Interview: Nettl bietet „Online-Print to go“ – Gespräch mit Peter Gunning

Eine Nische der besonderen Art erschließt sich der britische Online-Printer Nettl: Die Kaffeebar-Nische. Ein interessanter Ansatz.

Wie finde ich meinen Markt? Diese Frage mag wohl so manchen Online-Printer umtreiben. Während die einen sich als Anbieter für B2B und B2C präsentieren und mit einem gigantischen Produktangebot glänzen, präsentieren sich andere Anbieter als Spezialisten für spezielle Produkte. In UK geht ein Ableger von printing.com einen neuen Weg: In lokalen Agenturen bietet Nettl nicht nur ein Allround-Paket – von der Website bis zur Visitenkarte – für das Marketing von kleineren Geschäftskunden an, sondern erschließt so auch neue Online-Print Kunden. Vor allem neue Kunden denen Online-Print vielleicht vorher nichts bedeutet hat – oder die sich einfach nicht getraut haben, online Print zu bestellen.

Nettl-Store in Birmingham; Quelle: zipcon consulting

Nettl-Store in Birmingham; Quelle: zipcon consulting

Aber Nettl geht noch einen Schritt weiter: Das Unternehmen kombiniert einen Open-Workspace (für Meetings von Nettl-Kunden) mit einer Kaffeebar und einer Full-Service-Agentur. Gut, neu ist das Konzept nicht – auch in Deutschland versuchen sich einige Anbieter mit einem ähnlichen Ansatz. Bemerkenswert ist jedoch die Konsequenz mit der der Kauf von Print durch die Umgebung und das freundliche Ambiente in den Hintergrund tritt. Hier, so soll der Kunde deutlich spüren, geht es nur um den Kunden und sein Marketing – dafür sorgt ein fittes Beraterteam vor Ort.

Nettl: Online-Print to go – in lockerer Umgebung; Quelle: zipcon consulting

Nettl: Online-Print to go – in lockerer Umgebung; Quelle: zipcon consulting

Als Peter Gunning, CEO der Mutterfirma Grafenia, mir das Konzept präsentierte, war ich zunächst skeptisch, ob sich ein solches Konzept wirklich gescheit realisieren lässt. Peter konnte mich aber während des anschließenden Besuchs in Birmingham überzeugen: Kaffee und „Printtogo“ funktioniert. Ich hatte die Gelegenheit zu einem Interview.

Bernd Zipper: Ein lokales Geschäft mit Online-Print und Web-Services zu kombinieren klingt ein wenig seltsam. Wie und warum haben Sie dieses Konzept entwickelt?

Peter Gunning: Wir verkaufen Webseiten über unsere printing.com-Shops seit zehn Jahren. Aber wir sehen, dass sich die Welt verändert. Heutzutage liegt der Schwerpunkt der Marketing-Ausgaben auf Webseiten. Früher war es Druck. Heute ist es Web. Als Drucker müssen Sie zuerst das Web gewinnen, dann folgt der Druck. Die Kunden denken nicht automatisch daran, Webseiten von ihrem Drucker zu kaufen. Wir würden uns das wünschen, aber sie erkennen nicht, dass Drucker auch Webseiten designen können. Deshalb haben wir das Nettl-Experiment ins Leben gerufen und jetzt haben wir über 90 Standorte allein in Großbritannien.

Bernd Zipper: Ich hatte die Gelegenheit, Ihr Geschäft in Birmingham zu besuchen und es wirkte mehr wie eine Kaffee-Lounge. Nehmen die Kunden diese Idee an?

Peter Gunning: Ja! Sie sind davon begeistert. Wir veranstalteten im letzten Monat eine kleine Party für bestehende Kunden und sie fanden es großartig. Wir beobachten, dass Leute hereinkommen, um Kaffee zu trinken und dann später wiederkommen, um über Druck oder Webdesign zu sprechen. Wir versuchen, einen Treffpunkt für Geschäftsleute zu schaffen. Hier kann man Kaffee trinken, einen Freund oder Bekannten treffen und vielleicht denken die Leute an uns, wenn sie das nächsten Mal etwas im Bereich Druck benötigen oder Hilfe beim E-Commerce brauchen.

Bernd Zipper: Ihr Angebot bezieht sich mehr auf KMU (kleine und mittlere Unternehmen) – wie betrachten Sie diesen Teil des Marktes?

Peter Gunning: Unser Geschäft hat sich immer nach KMUs orientiert. Wir haben zwar ein paar große Kunden und viele berühmte Namen kaufen bei uns, aber es sind eher die kleinen Unternehmen, auf die wir uns konzentrieren. Wir möchten der „One-Stop-Shop“ für kleine Unternehmen sein. Egal ob E-Commerce, Bestell-Apps, Schilder oder Druck – wir helfen gerne. Und sind dort zur Stelle, wo man uns leicht findet.

Zipperkopf_DasIstJaMalGut„Das Konzept von Nettl ist eine Geschäftsidee mit Zukunftspotenzial. Neben Lösungen für Marketing via Web und Print erhält der Kunde zusätzlich Beratung und vor allem die designtechnische Umsetzung.“ – Bernd Zipper

 

Bernd Zipper: Hinter Ihrer Idee steht immer das Angebot Online-Druck: Ist das eher ein geschlossenes B2B-Angebot oder wie steuern Sie die Verbindung zum Kunden?

Peter Gunning: Ein wenig von beidem. Unsere Partner können unsere Plattform nutzen, um Closed-Shops für Multi-Site-Kunden zu bauen. Sie können in wenigen Minuten eine Marken-Microsite mit Web-to-Print-Vorlagen direkt aus InDesign aufbauen. Wir helfen auch vielen dabei, an Kunden zu verkaufen, die noch keine Erfahrung mit einem öffentlichen Geschäft haben. Aber viele unserer Nettls entscheiden sich auch für eine printing.com-Partnerschaft. Das bedeutet, dass wir die Webseite verwalten und sie erhalten Online-Bestellungen von ihren bestehenden Kunden und von Neukunden in ihrem Postleitzahlenbereich. Sie nutzen das Internet, um Kundenbeziehungen effizienter zu gestalten, sind aber gleichzeitig für den Kunden direkt vor Ort, wodurch man sie kennenlernen und auch offline unterstützen kann.

Klare Aussagen – Nettl legt großen Wert auf „Printnahe-Deko“; Quelle: zipcon consulting

Klare Aussagen – Nettl legt großen Wert auf „Printnahe-Deko“; Quelle: zipcon consulting

Bernd Zipper: Wie sehen die finanziellen Perspektiven bei Nettl und das neue Konzept aus?

Peter Gunning: Viele potenzielle Partner denken wahrscheinlich, sie brauchen zusätzliches Personal, um Aufträge im Webseiten-Bereich gewinnen zu können. Wir zeigen ihnen, wie sie ihr bestehendes Team nutzen können. Ihre Designer erhalten die Skills, die sie benötigen. Die Nettl-Partnerschaft kostet viel weniger, als einen Teilzeit-Designer einzustellen. Die Mitglieder können wachsen und erst dann ihr Team erweitern, wenn sie mehr Aufträge erhalten.

Bernd Zipper: Also, wenn Sie mit kleineren, lokalen Partnern zusammenarbeiten ist Nettl letztendlich nichts anderes als ein Franchise-Modell?

Peter Gunning: Wir nennen es eigentlich nicht Franchise. Ganz bewusst nicht. Im Allgemeinen ist ein Franchise-Modell sehr restriktiv. Bei einem typischen Franchising geht es darum, dem Geschäftsmodell des Franchisegebers zu folgen und nicht davon abzuweichen. Wir sehen Nettl als Zusatz zu einem bestehenden Geschäft. Es ist mehr wie ein Software-Abonnement und eine Marken-Lizenz. Sie können die Teile, die Ihrer Meinung nach für Sie relevant sind, nehmen und verwenden. Verwenden Sie ein bisschen oder verwenden Sie viel. Es liegt ganz bei Ihnen.

Bernd Zipper: Ok. Wie würden Sie die Chancen für potenzielle Nettl-Partner beschreiben? Warum sind sie nicht nur Franchise-Partner?

Peter Gunning: Vor ein paar Jahren sah es düster für die Branche aus. Woche für Woche schlossen kleine lokal ansässige Druckereien. Vielen haben wir geholfen, ihr Geschäft so zu verändern, so dass es heute bestehen kann. Ich spreche gerne mit Leuten, die vor einem Jahr mit Nettl begonnen haben; sie erzählen mir, wie sich ihr Geschäft verändert hat. Sie sind jetzt weg von den geringen Margen für niedrigpreisige Aufträge und freuen sich über Projekte mit großen Margen, sie haben jetzt mehr eine beratende Beziehung zu ihren Kunden. Zwar haben sie noch immer viele Druckaufträge, aber eben anders als früher.

Bernd Zipper: Das Rückgrat ist die leistungsstarke Software-Architektur von printing.com  – wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Peter Gunning: Wir bauten unsere Softwareplattform w3p für das printing.com-Netzwerk, das zu Spitzenzeiten auf 300 Standorte wuchs. Sie sprechen darüber, wie viel von Online-Print in geschlossenen Netzwerken zu finden ist, und es stimmt. Wir betreiben ein geschlossenes Netzwerk über das Internet seit 2001. Unser Nettl-Netzwerk verwendet dieselbe Software, die wir ausgebaut haben, um gleichzeitig sinnvoll an zahlreichen Webprojekten zu arbeiten. Das ist alles, was ein modernes Design-Studio braucht, um mit Kunden online zu kommunizieren – Preflighting, Proofing, Asset-Store, Templates und all die Dinge für die Verwaltung von Präsentationen, Angeboten, Projekten und Entwicklungen.

Neben Kaffee gibt’s auch Beratung: Das Team in Birmingham; Quelle: zipcon consulting

Neben Kaffee gibt’s auch Beratung: Das Team in Birmingham; Quelle: zipcon consulting

Bernd Zipper: Vielen Dank. Zu guter Letzt wäre es schön, wenn Sie noch Ihre Vision von Online-Druck im Jahr 2020 mit uns teilen würden…

Peter Gunning: Wir denken, dass Druck noch immer einen Platz in der Community hat. Wenn wir auf Messen ausstellen, sagen wir „die Druckerei ist tot“, aber dann „lang lebe die Druckerei“. Heute gibt es eine Konvergenz. Schilderhersteller verkaufen Druck. Designer verkaufen Web. Drucker verkaufen Schilder. Alle grafischen Bereiche gehen ineinander über. Wir sehen Nettl als die natürliche Entwicklung davon. Wir sind entschlossen, Nettl zum größten Netzwerk von Web-Studios weltweit zu machen. Es ist bereits das größte in Großbritannien. Wir suchen internationale Partner in anderen Ländern, die unsere Vision teilen und uns dabei helfen wollen. Nutzen Sie, was wir gelernt haben und starten in Ihrem Land durch, mit unserer Hilfe.

My Take: Um nah beim Kunden zu sein, muss man sich in Zeiten der ubiquitären Verfügbarkeit von Printangeboten schon etwas Spezielles einfallen lassen. Sicherlich, das große 1×1 des E-Business bzw. E-Commerce funktioniert immer noch – in Zeiten heiß umkämpfter Märkte wird dies aber auch immer teurer? Warum dann nicht dorthin gehen wo der Kunde zu Hause ist? Warum nicht die Infrastruktur, die man sowieso für Online Print aufgebaut hat, auch lokal mit lokalen Scouts einsetzen? Nettl’s Idee ist ein guter Anfang – ich glaube auch, dass wir noch mehr solcher Geschäftsideen in Zukunft sehen werden. Aber: Nettl funktioniert nur, da das Unternehmen ein ganzheitliches Angebot für kleine und mittlere Unternehmen als Kunden anbietet. Der Kunde erhält bei Nettl nicht nur Lösungen für sein Marketing via Web und Print, sondern auch Beratung und vor allem die designtechnische Umsetzung. Das ist teuer, wenn man das Personal selbst finanziert. Daher ist die Idee ein Partnernetzwerk aufzubauen zwar auch nicht neu – aber ideal um schnell vor Ort präsent zu sein. Denn, die lokalen Nettl-Partner kennen nicht nur den lokalen Markt, sondern sind meist auch bestens vernetzt. Zurzeit sind 80 Nettl-Partner in UK aktiv. Ich bin gespannt, wann Nettl zum Sprung über den Kanal ansetzt. Gute Idee. Hat Potential.

2017-02-23T10:58:01+00:00 10.01.2017|Menschen|0 Comments

Hinterlasse einen Kommentar

Mit Abschicken meines Kommentars erkläre ich mich mit den Nutzungsbedingungen einverstanden.

Send this to friend