Interview: Chili – im Gespräch mit Bram Verniest und Kevin Goeminne zu aktuellen und zukünftigen Ansprüchen der Branche an leistungsfähige Editoren

Interview: Chili – im Gespräch mit Bram Verniest und Kevin Goeminne zu aktuellen und zukünftigen Ansprüchen der Branche an leistungsfähige Editoren

Chili Publish hat aktuell mit dem Publisher 5.0 und Rendro gleich zwei heiße Eisen im Feuer, wenn es um performante Editierumgebungen oder mobiloptimiertes PDF-Rendering geht.

Was die Belgier für den Onlinedruck Markt bereithalten und welche Entwicklungen sie mit dem und für den Druckmarkt durchgemacht haben, das habe ich in einem intensiven Gespräch mit Bram Verniest (COO) und Kevin Goeminne (CEO) in Erfahrung gebracht.

Bernd Zipper: In der Vergangenheit haben manche Nutzer bemängelt, dass es mit dem Magento-Plug-In sehr kompliziert und zu teuer gewesen sei, Chili Publisher in Tools von Drittanbietern zu integrieren. Die neue Version bietet eine API. Was ändert dies für Nutzer und Integratoren?

Bram Verniest: Ich bin überrascht, das zu hören – da wir schon immer die API gehabt haben. Vom ersten Tag an ist sie völlig unverändert geblieben. Selbst unsere eigene Schnittstelle ist nichts anderes als eine Hautschicht über der API. Die API ist also geradezu das Herz des Produkts.

 

 

Kevin Goeminne: Ich denke, es herrscht eine falsche Vorstellung. Vielleicht ist sie Teil der Entwicklung, besonders im klassischen Druckerbereich, in dem Lösungen zur Datenintegration vor sechs Jahren recht komplex waren – oder die meisten zumindest davon ausgingen. Und vielleicht findet auch heute eine Entwicklung statt. Aber es ist hilfreich, viele Connectoren im Markt zu haben. In Deutschland gibt es ein Unternehmen, das sich auf Magento-Plug-Ins spezialisiert hat. Datenintegration kann innerhalb von einigen Tagen erfolgen, oder, ist sie aufwendiger, innerhalb von drei Monaten. Ich glaube, es ist eine Frage der Wahrnehmung.
Wenn man heute eine gute Lösung hervorbringen möchte, sollte man das Beste aus verschiedenen Welten zusammenbringen. Und man sollte einen großartigen Editor, ein großartiges Workflow-Management-Tool sowie eine großartige E-Commerce-Lösung auswählen, sie miteinander verknüpfen und seine ganz eigene Lösung erarbeiten. Von Beginn an bis zum heutigen Tag sehen wir das so. Die API steht also zur Verfügung, sie entwickelt sich weiter, es gibt etliche Webservices, entweder von JavaScript oder SOAP. Und nochmal – es ist die Wahrnehmung. Da wir so viele Lösungen auf dem Markt und ungefähr 350 Kunden weltweit in mehr als 30 Ländern haben. Ich bin der Meinung, es war schon immer so einfach wie heute.

Bram Verniest: Möglicherweise hat sich die Wahrnehmung der Menschen, die Produkte kaufen, geändert. Vor fünf Jahren lautete der Gedanke hinter dem Erwerb einer Web-to-Print-Lösung, „Um mein Druckergeschäft zu bewahren, muss ich mir nur eine Web-to-Print-Lösung zulegen und das war’s dann.“. Der Geschäftsablauf ist allerdings komplexer. Besteht meine Aufgabe darin, Farbe auf das Papier zu bringen oder darin, einem unterschiedlichen Publikum Informationen zur Verfügung zu stellen? Und ich denke, dass die technische Kompetenz der Kunden zugenommen hat. Sie erwarten keine Turnkey-Lösungen mehr. Das Unternehmen, das den Connector in Deutschland herstellt, heißt Enobis und es verfügt über einen sehr leistungsstarken Magento-Connector. Es gibt auf dem Markt auch andere Connectoren anderer Unternehmen wie beispielsweise Laudert oder Oxid. Es bestehen also Möglichkeiten dafür. Aber wir erleben die Gespräche mit Leuten, die Online-Bearbeitung erwägen. Die Technikverantwortlichen und die Programmierer befassen sich eher mit dem Ablauf. Und es sind oftmals diejenigen, die sich an ihre Geschäftsinhaber wenden und sagen, „Es ist an der Zeit. Diese API ist großartig, damit kann ich etwas anfangen. Wir brauchen eine Woche und alles läuft.“. Das Gespräch mit dem Geschäftsinhaber, der sich eine Lösung erhofft und nicht nur ein Produkt oder eine Plattform will, wird dadurch deutlich vereinfacht.

Kevin Goeminne: Das Feedback unserer Verkaufsabteilung ist wirklich komisch: Es fällt uns schwerer, die Marketing- als die Technikabteilungen zu überzeugen, da Chili Publisher in so vielen verschiedenen Varianten genutzt werden kann. Es kann eine Verpackungs- oder eine klassische Web-to-Print-Lösung sein, es könnte eine Markenmanagement- oder eine automatisierte Etikettenherstellungslösung sein. Die Entwickler erkennen dies viel leichter. Aus technischer Sicht sind sie während des Kaufvorgangs eigentlich unsere Partner, was uns entgegenkommt.

Bernd Zipper: Der Grund, warum ich dies erwähne, ist das Gespräch, das wir vor etwa vier Jahren geführt haben. Damals sprachen wir über den Magento-Connector und nicht über die API. Wenn ich mich richtig erinnere, war die 3D-Präsentation für Verpackung, Großformatdruck und so weiter eine Darstellung von Faktoren und dann habt Ihr intern beispielsweise JPEGs abgebildet. Für die jetzige Version 5.0 nutzt Ihr gebräuchlichere Standards wie HTML5. Hat daran etwas die Präsentation von 3D-Objekten verändert?

Bram Verniest: Ja, wenn man von Flash zu HTML5 wechselt, bedeutet das eine Umschreibung von Grund auf. Und man fängt von ganz vorn an mit hochmodernen Dingen wie WebGL. Im Grunde genommen lässt es sich mit der Strategie der verbrannten Erde vergleichen, man beginnt bei null, wodurch man einen gewaltigen Sprung nach vorne machen kann. Die Funktionalität und das Feature-Set sind unverändert, wir verwenden nur eine neue Browser-Plattform.

Kevin Goeminne: Von Anfang an unterstützen wir COLLADA-Dateien, wir bieten zwei Arten von 3D-Darstellung. Zum einen das von uns so bezeichnete Folding, mit dem Falze visualisiert werden können. Zum anderen COLLADA, das sind 3D-Objekt-Daten. Was wir jetzt hinzugefügt haben, sind Veredelungseffekte wie Glanz, Gold, Prägen etc. Und diese werden wirklich gut angenommen. Wir schlagen uns ziemlich gut, seit wir auf dem asiatischen Markt vertreten sind und wir sind stolz darauf, dass wir bereits fünf oder sechs Kunden in China haben. Das ist ein toller Erfolg, da Asien kein einfacher Markt ist. In China haben sie diese kleinen Bücher, Notizbücher, und ihnen gefällt das Gold auf dem Einband. Sie sind ganz verrückt nach Gold und Veredelungseffekten dieser Art. Diese Sache ist geeignet für die WebGL, da sie viel schneller ist. Die Technologie funktioniert systemeigen auf iPads und anderen Geräten besser. Also ja, mit HTML5 ist viel mehr möglich.

Bernd Zipper: Mit HTML5 hat man auch die Möglichkeit, die Präsentation auf Mobilgeräten ohne Einschränkungen in diese Richtung zu nutzen. Auf der drupa sprachen wir über die Möglichkeit, die Präsentation beispielsweise einer Schachtel oder eines Faltkartons oder wovon auch immer per IFrame in einen Shop zu integrieren. Auf diese Weise kann ich die Bilder, die ich in Chili erstellt habe, als Voransicht-Dateien in meinem Shop verwenden. Richtig?

Bram Verniest: Richtig. Der Editor läuft innerhalb einer Lösung immer in einem IFrame – es ist egal, ob es ein Shop oder eine Workflow-Lösung ist. Und wir wenden das Prinzip an: Sie verfahren in einem IFrame. Wir haben mit HTML5 außerdem dafür gesorgt, dass die neue Oberfläche besser reagiert. Dies bedeutet, etwas größere Buttons und eine verkleinerte Plattform. Wir bauen kleine Optimierungen ein, um die Nutzung auf Mobilgeräten zu vereinfachen. Es wird darüber diskutiert, ob die Nutzer tatsächlich Inhalte auf Mobilgeräten bearbeiten werden oder diese Möglichkeit nur gutheißen, aber natürlich ist beides möglich.

Kevin Goeminne: Zurück zu 3D, ich denke, auch darauf bezog sich Ihre Frage, wir ermöglichen die Erstellung von Voransichten. Sie können außerdem den Blickwinkel wählen, es könnte sogar eine Bildfolge sein. Wenn Sie möchten, könnte es also auch ein animiertes GIF oder etwas Ähnliches werden, das Sie für Ihren Einkaufswagen, Ihre Einverständniserklärung oder sogar für Mailing-Aktionen nutzen können.

Bernd Zipper: Das ist cool. Ich weiß nicht, ob Ihr das bereits zuvor gemacht habt, aber für mich ist es neu, dass Ihr jetzt Google-Drive-Cloud-Dienste nutzt. Dies habe ich bei der Vorbereitung festgestellt. Erwägt Ihr, weitere Cloud-Lösungen wie beispielsweise Amazon einzusetzen?

Kevin Goeminne: Das ist eher für die Zukunft geplant. In der Tat befassen wir uns auch mit Partnerschaften mit Microsoft in Bezug auf Azure und Amazon. Dies wird voraussichtlich im nächsten Jahr anstehen. Dieses Jahr steht es nicht im Vordergrund, die Skalierungsmöglichkeiten dieser Cloud-Lösungen zu unterstützen. Wir haben viele Kunden, die variable Daten nutzen. Aber wir sind keine High-End-Transaktionsdrucklösung, wir sind nicht GMC mit einer Million Batches. Wir sehen, dass dort viele dieser Kunden die Funktionalität als einschränkend empfinden. Sie können variable Daten sehr gut bearbeiten, aber aus der Gestaltungsperspektive sind raffinierte Templates nicht möglich, oder es ist sehr aufwendig, Templates zu erstellen. Ihnen gefällt die Chili-Vorgehensweise bei Templates wirklich gut. Die Kunden verlangen nach immer mehr Speicherplatz und immer kürzeren Rendering-Zeiten, dies ist einer der Gründe dafür, warum wir uns mit diesen Cloud-Skalierungslösungen beschäftigen möchten.

Bernd Zipper: Ich freue mich auf Eure Pläne und Ideen für den Cloud-Bereich. In der neuen Version von Chili Publisher unterstützt Ihr Chinesisch, ich glaube Kantonesisch, Koreanisch und Indonesisch. Wie sieht es mit Arabisch oder Hebräisch aus?

Bram Verniest: Die einzige Möglichkeit dafür, und dies unterscheidet uns von vielen anderen Online-Editoren, besteht darin, unsere eigenen Rendering-Technologien auch für typographisches Rendering anzuwenden. Wir können Dinge wie Mikrotypographie, Sperrsatz, Unterschneidung oder Zeilendurchschuss umsetzen und Funktionen anbieten, die man in Online-Anwendungen nicht unbedingt häufig findet. Wir haben die volle Kontrolle über das Font-Rendering und viel Arbeit darin investiert, auch darin, bei der Erzeugung dieser chinesischen Zeichen auf dem neuesten Stand zu sein. Wir haben koreanische Kunden sowie Kunden, die mit der kyrillischen Schrift arbeiten. Deswegen ist unsere eigene Rendering-Engine von entscheidender Bedeutung.

Kevin Goeminne: Arabisch, die kyrillische Schrift sowie Hebräisch wurden zuvor und werden auch jetzt unterstützt. Die einzige Sprache, die uns noch nicht gelingt, ist Japanisch. Letztes Jahr trafen wir die Entscheidung, in den asiatischen Markt einzusteigen. Wir eröffneten ein Büro in Singapur, wo wir auch einen Business Developer beschäftigen, da wir an diesen Markt glauben. Es ist eine riesige Chance, da man dort nicht viele professionelle Lösungen für Online-Bearbeitung findet. Es gibt dort zwar XMPIE und Xerox, die Kleinigkeiten anbieten, vielleicht noch ein paar andere Lösungen, aber nicht so eine High-End-Lösung wie unsere.
Wir sind wirklich von diesem Markt überzeugt und werden auch weiterhin Sprachen hinzufügen. Chinesisch ist uns am wichtigsten. Ein anderer Markt, mit dem wir uns beschäftigen, ist der indische. In der Tat haben wir einige Kunden in Indien. Wir möchten dort eine gute Auswahl von mindestens fünf oder sechs Sprachen unterstützen, da wir auch Indien als Schlüsselmarkt für uns definieren.

„Chili ist mit recht einer der beliebtesten Online-Editoren. So mächtig wie das Tool ist, so komplex ist es aber auch. Hier muss der Onlineprint-Anwender genau wissen, wie er Chili seinen Kunden präsentieren möchte.“ – Bernd Zipper

Bernd Zipper: Auf der letztjährigen drupa sah ich Eure neue PDF-Rendering-Engine namens Chili Rendro. Welchen Beweggrund gab es für ihre Entwicklung?

Kevin Goeminne: Bei Chili verfolgen wir die Philosophie, dass wir keine OEM-Technologie kaufen, was bedeutet, dass wir die Technologie besitzen wollen. Am liebsten möchten wir die Technologie patentieren lassen. Nicht aus Arroganz oder Ignoranz, sondern weil wir die volle Kontrolle innehaben wollen.

Bram Verniest: Die Entscheidung, OEM-Technologien durch unsere eigenen zu ersetzen, trafen wir vor zweieinhalb Jahren. Einer der Gründer begann mit der Arbeit an Produkt zwei, drei und vier. Für diesen Zeitraum war er kein Mitglied des normalen Entwicklungsteams mehr. Für ihn ging es darum, „Wie kann ich ein Bild, wie JPEG rendern, wie kann ich dies in HTML5 tun?“. Ohne zu wissen, dass das Endergebnis Chili Rendro sein würde, fingen wir damit an, diese Technologien zu entwickeln. Da wir ja auch PDF-Voransichten mit Chili erstellten, zielten unsere Bemühungen in Richtung PDF. Zuerst wollten wir diese Bibliotheken entwickeln. Doch durch Gespräche mit etwa David Zwang, dem Vorsitzenden von GWG (Ghent Workgroup) und einigen anderen Branchenexperten, die meinten, dass es eigentlich keine oder zumindest fast keine Lösung zur Anwendung auf Mobilgeräten gebe, erkannten wir die riesigen Chancen im Bereich PDF und auf dem PDF-Markt. Selbst Adobe Acrobat rendert Overprints in seiner App nicht. Ich behaupte nicht, dass Adobe dazu nicht in der Lage ist, vermutlich haben sie einen Grund dafür, warum sie diese Funktion nicht in ihre App integrieren.
Deswegen begannen wir damit, unsere Lösungen zu hinterfragen, neben High-End-Freigabesystemen gibt es eine Menge Open-Source-Technologien in PDF-Viewers. Denken Sie nur an Server-Rendering. Man schickt also das PDF an den Server und es müssen all diese Voransichten in mehreren Auflösungen erzeugt werden – wir waren der Meinung, „Das geht besser.“. Wir wussten bereits, wie man Zeichen zeichnet, wir wussten, wie man Overprints in HTML5 Canvas zeichnet – warum können wir also nicht ein PDF nativ in HTML5 Canvas interpretieren und alles zeichnen? Das war der Anfang von Rendro.

Chili präsentierte auf der drupa 2016 die neue PDF-Rendering-Engine namens Chili Rendro. Quelle: Chili Publish

Bernd Zipper: Wagen wir einen kleinen Ausblick in die Zukunft. Viele Eurer Kunden sind sehr mit Online-Druck oder markennahen Web-to-Print-Marketinglösungen vertraut. Was war der Grund dafür, die Nutzung der Anwendungen auf Mobilgeräten zu unterstützen? Denkt Ihr, dass künftig ein großer Bedarf danach bestehen wird, mit komplexen Layouts auch mobil umgehen zu können?

Bram Verniest: Das ist eine schwierige Frage und meine persönliche Meinung ist: Es gibt keinen unmittelbaren Bedarf, aber eine Nachfrage am Markt. Ob diese Nachfrage am Markt besteht oder nicht, ob jeder damit anfangen wird, auf Mobiltelefonen Dokumente zu bearbeiten – ich weiß es nicht. Es ist fast eine Modesache: Man ist keine ernstzunehmende Geschäftsperson, wenn man nicht gefragt hat, „Funktioniert es auch mobil?“. Besteht nun also ein Bedarf? Ja, die Märkte haben einen ziemlich großen Bedarf danach, diese Technologie anzubieten. Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob die Nutzer bereit dafür sind, Dokumente auch auf Mobiltelefonen zu bearbeiten.

Kevin Goeminne: Davon abgesehen, der Hauptgrund, warum wir es in Angriff genommen haben, ist der Übergang von Flash zu HTML5. In erster Linie geht es um die Technologie. Und sobald man HTML5 in vollem Umfang nutzt, kann man natürlich damit beginnen, die Nutzung auf Mobilgeräten zu optimieren. Aber wir haben immer noch unseren Computer. Und ich glaube, dass mein Computer in einigen Jahren einfach nur ein iPad Pro sein wird – eine Kombination eines Touchscreens mit einer Tastatur, so etwas in der Art wird es sein. Daher ist es für uns wichtig, die Technologie parat zu haben. Glauben wir, dass viele Nutzer auf ihren Mobiltelefonen komplexe Bearbeitung von Broschüren durchführen werden? Nein, nicht wirklich. Glauben wir, dass Nutzer auf ihren Mobiltelefonen Weihnachtskarten erstellen werden? Vielleicht. Aber stehen dort alle benötigten Bilder zur Verfügung? Außerdem sollte man nicht vergessen, dass ein Integrator gute Verknüpfungen zu all den Bildern und Daten herzustellen hat. Und es besteht ein großer Unterschied zwischen Finger und Maus, es ist unmöglich, ein Pixel mit dem Finger zu markieren.

Bernd Zipper: Ein anderes Thema ist das Wachstum des Online-Druckmarkts, dem das Schrumpfen des normalen Druckmarkts gegenübersteht. Wo seht Ihr die Wachstumsmöglichkeiten? Ist das Ziel immer noch, Chili Publisher größer zu machen und auf den weltweiten Markt zu bringen oder glaubt Ihr, dass dies das Ende einer Erfolgsgeschichte sein könnte?

Kevin Goeminne: Nein, wir haben losgelegt und werden in den nächsten Jahren Fahrt aufnehmen. Innerhalb des kommerziellen Druckmarkts sehen wir Konsolidierung, aber es gibt noch Möglichkeiten. Und dann gibt es noch den Verpackungs- und Etikettenmarkt, für beide sehen wir für die nächsten Jahre Potenzial. Es gibt Akteure in diesem Markt, aber nicht viele von ihnen sind Profis. Wir bieten High-End-Verpackungsprodukte und im mittleren Etikettenmarktsegment stecken viele Möglichkeiten. Und was ist mit den Markeninhabern? Gemeinsam mit ihnen entwickeln wir uns immer weiter. Beispielsweise möchte ein Schmuckunternehmen Broschüren produzieren lassen, die für die Kunden in den Läden ausliegen. Handelsketten wie diese könnten weltweit bis zu tausend Läden haben. Ein iPad ist nicht die einzige Lösung. Wir sehen immer noch viele Wachstumsmöglichkeiten in diesen vertikalen Märkten.

Bernd Zipper: Ein anderer großer Trend, wenn man sich auf Cimpress und andere Anbieter verlassen kann, ist Mass Customization. Drucken auf Zigarettenschachteln oder Feuerzeuge oder Stifte oder was auch immer. Dies ist eine großartige Möglichkeit für kleine Online-Anbieter, ihr Geschäft auszubauen. Doch dafür benötigt man mehr Automatisierung. Schwebt Euch etwas vor, wie Mass Customization automatisiert werden könnte? Natürlich ist es möglich, eine Excel-Liste als Template zu verwenden, doch sollte der Vorgang für Mass Customization vereinfacht werden.

Kevin Goeminne: Wir haben einige Kunden, die so etwas machen. Rajapack ist eines der größten Unternehmen für Verpackungsmittel aus Karton in Europa – es ist Kunde von Chili. Seine Angebote auf dem Markt richten sich hauptsächlich an E-Commerce-Unternehmen. Wenn Sie mit Markenzeichen versehenes Einpackpapier oder Schachteln solcher Art benötigen – Rajapack kümmert sich um solche Belange. Aus unserer Sicht muss man zuerst einen Kunden mit einer Vision finden, dann ist alles möglich. Man kann es in Schritten aufbauen, Schritt eins ist das Front-End, Schritt zwei das Back-End, Schritt drei die Visualisierung in 3D. Daher denke ich, dass es projektabhängig ist, denn wenn man eine Tür individuell gestaltet, ist das etwas völlig anderes, als das Innere einer Uhr individuell zu gestalten. Jede Produktart erfordert eine andere Art von Integration.

Bram Verniest: Und dies bietet auch ziemlich gutes Wachstumspotenzial für einen klassischen Online-Drucker. Wenn man die Leistungsfähigkeit oder die Produktionseinrichtungen zum Drucken hat, hat man eine Plattform, um alles kundenindividuell anzupassen, dann kann man den Siebdruck, die großformatigen Drucke und all das als Unterauftrag weitergeben. Und ob man selbst produziert oder dies jemand anderes übernimmt, ist egal. Aber hat man die Kundendaten, die Corporate Identity des Kunden sowie den mit dem Markenzeichen versehenen Content, kann man es umsetzen. In Deutschland findet sich ein Beispiel dafür, wo ein Unternehmen all dies nicht selbst macht, aber in Besitz der Plattform ist. Und in diesem Fall investierten die Markeninhaber in diese Angelegenheit und besitzen die Plattform. Deshalb können all die kleineren Malerfirmen eine Verbindung dazu herstellen und kaufen etliche mit ihrem Markenzeichen versehene Gegenstände, die für ihren Verkaufsort individuell gestaltet wurden. Aber ein klassischer Drucker findet hier Wachstumspotenzial.

Bernd Zipper: Anderes Thema. Ich habe mich mit einigen Chili-Nutzern unterhalten und sie gefragt, warum sie Chili nicht für all ihre Lösungen nutzen und sie meinten, „Manchmal ist es zu kompliziert.“. Das bedeutet, dass zu viele Funktionen enthalten sind und die Kunden immer mehr durcheinanderkommen. Gibt es Möglichkeiten, die Funktionsvielfalt von Chili zurückzufahren? So, dass ich beispielsweise eine kleine Anwendung in einem IFrame realisieren kann?

Bram Verniest: Im Grunde haben wir von Anfang an so verfahren. Wir beginnen mit einer Oberfläche, die über all die Tools verfügt und bezeichnen diese als die Arbeitsplatz-Admin-Oberfläche. Und wenn man einem Endbenutzer einen Arbeitsplatz oder eine Benutzeroberfläche zur Verfügung stellen will, setzt man Tools außer Betrieb. Damit besteht der Unterschied zwischen einem Admin-Arbeitsplatz mit all den Tools und einem Endbenutzer-Arbeitsplatz darin, dass der Endbenutzer-Arbeitsplatz nur einige der Tools nutzen kann.

Kevin Goeminne: Spricht man mit Bestandskunden, erfährt man, dass sie manchmal einfach etwas Zeit brauchen. Sie haben Chili gekauft, absolvieren ihre erste Schulung und führen das erste der Projekte durch, für die sie die Investition vornahmen. In diesem Augenblick machen sie sich nicht wirklich Gedanken darüber, es einfacher zu gestalten. Dies geht nicht, ohne sich etwas eingehender damit zu befassen. Und manchmal läuft es zu unseren Ungunsten, da Nutzer Chili als überladen empfinden – aber in Wirklichkeit ist es das nicht. Was ich meine: Man braucht diese erweiterten Features, auch wenn man den Funktionsumfang zurückfahren wird. Toll an Chili ist beispielsweise, dass man mit seiner Investition einen sehr einfachen Visitenkarten-Editor erzeugen kann. Man kann auch ein Tool für die individuelle Gestaltung einer Tür erstellen und sich dafür 3D-Visualisierung zunutze machen, man kann außerdem seine variablen Daten bearbeiten und man kann eine Marketingmanagement-Lösung nutzen. Das funktioniert alles mit derselben Technologie. Es geht nur um Einstellungen und Optimierungen. Wir haben zum Beispiel vor, unsere Nutzer-Community viel besser zu schulen. Letztes Jahr hatten wir lebhafte Diskussionen mit unserer Nutzergruppe. Wir werden später in diesem Jahr eine weitere Gesprächsrunde organisieren, wir möchten wirklich unsere Nutzer informieren, schulen und ihnen Beispiele vorführen.

Bram Verniest: Wichtig ist auch, die Benutzeroberfläche zu vereinfachen und zu optimieren. Dies ist nicht Aufgabe eines Programmierers, sondern von jemandem, der Templates erstellt, einem Grafiker. Nach zwei Schulungstagen kann man im Grunde sagen, „Diese Tools setze ich für einen Endbenutzer außer Betrieb“, und ein Template sehr einfach oder auch sehr komplex gestalten.

Bernd Zipper: Lasst uns in die Zukunft blicken. Was können wir in den nächsten 12 Monaten von Chili erwarten? Gibt es etwas, worüber ihr bereits sprechen könnt oder könnt Ihr uns eine Art Ausblick darauf geben, was geplant ist?

Kevin Goeminne: Es gibt Dinge, über die ich noch nicht sprechen kann. Ich meine, was kann man erwarten? Zuallererst möchten wir Chili Rendro veröffentlichen. Nageln Sie uns nicht auf ein Datum fest, da wir uns im Moment auf die Qualität und Geschwindigkeit fokussieren. Wir werden wahrscheinlich auch einige OEM-Deals rund um diese Technologie bekanntgeben. Der OEM-Appetit auf Chili Rendro ist groß.
Was Chili Publisher betrifft, haben wir die HTML5-Version auf der drupa präsentiert und jetzt veröffentlichen wir sie. Der nächste Schritt ist, die Arbeit an neuen Features fortzusetzen. Wir haben viele gute Ideen, eventuell auch rund um alternative Ausgabeformate, nicht nur PDF.

Bram Verniest: Im Kern sind wir ein Technologieunternehmen. Aber Technologie allein verkauft sich nicht, also erzeugen wir Produkte rund um die Technologie. Unser Blick in die Zukunft basiert auf zwei zentralen Herangehensweisen: weiter an bahnbrechender Technologie zu arbeiten und neue Produkte rund um diese Technologie zu vermarkten. Die Technologie hinter Chili Publisher und Chili Rendro ist sehr erfolgversprechend und wir glauben, in naher Zukunft neue Produkte und Services präsentieren zu können.

Bernd Zipper: Wenn man an den Trend der Mass Customization denkt, geht es nicht nur um klassisches Drucken. Es geht auch um das Anfertigen und Bearbeiten von 3D-Drucken.

Kevin Goeminne: Die große Schwierigkeit besteht darin, dass die Menschen in 2D und nicht in 3D denken. Und wenn sie damit beginnen, in 3D zu gestalten – das ist eine echte Herausforderung.

Bernd Zipper: Ich denke, der Weg von Verpackungen in diese Richtung ist nicht weit. Wie dem auch sei, lasst uns dies ein anderes Mal beleuchten. Ich danke Euch für dieses aufschlussreiche Gespräch und die Zeit, die Ihr Euch dafür genommen habt.

My Take: Fokussiert und trotzdem vielseitig. Mit dem, was Chili auch für zukünftige Aufgaben rund um das Editieren im Browser bereithält und noch entwickelt, wird das Unternehmen seinen Platz unter den Top-Anbietern für den Onlinedruck sicher haben. Denn Chili reagiert flexibel auf Änderungen im Markt und wächst mit dem Markt mit. Aber: Mancher Anwender des Chili Publishers ist mit der Komplexität des Tools überfordert und setzt ihn daher nicht für alle Editieraufgaben ein, obwohl das durchaus möglich wäre. Wenn hier noch Abhilfe geschaffen wird und das Potenzial des neuen Chili Rendro im Markt voll zum Tragen kommt, wird die Nachfrage nach den Angeboten der belgischen Softwareprofis sicherlich nicht geringer. Aber auch andere Anbieter haben schöne „Töchter“ – ich bin gespannt wie die Antwort des Wettbewerbs aussieht.

2017-02-24T10:44:32+00:00 23.02.2017|Technik|0 Comments

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