Online Druckereien.
    Was die Möglichkeiten angeht kann ich dir auf jeden Fall nur zu stimmen.

  3. Osman Zöllner 13. November 2017 at 8:39 - Reply

    Sehr schöner Artikel auch wenn ich ihm nicht in jedem Punkt zustimme.
    Die Chance die die Drucker in Deutschland durch Amazon haben ist meiner Meinung nach eher kurzfristiger Natur. Das Amazon Prinzip war schon immer mit Fremden Kapazitäten testen, Daten sammeln über die Stärken und Schwächen der Produkte und des Marktes und dann selbst mit eigenen Produkten die lukrativsten Bereiche übernehmen.

    Somit ist die Zeit wo Druckereien mit Standard Produkten wie Visitenkarten, Broschüren, Flyern und anderen Schnittwaren Geld verdient haben bald endgültig vorbei.

    Jede klassische Druckerei sollte sich spätestens jetzt definitiv Gedanken über seine Produkte und sein Kundenspektrum machen um zu prüfen ob Sie mit diesen auch noch die nächsten 5 Jahre Wettbewerbsfähig sind oder ob es an der Zeit ist etwas zu ändern.

    • beyond-print.de 13. November 2017 at 9:14 - Reply

      Hi Osman, Danke für Deinen Kommentar. Ich seh das natürlich anders: In D/A/CH sind „erst“ 20-25% des Prints online – klar: More to come – aber ich seh da noch keine „Endzeitstimmung“. Eher das Gegenteil: Ich behaupte – es gab noch nie so viele Möglichkeiten Druck zu verkaufen. Leute, nutzt das doch bitte mal!!!

    • Marc 17. November 2017 at 18:17 - Reply

      Die 1. Aussage ist nicht zutreffend, denn sonst würde Amazon oder ebay viele Kategorien alleine bedienen, insbesondere die Margen starke. Des weiteren warum sollen die „bridge-Anbieter“ dies machen, dann würden sie ja die „automatisch generierte Provisionen“ verlieren.

      Den Big-Playern ist bewusst, dass der Anbieter-Mix es ausmacht.

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