Cimpress übernimmt die National Pen Company und sorgt mit einer umfassenden Investition für reichlich Gesprächsstoff im Onlinedruck-Markt…

Der Online Print Riese scheint es ernst zu meinen mit dem Thema Mass Customization – mit einem Investment von ca. $218 Millionen (USD) sichert sich Cimpress den Werbemittelspezialisten National Pen Company. Mit dem Unternehmen verleibt sich der aktuell weltgrößte Konzern für die individualisierte Massenfertigung ein Unternehmen ein, das vor allem mit selbst gestaltbarem Schreibgerät weltweit mehr als eine Millionen Kunden, bestehend aus kleinen und mittelständischen Unternehmen, erfolgreich erreicht. Neben die Spezialisten für individualisierte Drucksachen soll sich damit eine weitere Marke mit Fokus auf Marketingmaterialien in die Cimpress-Familie einreihen – das MCP-Netzwerk wächst weiter.

Hochwertige und gut verkäufliche, gestaltbare Kugelschreiber wird Cimpress in wenigen Wochen auch anbieten können; Quelle: penseurope.com/de

Hochwertige und gut verkäufliche, gestaltbare Kugelschreiber wird Cimpress in wenigen Wochen auch anbieten können; Quelle: penseurope.com/de

Findige Branchenspezialisten haben schon seit einigen Tagen Gelegenheit von dem Interesse von Cimpress an National Pen zu erfahren. Dies jedoch nicht auf dem regulären Informationsweg via Pressemitteilung: Da sich alle größeren Unternehmen bei Neu-Erwerben und Zusammenschlüssen Fusionskontrollverfahren unterziehen müssen, ist die Überprüfung der Übernahme der National Pen Company durch Cimpress bereits seit dem 28.11.2016 mit dem Produktbereich kundenindividuelle Druckprodukte beim Bundeskartellamt einsehbar gelistet. Cimpress beabsichtigt eine 100%ige Übernahme der Company, was Robert Keane und seinen Konzern etwa $218 Millionen (USD) kosten wird. Und da es so scheint, als ob einige Aspekte bei dem Erwerb nur noch Formsache sind, ist eine vollständige Integration der „Neuen“ in die Cimpress-Familie bis Ende des ersten Quartals 2017 realistisch. Bei Betrachtung der von National Pen erwirtschafteten Jahreseinnahmen von >200 Millionen USD und einem jährlichen Wachstum im zweistelligen Bereich, scheint der Spezialist für individualisierbare Schreibgeräte und mittlerweile viele weitere Marketingartikel ein echter ‚Schnapper‘ für Cimpress zu sein – natürlich unter Berücksichtigung der Dimensionen, in denen sich Keane und Co. bewegen.

Ich hatte die Gelegenheit mich mit Robert Keane, CEO von Cimpress, zu dem Thema kurz auszutauschen – die Antworten mag ich dem geneigten beyond-print-Leser nicht vorenthalten:

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Robert Keane, CEO von Cimpress im Telefonat mit mir. Quelle: zipcon consulting

Bernd Zipper: Es sieht ja zunächst nach einer guten Entscheidung aus die National Pen Company zu erwerben, um die Cimpress-Strategie der kundenindividuellen Massenproduktion weiter zu verfolgen, aber wäre das „Kugelschreiber“-Segment nicht etwas, das Cimpress ebenso über ein Fulfillment Unternehmen einkaufen könnte?

Robert Keane: Es stimmt, dass wir die Zahl der Drittfulfillment Unternehmen, mit denen wir kooperieren, aktiv steigern, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht auch die Produkte selbst herstellen, wenn uns dies möglich ist, indem wir Betriebskanäle nutzen, in denen wir einzigartige Wettbewerbsmöglichkeiten haben. Einer der Hauptgründe, warum wir an dem Erwerb des Unternehmens National Pen interessiert sind, sind die hocheffizienten Produktionsabläufe, die auf die Produktion zahlreicher kleiner Bestellmengen spezialisiert sind, die Kunden aus Kleinunternehmen so schätzen. Nur wenige Unternehmen gelangen in die Nähe des Volumens, der Qualität, der Größe und Tiefe der Produktionspalette, der globalen Ausrichtung und Kostenwettbewerbsfähigkeit von NPC für kleine Bestellmengen von kundenindividuellen Schreibgeräten.

Bernd Zipper: NPC hat ein eher „Web 1.0” – Erscheinungsbild – der Shop ist ziemlich einfach gehalten, der Bereich mit der Custom Journey im Shop ist wahrlich nicht up-to-date. Ist die National Pen Company für eine Fusion mit Cimpress MCP bereit?

Robert Keane: Ja, wir erwarten, dass sich NPC mit unserer Plattform als Fulfillment Unternehmen in naher Zukunft verbinden wird. NPCs Auftragsbearbeitungs- und Produktions-IT-Systeme bewältigen und verarbeiten weit über eine Million Aufträge pro Jahr. Es stimmt, dass sie über ein erweiterbares e-Commerce-Business verfügen und Cimpress verfügt über die Kenntnisse und Fähigkeiten, dieses weiter zu entwickeln. Wir erachten dies als einen Bereich für zukünftige Synergien und Möglichkeiten.

Bernd Zipper: Ich habe die Menge „1” nicht gefunden – der Kunde muss stets eine Mindestmenge von 50 oder mehr bestellen. Handelt es sich hierbei wirklich um kundenindividuelle Massenproduktion?

Robert Keane: Wir erachten „die Menge 1“ nicht als Bewährungsprobe für die Massenproduktion. Die Menge 50 kundenindividueller Stifte ist relativ niedrig im Vergleich zu der traditionell angeforderten Mengen von 500 oder 1000 Stiften auf dem Markt für individuell angefertigte Stifte. Tatsächlich könnte NPC eins der wenigen Unternehmen sein, das eine solch große Menge an Schreibgeräten in solch kleinen Bestellmengen zu wettbewerbsfähigen Preisen anbietet.
Wenn wir nur eine Einheit eines beliebigen Produktes derart ökonomisch produzieren können und wenn es eine Nachfrage für so kleine Bestellmengen gibt, werden wir diese anbieten. Viele unserer Unternehmen weisen eine starke Produktionslinie auf, mit Mindestbestellmengen in Höhe von 50 oder 100 Einheiten oder mehr, wie Visitenkarten, Flyer und Broschüren.

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„Mit dem Erwerb von NPC ergänzt der weltweit größte Mass Customization Anbieter Cimpress  geschickt sein bestehendes Produktportfolio und setzt auf Marketingmaterialien in kleinen Bestellmengen – meines Erachtens nach ein gelungener Schachzug.“ – Bernd Zipper

Bernd Zipper: Die National Pen Company erscheint mir eher als „traditionelles“ Unternehmen. Wie passt dies zur Unternehmenskultur von Cimpress?

Robert Keane: Kultur und Eignung sind Dinge, die wir uns genau anschauen, wenn wir einen Erwerb anstreben. Wie viele andere Unternehmen, die mit Cimpress fusionieren, teilt NPC unsere gemeinsame Leidenschaft Unternehmen dabei zu helfen, einen positiven Eindruck zu hinterlassen und glaubt, dass kundenindividuelle  Massenproduktion einen ansehnlichen Wert für Kunden darstellt. NPC hat ebenso eine Kultur der Betriebseffizienz aufgebaut, die wir höchst schätzen.
Ich bin jedoch auch nicht mit der Einstufung einverstanden, dass NPC ein traditionelles Unternehmen ist. NPC und Cimpress haben Vieles gemeinsam: beide Unternehmen kombinieren analytisch betriebenes direktes Marketing, Kundenzentren, die hohe Volumina bewältigen und hochgradige Spezialisierung auf Möglichkeiten der Massenproduktion, um Millionen an Aufträgen kleinen Volumens individueller Produkte zu liefern und Kleinunternehmer in mehr als einem Dutzend Ländern weltweit beim Wachstum ihrer Betriebe zu unterstützen. Das hat unseren beiden Unternehmen die Führungspositionen auf ihren jeweiligen Märkten eingebracht.

Bernd Zipper: NPC ist hauptsächlich Eigentum von Lincolnshire Equity Fund – Cimpress wird Anteile im Wert von 50 Mio. für $84,22 erwerben. Wie kommt es zu diesem Angebot, zusätzlich zur Kaufsumme?

robertkeane_kleinRobert Keane: Der Rückkauf der Anteile im Wert von 50 Mio. $ zu je $84,22 ist Teil dieser Freigabe, sodass unsere Aktionäre verstehen, dass wir zusätzlich zum Erwerb auch einen erheblichen Betrag für den Rückkauf von Cimpress-Aktien eingeplant haben. Dieser Rückkauf steht jedoch in keinerlei Zusammenhang mit dem Vertrag über den Kauf von NPC. Die finanziellen Details des Erwerbs sind, dass wir erwarten 100% des Unternehmens von den bestehenden Eigentümern von NPC für etwa $218 Mio. zu erwerben, mit den individuellen Anpassungen der Nettoverbindlichkeiten und des Arbeitskapitals bei Angebotsschluss.

Bernd Zipper: Inwieweit wird dieser Erwerb bestehende Partnerschaften mit Fulfillment Unternehmen beeinflussen, die Cimpress bereits einsetzt?

Robert Keane: Cimpress ist ein wachsender und wichtiger Kunde für zahlreiche Drittfulfillment Unternehmen und wir erwarten nicht, dass sich daran durch unser Geschäftsverhältnis mit National Pen etwas ändert. Genau genommen sind wir der Auffassung, dass unser Erwerb von NPC uns dabei helfen wird, einen Mehrwert an Kunden unserer zahlreichen Unternehmen zu liefern, der sich zu weiteren Geschäftsmöglichkeiten für all unsere Geschäftspartner umwandeln wird.

My Take: Das, was Cimpress bei der Übernahme am meisten interessiert, dürfte wohl das Kerngeschäft des Produzenten von gestaltbaren Kugelschreibern und Co. sein. Die National Pen Corporation, mit Hauptsitz in San Diego in Kalifornien, wurde 1966 gegründet, besitzt große eigene Produktionskapazitäten und nutzt für die verschiedenen Marketingprodukte verschiedene Applikationsarten wie Lasergravur, Tampondruck (sehr präziser, indirekter Tiefdruck), Siebdruck und Digitaldruckverfahren. Bekannt und erfolgreich ist National Pen durch geringe mögliche Bestellmengen und vergleichsweise niedrige Preise geworden, wodurch vor allem die Bedürfnisse von kleinen Unternehmen nach erschwinglichem Marketingmaterial gedeckt werden. Vistaprint als große Cimpress-Marke hatte und hat beispielsweise mit den gestaltbaren Kugelschreibern als Marketingmaterial – laut Kundenmeinung – keinen besonderen Erfolg. Denn die Qualität der Schreibgeräte wurde sehr häufig als nicht ausreichend bemängelt, was sich durch den Zukauf in Zukunft ändern soll. Etwa 700 Mitarbeiter sind bei National Pen für die Verarbeitung der Werbeprodukte verantwortlich; erreicht werden mittels der Produktions- und Vertriebsstandorte in Kalifornien, Tennessee, Deutschland (Berlin), Frankreich (Universal Pen), Irland und Kanada (Perfect Pen and Stationery) Kunden in 29 Ländern, wozu auch die großen asiatischen Märkte von China und Japan gehören. Also wird die Übernahme eine deutliche internationale Wirkung im Mass Customization-Markt haben – Cimpress erweitert nicht nur sein Portfolio, sondern kauft damit weltweit gut positionierte Produktionsstandorte (plus zugehörige Technologiekompetenz) und zufriedene Kunden ein. Aber wie kommt National Pen an einen so großen Kundenstamm? Zum einen sind sie schon lange am Markt und haben entsprechend viel Erfahrung gesammelt, und zum anderen erreichen sie mit ihrem Direkt-Mail-Marketing und dem Telemarketing-Service eine breite und zugleich qualitative Masse, was die Transaktionswahrscheinlichkeit angeht. Immerhin werden jährlich etwa sieben Millionen Mailings versandt.