Augmented Reality: Bereit für den Onlinedruck?

Mehr Informationen und gezieltes Abrufen von passenden Inhalten liefert sie – bietet die Print-Digital-Verknüpfung via Augmented Reality denn auch Potenziale für den Onlinedruck?

Augmented Reality funktioniert auch mit Print – das hat die Verwendung der erweiterten Realität in Periodika und anderen Bereichen bereits gezeigt. Dabei reichen die Verwendungsmöglichkeiten von individuell abrufbaren, weiterführenden Details über erleichterte Websuchen via AR bis hin zu direkten Bestellmöglichkeiten. Nur im Onlinedruck ist mir bisher keine brauchbare Digitalerweiterung begegnet. Also sind mein Team und ich mal auf die Suche nach aktuellen AR-Anwendungen gegangen, die auch für online produzierbare Printprodukte sinnvolle Verknüpfungspunkte bieten und damit Potenzial für die Zukunft haben. Dabei haben wir ein paar frische Möglichkeiten gefunden, die ich dem geneigten beyond-print-Leser nicht vorenthalten möchte.

Wie sieht mein (Print-)Produkt an Ort und Stelle aus? Print-individualisierte Innendekoration und Mode ist durch den Inkjet-Druck unproblematisch geworden. Und Möglichkeiten für online gestaltbare Printprodukte aus dem Bereich gibt es mittlerweile einige. Warum nicht mal die AR-Verbindung ausprobieren und den mit Fotos selbst gestalteten Duschvorhang im Bad betrachten. Ikea hat das schon jahrelang erfolgreich praktiziert, indem auf Basis des Print-Katalogs Möbelstücke virtuell an die gewünschte Stelle projiziert werden konnten – nur eben im Rahmen der gegebenen Konfigurationsmöglichkeiten. Funktioniert also – und nachgefragt wurde es auch, und zwar im großen Stil. Einen ähnlichen Weg hat das 2015 gegründete und in Paris ansässige Start-up Smartpixels eingeschlagen. Als Technologiespezialist stellt Smartpixels bereits für einige namhafte Unternehmen Lösungen zur Produktpräsentation bereit, um Mass Customization vor der eigentlichen Produktion erlebbar zu machen, auf Grundlage von Videomapping und Augmented Reality im stationären Handel.

Produktindividualisierung auf Hologrammbasis im Shop von Nike auf der Champs-Élysée; Quelle: smartpixels.fr

Am Beispiel des Nike-Shops auf der Champs-Élysée lässt sich der Nutzen für ein individualisierbares Produkt schnell erläutern: Der Kunde hat an einem übersichtlichen Terminal die Möglichkeit, seinen Wunschschuh (Schnürsenkel, Logofarbe, Laschenfarbe etc.) via Tablet zu gestalten. Die Gestaltung wird live holographisch auf den weißen Schuh projiziert. So erlebt der Kunde gleich am „echten“ Produkt, wie die eigenen Vorgaben sich am Objekt machen. Gefällt ihm das Design, kann er die Bestellung direkt am Tablet ausführen – und wenn nicht, probiert er eben weiter aus. Gut – und wo kommt da Print ins Spiel? Der Einsatz der Hologramm-Technologie im Zusammenhang mit Produktindividualisierung ist nicht unbedingt neu – sollte aber, besonders im Textildruck, mehr Aufmerksamkeit bekommen. Denkbare Einsatzorte hierfür sind z. B. lokale Shops von Onlineprintern, die dreidimensionale und kostspielige Printprodukte – auch und vor allem in Auflage 1 – anbieten. Neben den immer besser werdenden 3D-Visualisierungen in einigen Onlineeditoren werden Beratung, Bestellung und Abholung vor Ort damit attraktiver, da Kunden die Produktgestaltung selbst vornehmen.

Aus dem Buch und durch Augmented Reality mitten im Spiel; Quelle: Wawa Technologies

Dass individualisierbare Printprodukte auch bei jüngeren Lesern und Betrachtern bestens ankommen, habe ich vor Kurzem an gleicher Stelle anhand des Beispiels Print-on-Demand-Kinderbücher gezeigt. Und auch dafür gibt aus dem AR-Bereich durchaus interessantes Erweiterungspotenzial. Das ecuadorianische Start-up The Wawa hat für seine Technologieentwicklungen 2015 und 2016 mehrere nationale und internationale Auszeichnungen erhalten und hebt Kinderbücher mittels erweiterter Realität auf ein neues Level. Der Schlüssel dazu sind Interaktivität und Erlebbarkeit auf Grundlage eines wertig produzierten Kinderbuches. Jede Doppelseite der Printvorlage bildet eine große Trackingvorlage mit intergierten Spielen und Übungsaufgaben – vom Mathe-Lernspaß bis zum „Gemüsedeuten“ ist alles dabei. Besonders daran ist auch, dass sich der digitale Content dem Alter des Kindes anpasst, das über die App gewählt wird.  Übersetzt auf bereits bestehende Printangebot aus dem europäischen Markt würden sich mit einer solchen digitalen Erweiterung mehr Individualisierungsmöglichkeiten schaffen lassen, wenn zunächst die Printvorlage gestaltet wird und im Anschluss die Nutzung einen weiteren Zuschnitt auf den Anwender erlaubt.

„Richtig eingesetzt kann Print die Erweiterung mit digitalen und interaktiven Elementen durchaus nutzen. Aber – wie so oft – gilt auch hier: nicht überladen, sonst ist die Attraktivität dahin.“ – Bernd Zipper

Hinter dem australischen AR-Anbieter EyeJack verbirgt sich eine App sowie eine Plattform, die moderne augmentierte Kunst kuratiert. Dabei handelt es sich um gedruckte Werke, die zum Teil von mehr als 40 internationalen angeschlossenen Künstlern bereitgestellt und mit digitalen Inhalten erweitert werden. Dass das Portfolio aber noch nicht fertig ausgebaut ist, sieht man der Website (noch) an. Die geringe Menge an Produkten schmälert die Idee meines Erachtens nach gar nicht. Denn die Gestaltung selbiger ist sehr ansprechend, was sie nicht nur für den Onlinehandel, sondern auch für „echte“ Ausstellungen qualifiziert. Neben den Postern bietet EyeJack die Erweiterung aktuell auch für zwei Ringbücher und ein gebundenes Buch an, die auf jeder Seite via App Animationen im gedruckten Buch entstehen lassen.

Ein kleiner Auszug aus dem Portfolio der Print-AR-Künstler von EyeJack; Quelle: https://eyejackapp.com/

Für umgerechnet rund 20 Euro ohne Versandkosten sind die „erweiterten“ Poster angemessen bepreist, was für Printanwendungen im europäischen Onlinedruck durchaus interessant ist. Es muss also nicht viel teurer sein, nur weil die Drucksache um AR ergänzt wurde – was natürlich auch von den Entwicklungskosten abhängt. Interessant ist noch, dass das Unternehmen laut eigenen Angaben im Hinblick die Produktauswahl um Sticker und T-Shirts erweitern möchte – im Onlinedruck alles keine unbekannten Sachen.

My Take: Es geht mir hier nicht darum, Augmented Reality als den Heiligen Gral der Print-Digital-Synthese anzupreisen. Und gewiss kann die erweiterte Realität nicht das Butter-und-Brot-Geschäft jedes Onlinedruckers befeuern. Aber für einige Printer kann Augmented Reality – genügend Reife und angemessene Kosten vorausgesetzt – eine weitere und in einigen Teilen durchaus wertvolle Stufe der Personalisierung bieten. Aber auch die „Simulation“ von haptischen Effekten, bekanntlich bei virtuellen Produkten stets ein Thema, könnte durch AR unterstützt werden. Und selbst in Sachen einer crossmedialen, digitalen Erweiterung gedruckter Produkte kann also ein regelmäßiger Blick über den Tellerrand sinnvoll sein – vor allem für Print-on-Demand-Produkte. Aber noch weiß niemand so genau welche Effekte AR beim Kunden auslösen kann, wenn es um „eigene“ Produkte geht. Hier wäre dringend mal Bedarf nach einem Pionier im Onlinedruck, der das mal ausprobiert.

2017-11-09T09:06:02+00:00 09.11.2017|Technik|1 Comment

One Comment

  1. Marko Hanecke 10. November 2017 at 13:05 - Reply

    AR in Verbindung mit Print hat gewiss eine Zukunft. Eine große Hürde für den Massenmarkt sehen ich gegenwärtig darin, dass es keine universelle APP für AR-Anwendungen gibt. Die Bereitschaft, sich eine APP zu installieren, die nach einer Anwendung (z.B. Anzeige in einer Zeitung) nutzlos wird, dürfte relativ gering sein. Unabhängig davon ist es natürlich toll, ein gedrucktes Werk digital und sinnvoll erweitern zu können.
    Vermisst habe ich auch die AR-Anwendung Layar, die es schon seit etlichen Jahren gibt und insbesondere für den Druckbereich interessant sein dürfte.

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