Digitale Transformation: Aller Anfang ist schwer

Digitale Transformation: Aller Anfang ist schwer

Große Player im Onlineprint-Business machen es „automatisch“ – kleine und mittlere Unternehmen sehen sich mit vielen Problemen in Bezug auf die digitale Transformation konfrontiert. Haben Sie eine angemessene Strategie?

Das Thema digitale Transformation sorgt schon seit Längerem für reichlich Verwirrung in der Druckindustrie. Zurzeit scheint es ein Boom-Thema zu sein – was zumindest die steigende Zahl an Beratungsanfragen bei uns zeigt. Dass die Anforderungen der digitalen Transformation für alle Unternehmen der Druckbranche – nicht nur für Onlinedrucker – gelten, ist nichts Neues. Grund genug für mich nochmal nachzulegen, um den ein oder anderen Entscheider aus seinem Dämmerzustand zu holen.

Und, um es einmal klar und deutlich zu sagen: Transformation bedeutet im Geschäftsumfeld ein altes, überholtes Modell durch ein neues Modell zu ersetzen. Nicht irgendwie „hinzubiegen“! Und noch was: Gewöhnen sich bitte direkt an diesen Prozess. Denn sobald Sie die Transformation eingeleitet haben, wird diese nie mehr enden – das Internet und unsere digitale Gesellschaft werden schon dafür sorgen.

Wer die Weichen für das anstehende Geschäftsjahr 2018 richtigstellen will, der sollte sich ohnehin mit der Thematik auseinandersetzen, und zwar intensiv und schnell. Denken Sie nicht, dass es mit der Anschaffung einer neuen, effizienteren Maschine getan ist. Vielmehr gilt für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie: ein passendes Mindset beim Entscheider muss her. Meine Formel hierfür lautet: „Realisieren, Verpflichten, Definieren, Mobilisieren, Verstehen und Umsetzen“ – vielleicht hilft dies dem einen oder anderen Entscheider auf die Spur.

Realisieren: Dass sich auch alteingesessene Druckbetriebe im Digitalisierungszwang befinden, ist wohl klar. Die Frage, die sich jeder Unternehmer deshalb stellen sollte ist: „Wo befinde ich mich – und wie ist mein Umfeld aufgestellt?“ Den ersten Aspekt können Sie betriebsintern erfassen; der zweite ergibt sich aus der Analyse der Branchenentwicklungen. Bei beiden gilt, wenn ich es nicht selbst kann, dann brauche ich Hilfe (dazu mehr im nächsten Punkt). Das muss nicht immer der Herr Berater sein (gut, schlecht find ich’s jetzt auch nicht) – aber auch befreundete, schon transformierte Unternehmer aus anderen Branchen können helfen. Am Anfang steht die Analyse: Wer ist erfolgreich? Und wie macht der Mitbewerber das? Vor allem einige große Player setzen (mehr oder weniger) gekonnt digitale Strategien um – es ist also nicht verwerflich, da mal genauer hinzuschauen und etwas zu lernen. Aber mit der Transformation verhält es sich genauso wie mit anderen Aufgaben auch: Copy-and-paste tut selten gut. Es gibt z. B. Druckfabriken, die in Sachen Digitalisierung weit vorne sind und daher Commodity-Print effizient abwickeln können. Für die Kunden bedeutet das günstige Preise. Das funktioniert aber nur, weil die entsprechenden Strukturen unter großem Bemühen und zum Teil schon vor langer Zeit mit Weitblick installiert wurden. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich weitere Einsteiger in den Onlinedruck nicht sinnvoll positionieren können. Der Aufwand finanzieller und persönlicher Art ist einfach zu hoch. Mein Eindruck ist, dass vor allem kleinere Drucker noch arge Probleme bei der Realisierung haben. Aber alles beginnt mit „Erkenntnis“ – also ist die Grundlage für jede Aktivität in Richtung digitale Transformation zunächst eine gescheite Analyse. Aber: Alleine geht das nicht … Daher der nächste Aspekt der Formel.

Verpflichten: Wer schon bei Punkt 1 Probleme hatte seine eigene Position zu erfassen, geschweige denn entsprechende Maßnahmen zu entwickeln, dem werden sie wohl fehlen: echte Fachkräfte die offline wie online auf dem Wissenstand der Zeit sind. Im Übergang von 2016 zu 2017 hat fast jedes fünfte Druckunternehmen über den Mangel an Fachkräften geklagt und diesen für Beeinträchtigungen in der Leitung und der Produktion und schlussendlich im Umsatz verantwortlich gemacht. Überfordern Sie sich nicht selbst – das macht langsam und ist teurer als die Akquise von IT-Fachkräften! Vor allem dann, wenn nicht aufzuholende Zeitnachteile entstehen. Ich will Ihnen hier keine Beratungsleistungen aufzwingen, sondern auf die Notwendigkeit eines intakten und fähigen multiprofessionellen Teams hinweisen. Denn die Transformation schafft der Chef nicht alleine, auch wenn manche Entscheider das von sich denken mögen. Hier muss ein Team her und ein persönlicher Beraterkreis – der auch mal andersrum denkt (z.B. mal aus Kundensicht)!

Netzwerken und Teamplay sind angesagt, wenn die Digitale Transformation gelingen soll; Quelle: zipcon consulting

Definieren: Sind alle Teammitglieder an Bord, gilt es eine gemeinsame Vision zu entwickeln, die klar umrissen und zugleich anpassungsfähig im Hinblick auf die Markterfordernisse ist. Kernig muss sie sein – und klar kommuniziert werden, so dass die gemeinsame Idee und Vision eine Kontur bekommt. Aber Vorsicht: Viele verwechseln eine Vision mit einem „Müsste-Hätte-Sollte-Appell“ an die Teammitglieder. Darum geht es nicht. Vielmehr muss ein Ziel definiert werden, wo man in 4,5 oder 10 Jahren als Unternehmen stehen möchte. Dies möglichst genau – und gerne auch ein wenig quergedacht! Dies in Kenntnis der stetigen Marktveränderungen zu definieren, bedarf auch mehr Zeit als ein gepflegter Bierabend oder ein Meeting mit alten Keksen!

Ist die Vision definiert, muss ein Masterplan, ein Umsetzungsplan, her. Wann soll was und wie passieren, wann wollen wir welchen Zwischenschritt erreichen – wer soll uns wie helfen. Das darf gerne mal aufgeschrieben werden – oder noch besser: Als Mindmap aufbereitet werden.

Mobilisieren: Wenn Vision und Masterplan stimmen, dann lassen sich die Rollen für alle Akteure innerhalb der Strategie formulieren. Gleichsam sollte jedes Mitglied des Transformations-Teams das passende Mindset entwickeln. Auch das passiert nicht über Nacht. Und man mag es kaum glauben: Hier hilft vor allem reden, reden, reden – und dies möglichst mit bereits transformierten Unternehmen, Influencern, auf Kongressen, Messen und gerne auch in digitalen Netzwerken. Vielleicht muss sich der Chef auch mal überzeugen lassen, dass etwas anders besser funktioniert – „kurze Dienstwege“ und Offenheit sind für die Mobilisierung mehr als förderlich.

Verstehen: Sind sie schon so weit gekommen, dann halten Sie sich auch gleich an die Regeln des digitalen Business. Das mit dem Umdenken und Transformieren ist keine kurzfristige Angelegenheit, sondern erfordert Zusammenarbeit im Team und ggf. mit weiteren Kräften. Feedback kostet nicht viel und lohnt sich immer. Verstehen müssen Sie auch Ihre Kunden. Denn selbst die guten Stammkunden ändern ihre Präferenzen – früher oder später. Also bitten Sie auch sie um Feedback. Damit kennen Sie die Erwartungen und können sie in Ihre Strategie einbeziehen. Lassen Sie Ihre Mitarbeiter mal die Kundenbrille aufsetzen. Passen Angebot, Service und, sofern vorhanden, Usability des Webshops?

„Warum nicht von bereits „Transformierten“ durch Zusammenarbeit anstatt durch Copy-and-paste lernen. Erstens haben davon beide was und zweitens funktioniert abgucken selten, lernen aus einer Zusammenarbeit jedoch sehr. Ich habe solche Fälle schon öfters erlebt – für viele der Ursprung des künftigen Erfolges.“ – Bernd Zipper

Umsetzen: Auch wenn es anspruchsvoller zu werden scheint, die Umsetzung ist „nur“ der verlängerte Arm der Planung. Hier ist echte Teamarbeit angesagt und aus dem Masterplan darf jetzt gerne ein Projektplan werden, denn Sie werden feststellen, dass sich viele Baustellen auftun werden, derer Sie Herr werden müssen.

Wer jetzt denkt: „Das kann ich doch auch langsam angehen – so schnell läuft das Ganze doch nun auch nicht ab“, den muss ich leider enttäuschen. Bis die eigene Strategie richtig fruchtet, vergeht auch einige Zeit. Und für alle die, die es doch „besser wissen“: Die Konkurrenz wird sich freuen – denn die schläft bekanntermaßen nicht, und macht derweil weiter! Gehen Sie die Sachen konzentriert an, und vor allem entschieden. Wer etwas langsamer verschwindet, weil er es nicht richtig anpackt, der verschwindet ja trotzdem.

My Take: Zukunftsfähige Konzepte – darauf kommt es an. Die entwickeln Unternehmer nicht mal ebenso nebenher alleine, sondern das ist echte Teamarbeit, die auf einer gemeinsamen Vision fußen muss. Dabei ist die digitale Transformation kein einfach zu umreißendes Feld – vielmehr ein komplexes Gefüge von Marktanforderungen, Mentalität und Umsetzung. Es schlägt sich auf alle Bereiche des gesamten Geschäftsprozesses nieder und stellt vor allem kleinere Player vor große Herausforderungen. Also: Bleiben Sie geistig mobil, um auf kürzere Innovationszyklen reagieren zu können – und haben Sie keine Angst davor, weitere Kompetenzen ins Team zu holen. Und ist die Digitalstrategie einmal ausgearbeitet, kann es mit der messbaren Zielerreichung etwas dauern. Dann heißt es dranbleiben; die nächste Marke für Transformationswillige kann 2020 sein. Vergewissern Sie sich regelmäßig – auch bei kritischen Branchenkennern –, dass Sie immer noch auf dem richtigen Weg sind. Finden Sie und Ihr Team heraus, dass das nicht (mehr) der Fall ist, muss der Kurs angepasst werden. Versunkene Kosten tun zwar weh – wird aber eine strategische Anpassung notwendig, dürfen Sie trotzdem nicht zögern erneut bzw. anderweitig zu investieren.

 

Ach ja: Und wenn Sie jetzt ein „General-Rezept“ zur digitalen Transformation erwartet haben – dann muss ich Sie enttäuschen. Gibt’s nicht. Auch nicht gegen Geld vom freundlichen Berater Ihres Vertrauens – so unterschiedlich die Ausrichtung der verschiedenen Unternehmen ist, so unterschiedlich die charakterliche Ausprägung und die Mentalität der Teamplayer – so unterschiedlich sind auch die verschiedenen Herangehensweisen. Leider. Aber einen Tipp kann ich abschließend geben… Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler der BRD, bringt es auf den Punkt: „Willen braucht man – und Zigaretten“ 

2017-11-21T09:50:09+00:00 21.11.2017|Entwicklung|0 Comments

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